Willy Schmitter

Radrennfahrer (1884-1905)

Renate Franz (Köln)

Willy Schmitter hinter seinem Schrittmacher Charles Peguy.

Der Rad­renn­fah­rer Wil­ly Schmit­ter aus Mül­heim am Rhein (heu­te Köln-Mül­heim) war der In­be­griff des fröh­li­chen und un­be­schwer­ten „köl­schen Jun­g“. Um­so tra­gi­scher war es, dass der jun­ge Mann, der of­fen­bar über gro­ßes Cha­ris­ma ver­füg­te, erst durch sei­nen frü­hen Tod im Al­ter von 21 Jah­ren zu wah­rer Be­rühmt­heit ge­lang­te und sich die Dar­stel­lun­gen sei­nes kur­zen Le­bens letzt­lich vor al­lem mit sei­nem Tod be­schäf­ti­gen.

Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­dert galt der am 8.2.1884 als Sohn des Bä­cker­meis­ters Wil­helm Ro­bert Schmit­ter Ge­bo­re­ne als das gro­ße deut­sche Ta­lent auf der Rad­renn­bahn und auf­stei­gen­der Stern ne­ben dem da­ma­li­gen Ste­her-Star Thad­dä­us Robl (1877-1910) aus Mün­chen. Nach der Schu­le er­lern­te Schmit­ter zu­nächst den Be­ruf des Dro­gis­ten, war aber schon für den Rad­sport be­geis­tert und trai­nier­te flei­ßig. Im Mai 1902 ge­wann der eher zier­li­che Fah­rer in Köln als „Flie­ger“, wie da­mals die Sprin­ter ge­nannt wur­den, den „Rhein­gold-Po­kal“ für Ama­teu­re vor dem dä­ni­schen Star Or­la Nord (ge­bo­ren 1875) . We­ni­ge Wo­chen spä­ter wur­de er Zwei­ter der Köl­ner Meis­ter­schaft hin­ter sei­nem Freund Pe­ter Gün­ther, der zwar sein Ri­va­le, aber auch sein Tand­em­part­ner war.

 

1903 trat Schmit­ter in das Pro­fi­la­ger über und wur­de Ste­her, ge­gen den an­fäng­li­chen Wi­der­stand sei­nes Va­ters. Die Rad­ren­nen hin­ter don­nern­den Mo­to­ren wa­ren seit der Jahr­hun­dert­wen­de der po­pu­lärs­te und wohl auch lu­kra­tivs­te Zu­schau­er­sport in Deutsch­land. Zehn­tau­sen­de ka­men auf die Rad­renn­bah­nen, um die in un­ge­wohnt ho­her Schnel­lig­keit aus­ge­tra­ge­nen Ren­nen mit­zu­er­le­ben, aber auch des Kit­zels we­gen, da es oft zu ge­fähr­li­chen, ja töd­li­chen Stür­zen kam.

Im ers­ten Jahr sei­ner Pro­fi­kar­rie­re kam der 19-jäh­ri­ge Schmit­ter auf ein Preis­geld von 1.650 Reichs­mark, im Jahr dar­auf wa­ren es be­reits 8.935 Reichs­mark (zum Ver­gleich: um 1900 ver­dien­te ein Ar­bei­ter jähr­lich rund 800 Mark). In der Wer­tungs­sta­tis­tik für „Gro­ße Prei­se“ lag er 1903 mit zwölf ge­won­nen Ren­nen auf Platz vier und schon 1905 führ­te er die Wer­tung an – ei­ne Ent­wick­lung al­so, die zu Recht zu den schöns­ten Hoff­nun­gen An­lass gab, zu­mal Schmit­ter auch schon Welt­klas­se-Fah­rer wie Robl, den US-Ame­ri­ka­ner Ro­bert Walt­hour (1878-1949), den Nie­der­län­der Piet Di­ckent­man (1879-1950) so­wie sei­nen Freund, Tand­em­part­ner und spä­te­ren Welt­meis­ter aus Köln, Pe­ter Gün­ther, be­sieg­te hat­te. Um er­folg­reich zu sein, hat­te Schmit­ter den fran­zö­si­schen Schritt­ma­cher Charles Pe­guy (ge­stor­ben 1907) ver­pflich­tet und sich von ihm auch zwei Füh­rungs­mo­tor­rä­der bau­en las­sen.

