Willi Graf

NS-Widerstandskämpfer (1918-1943)

Jennifer Striewski (Bonn)

Willi Graf, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Wil­li Graf war ein christ­lich mo­ti­vier­ter Wi­der­stands­kämp­fer ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Er war Mit­glied der Mün­che­ner Wi­der­stands­grup­pe „Wei­ße Ro­se" und wur­de 1943 hin­ge­rich­tet.  

Wil­li Graf wur­de am 2.1.1918 in Eus­kir­chen-Ku­chen­heim als drit­tes Kind des Kauf­manns und spä­te­ren Mol­ke­rei­be­sit­zers Ger­hard Graf (ge­bo­ren 31.7.1885) und des­sen Frau An­na Göl­den ge­bo­ren. Nach dem Um­zug der Fa­mi­lie 1922 ins Saar­land ab­sol­vier­te Graf in Saar­brü­cken die Volks­schu­le und da­s Lud­wigs­gym­na­si­um. Auf­ge­wach­sen in ei­ner streng ka­tho­li­schen Fa­mi­lie, be­such­te Wil­li Graf re­gel­mä­ßig den Got­tes­dienst und wur­de Mess­die­ner an Sankt Jo­hann in Saar­brü­cken. 1929 trat er dem ka­tho­li­schen Schü­ler­bund „Neu­deutsch­land" (ND) bei, in dem sich die Tra­di­tio­nen der Ju­gend­be­we­gung mit ka­tho­li­schen An­lie­gen ver­ban­den. Hier lern­te er auch sei­ne spä­te­ren Mit­strei­ter Ru­di Alt (ge­bo­ren 1915) und Wil­li Bol­lin­ger (1919-1975) ken­nen. 

Nach Auf­lö­sung des „Bund Neu­deutsch­land" 1934 durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten schloss sich Graf dem ver­bo­te­nen „Grau­en Or­den" an. Der „Graue Or­den" war ge­prägt durch bün­di­sche Tra­di­tio­nen und die Zie­le der lit­ur­gi­schen Be­we­gung. Im Mit­tel­punkt des Grup­pen­le­bens stan­den die geis­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Dich­tung und Kunst so­wie grö­ße­re Fahr­ten. Trotz des Drän­gens sei­ner El­tern - der Va­ter Ger­hard Graf war be­reits 1935 der NS­DAP bei ge­tre­ten -, von Leh­rern und Mit­schü­lern wei­ger­te sich Graf der Hit­ler­ju­gend (HJ) bei­zu­tre­ten;sei­ne christ­li­che Über­zeu­gung ließ sich nicht mit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur ver­ein­ba­ren. 

Nach dem Ab­itur 1937 wur­de Wil­li Graf zum Reichs­ar­beits­dienst ein­ge­zo­gen; an­schlie­ßend be­gann er in Bonn ein Me­di­zin­stu­di­um. Im Ja­nu­ar 1938 wur­de Graf we­gen sei­ner Mit­ar­beit im „Grau­en Or­den" und der wie­der­hol­ten Fahr­ten und Wan­de­run­gen in­haf­tiert. Vom 22.1. bis zum 5.2.1938 saß er zu­sam­men mit 17 wei­te­ren Mit­glie­dern des „Grau­en Or­dens" in Un­ter­su­chungs­haft, am 21.4.1938 wur­de Graf vor dem Mann­hei­mer Son­der­ge­richt we­gen „bün­di­scher Um­trie­be" an­ge­klagt. Nach der An­ne­xi­on Ös­ter­reichs am 13.3.1938 wur­de das Ver­fah­ren im Zu­ge ei­ner Ge­ne­ral­amne­sie je­doch ein­ge­stellt.

