Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Bildleiste
  
Navigationslinks überspringenStartseite  |  Epochen und Ereignisse  |  Epochen  |  785 bis 1288 - Die Rheinlande im Hochmittelalter

Die Rheinlande im Hochmittelalter (925–1288)

1. Die Zeit der Ottonen und frühen Salier (925-1056)
2. Das Hochmittelalter (1056-1198)
3. Das 13. Jahrhundert

4. Quellen/Literatur/Online

 

1. Die Zeit der Ottonen und frühen Salier (925-1056)

Die Reichsgewalt der Ottonen im Rheinland

Im ostfränkisch-deutschen Reich gehörten die Rheinlande links des Stroms zu dem 925 neu erworbenen Raum Lothringen, der auch die heutigen Benelux Abkürzung für die seit 1947 in einer Zollunion zusammengeschlossenen Länder Belgique (Belgien), Nederland (Niederlande), Luxembourg (Luxemburg). -Staaten und Teile Frankreichs umfasste. Die Integration Lothringens in das Reich der Ottonen Epoche der deutschen Geschichte von 919 bis 1024, in denen das Geschlecht der Liudolfinger von König Heinrich I. (Regierungszeit 919-936)  bis zum Tode Kaiser Heinrichs II. (Regierungszeit 1002-1024) die deutschen Könige und Kaiser stellte. Die Bezeichnung Ottonen geht auf die Kaiser Otto I. (Regierungszeit 936-973 ), Otto II. (Regierungszeit 973-983) und Otto III. (983-1002) seit der Kaiserkrönung Ottos I. 962 zurück. ging nur langsam voran. Die Bewohner des Raums waren noch stark in gesamtfränkisch-karolingischen Traditionen verwurzelt. Beziehungen in das noch von karolingischen Königen beherrschte westfränkisch-französische Reich schwächten sich nur zögerlich ab.

Als Stützen der ottonischen Reichsgewalt erwiesen sich vor allem die vom König eingesetzten Bischöfe. Als Mittler zwischen dem lothringischen Adel und dem König fungierten Herzöge, deren Hauptaufgaben die Wahrung der öffentlichen Ordnung und in Kriegszeiten die Heerführung waren. Wiederholt haben Herzöge allerdings gegen die ottonische Herrschaft rebelliert. Otto I. (Regierungszeit 936-973) beauftragte schließlich seinen Bruder, den Kölner Erzbischof Brun, mit der Sicherung Lothringens.

 

Die Herausbildung regionaler Herrschaftszentren

Bald stellte sich heraus, dass die Befriedung des wenig homogenen lothringischen Raums die Kräfte eines einzelnen Herzogs überforderte. Das Moselgebiet mit dem Erzbistum Trier und die im romanisch sprechenden Westen Lothringens gelegenen Diözesen von Metz, Verdun und Toul hoben sich von der Zone zwischen Rhein und Schelde nördlich der Mittelgebirgsbarriere von Eifel und Ardennen deutlich ab.

Kirchliches Zentrum des nördlichen Lothringen war Köln mit den ihm unterstellten Bistümern Lüttich und Utrecht. Die Erzbischöfe von Trier und Köln stritten immer wieder um den Vorrang in der kirchlichen Hierarchie des Reiches. Beide Bistümer führten ihre Gründung auf den heiligen Petrus (gestorben um 64) zurück. Als Zeichen der Versöhnung überließ der Kölner Erzbischof Brun der Trierer Kirche die Hälfte des Stabs des heiligen Petrus. Der geographischen und kirchlichen Binnenstruktur Lothringens trug schließlich die politische Gliederung durch die Ausbildung zweier Herzogtümer, Ober- und Niederlothringen, Rechnung.

Der Kernraum des Herzogtums Niederlothringen lag im heutigen Belgien. In der östlichen Randzone zwischen Maas und Rhein stieß der Führungsanspruch des Herzogs mit dem des lothringischen Pfalzgrafen zusammen, der seinen Sitz ursprünglich in dem von Karl dem Großen gegründeten Pfalzort Aachen (Bistum Lüttich) hatte. Seit 936 war die Marienkirche in Aachen (der heutige Aachener Dom) der bevorzugte Krönungsort der ostfränkisch-deutschen Könige. Die wichtigsten Aufgaben der lothringischen Pfalzgrafen waren die Stellvertretung des Königs im Gericht und die Verwaltung des Reichsgutes. Zum Reichsgut gehörten neben dem bedeutenden Aachener Reichsgutbezirk weitere Pfalzen (zum Beispiel Düren), große Waldungen und eine Vielzahl von Einzelgütern. Reichsgutorte am Rhein waren unter anderem Koblenz (1018 der Trierer Kirche geschenkt), Andernach (1167 der Kölner Kirche geschenkt), Remagen und Sinzig. Der Umfang des Reichsgutes nahm im Hochmittelalter vor allem durch Schenkungen an die Kirche kontinuierlich ab.

 

Die Grafschaftsverfassung

Auf der Ebene der Gaue, der Unterbezirke der römerzeitlichen Stadtgebiete (civitates), wurden Grafen als Beauftragte des Königs eingesetzt. Die Vererbung des Grafenamtes innerhalb einzelner Familienverbände war allerdings schon im 10. Jahrhundert vorherrschend. Voraussetzung für die Betrauung mit dem Grafenamt war der Besitz von umfangreichem Eigengut, das in vielen Fällen in Streulage weiträumig verteilt lag. Eine weitere Komponente adliger Macht war der Empfang von kirchlichen Lehen. Grafen und Herren wurden von den Bischöfen mit Vogteien, also mit dem Schutz von Klöstern und Stiften belehnt. Die Grafen hielten dreimal im Jahr mit den Edelfreien ihrer Grafschaft Gerichtssitzungen ab. Die bedeutendsten Grafschaften im nördlichen Rheinland waren die des Köln- und Jülichgaus, an die sich im Süden der Bonn- /Ahrgau- und der Eifel- /Zülpichgau anschlossen. Rechts des Rheins lagen der Auelgau an der Sieg, der Deutzgau und der Ruhrgau. Die Grafschaftsverfassung am Niederrhein, wo schon vor dem Herrschaftsantritt der Franken die civitasLateinisch, in der römischen Antike Siedlungsgebiet eines Volkes mit städtischem Kern, im Mittelalter Bezeichnung für Stadt, vor allem für die Bischofsstadt.-Organisation zusammengebrochen war, wirft noch unbeantwortete Fragen auf. Bedeutende Grafschaften im südlichen Rheinland waren die der Ardennergrafen (Luxemburg), des Nahe- und des Saargaus. Grundsätzlich darf man sich das Grafschaftssystem des Frühmittelalters nicht völlig statisch vorstellen.

