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Marcel Albert, Die Benediktinerabtei Siegburg in der Berichterstattung der Kölner Nuntien (1584–1794) (Siegburger Studien 1 NF), Siegburg 2014, 223 S., ISBN 978-3-981604-15-3, 22,00 Euro.


Die Tradition der Benediktinerabtei auf dem Michaelsberg mag seit ihrer Schließung 2011 unterbrochen sein, der Verein der Freunde und Förderer des Michaelsberges aber hat dafür gesorgt, dass die von Pater Mauritius Mittler O.S.B. (verstorben 2013) maßgeblich geprägten Siegburger Studien weiter erscheinen können. Sie tun dies mit einem veränderten äußeren Erscheinungsbild: Zahlreiche farbige Abbildungen illustrieren den ersten Band der Neuen Folge, machen ihn auch für Leser attraktiv, die ungern einem wissenschaftlichen Text ununterbrochen über viele Seiten folgen.
Freilich ist mit dem promovierten Gerlever Benediktinerpater Marcel Albert, ausgewiesen durch eine Vielzahl kirchenhistorischer Studien, ein Autor gefunden worden, der die Kriterien Lesbarkeit und Wissenschaftlichkeit exzellent miteinander vereinbart. Den 100 Seiten der Darstellung folgen 100 Seiten mit Anmerkungen, Literaturverzeichnis und vorbildlichem Register.

Marcel Albert hat eine Quelle ausgewertet, die bislang weniger beachtet worden ist: die Berichte der Nuntien, die aus Köln nach Rom gelangt sind. In den Nuntiaturberichten aus dem ausgehenden 16., dem 17. und dem 18. Jahrhundert spielt die Benediktinerabtei Siegburg immer wieder eine wichtige Rolle. Es stechen einzelne Zeiträume hervor, etwa die Jahre nach 1669, als Siegburg vom Herzogtum Berg besetzt war und sich die Abtei allmählich mit einem Verzicht auf die Reichsfreiheit Im Spätmittelalter und in der Frühneuzeit rechtlicher Status der Personen oder Institutionen, die keinem Landesherrn, sondern unmittelbar dem König unterstanden. Reichsfreiheit besaßen die Reichsstände (-fürsten, -grafen, -städte), die Reichsdörfer sowie Reichsbeamte und Inhaber von Reichsgut. abfinden musste. Damals hatte sich der reformfreudige Abt Johann Bock von Pattern nicht nur mit den Besatzern der Stadt auseinanderzusetzen, sondern auch mit großen Teilen des ihm nicht mehr folgenden Konvents und mit dem ihm zur Seite gestellten Koadjutor, bald zum Kardinal erhobenen Bernhard Gustav von Baden-Durlach.

Dabei war Bock von Pattern nach seiner Wahl 1653 durchaus erfolgreich gewesen. Er setzte auf dem Michaelsberg neue bauliche Akzente, förderte in Zusammenarbeit mit der Bursfelder Kongregation eine geistliche Erneuerung im Kloster und sorgte für eine Stärkung des Katholizismus in der Stadt. Der KonventLateinisch (Zusammenkunft), Bezeichnung (1) für eine klösterliche Gemeinschaft, (2) für die Volksvertretung während der Französischen Revolution vom 21.9.1792 bis 26.10.1795, (3) für die Beratungsgremien in einer studentischen Verbindung (zum Beispiel Burschenkonvent, Altherrenkonvent). wuchs und gebildete Minoriten unterwiesen die Benediktiner nicht nur in Theologie.

Das Zerwürfnis zwischen Bock von Pattern und dem Konvent hatte möglicherweise sittliche Gründe, jedenfalls wurde er mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert. Angesichts dieser sinkenden Autorität konnte er seinem weltlichen Gegenspieler Philipp Wilhelm, Herzog von Jülich-Berg und Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, nichts entgegensetzten. Diesem reichte eine 196 Mann starke Infanteriekompagnie, um Siegburg besetzt zu halten. Abt Bock von Pattern bat den Kölner Erzbischof, sogar den Heiligen Stuhl um Hilfe. Philipp Wilhelm aber erwies sich auch gegenüber dem von Papst Clemens X. ernannten Nuntius Francesco Buonvisi trotz dessen diplomatischen Geschicks als der stärkere. 1676 musste die Abtei auf die beanspruchte Reichsfreiheit verzichten.

Marcel Alberts Studie, die grundlegende Literatur wie die von Michael F. Feldkamp, Hansgeorg Molitor und Erich Wisplinghoff klug rezipiert, Mauritius Mittler auch korrigiert, zeichnet nicht nur ein luzides Bild der Kirchenpolitik, sie stellt auch im Detail neue Kenntnisse zur Verfügung. So weist Albert das bisher verloren geglaubte Visitationsdekret von 1659 im Nuntiaturarchiv nach. In den Anmerkungen gibt er ausführlich und in nahezu editorischer Präzision die für die Siegburger Geschichte wichtigen Auszüge aus den Nuntiaturberichten wieder. So wird der Apparat zur Fundgrube für weitere Forschungen. Dass damit die zur Verfügung stehenden Quellen, die Albert konkret benennt, noch längst nicht ausreichend ausgewertet sind, lässt Arbeit für künftige Historikergenerationen.

Die Lektüre dieser Studie über eine über 300 Jahre zurückliegende Zeit führt beim Leser auch immer wieder zum Innehalten, fühlt er sich doch häufig an die Gegenwart erinnert. Sittliche Verfehlungen, Misswirtschaft, mangelnde Attraktivität der Abtei für Novizen, selbst der Ruf nach Aufhebung des Klosters haben die Geschichte des Michaelsbergs in Krisenzeiten immer wieder getroffen.


16.6.2015
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Ralf  Forsbach (Siegburg) 
 

       
 

       
 

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