Silberner Becher von Köln am 16.10.1904, Willy Schmitter (links) und Thaddäus Robl (rechts).

 

Das „Sport-Al­bum der Rad-Welt“ schrieb: „Nicht al­lein sein emi­nen­tes Kön­nen, son­dern vor al­lem sei­ne gu­ten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten ha­ben ihm zahl­rei­che Freun­de ver­schafft und ihn zum er­klär­ten Lieb­ling sei­nes en­ge­ren Va­ter­lan­des ge­macht. Ein ‚Sch­mit­ter-Sieg‘ in Köln glich ei­nem gros­sen Er­eig­nis und die Be­geis­te­rung der Köl­ner fand kei­ne Gren­zen. Aber es war auch für Fern­ste­hen­de ei­ne Freu­de, den jun­gen Fah­rer mit Rie­sen­schrit­ten der Ex­tra­klas­se zu­steu­ern zu se­hen.“ In den Mo­na­ten vor sei­nem Tod ent­schied er vor hei­mi­schem Pu­bli­kum auf der Rad­renn­bahn in Köln-Riehl (die Bahn be­fand sich seit 1889 auf ei­nem Are­al, das heu­te zum Köl­ner Zoo ge­hört) sechs in­ter­na­tio­nal be­setz­te Ren­nen für sich. Wie lei­den­schaft­lich es da­bei zu­ging, zeigt ein Vor­fall aus dem Mai: Da es nie­sel­te, und dies be­son­ders für die Mo­tor­rad-Schritt­ma­cher auf der of­fe­nen Bahn zu ge­fähr­lich war, be­schloss die Renn­lei­tung, die Ren­nen oh­ne Mo­to­ren zu be­strei­ten. Dar­auf­hin ent­spann sich un­ter den Zu­schau­ern ein Tu­mult: „Die Preis­rich­ter­tri­bü­ne wur­de er­stürmt, fort­wäh­rend mit der Glo­cke ge­läu­tet, […] Bier­glä­ser zer­trüm­mer­t“. Erst nach ei­ner Stun­de konn­ten die Ge­mü­ter mit­hil­fe der Po­li­zei be­ru­higt wer­den. Tags dar­auf wur­de um das „Gol­de­ne Rad von Köln“ ge­fah­ren, und als Schmit­ter ge­wann, muss­te er zwei Eh­ren­run­den fah­ren, be­glei­tet von ste­ten Hoch­ru­fen, und wur­de schlie­ß­lich von Freun­den auf dem Rad sit­zend in die Ka­bi­ne ge­tra­gen, „die fast vom be­geis­ter­ten Pu­bli­kum ge­stürm­t“ (Köl­ner Stadt-An­zei­ger vom 9.5.1905) wur­de.

Willy Schmitter nach seinem Sieg beim Goldenen Rad vom Rhein mit seinem Schrittmacher Charles Peguy, 7.5.1905.

 

Im Ju­li 1904 be­leg­te Schmit­ter den vier­ten Platz bei der Ste­her-Welt­meis­ter­schaft der Pro­fis in Ant­wer­pen, wenn auch nach 100 Ki­lo­me­tern mit 14 Run­den Rück­stand auf den Sie­ger. Welt­meis­ter wur­de der US-Ame­ri­ka­ner Ro­bert Walt­hour, ge­gen den Schmit­ter al­ler­dings nur zwei Wo­chen spä­ter in Köln beim „Preis um die gol­de­ne Ecke“ ge­wann und mit dem er sich zahl­rei­che wei­te­re Du­el­le lie­fer­te und in der Fol­ge auch häu­fi­ger ge­wann.

Goldpokal vom Rhein, von links nach rechts: Willy Schmitter, Piet Dickentman (1879-1950), Robert Walthour (1848-1949).

 

Sei­ne Freund­schaft mit dem zwei­ten Köl­ner Lo­kal­ma­ta­do­ren Gün­ther war in­zwi­schen ei­ner er­bit­ter­ten Ri­va­li­tät ge­wi­chen; die je­wei­li­gen An­hän­ger nann­ten sich „Schmit­ter-„ und „Gün­ther-Par­tei“. Die­se Feh­de hat­te sich auch auf die Schritt­ma­cher über­tra­gen und ent­lud sich be­son­ders bei Ren­nen in Köln. So ka­men am 9.7.1904 beim „Gro­ßen Preis vom Rhein“ bei­de Fah­rer und ih­re Schritt­ma­cher zu Fall, weil sie ver­sucht hat­ten, sich ge­gen­sei­tig ab­zu­drän­gen, al­le Be­tei­lig­ten blie­ben aber un­ver­letzt. Die grö­ße­re „Schmit­ter-Par­tei“ gab an­schlie­ßend dem Schritt­ma­cher von Gün­ther, Hein­rich Ot­to, die Schuld, was Pe­ter Gün­ther in Köln ei­ne zeit­lang Sym­pa­thi­en kos­te­te.