Vom späten 10. Jahrhundert bis 1085 ist im nördlichen Rheinland eine Konzentration von Grafschaften in den Händen der lothringischen Pfalzgrafen aus der Familie der Ezzonen Seit Ende des 9. Jahrhunderts nachweisbares rheinisches Adelsgeschlecht, benannt nach ihrem prominentesten Vertreter, Pfalzgraf Ezzo. zu beobachten. Bis 1060 verfügten die Ezzonen Seit Ende des 9. Jahrhunderts nachweisbares rheinisches Adelsgeschlecht, benannt nach ihrem prominentesten Vertreter, Pfalzgraf Ezzo. , die auch am Königshof Lateinisch curia regis, bezeichnet (1) den sozialen und institutionellen Haushalt des Königs mit seinem Personal (Hofstaat) und den ihn umgebenden Personen, sowie die zugehörigen Institutionen (Hofkapelle, Hofgericht, Hoftag). Der Hof reiste mit dem König, Versammlungen des Gerichtshofes oder der allgemeinen Verwaltung tagten am jeweiligen Aufenthaltsort, (2) seit dem 9. Jahrhundert im Sinne von palatium (Königspfalz) auf den Krongütern angelegte Gutshöfe zur Unterkunft des reisenden Königs und seines Gefolges. in hohem Ansehen standen, über die größte Machtfülle im Kölner Raum. Pfalzgraf Ezzos Sohn Hermann, von 1036 bis 1056 Erzbischof von Köln, und seine Schwester, die Königin von Polen, Richeza, übertrugen allerdings umfangreichen Familienbesitz an die Kölner Kirche und steigerten damit deren Einfluss in der Region.

Im Trierer Raum erreichte das Grafengeschlecht, das sich später nach der Luxemburg nannte, eine dominierende Stellung. Die Kaiserin Kunigunde (um 980-1033), die Gemahlin Kaiser Heinrichs II. (Regierungszeit 1002-1024), stammte aus diesem Geschlecht. Mit Hermann von Salm (um 1035-1088) stellte es 1081 einen Gegenkönig Die Zeit der Gegenkönige begann in der deutschen Geschichte 1077 mit der Wahl Herzog Rudolfs von Rheinfelden (um 1025/1030-1080) gegen  Kaiser Heinrich IV. (Regierungszeit 1056-1105) und endete mit der Wahl Ruprechts von der Pfalz als Gegenkönig zu König Wenzel 1400. Mit dem Rhenser Weistum 1338 und der Ausbildung des Wahlrechts der Kurfürsten war das Ende der Doppelwahlen und des Gegenkönigtums gekommen. gegen Heinrich IV. (1150-1106, 1056-1105 König, 1084-1105 Kaiser). 1085 wurde der Luxemburger Heinrich von Laach Pfalzgraf. Heinrich verlagerte das Zentrum des pfalzgräflichen Machtkomplexes in den Moselraum.

Während die Ezzonen Seit Ende des 9. Jahrhunderts nachweisbares rheinisches Adelsgeschlecht, benannt nach ihrem prominentesten Vertreter, Pfalzgraf Ezzo. und Luxemburger über Generationen hinweg ihre Machtpositionen im Rheinland aufrechterhalten konnten, waren andere adlige Herrschaftskomplexe kurzlebig. So versuchten zu Beginn des 11. Jahrhunderts Adela, die Tochter Graf Wichmanns von Hamaland (geboren im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts), und ihr zweiter Mann Balderich (gestorben 1021) in blutigen Fehden vergeblich, ihre im Rheinland und in Sachsen verstreuten Güter und Rechte gegen Konkurrenten zu behaupten.

 

Kirchliches und religiöses Leben

Gero-Kreuz (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 256KB)
Gerokreuz, enstanden in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts, vermutlich als Auftragsarbeit des Kölner Erzbischofs Gero von Köln, 1663 um einen goldenen Strahlenkranz erweitert. Original im Kölner Dom.

Wichmann von Hamaland und Balderich förderten allerdings auch das kirchliche Leben am Niederrhein, indem der eine das Damenstift Elten, der andere das Stift Zyfflich gründete. Der lothringische Pfalzgraf Ezzo und seine Frau stifteten 1024 das Benediktinerkloster Brauweiler, das ihr Sohn Erzbischof Hermann II. von Köln (er starb 1056) der Kölner Kirche übertrug. Die älteren Benediktinerklöster des nördlichen Rheinlands, Gladbach (heute Mönchengladbach) und Deutz (heute Stadt Köln), waren Gründungen der Kölner Erzbischöfe. Im Kölner Bistum fassten die Benediktiner ohnehin erst relativ spät mit der Gründung des Klosters St.Pantaleon bei Köln durch Erzbischof Brun Fuß. Dagegen weisen der Trierer und der Lütticher Raum zahlreiche frühe Klostergründungen auf.

Im 11. Jahrhundert wurden die rheinischen Klöster nach und nach von der nach dem Kloster Gorze (Bistum Metz) benannten (Ordo Gorziensis) lothringischen Klosterreform erfasst. Ein bedeutendes Reformzentrum war seit 934 St. Maximin bei Trier. Die Bischofsstädte wurden im Laufe des 11. Jahrhunderts durch die Gründung zahlreicher Stifte und Klöster zu „heiligen Städten“ ausgebaut. Ältere Kirchen wurden durch Neubauten im romanischen Baustil erweitert. Die Blüte des kirchlichen Lebens förderte die Buchmalerei und das Kunsthandwerk. Als Beispiel kann man auf die Trierer Egbertwerkstatt (Erzbischof Egbert) verweisen. Zu den frühesten Werken der Großplastik zählt das von Erzbischof Gero gestiftete Kruzifix im Kölner Dom.

