Wilhelm V. von Kleve

Herzog von Jülich-Kleve-Berg, Graf von der Mark und Ravensberg (1516-1592)

Olaf Richter (Krefeld)

Wilhelm V. Herzog von Kleve, Jülich und Berg ('der Reiche'), Kupferstich von Heinrich Aldegrever (1502-1555/1561), 1540, Original im Museum Zitadelle, Jülich. (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

Wil­helm V. re­gier­te von 1539 bis 1592 die Her­zog­tü­mer Jü­lich-Kle­ve-Berg und die Graf­schaf­ten Mark und Ra­vens­berg. Schon die Zeit­ge­nos­sen ga­ben ihm an­ge­sichts des zwar nicht räum­lich ge­schlos­se­nen, aber den Nord­wes­ten des Rei­ches do­mi­nie­ren­den Ter­ri­to­ri­en­ver­bun­des den Bei­na­men „der Rei­che". Mit sei­ner Re­gie­rungs­zeit sind die rich­tungs­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen der nur zwi­schen 1521 und 1609 ver­ei­nig­ten Län­der ver­bun­den, näm­lich in der Reichs-, Kon­fes­si­ons- und Dy­nas­tie­po­li­tik (Ver­hei­ra­tun­gen der Töch­ter in der sich nach 1590 stel­len­den Erb­fra­ge).

Wil­helm wur­de am 28.7.1516 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren und war der ein­zi­ge Sohn von Her­zog Jo­hann III. von Kle­ve-Mark (1511-1539), der 1521 durch da­s Er­be sei­ner Frau Ma­ria (1491-1543) auch Her­zog über Jü­lich-Berg-Ra­vens­berg und da­mit Herr­scher über die­sen Ver­bund rhei­nisch-west­fä­li­scher Ter­ri­to­ri­en ge­wor­den war („Ver­ei­nig­te Her­zog­tü­mer"). Über die Ju­gend Wil­helms ist nur we­nig be­kannt. Da­zu zählt et­wa, dass er seit 1523 Zög­ling des Ra­tes Kon­rad von Heres­bach war und durch ihn mit hu­ma­nis­ti­schem Ge­dan­ken­gut in Be­rüh­rung kam. Wil­helms Cha­rak­ter wur­de auch noch in­ ­spä­te­ren Jah­ren als lie­bens­wür­dig und gut­her­zig be­schrie­ben. Ei­ne um­fas­sen­de bio­gra­phi­sche Dar­stel­lung zu Wil­helm steht al­ler­dings noch aus.

Als Wil­helm 1539 die Re­gie­rung über­nahm, stan­den sei­ne Ter­ri­to­ri­en auf­grund der so ge­nann­ten gel­dri­schen Fra­ge im Mit­tel­punkt eu­ro­päi­scher Mäch­te­po­li­tik. Hier­bei war of­fen, wer nach dem Tod Karls von Eg­mond (30.6.1538) die Herr­schaft über das Her­zog­tum Gel­dern er­hal­ten soll­te: An­sprü­che er­ho­ben das von Kai­ser Karl V. (1500-1558) an­ge­führ­te Haus Habs­burg und Her­zog Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Berg.

 