Die Er­fol­ge Schmit­ters führ­ten da­zu, dass er im Sep­tem­ber 1905 zu dem Ren­nen um die „Meis­ter­schaft von Eu­ro­pa“ in Leip­zig ein­ge­la­den wur­de, wo er laut dem Ber­li­ner Rad­sport­jour­na­lis­ten Fre­dy Bud­zin­ski (1897-1970) „fröh­lich und selbst­be­wu­ßt“ er­schien. 30.000 Zu­schau­er wa­ren vor Ort und er­leb­ten ent­setzt sei­nen fa­ta­len Un­fall in der 66. Run­de des Ren­nens. Die­ser Sturz in Leip­zig ge­hör­te zu den da­mals klas­si­schen Fäl­len: Die Fahr­rad­rei­fen zu An­fang des 20. Jahr­hun­derts wa­ren für die Ge­schwin­dig­kei­ten von bis zu 100 Ki­lo­me­tern pro Stun­de bei Ste­her­ren­nen un­ge­eig­net und platz­ten des­halb häu­fig. Der Ste­her stürz­te und wur­de oft­mals von fol­gen­den Schritt­ma­cher-Mo­tor­rä­dern über­rollt.

So ge­schah es auch Wil­ly Schmit­ter; er er­litt ei­nen Schä­del­bruch – eben­falls die häu­figs­te Form der Ver­let­zung bei Ste­hern – und starb in der fol­gen­den Nacht im Kran­ken­haus. Der töd­li­che Un­fall rief, so der „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“, „in der gan­zen Stadt all­ge­mei­ne Teil­nah­me“ her­vor. Die Fach­zeit­schrift „Rad-Welt“ ver­mel­de­te gar, das in Köln „zahl­rei­che Ge­schäf­te das Bild­nis Schmit­ters, mit Trau­er­flor und Blatt­pflan­zen ge­schmückt, aus­ge­stell­t“ hät­ten und dass die­se Schau­fens­ter „um­la­ger­t“ sei­en, und sie selbst muss­te we­gen der gro­ßen Nach­fra­ge Ex­em­pla­re ih­rer Aus­ga­be mit dem Nach­ruf auf Schmit­ter nach­dru­cken las­sen. Zur Be­er­di­gung ström­ten per Schiff, Ei­sen- und Stra­ßen­bahn Tau­sen­de Men­schen - ei­ne „Völ­ker­wan­de­run­g“ (Rad-Welt) - nach Mül­heim, um Wil­ly Schmit­ter das letz­te Ge­leit zu ge­ben. Die drei Ki­lo­me­ter lan­ge Stre­cke von der Wind­müh­len­stra­ße zum Mül­hei­mer Fried­hof war von rund 50. 000 stil­len und an­däch­ti­gen Men­schen ge­säumt, und die Mül­hei­mer Po­li­zei muss­te Ver­stär­kung aus Köln an­for­dern, um das le­bens­ge­fähr­li­che Ge­drän­ge zu ord­nen: „Die Trau­er des Pu­bli­kums um ei­nen sei­ner Günst­lin­ge kam bei Schmit­ters Be­er­di­gung zu gro­ßar­ti­gem Aus­druck“ (Köl­ner Stadt-An­zei­ger vom 22.9.1905). Dem Sarg selbst, der un­ter rie­si­gen Ge­bin­den und Krän­zen – 200 wa­ren es ins­ge­samt – kaum zu se­hen war, folg­ten au­ßer Fa­mi­lie und Freun­den zahl­rei­che De­le­ga­tio­nen von ver­schie­de­nen Rad­sport­ver­ei­nen. Trotz des gro­ßen An­drangs ver­lief die Be­er­di­gung Schmit­ters, „dem vor Kur­zem noch Tau­sen­de zu­ge­ju­belt ha­ben und des­sen Gruft heu­te eben­falls Tau­sen­de um­drän­gen“, wür­de­voll: „Als dann der grei­se Va­ter tief­ge­beugt sei­nem Lieb­ling die letz­te Eh­re er­wies und der Ver­tre­ter des Sport­plat­zes Leip­zig so­wie Herr Ste­vens-Köln im Na­men des Deut­schen Renn­fah­rer­ver­ban­des von dem un­ver­ge­ß­li­chen Ka­me­ra­den mit trä­nen­er­stick­ter Stim­me Ab­schied nah­men und den letz­ten Lor­beer ins Grab war­fen, blieb kein Au­ge tro­cken“ (Köl­ner Stadt-An­zei­ger vom 22.9.1905). Selbst in den Ta­gen nach der Be­er­di­gung hielt der An­drang auf dem Fried­hof an.