Im Laufe des 11. Jahrhunderts wurde die innere Organisation der Bistümer durch die Einrichtung von Archidiakonaten und Dekanaten verbessert. In Köln und Trier lassen sich im 11. Jahrhundert Judengemeinden nachweisen. Sie waren 1096 Angriffen von Kreuzfahrern ausgesetzt. Allein im Rheinland sollen dabei 2.000-3.000 Juden ermordet worden sein.. Auch im Zweiten Kreuzzug (1144-1149) kam es zur Verfolgung von Juden, über die der jüdische Chronist Ephraim von Bonn aus unmittelbarer Anschauung berichtete.

 

Wirtschaft

Seit der Zeit Erzbischof Bruns entwickelte sich Köln aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage am Rhein zur führenden Handelsstadt des Reiches. Die Bedeutung des Rheins als Handelsstraße bezeugen Zollstätten wie die von Koblenz. Im Vergleich zu Köln erlangte das in der Römerzeit erheblich größere Trier nur regionale wirtschaftliche Bedeutung. In den Tallagen von Mosel und Rhein wurde intensiv Weinbau für den Export betrieben. In den Mittelgebirgen wurden Erze gewonnen und zur Metallherstellung verwendet. In Pingsdorf bei Brühl wurde in großem Stil Keramik produziert, die bis nach England und Skandinavien exportiert wurde.

Die landwirtschaftliche Produktion war in Großgrundherrschaften mit zentralen Herrenhöfen und einer Vielzahl von abhängigen Bauernstellen organisiert. Die größten Grundbesitzer waren der König, die Bischofskirchen und die reichen Klöster und Stifte. Im Laufe des 11. Jahrhunderts führten die günstigen Klimaverhältnisse des mittelalterlichen Klimaoptimums und die Modernisierung der Landwirtschaft zu einem Bevölkerungsanstieg, der große Rodungen zur Erweiterung der Acker- und Siedlungsfläche notwendig machte. Zahlreiche Ortsnamen mit dem Bestandteil -rath zeugen noch von diesem Vorgang. Vielerorts kam es zur Umstrukturierung, zum Teil auch zur Auflösung von Grundherrschaften. Hörige wurden aus der Leibeigenschaft Bezeichnet im deutschen Recht des Spätmittelalters die persönliche Abhängigkeit von einem Herrn, im Unterschied zu der Abhängigkeit des Hörigen von einer Grundherrschaft. Der Begriff wurde in der Forschung auch für ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse in anderen Ländern verwendet. Nachdem in der Neuzeit kaum noch zwischen Hörigen und Leibeigenen unterschieden wurde, wurde die Leibeigenschaft erst mit der Bauernbefreiung Anfang des 19. Jahrhunderts allmählich zurück gedrängt. entlassen und zur Zahlung einer Kopfsteuer verpflichtet, die ein gewisses Maß von Mobilität ermöglichte. Viele Unfreie wurden dem Schutz der großen Stifte und Klöster als Wachszinser anvertraut. Von den Unfreien setzte sich die Gruppe der Ministerialen ab, die die Erzbischöfe und der Hochadel zu Kriegsdienst und Verwaltungsaufgaben heranzogen. Die Lebensweise der Ministerialen näherte sich damit der der freien Herren an.

 

2. Das Hochmittelalter (1056-1198)

Adel und Burgen

Die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Oberschichten führte begünstigt durch die Schwächung der Königsmacht seit der Zeit der Minderjährigkeit Heinrichs IV. (1056-1106) zu tief greifenden Veränderungen der Gesellschaftsordnung. Eine größere Zahl von Adligen, die zuvor zum Gefolge der Grafen gehört hatten, entzog sich dieser Bindung durch den Bau von Burgen, auf die sich eigenständige Herrschaften gründen ließen. In den Mittelgebirgen entstanden Höhenburgen wie die Burg Are bei Altenahr, die Saffenburg bei Mayschoss oder die Burg Vianden in Luxemburg. In der niederrheinischen Ebene wurden Burgen (so genannte Motten) zunächst in Holzbauweise, dann in Stein auf künstlich aufgeschütteten Hügeln errichtet, die durch Wassergräben geschützt wurden. Gut bekannt ist durch Grabungen der „Husterknupp“ bei Frimmersdorf, die Burg der Herren von Hochstaden.

Die Namen der Burgen führten die Adelsfamilien als Beinamen. Die Burgherrschaften bewirkten eine weitgehende Auflösung der an den Gauen orientierten Grafschaften. Eine Reihe der zunächst zahlreichen kleineren Herrschaften gingen im Laufe des 12. Jahrhunderts unter. Um 1100 hatte sich eine neue Schicht von adligen Burgherren gebildet, in die sich auch die alten Grafenfamilien eingegliedert hatten. Die Grafenrechte, die sich von den alten Grafschaftssprengeln lösten und mit den Herrschaftszentren ihrer Inhaber verbunden wurden, entglitten weitgehend der königlichen Verfügung.

Die bedeutendsten Vertreter der neuen Adelsschicht waren im nördlichen Rhein-Maas-Raum die Grafen von Limburg (später Herzöge), Are, Saffenberg (beerbt von Sayn), Jülich, Berg, Geldern und Kleve sowie die Herren von Heimbach, Hochstaden und Heinsberg. Alle diese Grafen und Herren waren Vasallen des Kölner Erzbischofs. Die begehrtesten Lehen waren die Vogteien der erzbischöflichen Stifte und Klöster. Den Aufbau einer beherrschenden Stellung der Kölner Erzbischöfe im nördlichen Rheinland hat Anno II. 1060 durch seinen Sieg über den Pfalzgrafen Heinrich aus dem Hause der Ezzonen Seit Ende des 9. Jahrhunderts nachweisbares rheinisches Adelsgeschlecht, benannt nach ihrem prominentesten Vertreter, Pfalzgraf Ezzo. eingeleitet.

Bedeutende Adelsgeschlechter im Eifel-Mosel Hunsrück-Raum waren die Grafen von Luxemburg, Vianden, Virneburg, Sponheim und Saarbrücken sowie die Nachkommen der Emichonen, die Grafen von Veldenz und die Wildgrafen und Raugrafen.

Im 1077 ausbrechenden Investiturstreit hielten die Erzbischöfe von Köln und Trier Heinrich IV. die Treue. In Trier wurden Streitschriften und Urkundenfälschungen zugunsten Heinrichs verfasst. Um 1100 wurde in Trier auch ein großes Geschichtswerk über die „Taten der Trierer“ (Gesta Treverorum) vollendet, das im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit zahlreiche Fortsetzungen erhalten sollte.