Die zu­nächst auf­ge­nom­me­nen di­plo­ma­ti­schen Ver­hand­lun­gen wur­den von der Su­che Wil­helms nach Bünd­nis­part­nern be­glei­tet. Vor al­lem lehn­te er sich an Frank­reich an, was mit­tels der 1541 – al­ler­dings nur auf dem Pa­pier – ge­schlos­se­nen Ehe mit Jean­ne d’Al­bret (1528-1572), der Mut­ter des spä­te­ren Kö­nigs Hein­rich von Na­var­ra (1553-1610), un­ter­stützt wur­de. Da­ne­ben ver­such­te Wil­helm sich der pro­tes­tan­ti­schen Par­tei im Reich so­wie Eng­land an­zu­nä­hern, letz­te­res durch die Hei­rat sei­ner Schwes­ter An­na (1515-1557) mit Kö­nig Hein­rich VIII. (1491-1547). Dies war po­li­ti­sch je­doch ge­wagt, da Wil­helms Reich­streue in Zwei­fel ge­zo­gen wur­de. Vor al­lem aber war es bri­sant, weil man in Jü­lich-Kle­ve-Berg in die­sen Jah­ren des be­gin­nen­den kon­fes­sio­nel­len Zeit­al­ters ei­ne ei­gen­tüm­li­che Re­li­gi­ons­po­li­tik ver­folg­te. Sie er­schien be­reits den Zeit­ge­nos­sen schwer­lich als evan­ge­lisch oder ka­tho­lisch un­ter­scheid­bar. Die­se Kon­flikt­la­ge wur­de nach ei­nem kur­zen Krieg am Nie­der­rhein zwi­schen Kai­ser Karl V. und Her­zog Wil­helm mit dem Ver­trag von Ven­lo 1543 be­rei­nigt. Wil­helm muss­te fort­an auf sei­ne gel­dri­schen An­sprü­che ver­zich­ten und zu­sa­gen, in sei­nen Ter­ri­to­ri­en die Re­for­ma­ti­on nicht ein­zu­füh­ren. Vor dem Hin­ter­grund des gleich­zei­tig be­gin­nen­den Re­for­ma­ti­ons­ver­suchs im be­nach­bar­ten Kur­fürs­ten­tum Köln durch Erz­bi­schof Her­mann von Wied stell­te dies ei­ne wich­ti­ge re­li­gi­ons­po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lung für den Nord­wes­ten des Reichs dar. Schlie­ß­lich muss­te der Her­zog auch das fran­zö­si­sche Bünd­nis lö­sen. Der Papst an­nul­lier­te die Ehe mit Jean­ne d’Al­bret, und Wil­helm hei­ra­te­te 1546 Ma­ria von Habs­burg (1531-1581), die Toch­ter des spä­te­ren Kai­sers Fer­di­nand I. (1503-1564). Da­mit war die Bin­dung an das Kai­ser­haus auch dy­nas­tisch ge­fes­tigt. Der un­be­son­ne­ne Ver­such des 27-Jäh­ri­gen Fürs­ten, ein mäch­ti­ges Ter­ri­to­ri­um in­mit­ten Eu­ro­pas zu bil­den, war in­des ge­schei­tert. Auch Mög­lich­kei­ten zu ei­ner selbst­stän­di­gen Reichs­po­li­tik wa­ren Wil­helm für die Zu­kunft ver­sperrt.

Wil­helms fol­gen­de, noch fast ein hal­bes Jahr­hun­dert dau­ern­de Re­gie­rungs­zeit war des­halb im We­sent­li­chen durch den in­ne­ren Aus­bau sei­nes Her­zog­tums ge­prägt. Durch so ge­nann­te „Po­li­ce­y­ord­nun­gen" ver­stärk­te er sei­nen Ein­fluss auf das kirch­li­che und so­zia­le Le­ben. Er rich­te­te hö­he­rer Schu­len ein und mo­der­ni­sier­te das Rechts- und Ver­wal­tungs­we­sen. Au­ßen­po­li­tisch war die her­zog­li­che Re­gie­rung seit den aus­ge­hen­den 1560er Jah­ren be­müht, die Ein­wir­kun­gen des spa­nisch-nie­der­län­di­schen Krie­ges (1568-1648) ge­ring zu hal­ten. Für die­ses Ziel setz­te Wil­helm sich vor al­lem auch als Mit­glied, seit 1554 als Obers­ter de­s Nie­der­rhei­nisch-West­fä­li­schen Reichs­krei­ses ein.

Trotz der er­reich­ten, teil­wei­se auch dau­er­haf­ten Re­for­men ge­lang es zu Wil­helms Re­gie­rungs­zeit nicht, die Ver­fas­sungs- und Ver­wal­tungs­struk­tu­ren der ein­zel­nen Län­der­tei­le Jü­lich-Kle­ve-Berg-Mark-Ra­vens­berg zu ver­ein­heit­li­chen und bei den Ein­woh­nern das Be­wusst­sein her­vor­zu­ru­fen, ei­nem ge­schlos­se­nen Staats­we­sen an­zu­ge­hö­ren. Das zeig­te sich am deut­lichs­ten an der fort­be­ste­hen­den Tren­nung der land­stän­di­schen Ver­tre­tun­gen und dar­an, dass wäh­rend Wil­helms Re­gie­rungs­zeit  nicht ver­sucht wur­de, ei­ne Zen­tral­ver­wal­tung für al­le Lan­des­tei­le zu schaf­fen. Folg­lich blie­ben die Ge­bie­te nur durch die Dy­nas­tie ver­ei­nigt.

