Rheinischer Städteatlas, hg. vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Gesamtredaktion Margret Wensky, Kartographie Esther Weiss, XVIII. Lieferung, Köln/Weimar/Wien, Böhlau Verlag 2010

Margret Wensky (Bonn)

Nr. 93, Lin­nich, be­arb. von Wolf­gang Löhr, 24 S. Text, 6 Ta­feln mit 3 s/w u. 6 far­bi­gen Abb., ISBN 978-3-412-20590-4, 27,50 Eu­ro

Nr. 94, Neuss, be­arb. von Klaus Mül­ler, 48 S. Text, 14 Ta­feln mit 5 s/w u. 13 far­bi­gen Abb., ISBN 978-3-412-20589-8, 32,50 Eu­ro

Nr. 95, Titz, be­arb. von El­fi Pracht-Jörns, 15 S. Text, 6 Ta­feln mit 7 s/w u. 6 fa­brfi­gen Abb., ISBN 978-3-412-2652-9, 24,50 Eu­ro

Die XVIII. Lie­fe­rung des Rhei­ni­schen Städ­teat­las­ses ent­hält mit Neuss ei­ne der wich­tigs­ten rhei­ni­schen Städ­te, mit Lin­nich ei­ne im Spät­mit­tel­al­ter ent­stan­de­ne klei­ne Land­stadt, die spä­tes­tens 1530 an das Her­zog­tum Jü­lich kam, zu dem auch Titz ge­hör­te – ein wohl um 1600 zur Frei­heit er­ho­be­ner Ort, der kei­ne städ­ti­sche Ent­wick­lung er­fuhr.

Lin­nichs An­fän­ge ge­hen min­des­tens in das 9. Jahr­hun­dert zu­rück. 888 ge­hör­te es zu den 43 vil­lae, de­ren Neun­ten Kai­ser Lo­thar I. de­m Aa­che­ner Ma­ri­en­stift schenk­te. 893 be­saß die Ab­tei Prüm den Kö­nigs­hof in Lin­nich, der Mit­tel­punkt ei­nes Fron­hofs­ver­ban­des war. 1368 ver­kauf­te Prüm Fron­hof (er lag wohl nord­west­lich der heu­ti­gen Kir­che) und Ge­richt in Lin­nich an Ar­nold von Rand­erath, der Lin­nich zu ei­ner be­schei­de­nen Stadt aus­bau­te (um 1370 erst­mals be­zeugt). Spä­tes­tens 1530 kam Lin­nich an das Her­zog­tum Jü­lich-Berg und war Sitz des Am­tes Bos­lar-Lin­nich.

Im 9. Jahr­hun­dert könn­te in Lin­nich schon ei­ne Kir­che be­stan­den ha­ben, ge­si­chert ist ih­re Exis­tenz erst für das 12./13. Jahr­hun­dert. Die klei­ne Stadt war En­de des 14. Jahr­hun­derts mit Wall und Gra­ben um­ge­ben, ei­ne Mau­er­be­fes­ti­gung er­folg­te erst in der 1. Hälf­te des 15. Jahr­hun­derts. Der Nord­teil der Stadt wur­de beim Her­an­na­hen der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen 1794 in Brand ge­schos­sen, wo­bei Rat­haus, re­for­mier­te Kir­che und das Mi­no­ri­ten­klos­ter mit­samt sei­ner Kir­che zer­stört wur­den. Mit Aus­nah­me von Klos­ter und Klos­ter­kir­che wur­den die Ge­bäu­de an al­ter Stel­le wie­der er­rich­tet. Auch beim Wie­der­auf­bau nach den Zer­stö­run­gen des Zwei­ten Welt­kriegs ori­en­tier­te man sich an der his­to­risch ge­wach­se­nen Struk­tur des Stadt­kerns.