1939 über­sie­del­te Graf nach Mün­chen, um sein Stu­di­um an der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät fort­zu­setz­ten. Im Ja­nu­ar 1940 wur­de er zu ei­ner Sa­ni­täts­er­satz­ab­tei­lung ein­ge­zo­gen und zum Sa­ni­tä­ter aus­ge­bil­det. Im Sep­tem­ber 1940 wur­de er als Sa­ni­täts­un­ter­of­fi­zier an die nord­fran­zö­si­sche Ka­nal­küs­te ab­kom­man­diert, be­vor er im No­vem­ber 1940 über Flan­dern nach Bur­gund ver­setzt wur­de. Im Früh­jahr 1941 be­tei­lig­te sich sei­ne Ein­heit am Feld­zug ge­gen Ju­go­sla­wi­en und Grie­chen­land. Be­reits im Mai 1941 wur­de sei­ne Ein­heit schlie­ß­lich nach Po­len ver­legt, wo sie bis zum Über­fall auf die So­wjet­uni­on im Ju­ni 1941 sta­tio­niert war. Da­nach folg­te der Ein­marsch nach Russ­land, den Graf bis zu sei­ner Ab­kom­man­die­rung im April 1942 mit­er­leb­te. 

Die Er­fah­run­gen in Po­len und Russ­land und die ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Grau­sam­keit der deut­schen Be­sat­zer ge­gen­über der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung lie­ßen Wil­li Graf im­mer wie­der in Kon­flikt mit sei­nen in der Ju­gend ge­setz­ten Maß­stä­ben der Nächs­ten­lie­be und des Ge­wis­sens ge­ra­ten und be­stä­tig­ten ihn in sei­ner ab­leh­nen­den Hal­tung ge­gen­über dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gime. 

Im April 1942 wur­de Wil­li Graf in ei­ne Mün­che­ner Stu­den­ten­kom­pa­nie ver­setzt, wo er sein Stu­di­um fort­set­zen konn­te; kurz dar­auf nahm er wie­der Kon­takt zu sei­nen Freun­den aus dem „Grau­en Or­den" auf, die eben­falls in Mün­chen stu­dier­ten. In sei­ner Stu­den­ten­kom­pa­nie lern­te Graf im Ju­ni 1942 Hans Scholl (1918-1943) und Alex­an­der Schmo­rell (1917-1943) ken­nen und wur­de von ih­nen zu Le­se- und Dis­kus­si­ons­aben­den ein­ge­la­den.

Hans Scholl und Alex­an­der Schmo­rell hat­ten im Ju­ni 1942 da­mit be­gon­nen, Flug­blät­ter zu for­mu­lie­ren und zu ver­tei­len. Zwi­schen dem 27.6. und dem 12.7.1942 ver­fass­ten sie zu­sam­men vier Tex­te, die den Ti­tel „Flug­blät­ter der Wei­ßen Ro­se" tru­gen und in de­nen auf das Un­recht der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auf­merk­sam ge­macht wur­de; per Post schick­ten sie die­se an­onym an aus­ge­wähl­te Per­so­nen. Nach an­fäng­li­chen Zwei­feln wur­de Graf selbst ak­ti­ves Mit­glied der Wi­der­stands­be­we­gung. 

Im Ju­li 1942 wur­de Wil­li Graf zu­sam­men mit Scholl und Schmo­rell er­neut an die Ost­front nach Russ­land ab­kom­man­diert, wo die jun­gen Stu­den­ten Zeu­gen der Kriegs­g­räu­el und Ver­bre­chen der deut­schen Ein­satz­kom­man­dos wur­den. Zum Win­ter­se­mes­ter 1942/ 1943 kehr­ten Graf und sei­ne bei­den Freun­de nach Mün­chen zu­rück, wo wie­der­holt Dis­kus­si­ons­aben­de ver­an­stal­tet und neue Wi­der­stands­ak­tio­nen ge­plant wur­den. Wäh­rend der Weih­nachts­fe­ri­en in Saar­brü­cken über­nahm Wil­li Graf die Auf­ga­be, neue Hel­fer bei sei­nem al­ten Freun­des­kreis aus der Bün­di­schen Ju­gend zu ge­win­nen, um die Mün­che­ner Wi­der­stands­grup­pe „Wei­ße Ro­se" um die Ge­schwis­ter Hans und So­phie Scholl (1921-1943) zu un­ter­stüt­zen. Da­bei muss­te Graf al­ler­dings fest­stel­len, dass er bei sei­nen al­ten Freun­den nicht auf die er­hoff­te Re­so­nanz, son­dern auf Zu­rück­hal­tung stieß. Le­dig­lich Wil­li Bol­lin­ger und Ru­di Alt er­klär­ten sich be­reit, bei den ge­plan­ten Wi­der­stands­ak­tio­nen mit­zu­hel­fen.