Mit sei­ner im reichs­wei­ten Ver­gleich ei­gen­stän­di­gen und zeit­wei­se aus der Rück­schau si­cher auch in­no­va­ti­ven Re­li­gi­ons­po­li­tik knüpf­te Wil­helm an die Tra­di­ti­on sei­ner Vor­gän­ger an. Be­reits seit dem 15. Jahr­hun­dert wa­ren die Her­zö­ge von Jü­lich-Berg und Kle­ve-Mark um die Ver­bes­se­rung der re­li­giö­sen Ver­hält­nis­se be­müht, woll­ten aber im sel­ben Zu­ge auch die welt­li­che Herr­schaft auf kirch­li­che Be­rei­che aus­deh­nen. Die­se spe­zi­fi­sche, bis cir­ca 1570 ver­folg­te Re­li­gi­ons­po­li­tik, bei der Wil­helm durch den Kreis sei­ner hu­ma­nis­tisch ge­bil­de­ten Rä­te, dar­un­ter Kon­rad von Heres­bach, stark be­ein­flusst wur­de, hat in der Ge­schichts­for­schung bis in die Ge­gen­wart An­lass zu Quel­le­ne­di­tio­nen und zahl­rei­chen Ein­zel­stu­di­en ge­ge­ben. Die Ein­schät­zun­gen rei­chen von ei­ner ka­tho­li­schen Re­form bis zur An­sicht, Wil­helm ha­be die Re­for­ma­ti­on ein­füh­ren wol­len. Am trag­fä­higs­ten er­wies sich die Deu­tung der Re­li­gi­ons­po­li­tik als ei­nes so ge­nann­ten „Drit­ten We­ges", wo­nach Wil­helm der dro­hen­den Kir­chen­spal­tung mit­tels ei­ner Ver­bin­dung in­ner­kirch­li­cher Re­for­men mit hu­ma­nis­ti­schen Ak­zen­ten ent­ge­gen­zu­ar­bei­ten such­te. Da­ge­gen wur­den re­li­giö­se Rich­tun­gen, wie et­wa die der Täu­fer, auf­grund ih­rer ge­sell­schafts­kri­ti­schen Ide­en strikt ver­folgt. Zur Zu­las­sung von Ju­den in den ver­ei­nig­ten Ter­ri­to­ri­en kam es un­ter Wil­helm V. nicht. Ih­re Nie­der­las­sung wur­de mit der Po­li­zey­ord­nung von 1558 ver­bo­ten.

Seit 1566 er­litt Wil­helm meh­re­re Schlag­an­fäl­le, die ihm die Re­gie­rungs­füh­rung zu­neh­mend er­schwer­ten. Da auch der ein­zi­ge über­le­ben­de Sohn Jo­hann Wil­helm ge­gen En­de der 1580er Jah­re er­krank­te und sich ab­zeich­ne­te, dass das Haus im Man­nes­stamm aus­ster­ben könn­te, gin­gen die po­li­ti­schen Ge­schäf­te mehr und mehr an die her­zog­li­chen Rä­te über. Durch hof­in­ter­ne und kon­fes­sio­nel­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen wur­de die Re­gie­rung wäh­rend der letz­ten Le­bens­jah­re Wil­helms ge­schwächt. Da­mit ent­stand ei­ne Kon­flikt­la­ge, die im We­sent­li­chen bis zum Aus­ein­an­der­bre­chen des Ter­ri­to­ri­en­ver­bun­des im Jahr 1609 an­hielt und von den Erb­in­ter­es­sen­ten zu­sätz­lich be­för­dert wur­de.

Wil­helm V. starb am 5.1.1592. Er wur­de in der Fürs­ten­gruft der Düs­sel­dor­fer Stifts­kir­che bei­ge­setzt, wo 1599 ihm zu Eh­ren das noch be­ste­hen­de, in künst­le­ri­scher Ge­stal­tung und Grö­ße ein­drucks­vol­le Grab­denk­mal er­rich­tet wur­de.

Literatur

Bers, Gün­ter, Wil­helm Her­zog von Kle­ve-Jü­lich-Berg (1516-1592), Köln 1970.
Kloos­ter­huis, Eli­sa­beth M., Eras­mus­jün­ger als po­li­ti­sche Re­for­mer. Hu­ma­nis­mu­si­de­al und Herr­schafts­pra­xis am Nie­der­rhein im 16. Jahr­hun­dert, Köln u.a. 2006.
Smo­lins­ky, He­ri­bert, Jü­lich-Kle­ve-Berg, in: Schind­ling, An­ton u.a. (Hg.), Die Ter­ri­to­ri­en des Reichs im Zeit­al­ter der Re­for­ma­ti­on und Kon­fes­sio­na­li­sie­rung, Land und Kon­fes­si­on 1500-1650, Band 3: Der Nord­wes­ten, 2. Auf­la­ge, Müns­ter i.W. 1996, S. 86-106. 

Wilhelm V. von Kleve, Kupferstich von Wilhelm Swanenburg (1581-1612), 1610. (LVR-Zentrum für Medien und Bildung)

 
Zitationshinweis

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Richter, Olaf, Wilhelm V. von Kleve, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wilhelm-v.-von-kleve/DE-2086/lido/57c93100eecee4.70442400 (23.05.2018)