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Carl Dietmar, Marcus Leifeld, Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich, München, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH 2010, 223 Seiten mit 63 Abbildungen, ISBN 978-3-7766-2630-8, 24,95 Euro.

Um es vorweg zu sagen: Die dunkle Vergangenheit des Karnevals im Nationalsozialismus zwischen Anpassung und Widerstand machen die beiden Kölner Historiker Carl Dietmar und Marcus Leifeld einer breiten Leserschaft detailreich zugänglich. Schon dafür gebührt ihnen Anerkennung. Doch leider hält ihre Publikation wissenschaftlichen Maßstäben der Volkskunde/Kulturanthropologie wie auch der Geschichtswissenschaft nicht immer stand.

Die Autoren gehen von rheinischen, näher hin von Kölner Verhältnissen aus. So wird dem Leser auf den ersten 50 Seiten die Entwicklung des Kölner Karnevals von den ersten Spuren im Mittelalter über die so genannte romantische Karnevalsreform im 19. Jahrhundert bis zum Jahr 1933 dargeboten, wobei die politische Entwicklung der Rheinlande insbesondere während der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. als Hintergrundfolie dient. Die Fokussierung auf das Rheinland führt dazu, dass der Leser wenig erfährt über die geschichtliche Entwicklung des Karnevals in Mainz oder gar München, die schwäbisch-alemannische Fasnet, die Fastnacht in Frankfurt, den Fasching in Wien. Deshalb bleiben Aussagen wie „Es wird im ganzen Reich eine Menge solcher und ähnlicher Aktionen gegeben haben“ (S. 196) im Vagen.

Dabei scheint es an Kenntnis der volkskundlichen Forschung zum Thema Fastnacht/Fasching/Karneval zu mangeln, wie das Fehlen von Grundlagen- und rheinischer Forschungsliteratur zum Karneval im Literaturverzeichnis deutlich macht. So nimmt es nicht wunder, wenn das erste Kapitel einsetzt: „Inwieweit er [der Karneval] auf heidnischen oder römischen Traditionen beruht, lässt sich nur schwer nachweisen - sicher ist nur, dass der Karneval einst anders gefeiert wurde als heute“, um wenige Zeilen später fort zu fahren: „Doch vor der 40-tägigen Fastenzeit durften die Kölner noch einmal richtig gut essen und trinken - und lustig und laut sein, um die Winterdämonen zu vertreiben“. Und weiter: die christianisierte Fastnacht hatte „viele Elemente heidnischer Frühlingskulte umgedeutet und weiterentwickelt“. (S. 15-16). Die Bezeichnung „Rosenmontag“ wird von „’rasen’ für toben, toll sein“ abgeleitet (S. 213), was lange widerlegt ist. Überhaupt fehlt in dem Buch eine etymologisch-historische Begriffsklärung von „Fastnacht“, „Fasching“, „Karneval“ - die Bezeichnung für das Schwellenfest zur Fastenzeit ist nicht stringent. Geradezu unerträglich ist die hundertfache Verwendung des Begriffs „Brauchtum“, zumal in fragwürdigen Zusammensetzungen wie „Brauchtumsexperte“, „Brauchtumsveranstaltung“ oder gar „Brauchtumsritual“.

Den tatsächlichen Sachverhalt verkürzt die Bemerkung zur schwäbisch-alemannischen Fasnet: „Ende des 19. Jahrhunderts dominierte auch dort [der Kölner] ‚Held Carneval’“ (S. 24). Um die Jahrhundertwende wurde vielmehr in einer Art „fastnächtlicher Konterrevolution“ der rheinisch-romantische Karneval mit seinem „Helden“ abgeschafft, die alte Fasnet des Narrenlaufens feierte fröhliche Urständ.nach obenZu kurz greifen auch Deutungen der ideologischen Indienstnahme des Karnevals durch die Nationalsozialisten, wie sie sich als roter Faden durch das Buch ziehen: „Der Karneval, der Fasching, die Fasnet - ein dankbares Feld für die Nationalsozialisten: bedingungsloser Optimismus, Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, Gemeinschaftssinn, Heimatverbundenheit“ (S. 207). Der Karneval „scheint geradezu prädestiniert gewesen zu sein, die Schaffung einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu unterstützen, standen doch bei diesem Fest das kollektive Erleben, das gemeinsame Schunkeln und Singen als einheitsstiftende Rituale traditionell im Vordergrund“ (S. 54 und öfter). Zugegeben: Die Autoren sprechen auch von den Versuchen, „den Karneval als Volksfest für ihre politischen Ziele und ihre Weltanschauung zu reklamieren“ (S. 101).