Am 7.1.1943 kehr­te Wil­li Graf nach Mün­chen zu­rück, zwei Ta­ge spä­ter tra­fen sich Graf, Scholl und Schmo­rell mit Pro­fes­sor Kurt Hu­ber (1893-1943), um über das ge­plan­te fünf­te Flug­blatt zu dis­ku­tie­ren, in dem auf die be­vor­ste­hen­de Nie­der­la­ge der deut­schen Ar­mee auf­merk­sam ge­macht und Vor­stel­lun­gen für ein neu­es Deutsch­land dar­ge­stellt wer­den soll­ten. Ei­ne Wo­che nach Be­ginn der Ver­viel­fäl­ti­gung des fünf­ten Flug­blat­tes fuhr Wil­li Graf am 20.1.1943 nach Köln, Bonn, Saar­brü­cken und Ulm, um wei­te­re Mit­glie­der für die „Wei­ße Ro­se" zu ge­win­nen. In Bon­n ­über­gab er ein Ex­em­plar des Flug­blat­tes und ei­nen Ver­viel­fäl­ti­gungs­ap­pa­rat an Wil­li Bol­lin­ger, der 200 Ex­em­pla­re an ver­schie­de­ne Per­so­nen ver­schick­te. 

Die Ver­tei­lung der Flug­blät­ter war dies­mal gründ­lich ge­plant wor­den; wäh­rend Graf in Köln, Bonn, Saar­brü­cken und Ulm für die Ver­tei­lung sorg­te, ver­schick­ten Scholl und Schmo­rell in Mün­chen ei­ni­ge hun­dert Brie­fe. So­phie Scholl fuhr, wäh­rend sich Wil­li Graf im Rhein­land auf­hielt, nach Augs­burg, um dort eben­falls Brie­fe ein­zu­wer­fen. Auch in Stutt­gart, Salz­burg, Wien, Ber­lin und Linz an der Do­nau wur­den die Flug­blät­ter per Post ver­sandt. Au­ßer­dem be­gan­nen Hans Scholl und Alex­an­der Schmo­rell, nachts Wand­pa­ro­len ge­gen Hit­ler und die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten an Häu­ser­wän­de zu ma­len. An den dar­auf fol­gen­den nächt­li­chen Ak­tio­nen nahm auch Wil­li Graf teil. In den Ta­gen vor der letz­ten Ak­ti­on in der Nacht vom 15. auf den 16.2.1943 hat­ten die drei zu­sam­men mit Pro­fes­sor Hu­ber be­reits mit der Her­stel­lung des sechs­ten Flug­blat­tes be­gon­nen und es am 16.2.1943 ver­sand­fer­tig ge­macht. 

Da nach der ers­ten Ver­sand­ak­ti­on des sechs­ten Flug­blat­tes noch ei­ne grö­ße­re An­zahl der Schrif­ten üb­rig ge­blie­ben war, woll­te Hans Scholl die­se in der Mün­che­ner Uni­ver­si­tät ver­tei­len, wo­bei er und sei­ne Schwes­ter So­phie ver­haf­tet wur­den. Am 18.2.1943 wur­de Wil­li Graf, der ein An­ge­bot Schmo­rells zur Flucht aus­ge­schla­gen hat­te, zu­sam­men mit sei­ner an den Wi­der­stands­ak­tio­nen un­be­tei­lig­ten Schwes­ter An­ne­lie­se in Mün­chen fest­ge­nom­men. Der Pro­zess ge­gen Wil­li Graf, ge­gen die mitt­ler­wei­le eben­falls in­haf­tier­ten Alex­an­der Schmo­rell, Pro­fes­sor Kurt Hu­ber und wei­te­re elf Mit­glie­der der „Wei­ßen Ro­se" wur­de am 19.4.1943 er­öff­net. Nach ers­ten Ver­su­chen, sei­ne Be­tei­li­gung zu leug­nen, konn­te Graf bald nicht mehr ver­ber­gen, dass er als Haupt­be­tei­lig­ter dem engs­ten Kreis der „Wei­ßen Ro­se" an­ge­hört hat­te. 

