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Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis

Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis (im 16. Jahrhundert auch Niederländisch-Westfälischer Reichskreis genannt) zählte zu den zehn im Jahr 1500 beziehungsweise 1512 durch Kaiser Maximilian I. (Regierungszeit 1493-1519) eingerichteten Reichskreisen. Seine Auflösung ging 1806 mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation einher.

Das Gebiet des im Jahr 1500 geschaffenen Reichskreises lag im Nordwesten des Alten Reichs und umschloss Großteile des Rheinlands und Westfalens, darüber hinaus Ostfrieslands, des Ems- und Siegerlands sowie Teile des maasländischen Raums. Der Reichskreis besaß bei seiner Gründung 55 Mitglieder. Er vereinigte die größten Territorien des rheinischen und westfälischen Raums, darunter die (bis 1609 noch dynastisch verbundenen) Herzogtümer Jülich, Kleve, Berg sowie die Fürstbistümer Münster, Paderborn und Osnabrück. Sein Gebiet war somit vergleichsweise geschlossen.

Abgesehen von wenigen kleineren Herrschaften bildete die Hauptausnahme das Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. Köln mit seinen anhängigen Besitzungen Herzogtum Westfalen und dem Vest Recklinghausen. Diese Territorien gehörten wie die geistlichen Kurstaaten Trier und Mainz dem Kurrheinischen Reichskreis an.

Bis zu seiner Auflösung kamen nur noch wenige kleinere Herrschaftsgebiete (Grafschaften und reichsunmittelbare Herrschaften) zum Reichskreis hinzu. Einige Kreismitglieder schieden aus wie das Fürstbistum Utrecht oder das Herzogtum Geldern. Beide Territorien wurden 1648 dem Burgundischen Reichskreis zugewiesen. Das Fürstbistum Cambrai fiel 1678 an Frankreich und trat somit aus dem Reichsverband aus. Andere Mitglieder erfuhren Standesveränderungen wie die 1667 gefürstete und 1744 an Preußen gelangte Grafschaft Ostfriesland. Die Fürstbistümer Minden und Verden wechselten ihren Status von geistlichen zu weltlichen Herrschaften, da sie in Folge der Westfälischen Friedensschlüsse von 1648 säkularisiert wurden.nach obenDas Direktorium Lateinisch, Vorstand, leitende Behörde. Von 1795-1799 im revolutionären Frankreich die oberste Regierungsbehörde (Directoire). des Reichskreises lag anfänglich bei den Herzögen von Jülich-Berg und den Fürstbischöfen von Münster als ihren geistlichen Kollegen. Wegen der Konkurrenz Jülich-Bergs zu Brandenburg-Preußen infolge der Teilung des Territorialverbandes ab 1609 wurde der Kurfürst Bezeichnung eines zur  Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten. und spätere (1701) König in Preußen 1665 dem Herzog von Jülich-Berg gleichgestellt. Der Streit zwischen den beiden Fürsten sollte sich jedoch über Jahrzehnte als nachteilig für die Führung des Reichskreises erweisen. Das Kreisarchiv befand sich in Düsseldorf. Gemessen an der Zahl der meist in der Reichsstadt Stadt auf Reichsgut, auch die ehemalige Bischofsstadt, die nicht einem Landesherrn, sondern allein König, Kaiser und Reich unterstand.  Die ehemaligen Bischofsstädte, die sich von der (weltlichen) Herrschaft der Bischöfe befreit hatten,  wurden zunächst als "Freie Städte" bezeichnet. Seit 1489 wurden alle Reichsstädte als "Freie Reichsstädte" (Freireichsstädte, liberae imperii civitates) bezeichnet. Köln stattfindenden Zusammenkünfte seiner Mitglieder auf Kreis- und Deputationstagen entfaltete der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis sein größte Lebendigkeit im 16. Jahrhundert, als die Reichskreise etwa zwecks Erbringung der so genannten Türkensteuer auch Reichstürkenhilfe, Bezeichnung für eine Sonderabgabe, die die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation im 15.-17. Jh. von der Bevölkerung und den Reichsständen einzogen, um die militärischen Ausgaben in den „Türkenkriegen“ zu finanzieren. Die im 14 Jh. einsetzende osmanische Expansion gen Westen und Osten wurde zunehmend als Bedrohung von den europäischen Ländern angesehen, weshalb es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien kam. Friedrich III. zog 1481 erstmalig die Steuer ein. Dazu wurden sogenannte „Türkenlisten“ angefertigt, in denen die finanziellen Beiträge der Bevölkerung festgehalten wurden. Die „Türkenhilfe“ konnte auch in Form von Truppen für die Reichsarmee abgerichtet werden. und anderer Reichspflichten zu gemeinschaftlichem Handeln mobilisiert wurden.

