Stehkämper, Hugo/Dietmar, Carl, Köln im Hochmittelalter 1074/75-1288 (Geschichte der Stadt Köln Bd. 3), Köln 2016

550 S., ISBN 78-3774304420, 60 Euro

Christian Hillen (Köln/Bonn)

Epochen

In Köln geht es manch­mal so zu: Ei­ner hat ei­ne Idee und die an­de­ren fin­den die­se Idee toll. „Lass uns das ma­chen“, sa­gen sie. Aber es soll nun nicht ir­gend­was ge­macht wer­den, es soll schon was Be­son­de­res sein: am grö­ß­ten, am schöns­ten, am bes­ten. Das be­deu­tet na­tür­lich auch am teu­ers­ten. „Macht nix, wir krie­gen das schon hin“, sa­gen sie und wirk­lich: Sie be­kom­men die An­fangs­fi­nan­zie­rung auf die Bei­ne ge­stellt, fin­den ei­ne gu­te Trup­pe, die den Plan um­set­zen soll und le­gen los. Ers­te Er­geb­nis­se kann man rasch be­wun­dern, grö­ßer und schö­ner als al­les bis­her Da­ge­we­se­ne. Köln und die Welt sind be­geis­tert.

Na­tür­lich ist auch der Auf­wand grö­ßer und vor al­lem dau­ert es län­ger. Und es wird teu­rer als vor­ge­se­hen. „Macht nix, wir krie­gen das schon hin“, hei­ßt es wie­der und un­ver­dros­sen wird wei­ter­ge­ar­bei­tet. Doch die Schwie­rig­kei­ten wer­den im­mer grö­ßer, das Pro­jekt im­mer teu­rer und es dau­ert im­mer län­ger. Wenn der Le­ser die­ser Zei­len nun meint, der Re­zen­sent sprä­che über den Bau des Köl­ner Doms, dann hat er sich ge­irrt. Der Dom ist längst fer­tig

Hier geht es um die Köl­ner Stadt­ge­schich­te, ein mo­nu­men­ta­les Werk in 13 Bän­den, je­der meh­re­re hun­dert Sei­ten stark und seit über 20 Jah­ren in Ar­beit, de­ren jüngst er­schie­ne­ner Band 3 das Hoch­mit­tel­al­ter in Köln be­han­delt. Be­gon­nen wur­de er vom ehe­ma­li­gen Di­rek­tor des Köl­ner Stadt­ar­chivs Hu­go Steh­käm­per, der die Druck­le­gung je­doch nicht mehr er­leb­te, da er be­reits 2010 ver­starb. Er hin­ter­ließ ein Ma­nu­skript von rd. 900 Sei­ten, wel­ches „nicht pu­bli­zier­bar“ (S. 2) war, wie es im Vor­wort hei­ßt. In der Per­son des ehe­ma­li­gen Jour­na­lis­ten des Köl­ner Stadt­an­zei­gers und pro­mo­vier­ten Me­diä­vis­ten Carl Diet­mar, fan­den die Her­aus­ge­ber ei­nen kom­pe­ten­ten Be­ar­bei­ter, der sich der mü­he­vol­len Auf­ga­be un­ter­zog, die­ses Ma­nu­skript in ei­ne les­ba­re Form zu brin­gen. Ei­ne Auf­ga­be, um die man ihn nicht be­nei­den kann, die er aber nichts­des­to­we­ni­ger mit Ge­duld und Akri­bie so­wie pro­fun­der Kennt­nis der mit­tel­al­ter­li­chen Ge­schich­te Kölns glanz­voll ge­löst hat.

Sein An­teil an die­sem Band be­steht aber nicht nur in der Über­ar­bei­tung des Ma­nu­skripts, son­dern auch in der Ab­run­dung des Ban­des durch die Ka­pi­tel 10-12, die kom­plett aus sei­ner Fe­der stam­men. Dar­über hin­aus hat er die neue­re und neu­es­te Li­te­ra­tur zu ein­zel­nen As­pek­ten der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­ge­schich­te ein­ge­ar­bei­tet, was an sich schon kein ge­rin­ges Ver­dienst ist, wie die Ken­ner der Köl­ner Ge­schichts­schrei­bung wis­sen. Denn viel­fach sind wich­ti­ge und in­ter­es­san­te Er­geb­nis­se der Stadt­ge­schichts­for­schung an ent­le­ge­ner Stel­le pu­bli­ziert und so­mit für Lai­en, aber manch­mal auch Ex­per­ten nur schwer oder gar nicht zu­gäng­lich.

Das macht die­sen Band – wie im Üb­ri­gen das gan­ze Werk – zu ei­ner wich­ti­gen ers­ten An­lauf­stel­le für die Be­schäf­ti­gung mit der Köl­ner Ge­schich­te.