 

Klösterliche Reformbewegungen

Abtei Siegburg (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 326KB)
Die Abtei Siegburg von Süden, 1064 durch den Kölner Erzbischof Anno II. gegründet.

Die Klosterreform erhielt im Kölner Bistum eine neue Ausrichtung, als Erzbischof Anno II. 1064 in das wenige Jahre zuvor gegründete Benediktinerkloster Siegburg Mönche aus dem norditalienischen Kloster Fruttuaria einführte, deren Gebräuche aus dem berühmten burgundischen Reformzentrum Cluny stammten. Die Siegburger Reform erfasste bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts alle kölnischen Klöster und strahlte weit über die Bistumsgrenzen aus. Bedeutendster Vertreter des Siegburger Mönchtums war der Theologe Rupert von Deutz. In Trier wurde 1111 die cluniazensische Reform über das Kloster Hirsau im Schwarzwald in St. Eucharius eingeführt. St. Eucharius gewann als Wallfahrtskirche Anziehungskraft, als dort 1127 die Gebeine des Apostels Matthias (gestorben um 63) entdeckt wurden.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts erreichte die Reformbewegung der Regularkanoniker Regulierte Chorherren, nach der so genannten Augustinerregel lebende Kleriker an einer Stifts- oder Kollegiatkirche (Augustinerchorherren). das Rheinland. Die Regularkanoniker, benannt nach der von ihnen befolgten Augustinusregel, wollten in ihren Stiften die Lebensweise der Urgemeinde in Jerusalem wieder beleben, häufig durch die Verbindung eines Männer- und eines Frauenkonvents in einem Doppelstift. Die älteste Gründung entstand in Klosterrath (Kerkrade) im Bistum Lüttich, 1107 folgte im Trierer Bistum Springiersbach, die ersten Stifte im Kölner Bistum waren (Köln-)Dünnwald (1118) und Steinfeld (1121). Im Laufe des 12. Jahrhunderts haben sich die meisten Regularkanonikerstifte dem von Norbert von Xanten gegründeten Prämonstratenserorden angeschlossen.

Eine neue Reformbewegung innerhalb des Benediktinerordens war die der Zisterzienser. Das älteste deutsche Zisterzienserkloster gründete Erzbischof Friedrich I. von Köln 1122 in Kamp (Altenkamp). Weitere frühe Gründungen waren Altenberg (1133), Himmerod (1135, Erzbistum Trier) und Heisterbach (1189, Tochterkloster von Himmerod).

Ein Kennzeichen aller religiösen Bewegungen des 12. Jahrhunderts war die große Beteiligung von Frauen. Alle Reformgruppen (Siegburger, Prämonstratenser, Zisterzienser) sahen sich genötigt, die Betreuung von Frauenkonventen zu übernehmen.

Das nach neuen Formen suchende religiöse Klima rief auch außerhalb der kirchlichen Orthodoxie stehende Gruppen auf den Plan. 1143, dann wieder 1163 traten im nördlichen Rheinland Ketzer auf, die man als Katharer bezeichnete. Eine erste Ketzerverbrennung fand 1143 in Bonn statt.

 

Stadtherrschaft und Städtebildung

Die Verbesserung der Lebensverhältnisse im 11. Jahrhundert förderte die Entwicklung der Bischofsstädte als Zentren von Handel und Gewerbe. Die Einwohnerschaft der Städte hatte keinen einheitlichen Rechtsstand, sie setzte sich aus freien Kaufleuten und Grundbesitzern, Ministerialen, kopfzinspflichtigen Leuten (Wachszinser, Zensualen) und weiteren Sondergruppen (Geistliche, Juden) zusammen. Inhaber der Hoheitsrechte (Gericht, Zoll, Münze) waren die Erzbischöfe.

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entwickelten die wohlhabendsten und einflussreichsten Stadtbewohner (in ihrer Sprache: burgaere = Bürger) ein neues Selbstverständnis und Ehrgefühl. Man nennt diese elitären Gruppen nach ihrer Selbstbezeichnung „meliores“ (= die Besten) Meliorat. Im Jahre 1074 rebellierten die Kölner Bürger gegen das herrische Auftreten Erzbischof Annos. Seit dem frühen 12. Jahrhundert wurden in Köln Einrichtungen bürgerlicher Selbstverwaltung (Amtleutekollegien in den Kirchspielen, die so genannte Richerzeche als Bruderschaft des Meliorats) geschaffen, aus denen sich gegen Ende des Jahrhunderts eine Bürgergemeinde und ein Stadtregiment unter Führung der Schöffen Seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Amtsträger in Städten fassbar, die im Namen der Stadt oder des Landesherrn die Rechtssprechung wahrnahmen; das Schöffenkollegium wurde entweder zum städtischen Rat oder blieb daneben bestehen. entwickelten. Vor 1130 setzte in den Kirchspielen die Führung von Schreinskarten als Frühform des Katasterwesens ein. Der mit dem Erzbischof umstrittene Mauerbau von 1180 machte Köln bis in die frühe Neuzeit hinein zur größten Stadt des Reiches (Einwohnerzahl rund 40.000).

Die Kölner Handelsbeziehungen reichten von der Ostsee bis nach Lissabon und von England bis nach Ungarn und Italien. Die um 1175 in London errichtete Handelsniederlassung (Stalhof) wurde eine der Keimzellen der spätmittelalterlichen Hanse. Unter den in Zünften organisierten Handwerken ragten Textilproduktion und Metallverarbeitung (Kölner Schwerter) hervor. Tuche wurden an vielen Orten des Rheinlands, das man noch der östlichen Randzone der flandrischen Textilregion zurechnen kann, hergestellt. Die Bevölkerung Kölns wuchs durch Zuzug, vor allem von zinspflichtigen Leuten aus dem Umland.

Im wirtschaftlich weniger bedeutenden Trier stiegen unter den schwachen Erzbischöfen Gottfried und Meginher Ministerialen in Spitzenpositionen auf, allen voran der Stadtpräfekt Ludwig von der Brücke, den Lothar III. 1131 als „Ersten der Trierer“ bezeichnete. Erst Erzbischof Albero von Montreuil konnte die stadtherrliche Autorität wiederherstellen. Durch einen Mauerbau erhöhte er die Sicherheit der Stadt. 1147 besuchte Papst Eugen III. (Pontifikat:1145-1153) Trier. Schwurgemeinschaften der Trierer Bürger von 1157 und 1161 wurden von Kaiser Friedrich Barbarossa (Regierungszeit 1152-1190) verboten. Erst seit 1169 lassen sich Ansätze zu einer bürgerlichen Organisation in Trier beobachten.