Im 17. und besonders im 18. Jahrhundert ging die Aktivität des Kreises deutlich zurück. Dabei schlug neben notorischen finanziellen Problemen zu Buche, dass die führenden Territorialherren die kleineren Mitglieder immer stärker in den Hintergrund drängten. Untereinander fanden – nicht zuletzt aus konfessionellen und bündnispolitischen Gründen – jedoch auch die Führungsmächte keine gemeinsame Linie. Eine konkrete historische Bedeutung lässt sich dem Reichskreis daher nur mit Blick auf zeitlich wie lokal begrenzte Initiativen zuweisen, etwa bei der militärischen Umsetzung („Exekution") von Reichsbeschlüssen gegen einzelne Reichsstände.

Die folgenden, ab 1815 mit ihren Gebieten zu Preußen und der ab 1830 so genannten Rheinprovinz angehörenden Herrschaften waren 1789 Teil des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises (nach Gerhard Köbler):

Herzogtum Kleve nebst den Grafschaften Mark und Ravensberg (1614 an Brandenburg)

Herzogtümer Jülich und Berg (1614 an Pfalz-Neuburg)

Hochstift Lüttich

Fürstabtei Stablo und Malmédy

Abtei Werden

Abtei Kornelimünster

Fürstabtei Essen

Fürstentum Moers

Grafschaft Sayn

Grafschaft Kerpen und Lommersum (Kerpen-Lommersum)

Grafschaft Schleiden

Grafschaften Blankenheim und Gerolstein

Reichsstadt Stadt auf Reichsgut, auch die ehemalige Bischofsstadt, die nicht einem Landesherrn, sondern allein König, Kaiser und Reich unterstand.  Die ehemaligen Bischofsstädte, die sich von der (weltlichen) Herrschaft der Bischöfe befreit hatten,  wurden zunächst als "Freie Städte" bezeichnet. Seit 1489 wurden alle Reichsstädte als "Freie Reichsstädte" (Freireichsstädte, liberae imperii civitates) bezeichnet. Köln

Reichsstadt Aachen

Herrschaft Gimborn und Neustadt (Gimborn-Neustadt)

Herrschaft Wickrath

Herrschaft Millendonk (Myllendonk)

nach obenLiteratur

Arndt, Johannes, Die Verflechtung des Rheinlandes mit dem politisch-rechtlichen System des Alten Reiches 1648-1806, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 208 (2005), S. 155-174.

Behr, Hans-Joachim, Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis um 1560 und 1794, in: Geschichtlicher Handatlas von Westfalen, hg vom Provinzialinstitut für Westfälische Landes- und Volksforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Münster i. W. 1982.

Dotzauer, Winfried, Die deutschen Reichskreise in der Verfassung des alten Reiches und ihr Eigenleben (1500-1806), Darmstadt 1989, S. 262-304.

Dotzauer, Winfried, Die deutschen Reichskreise (1383-1806). Geschichte und Aktenedition, Stuttgart 1998, S. 263-304.

Fabricius, Wilhelm, Erläuterungen zum geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz, Band 2: Die Karte von 1789, Bonn 1898, Nachruck Bonn 1965, S. 227-398.

Köbler, Gerhard, Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 7., vollständig überarbeitete Auflage, München 2007, S. 469-470.

Neuhaus, Helmut, Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis. Eine Region der Frühen Neuzeit?, in: Westfälische Forschungen 52 (2002), S. 95-110.

Schneider, Andreas, Der Niederrheinisch-Westfälische Kreis im 16. Jahrhundert. Geschichte, Struktur und Funktion eines Verfassungsorgans des Alten Reiches, Düsseldorf 1985.

 

Online

Der Westfälische Reichskreis 1512-1806 (Karte, Internetportal Westfälische Geschichte, angefertigt von Hans-Joachim Behr).

Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis 1751 und 1761 (historische Karten, Internetportal Westfälische Geschichte).

 

30.9.2010
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Stephan Laux (Düsseldorf)