In ei­ner kur­zen Ein­lei­tung er­läu­tert Diet­mar die Ziel­rich­tung der Dar­stel­lung, denn oh­ne die ge­naue Marsch­rich­tung fest­zu­le­gen, in die der Au­tor den Le­ser mit­zu­neh­men ge­denkt, kann man sich bei der Fül­le der über Köln zu be­rich­ten­den „Fak­ten“ leicht im Di­ckicht der Ein­zel­hei­ten ver­lie­ren; si­cher ein Pro­blem mit dem auch Hu­go Steh­käm­per zu kämp­fen hat­te und die ei­ner der Grün­de für die Län­ge und die nicht im­mer leich­te Lek­tü­re sei­nes ur­sprüng­li­chen Ma­nu­skrip­tes ge­we­sen sein dürf­te. Diet­mar schlägt mit mu­ti­gen Schnit­ten ei­ne Schnei­se in die­ses Di­ckicht und legt „das Wer­den der ‚kom­mu­na­len’ Stadt“ (S. 5) als das zen­tra­le The­ma, gleich­sam den ro­ten Fa­den sei­ner Schil­de­rung fest. Den zeit­li­chen Ho­ri­zont spannt er von 1074, dem ers­ten Auf­be­geh­ren von Köl­ner Bür­gern ge­gen den erz­bi­schöf­li­chen Stadt­herrn, bis zu 1288 der Nie­der­la­ge des Köl­ner Erz­bi­schofs Sieg­fried von Wes­ter­burg in der Schlacht von Worrin­gen, ge­gen ei­ne Ko­ali­ti­on, der auch ein Köl­ner Kon­tin­gent an­ge­hör­te. Sie bil­de­te den An­fangs­punkt des Rück­zugs des Erz­bi­schofs aus Köln, der sei­nen Herr­schafts­mit­tel­punkt nun u. a. nach Bonn ver­leg­te. War­um als zeit­li­cher Ein­schnitt nicht die ers­te um­fas­sen­de schrift­li­che Nie­der­le­gung der städ­ti­schen Ver­fas­sung im Ver­bund­brief von 1396 ge­wählt wur­de er­klärt sich viel­leicht dar­aus, dass ei­ne aus­führ­li­che Dar­stel­lung den Um­fang ei­nes Ban­des ge­sprengt hät­te. Viel­leicht hat man sich aber auch zu sehr an der in der deut­schen Me­diä­vis­tik im­mer noch üb­li­chen „Epo­chen­gren­ze“ zwi­schen Hoch- und Spät­mit­tel­al­ter, dem sog. „In­ter­reg­num“ (1250-1273) ori­en­tiert. Ei­ne Glie­de­rung nach den stadt­ge­schicht­lich im­ma­nen­ten Da­ten wä­re in die­sem Fall je­doch wün­schens­wer­ter ge­we­sen.

Das schmä­lert die Ver­diens­te die­ses Ban­des je­doch in kei­ner Wei­se. Nach ei­nem ers­ten mehr oder we­ni­ger chro­no­lo­gi­schen Ab­riss der his­to­ri­schen Ent­wick­lung bis zur Un­ter­wer­fung Kölns un­ter Kai­ser Fried­rich II. 1215, mit Schwer­punkt auf der Schil­de­rung der Kon­flik­te zwi­schen Bür­gern/Bür­ger­schaft und Erz­bi­schof, nä­hern sich die Au­to­ren dem hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Köln auf the­ma­ti­sche Wei­se. So­zi­al­ge­schich­te, Ver­fas­sungs­ge­schich­te und Wirt­schafts­ge­schich­te ha­ben eben­so ih­ren Platz wie Kir­chen­ge­schich­te und Struk­tur­ge­schich­te. Das gan­ze Pan­ora­ma der mit­tel­al­ter­li­chen Me­tro­po­le wird kun­dig und ver­ständ­lich aus­ge­brei­tet. Dass dies bei ei­ner Stadt wie Köln nicht auch das letz­te De­tail be­han­deln kann, ist selbst­ver­ständ­lich, wird aber si­cher da­zu füh­ren, dass der sach­kun­di­ge Le­ser, den ein oder an­de­ren As­pekt ver­mis­sen oder nicht aus­führ­lich ge­nug dar­ge­stellt fin­den wird. Dar­auf folgt wie­der die er­eig­nis­ge­schicht­li­che Dar­stel­lung der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Köl­nern und Erz­bi­schof bis zur Schlacht von Worrin­gen. Im letz­ten Ka­pi­tel nimmt Carl Diet­mar den Be­griff des Pan­ora­mas wört­lich und ver­sucht, an­hand be­son­ders pro­mi­nen­ter Bau­wer­ke dem Le­ser ein Bild von Köln zu ver­mit­teln. Es ge­lingt ihm da­bei den Pfad der se­riö­sen Dar­stel­lung nicht zu ver­las­sen, er glei­tet nicht in ei­ne ro­man­ti­sie­ren­de Dar­stel­lung des „al­ten“ Kölns ab, wie das in Köln lei­der nur all­zu oft pas­siert, was Bil­der im Kopf des Re­zi­pi­en­ten ent­ste­hen lässt, die mit der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit er­schre­ckend we­nig zu tun ha­ben.

Fa­zit: Es han­delt sich um ei­nen vor­züg­li­chen Band der Köl­ner Stadt­ge­schich­te, der in­ter­es­sier­ten Le­sern span­nen­de Lek­tü­re ver­spricht. Der Ken­ner wird das Buch ger­ne als Na­vi­ga­ti­ons- und Ori­en­tie­rungs­hil­fe für wei­te­re For­schun­gen zu Hand neh­men, denn hier wird Stadt­ge­schich­te erst­mals kom­pakt an ei­nem Ort ge­bo­ten.

Es bleibt nun nur noch der ge­sam­ten Rei­he ein ra­sches Fort­schrei­ten und nicht das Schick­sal des Köl­ner Do­mes zu wün­schen: jahr­hun­der­te­lan­ger Still­stand, Plei­ten, Pech und Pan­nen.

Zitationshinweis

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Hillen, Christian, Stehkämper, Hugo/Dietmar, Carl, Köln im Hochmittelalter 1074/75-1288 (Geschichte der Stadt Köln Bd. 3), Köln 2016, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Verzeichnisse/Literaturschau/stehkaemper-hugodietmar-carl-koeln-im-hochmittelalter-107475-1288-geschichte-der-stadt-koeln-bd.-3-koeln-2016/DE-2086/lido/5aa7cc9f03acd6.87359336 (abgerufen am 16.09.2019)