Die Reichsstadt Stadt auf Reichsgut, auch die ehemalige Bischofsstadt, die nicht einem Landesherrn, sondern allein König, Kaiser und Reich unterstand.  Die ehemaligen Bischofsstädte, die sich von der (weltlichen) Herrschaft der Bischöfe befreit hatten,  wurden zunächst als "Freie Städte" bezeichnet. Seit 1489 wurden alle Reichsstädte als "Freie Reichsstädte" (Freireichsstädte, liberae imperii civitates) bezeichnet. Aachen nahm im nördlichen Rheinland nach Köln den zweiten Platz ein. Die Heiligsprechung Karls des Großen 1165 steigerte die Bedeutung des Marienstifts. Seit 1166 wurde Aachen in das Netz der Marktorte zwischen Maas und Rhein eingefügt. Auch in Orten wie Koblenz, Andernach, Bonn, Neuss, Duisburg und Xanten bildeten sich rudimentäre städtische Lebensformen aus. Zu Städten im Rechtssinne wurden diese und andere Orte erst im 13. Jahrhundert, die meisten durch Verleihung einer Stadtrechtsurkunde. Seit dem 13. Jahrhundert kam es aus unterschiedlichen Motiven zur Neugründung von Städten durch die Kölner und Trierer Erzbischöfe und die rheinischen Grafen. Städte dienten als Handels- und Gewerbezentren, Verwaltungsmittelpunkte und Festungen. Zu fürstlichen Residenzen wurden einzelne Städte erst seit dem 14. Jahrhundert ausgebaut.

 

Die Erzbischöfe von Köln und Trier

Dreikönigsschrein (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 538KB)
Dreikönigenschrein im Kölner Dom, enthält die von Rainald von Dassel 1164 von Mailand nach Köln überführten Gebeine der Heiligen Drei Könige, Nikolaus von Verdun (1130–1205) zugeschrieben.

König Konrad III. (Regierungszeit 1127/1138-1152) belehnte den Kölner Erzbischof Arnold von Wied 1151 mit einem Herzogtum, das an die Machtposition Bruns I. in Lothringen anknüpfte. Damit wurde die weltliche Herrschaft der Kölner Erzbischöfe, die zuvor allein lehnrechtlich begründet war, als Bestandteil der Reichsverfassung institutionalisiert. Die Erzbischöfe propagierten die Idee eines kölnischen Landes (terra Coloniensis), dem die Grafen und Herren als Landherren (domini terrae) angehören sollten. Die mächtigsten rheinischen Landherren, die ihre Herrschaften vor allem durch Erbgänge vergrößert hatten, versuchten, sich dieser Einvernahme zu entziehen. Erzbischof Philipp von Heinsberg gelang es noch einmal mit einem groß angelegten Gütererwerbsprogramm, die Bindung des rheinischen Adels an sein Erzstift zu festigen. In seiner Amtszeit verlor das Rheinland den Charakter einer königsnahen Landschaft. Durch die Verleihung des Herzogtums Westfalen an die Kölner Erzbischöfe 1180 verdichteten sich die politischen Beziehungen zwischen dem nördlichen Rheinland und dem südlichen Sachsen.

Die Kölner Kirche erlebte im 12. Jahrhundert eine kulturelle Blüte, von der noch die romanischen Kirchenbauten Zeugnis ablegen. Erzbischof Rainald von Dassel holte 1164 die Reliquien der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln. Ihm widmete der Archipoeta, ein namentlich unbekannter „Erzdichter“, seine kunstvollen lateinischen Gedichte. In der Kölner Domschule richtete Rainald eine Schule des Kirchenrechts ein, die der von Paris ebenbürtig war.

Verstärkt seit etwa 1170 übernahm der rheinische Hochadel die in Frankreich entwickelte ritterliche Kultur. Margarete, die Tochter Graf Dietrichs IV. von Kleve (gestorben nach 1186), die um 1174 den thüringischen Landgrafen Ludwig III. (Regierungszeit 1172-1190) heiratete, ist als Mäzenin des Dichters Heinrich von Veldeke (gestorben vor 1210) bekannt.

Erzbischof Albero von Trier konnte 1139 die Reichsabtei St. Maximin für seine Kirche erwerben. Der Versuch, den Grafen von Luxemburg die Klostervogtei zu entreißen, führte aber zu langwierigen Fehden. Die lange Kinderlosigkeit Graf Heinrichs des Blinden (gestorben 1196) schwächte nachhaltig die Machtentfaltung der Grafschaft Luxemburg. Nachdem zwischen 1183 und 1189 die Besetzung des Trierer Bischofsstuhls umstritten war, gelang Erzbischof Johann I. seit 1190 die Konsolidierung des Erzstifts durch Gütererwerb und Ablösung der Hochvogtei der rheinischen Pfalzgrafen. Im Zusammenhang mit der Weihe des Domneubaus wird 1196 zum ersten Mal der Heilige Rock erwähnt.

 

3. Das 13. Jahrhundert

Thronstreitigkeiten

Nach dem Tod Kaiser Heinrichs VI. 1197 weigerte sich der Kölner Erzbischof, Adolf von Altena, einen StauferSchwäbisches Adelsschlecht, das von Konrad III. (Regierungszeit 1138-1152) bis Konrad IV. (Regierungszeit 1250-1254) deutsche Könige und Kaiser stellte. zum Nachfolger zu wählen und brach damit den deutschen Thronstreit vom Zaum. Während die Mehrzahl der deutschen Fürsten Philipp von Schwaben (Regierungszeit 1198-1208), den Bruder des verstorbenen Kaisers, wählte, veranlasste Adolf schließlich die Wahl Ottos IV. (1175/1176-1218), der ein Sohn Heinrichs des Löwen (1129-1195) war.