Für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung im Mit­tel­al­ter spiel­te Lin­nichs La­ge an der Han­dels­stra­ße vom Rhein­land nach Bra­bant ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Lin­ni­cher Kauf­leu­te be­tei­li­gen sich am Wa­ren­aus­tausch nach dort und ge­nos­sen die ih­nen 1448 ver­lie­he­ne Zoll­frei­heit in Ant­wer­pen. Auch für das Gast­ge­wer­be war die An­bin­dung an das mit­tel­eu­ro­päi­sche Ver­kehrs­netz, das un­ter an­de­rem die Aa­chen­pil­ger nutz­ten und hier Sta­ti­on mach­ten, wich­tig. Der Mit­te 15. Jahr­hun­dert nach­ge­wie­se­ne Markt dien­te vor­nehm­lich dem Wa­ren­aus­tausch mit dem bäu­er­li­chen Hin­ter­land. In der Frü­hen Neu­zeit ge­wan­nen die Lin­ni­cher Vieh­märk­te, ins­be­son­de­re mit Pfer­den, ei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung; bis in das letz­te Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts be­ste­hend, präg­ten sie Lin­nich als agra­ri­sches Zen­trum und be­deu­tends­ten Markt­ort im Nor­den des Aa­che­ner Re­gie­rungs­be­zirks. Die 1857 ge­grün­de­te Werk­stät­te für Glas­ma­le­rei Dr. H. Oidtmann wur­de weit über die Gren­zen des Rhein­lands hin­aus be­kannt. Die Er­rich­tung ei­nes ka­tho­li­schen Leh­rer­se­mi­nars 1876, seit 1905 mit Präpe­ran­den­an­stalt und bis 1925 be­ste­hend, mach­te Lin­nich zur über­re­gio­na­len Schul­stadt. Das 1952 in Lin­nich an­ge­sie­del­te Po­li­zei­aus­bil­dungs­in­sti­tut („Po­li­zei­schu­le“) knüpf­te ein we­nig an die­se Tra­di­ti­on an (Schlie­ßung 2007). Die spä­te An­bin­dung (1911) an das Ei­sen­bahn­netz ver­hin­der­te wohl die In­dus­tria­li­sie­rung der Stadt vor dem 20. Jahr­hun­dert. Der Durch­bruch zum In­dus­trie­stand­ort ge­lang erst 1958, wäh­rend die Land­wirt­schaft zu­neh­mend an Be­deu­tung ver­lor, wo­bei je­doch die Zahl der Hö­fe nach der Kom­mu­na­len Neu­ord­nung von 1969/1972 wie­der an­stieg. Heu­te wer­den über 80 Pro­zent der Ge­samt­flä­che der Stadt land­wirt­schaft­lich ge­nutzt.

Neuss war bis zum 16. Jahr­hun­dert ei­ne der be­deu­tends­ten nie­der­rhei­ni­schen Städ­te. Die Be­sied­lung des his­to­ri­schen Stadt­kerns er­folg­te auf dem Bo­den der um 25 n. Chr. ent­stan­de­nen Zi­vil­sied­lung (vi­cus) des rö­mi­schen Mi­li­tär­la­gers. Sied­lungs­kon­ti­nui­tät zwi­schen An­ti­ke und Früh­mit­tel­al­ter ist nicht nach­weis­bar, aber an­zu­neh­men, wo­für nicht zu­letzt der seit Ta­ci­tus (um 55 – nach 115) durch­ge­hend be­leg­te Na­me No­va­e­si­um spricht. Nach den Wi­kin­ger­ein­fäl­len wur­de der Ort als Han­dels­platz aus­ge­baut, der spä­tes­tens seit der 2. Hälf­te des 9. Jahr­hun­derts be­fes­tigt war. Seit et­wa 1200 ent­stand ein neu­er, die Stadt­flä­che ver­grö­ßern­den Mau­er­ring.

In Neuss war ne­ben Reichs­be­sitz und Adels­gut schon früh der Köl­ner Erz­bi­schof be­gü­tert; er be­saß auch die Ge­richts- und die Lan­des­herr­schaft. Stadt im vol­len Wort­sin­ne war Neuss von et­wa 1200 an. Sie war Ober­hof für die meis­ten Städ­te des Köl­ni­schen Nie­der­stifts. Die Pfar­rei wird um 800 ent­stan­den sein; ihr ur­sprüng­li­cher Ei­gen­tü­mer, der Köl­ner Erz­bi­schof, dürf­te sie dem im letz­ten Drit­tel des 10. Jahr­hun­derts ge­grün­de­ten Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen­klos­ter ge­schenkt ha­ben. Um 1200 wur­de es in ein Stift um­ge­wan­delt. Mit dem Bau der heu­ti­gen Kir­che, die auch dem Pfarr­got­tes­dienst dien­te, wur­de 1209 auf dem Bo­den ei­nes im 9. oder 10. Jahr­hun­dert ent­stan­de­nen ka­ro­lin­gi­schen Got­tes­hau­ses be­gon­nen.