Be­reits am 22.2.1943 wa­ren So­phie und Hans Scholl we­gen lan­des­ver­rä­te­ri­scher Feind­be­güns­ti­gung, Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat vom Volks­ge­richts­hof un­ter dem Vor­sitz Ro­land Freis­lers (1893-1945) zum To­de ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet wor­den. 

Auch bei Graf lau­te­ten die An­kla­ge­punk­te auf Vor­be­rei­tung zum Hoch­ver­rat, Wehr­kraft­zer­set­zung und Feind­be­güns­ti­gung. Au­ßer­dem wur­de ihm noch die Teil­nah­me an Be­spre­chun­gen über die Flug­blat­t­her­stel­lung, die Bei­hil­fe beim Ab­zie­hen der Flug­blät­ter, die Be­schaf­fung von Brief­um­schlä­gen, die Mit­hil­fe bei der Ver­sen­dung der Brie­fe so­wie de­ren Fi­nan­zie­rung, die Be­tei­li­gung an zwei „Schmier­ak­tio­nen" und die Wer­bung wei­te­rer Ge­sin­nungs­freun­de vor­ge­wor­fen. Schlie­ß­lich wur­de Graf durch Ro­land Freis­ler zum To­de ver­ur­teilt. Die Voll­stre­ckung des Ur­teils wur­de je­doch ein hal­bes Jahr aus­ge­setzt, da sich die Ge­sta­po aus den Ver­hö­ren Wil­li Grafs wei­te­re Na­men von Op­po­si­tio­nel­len er­hoff­te. Graf war je­doch äu­ßerst ver­schwie­gen und ret­te­te so vie­len Mit­strei­tern das Le­ben. 

Wil­li Graf wur­de am 12.10.1943 im Ge­fäng­nis Sta­del­heim im Al­ter von 25 Jah­ren mit dem Fall­beil ent­haup­tet und in Mün­chen auf dem Fried­hof am Per­la­cher Forst be­stat­tet. 1946 wur­den die Ge­bei­ne ex­hu­miert und auf dem Al­ten Fried­hof Sankt Jo­hann in Saar­brü­cken bei­ge­setzt. 

Literatur

Bla­ha, Tat­ja­na, Wil­li Graf und die Wei­ße Ro­se, Mün­chen 2003.

Go­er­gen, Pe­ter, „Wil­li Graf – Ein Weg in den Wi­der­stand", St. Ing­bert 2009.

Ki­ße­ner, Mi­cha­el (Hg.), „Wei­ter­tra­gen". Stu­di­en zur „Wei­ßen Ro­se", Kon­stanz 2001.

Kno­op-Graf, An­ne­lie­se, Eckert, Hans (Hg.), Ge­denk­schrift zum 50. Jah­res­tag der Hin­rich­tung des Saar­brü­cker Wi­der­stands­kämp­fers Wil­li Graf, Saar­brü­cken 1993.

Kno­op-Graf, An­ne­lie­se /In­ge Jens (Hg.), Wil­li Graf. Brie­fe und Auf­zeich­nun­gen, Frank­furt am Main 1994.

Le­ber, An­ne­do­re, Das Ge­wis­sen steht auf. 64 Le­bens­bil­der aus dem deut­schen Wi­der­stand 1933-1945, Ber­lin 1954.

Stef­fahn, Ha­rald, Die Wei­ße Ro­se, Ham­burg 2007.

Zan­kel, Sön­ke, Mit Flug­blät­tern ge­gen Hit­ler. Der Wi­der­stands­kreis um Hans Scholl und Alex­an­der Schmo­rell, Köln 2008.

Online

Con­rad, Joa­chim, Wil­li Graf (Saar­län­di­sche Bio­gra­fi­en).

Schulz, Kirs­ten, Wil­li Graf (In­for­ma­ti­on der Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung).

 
Zitationshinweis

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Striewski, Jennifer, Willi Graf, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/willi-graf/DE-2086/lido/57c6d5a3d53658.65913355 (21.07.2018)