Um das Interesse der NS-Machthaber am Karneval zu verstehen, so das Ergebnis von Werner Mezger aufgrund seiner Forschungen zur schwäbisch-alemannischen Fasnet, war es die ältere volkskundliche Literatur mit ihrer germanischen Kontinuitätsprämisse, die den ideologisch fruchtbaren Boden für die nationalsozialistische Indienstnahme bereitete; der Karneval konnte so vom NS-Regime konsequent instrumentalisiert werden: „Ganz offensichtlich verfolgten die Nationalsozialisten also eine Strategie in zwei Schritten: Zunächst sollte die Fastnacht aus ihrem christlichen Sinnzusammenhang heraus gebrochen und stattdessen als germanischer Winteraustreibungskult erklärt werden, dann wollte man sie dementsprechend propagandistisch ausschlachten und schließlich unverhohlen für politische Zwecke instrumentalisieren.“ Fastnacht wurde zum Präzedenzfall „einer„kirchlichen Übertünchung vermeintlich germanischer ‚Grundschichten’ stilisiert.“ (Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Ursprünge, Entwicklungen und Erscheinungsformen organisierter Narretei in Süddeutschland, Stuttgart 1999, Zitat S. 30-31).

Wenig nachvollziehbar ist auch die These der Autoren, dass die Nationalsozialisten „zunehmend eine Entpolitisierung des Karnevals“ vornahmen; als Indiz dafür sehen sie die Propagandaschrift „Deutsche Fasnacht“ des Amtes Feierabend (S. 103). Entpolitisierung? Lesen wir in diesem Leitfaden zur Handhabung der Fastnachtsfeier nach: „So wie es uns bereits gelang, dem Maifest, der Sommersonnwende und dem Erntefest ein Gesicht zu geben, so soll dieses Fest ebenfalls ein wesentlicher Lebensausdruck unseres Volkes sein. - Es steht vom politischen Jahreslauf aus gesehen, zwischen der Zeit, in der das neue Reich aufstand [30.1.], und dem Tag, an dem wir des Führers Geburtstag feiern [20.4.].“ (Zitiert nach Mezger, S. 30).

Die Autoren erweisen sich auch in der Geschichte des „Dritten Reichs“ als nicht ganz sattelfest. Fachliteratur zum Nationalsozialismus wurde anscheinend kaum herangezogen, jedenfalls vermisst der Rezensent entsprechende Titel im Literaturverzeichnis. Manches bleibt unscharf oder nicht haltbar, vage oder spekulativ, um nur ein paar Beispiele herauszugreifen: „Die Funktion der Volksgemeinschaftsideologie bestand ja nicht in der Aufhebung der Klassengegensätze“; Hitler wird den Fasching „in München selbst erlebt haben“ .(S. 131), „prüde waren die Nationalsozialisten jedenfalls nicht“ (S. 159), „überall in Deutschland spürten die Menschen intuitiv: Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt. … war mit einem der vielen Regierungswechseln der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. nicht zu vergleichen“. (S. 51). Einiges ist schlicht falsch: So war Göring 1938 nicht der höchste SA-Führer; das angeblich aus der so genannten Heimtückeverordnung vom 21.3.1933 stammende Zitat auf S. 101-102 findet sich weder im Text der Verordnung noch in dem ihr folgenden, erweiterten und strafrechtlich verschärften Heimtückegesetz vom 20.12.1934.

Der Leser erhält jedoch auch konkrete Beispiele nationalsozialistischer Gleichschaltung und Kontrolle durch NS-Organe (zum Beispiel der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“) und NS-Funktionäre (unter anderem Wilhelm Ebel, Josef Grohé in Köln). Er lernt mutige Karnevalisten (Karl Küpper aus Köln, Leo Statz aus Düsseldorf, und andere mehr) kennen und erfährt von kritischen Künstlern wie Max Beckmann (1884-1950) und Karl Hofer (1878-1955), von gesellschaftskritischen Karnevalsbildnissen oder den Lumpen- und Maskenbällen in Künstlerkreisen. Auch zeigen die Autoren auf, wie die KPD-Mitglieder Karl Schwesig (1898-1955) und Otto Niebergall (1904-1977) sich den Karneval als Vehikel für politischen Widerstand zu Nutze machten, indem sie 1938 eine Karnevalszeitung in der Gestaltung der offiziellen Kölner Rosenmontagszeitung herausgaben. Mit beißendem Spott und Witz wollten sie über das nationalsozialistische Regime aufklären (Joseph Goebbels’ Motto als Prinz „Jüppche I.“: „Immer löje wi jedrukk“, S. 190) oder mit regimekritischen Wagenentwürfen, betitelt wie: „Daß wir hier in Flammen aufgehen, verdanken wir dem Führer!“ (S. 192).

Der Epilog des Buches ist dem (bislang) kollektiv verdrängenden Umgang der Kölner Karnevalisten mit der NS-Zeit gewidmet.

Fazit: Trotz aller Mängel gebührt dem Buch das Verdienst, dass es sich mit dem traurigen Kapitel der politisch-ideologischen Indienstnahme des Karnevals in der NS-Zeit auseinander setzt. Indes hätte es dem Buch gut getan, wenn die Autoren 1. die volkskundliche Karnevalsforschung hinreichend rezipiert und 2. Köln und den rheinischen Karneval paradigmatisch dargestellt hätten.


 

24.2.2011

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Alois  Döring (Bonn) 
 

       
 

       
 
 Cover: Dietmar/Leifeld: Alaaf und Heil Hitler (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 148KB)