Ih­re Blü­te ver­dank­te die Stadt der La­ge am Rhein so­wie im Schnitt­punkt wich­ti­ger Stra­ßen. Han­del und Hand­werk bil­de­ten die Grund­la­ge der Wirt­schaft. Vor al­lem als Fol­ge des Truch­ses­si­schen Kriegs und des Bran­des von 1586 er­leb­te sie ei­nen bis ins 19. Jahr­hun­dert an­hal­ten­den Ab­schwung. Erst die Ent­fes­ti­gung so­wie die 1938 ab­ge­schlos­se­ne Ka­na­li­sie­rung der Erft und der Aus­bau des Ha­fens be­scher­ten der Stadt ei­ne neue Blü­te. Es sie­del­ten sich Be­trie­be der Me­tall-, Pa­pier- und Le­bens­mit­tel­her­stel­lung an oder ver­la­ger­ten ih­re Fa­bri­ken dort­hin. 2003 fu­sio­nier­ten der Neus­ser und der Düs­sel­dor­fer Ha­fen. Groß­stadt ist Neuss seit 1963.

Titz, 1166 erst­mals er­wähnt und um 1185 als vil­la be­zeich­net, war seit dem 13. Jahr­hun­dert Sitz der Her­ren von Titz (bis An­fang 16. Jahr­hun­dert) und Teil der Graf­schaft be­zie­hungs­wei­se des Her­zog­tums Jü­lich. Grö­ß­ter Grund­herr im Tit­zer Raum war die Ab­tei Al­ten­berg. Wich­tig für die Ent­wick­lung des Or­tes wur­de die mit­tel­al­ter­li­che Han­dels­stra­ße von Aa­chen über Jü­lich nach Neuss und Düs­sel­dorf, die spä­te­re Land­stra­ße. En­de des 13. Jahr­hun­derts wird ein lan­des­herr­li­cher Hof in Titz er­wähnt, der als Kern der Sied­lung gilt und zeit­wei­se Wit­wen­sitz des Jü­li­cher Gra­fen­hau­ses war. Im 15. Jahr­hun­dert be­her­berg­te Titz ei­nen Teil der Mar­stäl­le des Her­zog­tums Jü­lich und war Sitz ei­nes Ritt­meis­ter­amts. Der lan­des­herr­li­che Hof wur­de zum be­fes­tig­ten Haus aus­ge­baut, der Ort mit Wall und Gra­ben be­fes­tigt und um 1600 zur Frei­heit er­ho­ben, ei­ne städ­ti­sche Ent­wick­lung er­fuhr er je­doch nicht. Auch ein Markt oder dif­fe­ren­zier­te Ge­wer­be konn­ten sich dort nicht ent­wi­ckeln. Die ein­zi­gen Ge­wer­be von ei­ni­ger Be­deu­tung wa­ren die der Fuhr­leu­te und Gast­wir­te, die vom Durch­gangs­ver­kehr auf der Land­stra­ße pro­fi­tier­ten. Titz blieb ein Dorf, das an der In­dus­tria­li­sie­rung des 19. Jahr­hun­derts kei­nen An­teil hat­te. Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg dehn­te sich Titz über die 1807 aus dem Orts­zen­trum ver­leg­te Land­stra­ße aus, wo ein neu­er Sied­lungs­schwer­punkt ent­stand. Mit der kom­mu­na­len Neu­glie­de­rung 1972 über­nahm Titz zen­tral­ört­li­che Funk­tio­nen für die ein­ge­mein­de­ten Ort­schaf­ten und wur­de zum Zen­trum ei­ner weit­läu­fi­gen Land­ge­mein­de. (Selbst­an­zei­ge).

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Wensky, Margret, Rheinischer Städteatlas, hg. vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Gesamtredaktion Margret Wensky, Kartographie Esther Weiss, XVIII. Lieferung, Köln/Weimar/Wien, Böhlau Verlag 2010, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/rheinischer-staedteatlas-hg.-vom-lvr-institut-fuer-landeskunde-und-regionalgeschichte-gesamtredaktion-margret-wensky-kartographie-esther-weiss-xviii.-lieferung-koelnweimarwien-boehlau-verlag-2010/DE-2086/lido/5d1b6ff3368364.94168551 (abgerufen am 16.10.2019)