Engelbert von Berg (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 1,2MB)
Engelbert von Berg, Kupferstich von Emanuel von Wehrbrun (gestorben 1662), nach 1630. (Historisches Archiv des Erzbistums Köln)

Das nördliche Rheinland war bis 1215 ein Brennpunkt der Kämpfe um den deutschen Thron. Der Trierer Raum blieb von diesen Auseinandersetzungen verschont, weil Erzbischof Johann wie auch sein Nachfolger Dietrich von Wied zu den Staufern hielt. Der Ausbruch des deutschen Thronstreits bot den Grafen im nördlichen Rheinland die Gelegenheit, ihren politischen Spielraum zu erweitern. Der Idee des kölnischen Landes setzten sie nun das Konzept einer Vielzahl gräflicher Länder als Bausteine des Reiches entgegen, die durch Landfriedenseinungen kollektiv Sicherheit gewährleisteten. Erzbischof Engelbert I. von Berg, der als letzter männlicher Vertreter seines Hauses auch die Grafschaft Berg verwaltete, konnte trotz staufischer Rückendeckung den Niedergang des kölnischen Herzogtums nicht aufhalten. Nach Engelberts Tod fiel die Grafschaft Berg an das Haus Limburg.

 

Die Herausbildung der Territorien

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bildeten sich die politischen Strukturen, die die Geschichte des Rheinlands bis zum Ende des Mittelalters bestimmen sollten. Große territoriale Veränderungen vollzogen sich ausschließlich auf dem Erbwege, kleinere durch Kauf oder Verpfändung. Militärische Erfolge oder Niederlagen, von denen die Quellen immer wieder berichten, spielten letztlich keine ausschlaggebende Rolle. Im nördlichen Rheinland war auch die Ausstattung von nachgeborenen Söhnen mit Nebenländern oder kleineren Landesteilen, wie sie in Jülich praktiziert wurde, jeweils nur von kurzer Dauer, da die Nebenlinien bald erloschen. Im Trierer Raum kam es mehrfach zur Teilung von Territorien.

So wurde die Grafschaft Sponheim vor 1237 in die Vordere Grafschaft (Residenz: Kauzenburg über Bad Kreuznach) und die Hintere Grafschaft (Residenz: Starkenburg bei Enkirch) geteilt. Schon in den 1180er Jahren war die Grafschaft Zweibrücken von der Grafschaft Saarbrücken abgetrennt worden.

Erzbischof Engelbert I. von Köln und seine Nachfolger gründeten ihren regionalen Führungsanspruch auf ihre Herzogsrechte, ihre Lehnsherrlichkeit über die Grafen und ihre bischöflichen Kompetenzen, die mit Hilfe des kanonischen Rechts tiefe Eingriffe in die Rechtsprechung auch in den Ländern anderer Herren erlaubten. Den Erzbischöfen fehlten allerdings die Mittel zur effektiven Durchsetzung dieser Ansprüche. Ebenso wenig waren die Grafen in der Lage, die Bindungen an die Erzbischöfe gänzlich abzuschütteln. Das Aussterben der Grafen von Are-Hochstaden und Sayn 1246/1247 bescherte dem Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. Köln zwar territorialen Zuwachs, allerdings nicht in einem Umfang, der es ihm erlaubt hätte, die führenden Mächte der Region, die Grafen von Jülich, Berg, Geldern und Kleve, in Botmäßigkeit zu halten. Die lockerste Bindung an den Kölner Erzbischof hatten die Grafen von Geldern, die stark in die Niederlande orientiert und für ihre Grafenrechte Vasallen der Herzöge von Brabant waren.

In den Grenzzonen der großen Grafschaften und des erzstiftischen Territoriums haben sich kleinere Herrschaften wie das Löwenburger Ländchen (aus Sayner Erbe), die Herrschaften Dyck, Heinsberg (von den Sponheimern beerbt) und Millendonk sowie die Grafschaft Moers zum Teil bis zum Ende des Alten Reiches (1806, im Rheinland bereits 1802) gehalten. Im Trierer Raum dominierten die Grafen von Luxemburg, nachdem es den Erzbischöfen von Trier und Köln mit vereinten Kräften gelungen war, durch die Eroberung der Burg Thurandt bei Alken 1248 die Pfalzgrafen aus dem Moselraum zu verdrängen. Von 1247 bis 1281 regierte Heinrich V. der Blonde, der Sohn Ermesindes (1186-1247), der Tochter Heinrichs des Blinden, und Walrams von Limburg, die Grafschaft Luxemburg.

Erzbischof Konrad von Hochstaden, der 1248 den Grundstein zum gotischen Kölner Dom legte, scheiterte bei seinem Versuch, seine Stadtherrschaft über Köln in vollem Umfang gegen die mächtigen bürgerlichen Geschlechter durchzusetzen. Im Bund mit Graf Wilhelm IV. von Jülich (Regierungszeit 1225-1278) konnten die Kölner Bürger die Angriffe Erzbischof Engelberts II. von Valkenburg auf ihre Unabhängigkeit abwehren.

Die Trierer Erzbischofswahlen 1242 und 1259/1260 waren durch interne Konflikte belastet. Erzbischof Arnold II. von Isenburg fand Rückhalt vor allem im rechtsrheinischen Teil seines Bistums mit den Burgen Ehrenbreitstein und Montabaur. Sein Nachfolger Heinrich von Finstingen blockierte das Vordringen der Kölner Erzbischöfe nach Süden 1280 durch den Bau der Genovevaburg in Mayen.

 

Die Bedeutung der Schlacht bei WorringenDie Schlacht am 5.6.1288 auf der Fühlinger Heide bei Worringen (heute Stadt Köln) entschied den seit 1283 währenden Limburger Erbfolgestreit. Verlierer waren der Erzbischof von Köln und seine Verbündeten,  gleichzeitig wurde damit die Vormachtstellung des Erzstifts am Niederrhein gebrochen. Die Schlacht bestimmte auch das politische Schicksal der Stadt Köln, die zu den Gegner des Erzbischofs gehört hatte. Köln war seitdem Freie Stadt, 1475 formell Reichsstadt.

Schlacht bei Worringen (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 291KB)
Johann von Brabant kämpft in der Schlacht von Worringen (1288), Ausschnitt aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), enstanden in Zürich, 1305-1340, folio 18r, Original in der Universitätsbibliothek Heidelberg.

Die Festigkeit des politischen Systems im Kölner Raum erwies sich 1278. Die Tötung Graf Wilhelms IV. von Jülich und seines ältesten Sohnes bei einem Überfall auf die Stadt Aachen blieb nahezu ohne Folgen für den Bestand der Grafschaft Jülich.