Fre­dy Bud­zin­ski ver­ewig­te das kur­ze Le­ben von Wil­ly Schmit­ter, „den die Rhein­län­der […] lieb­ten und ver­göt­ter­ten“, in ei­nem Bänd­chen, in dem er in gru­se­li­ger Wei­se den Un­fall in Leip­zig be­schrieb: „Doch noch Ei­ner […] fuhr auf der Bahn. […] Sei­ne Far­be war das Schwarz des Bahr­tuchs. […] Da löst sich ei­ne kno­chi­ge Hand aus dem wal­len­den Man­tel, streckt sich lang aus und fa­ßt den mu­ti­gen Schmit­ter ins Ge­nick. Ein Zi­schen, Knal­len, Pfei­fen, Bre­chen … und ein mensch­li­cher Leib schleift über die Flä­che. […] Da grü­ßt ein hoff­nungs­vol­ler Jüng­ling den Tod.“ Bud­zin­ski wid­me­te Schmit­ter auch ein Ge­dicht und den kur­zen Vers:

Was noch am Mor­gen strah­lend glänz­te,

Sinkt in den Staub beim Abend­rot;

Kein Mensch kann dem Ge­schick ent­ei­len,

Der schnells­te Ren­ner ist der Tod!

Start zur Europameisterschaft in Leipzig am 17.9.1905. Bei diesem Rennen verunglückte Schmitter und erlag seinen schweren Verletzungen. Von links nach rechts: Willy Schmitter, Thaddäus Robl (1877-1910), Paul Guignard (1876-1965), Louis Darragon (1883-1918), Henri Contenet (geboren 1875).

 

Die­sem Ge­schick konn­te auch Schmit­ters Schritt­ma­cher Pe­guy nicht ent­ei­len: Im Ju­ni 1907 ver­un­glück­te er töd­lich auf der Rad­renn­bahn in Span­dau (heu­te Ber­lin-Span­dau), als er den Fran­zo­sen Paul Gu­i­gnard (1876-1965) führ­te. Gu­i­gnard hat­te 1905 das Ren­nen, bei dem Schmit­ter ver­un­glückt war, als Eu­ro­pa­meis­ter be­en­det. Schmit­ters Köl­ner Ri­va­le und Freund Pe­ter Gün­ther starb 1918 auf der Rad­renn­bahn in Düs­sel­dorf den „Ste­her­to­d“.

Trauerzug für Willy Schmitter in Mülheim am 21.9.1905.

 

Als En­de No­vem­ber 1919 auf dem Köl­ner Süd­fried­hof ein Denk­mal für Pe­ter Gün­ther ent­hüllt wur­de, fand am glei­chen Ta­ge zur Er­in­ne­rung an bei­de Sport­ler ein Re­qui­em in St. Apos­teln statt, und an Schmit­ters Grab wur­den eben­falls Krän­ze nie­der­ge­legt. 1930 wur­de der Rad­sport­ver­ein „RC Schmit­ter“ in Köln ge­grün­det, der heu­te in Hürth be­hei­ma­tet ist.

Literatur

Bud­zin­ski, Fre­dy, Wil­ly Schmit­ter. Bio­gra­phi­en be­rühm­ter Renn­fah­rer, Band 11, Ber­lin 1906.  

Sport-Al­bum der Rad-Welt. Ein rad­sport­li­ches Jahr­buch, 2. u. 4. Jahr­gang, Ber­lin 1904, 1906.

Postkarte anlässlich des Todes von Willy Schmitter, 1905.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Franz, Renate, Willy Schmitter, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/willy-schmitter/DE-2086/lido/57c9483c4f9eb7.31414460 (26.04.2018)