Erschüttert wurde das regionale Machtgefüge erst durch das Ausgreifen des Herzogs von Brabant nach Osten nach dem Aussterben der Herzöge von Limburg. Der Sieg des Brabanters und der mit ihm verbündeten Grafen von Jülich und Berg sowie der Stadt Köln über Erzbischof Siegfried von Westerburg bei Worringen am 5.6.1288 ließ die Schwäche der Kölner Machtposition offenbar werden. Der Tod Heinrichs VI. von Luxemburg (Regierungszeit seit 1281) in der Schlacht von Worringen stürzte die Grafschaft Luxemburg in eine ernste Krise, hat ihren Bestand aber auf Dauer nicht gefährdet.

Der faktische Verlust der Stadtherrschaft über Köln brachte den Erzbischöfen nicht nur finanzielle Einbußen, er beraubte sie auch einer uneinnehmbaren Festung, die ihrem öffentlichen Auftreten einen zeremoniellen Rahmen ersten Ranges geboten hatte. Die Hofhaltung in Bonn, Brühl und an anderen Orten des Erzstifts setzte fürstlicher Prachtentfaltung enge Grenzen. Die Stadt Köln, die für ihren Wohlstand auf sichere Verkehrswege angewiesen war, verfolgte grundsätzlich eine Politik des Ausgleichs.

Das erzstiftische Territorium war in seinem Bestand sehr viel stärker gefährdet als die gräflichen Länder. Einerseits hatte es die durch die finanziellen Forderungen der Päpste beim Amtsantritt der Erzbischöfe entstehenden Schuldenlasten zu tragen, andererseits waren die Erzbischöfe nicht selten bereit, vitale Interessen ihrer Länder ihrem politischen Ehrgeiz zu opfern. Nur schwer einlösbare Verpfändungen von Landesteilen waren wiederholt unumgänglich.

Das Königtum trat im 13. Jahrhundert im Rheinland als Machtfaktor nur wenig in Erscheinung. Das gilt auch für die Könige Wilhelm von Holland (Regierungszeit 1254-1256), Richard von Cornwall (Regierungszeit 1257-1272) und Adolf von Nassau (Regierungszeit 1292-1298), die vornehmlich dem Kölner Erzbischof ihre Wahl verdankten. Begehrt waren königliche Privilegien, vor allem die einträglichen Zollprivilegien, und Reichspfandschaften. Die Entstehung des Kurfürstenkollegiums, dem die Erzbischöfe von Köln und Trier angehörten, führte seit Beginn des 14. Jahrhunderts eine neue Epoche der Reichsbeziehungen herbei. Das Recht der Königskrönung zu Aachen verlieh dem Kölner Erzbischof besondere Bedeutung.

 

Ausbildung der Landesherrschaft

In den Erzstiften und in den Ländern der Grafen bildeten sich seit dem 13. Jahrhundert zentrale und lokale Verwaltungsstrukturen aus. Der Hof des Landesherrn erhielt durch die Einrichtung von Hofämtern, einer Kanzlei und eines Ratsgremiums festere Konturen. Die wichtigste Triebfeder für Innovationen war der steigende Finanzbedarf der Landesherren. Nicht zuletzt zur effektiveren Eintreibung von Abgaben und Steuern wurde das Land in Ämter unterteilt, die oft eine Burg oder eine städtische Siedlung als Mittelpunkt hatten.

Vielfach wurde auch die Organisation des Gerichtswesens an die Ämterstruktur angepasst. Der vom Landesherrn eingesetzte Amtmann, der häufig, aber nicht ganz zutreffend als landesherrlicher Beamter bezeichnet wird, trat zum Erwerb seines Amtes nicht selten in finanzielle Vorleistung. Diese Form der Ämtervergabe machte es den Landesherren in der Praxis oft unmöglich, den Amtmann nach Belieben von seinen Aufgaben zu entbinden und durch einen anderen zu ersetzen. Viele Amtmänner kamen aus Ministerialenfamilien, die seit dem 13. Jahrhundert den Rittertitel führten. Die landsässigen Ritter waren die stärkste Stütze der Landesherrschaft.

Die Vorstellung, die Einteilung der Länder in Ämter sei ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum modernen Flächenstaat gewesen, ist nur bedingt zutreffend. Die meisten Länder des alten Reiches waren niemals geschlossene Gebietskörperschaften. Es gab nicht nur eine Vielzahl von Enklaven und Exklaven, sondern nicht selten auch eine Überlagerung von Rechten verschiedener Landesherren. Man hat die Entwicklung der adligen Herrschaften seit dem 12. oder gar dem 11. Jahrhundert vielfach als Prozess der Territorialisierung beschrieben. Leitidee des Territorialisierungskonzepts ist das Streben nach räumlich geschlossener, exklusiver Herrschaft. In dieses Erklärungsmodell hat man möglichst alle Regierungshandlungen der Landesherrn einzuordnen versucht. Man wird dieser politischen Linie aber keineswegs die Ausschließlichkeit zubilligen können, die ihr oft unterstellt worden ist.

Die spätmittelalterlichen Landesherren haben sich nicht mit der Herrschaft über ein Land begnügt. Sie umgaben ihre Länder vielmehr mit Einflusszonen verschiedener Ausdehnung, in denen sie Nutzungsrechte an Burgen (Offenhausrecht) erwarben oder Lehnsbindungen knüpften. Solche Versuche, einerseits die Länder benachbarter Landesherren mit eigenen Machtpositionen zu durchsetzen, andererseits entsprechende Eingriffe durch die Besetzung strategisch wichtiger Punkte abzublocken, ist etwa zwischen Kurköln und Jülich entlang der Erftlinie zu beobachten. Lehnsverhältnisse oder Schutzverträge konnten zur festen Eingliederung kleinerer Herrschaften in die Länder der Fürsten in Form von Unterherrschaften führen.

 

Quellen (Auswahl)

Boeren, Petrus C. (Hg.), Annales Rodenses, Facsimile-Ausgabe, Assen 1968.

Die Regesten der Erzbischöfe von Köln, Band 1, bearb. von Friedrich Wilhelm Oediger, Bonn 1954-1961; Band 2, bearb. von Richard Knipping, Bonn 1901; Band 3, bearb. von Richard Knipping, Bonn 1909/1913.

Ennen, Leonard (Hg.), Quellen zu Geschichte der Stadt Köln, Band 1 und Band 2, Köln 1860/1863, Neudruck Aalen 1970.

Hoeniger, Robert, Kölner Schreinsurkunden des 12. Jahrhunderts, 2 Bände, Bonn 1884/1894.

Köpke, Rudolf (Hg.), Vita Annonis archiepiscopi Coloniensis [MGH SS 11], Hannover 1854, Neudruck Stuttgart 1968.

Lacomblet, Theodor Joseph (Hg.), Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, Band 1 und Band 2, Düsseldorf 1840/1846, 2. Neudruck Aalen 1966.

Regino von Prüm: Die Chronik des Regino von Prüm. Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, in: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, hg. und neu bearb. von Rudolf Buchner, Band 7, Darmstadt 1960, S. 179-319.

Schwab, Ingo (Hg.), Das Prümer Urbar, Düsseldorf 1983.

Strange, Josef (Hg.), Caesarius von Heisterbach, Dialogus miraculorum, 2 Bände, 1851.

Waitz, Georg, Chronica regia Coloniensis [SS rer. Germ. 18], Hannover 1880.

Wisplinghoff, Erich (Bearb.), Rheinisches Urkundenbuch, 2. Bände, Bonn 1972-1994.

 

Literatur (Auswahl)

Anton, Hans Hubert/Haverkamp, Alfred, 2000 Jahre Trier, Band 2: Trier im Mittelalter, Trier 1996.

Atsma, Hartmut/Ewig, Eugen (Hg.), Spätantikes und fränkisches Gallien: Gesammelte Schriften, 3 Bände, Zürich/Ostfildern 1976-2009.

Bauer, Thomas, Lotharingien als historischer Raum. Raumbildung und Raumbewusstsein im Mittelalter, Köln/Weimar/Wien 1997.

Baumgarten, Jörg, H., Ornamenta Ecclesiae, Kunst und Künstler der RomanikDer erste der beiden Stile der mittelalterlicher Kunst, der in ganz Europa verbreitet war; Schwerpunktländer waren Deutschland, Frankreich und Italien (insbesondere die Lombardei). Die Blütezeit liegt zwischen etwa 1000 und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wobei sich in Frankreich die Gotik bereits früher durchsetzte. In Deutschland wird zwischen der karolingischen Kunst und dem romanischen Stil noch die ottonische Kunst abgesetzt. Der Begriff "Romanik" wurde um 1820 geprägt.. Ausstellungskatalog des Schnütgen-Museums Köln, Köln 1985.

Groten, Manfred, Köln und das Reich: Zum Verhältnis von Kirche und Stadt zu den staufischen Herrschern 1151-1198, in: Stauferreich im Wandel. Ordnungsvorstellungen und Politik in der Zeit Friedrich Barbarossas, hg von Stefan Weinfurter, Stuttgart 2002, S. 237-252.

Groten, Manfred, Die Stunde der Burgherren. Zum Wandel adliger Lebensformen in den nördlichen Rheinlanden in der späten Salierzeit, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 66 (2002), S. 74 – 110.

Janssen, Wilhelm, Das Erzbistum Köln im späten Mittelalter (Geschichte des Erzbistums Köln 2, 1 u.2), 2 Bände, Köln 1995/2003.

Janssen, Wilhelm, Kleine rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997.

Jenal, Georg, Erzbischof Anno von Köln (1056-75) und sein politisches Wirken. Ein Beitrag zur Geschichte der Reichs- und Territorialpolitik im 11. Jahrhundert, 2 Bände, Stuttgart 1974-1975.

Lothmann, Josef, Erzbischof Engelbert I. von Köln (1216-1225), Graf von Berg, Erzbischof und Herzog, ReichsverweserNimmt die Vertretung des Monarchen während einer Thronvakanz wahr., Köln 1993.

Matscha, Michael, Heinrich I. von Müllenark, Erzbischof von Köln, Siegburg 1992.

Müller, Heribert, Heribert, Kanzler Ottos III. und Erzbischof von Köln, Köln 1977.

Müller, Jörg R., Vir religiosus ac strenuus, Albero von Montreuil Erzbischof von Trier 1132-1152, Trier 2006.

Oediger, Friedrich Wilhelm, Das Erzbistum Köln von den Anfängen bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (Geschichte des Erzbistums Köln 1), 2. Auflage, Köln 1972.

Petri, Franz/Droege, Georg, Rheinische Geschichte in drei Bänden, Band 1,2: Frühes Mittelalter und Band 1,3: Hohes Mittelalter, Düsseldorf 1980/1983.

Proeßler, Robert, Das Erzstift Köln in der Zeit des Erzbischofs Konrad von Hochstaden, organisatorische und wirtschaftliche Grundlagen in den Jahren 1238-1261, Köln 1997.

Pundt, Marianne, Metz und Trier. Vergleichenden Studien zu den städtischen Führungsgruppen vom 12. bis zum 14. Jahrhundert, Mainz 1998.

Die Rheinlande und das Reich. Vorträge gehalten auf dem Symposium anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde am 12. und 13. Mai 2006 im Universitätsclub in Bonn, veranstaltet von der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde in Verbindung mit dem Landschaftsverband Rheinland, hg. von Manfred Groten, Düsseldorf 2007.

Ritzerfeld, Ulrich Ritzerfeld, Das Kölner Erzstift im 12. Jahrhundert. Verwaltungsorganisation und wirtschaftliche Grundlagen, Köln/Weimar/Wien 1994.

Semmler, Josef, Die Klosterreform von Siegburg. Ihre Ausbreitung und ihr Reformprogramm im 11. und 12. Jahrhundert, Bonn 1959.

Legner, Anton (Hg.), Monumenta Annonis. Köln und Siegburg. Weltbild und Kunst im hohen Mittelalter, Ausstellungskatalog 1 des Schnütgen-Museums Köln, Köln 1975.


Online

Die digitalen Monumenta Germaniae Historica (dmgh) [für eine Recherche innerhalb der dmgh siehe die jeweiligen Angaben unter der Rubrik Quellen]

Regesta Imperii (Akademie der Wissenschaften der Literatur Mainz)

Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis (CEEC) (Mittelalterliche Codices der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln)


 

9.10.2012

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

 



Manfred  Groten (Bonn) 
<img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/559e2ca095e347609c7dae434dfb38d5" width="1" height="1" alt="">