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Wuppertal (kreisfreie Stadt)

Wuppertal ist eine junge Stadt, deren Bestandteile – die Großstädte Elberfeld und Barmen im Tal der Wupper, dazu Ronsdorf, Cronenberg, Vohwinkel und Beyenburg – allerdings auf ein höheres Alter verweisen können und 1929 zusammengefügt wurden. 1970 und 1975 erhielt die Stadt weiteren Zuwachs, einige Flächen im Nordosten und die Flecken Schöller, Dornap und Dönberg. Heute (2014) leben auf rund 17.000 Hektar Fläche etwa 350.000 Menschen. Der namengebende Fluss durchquert Wuppertal von Ost nach West auf einer Länge von etwa 30 Kilometern. Die Hänge steigen bis auf 350 Metern im Süden an und überwinden dabei eine Distanz von 250 Höhenmetern.

Abgabenliste des Klosters Werden, 1070 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 262KB)
Hochmittelalterliche Abgabenliste des Kloster Werden aus dem Jahr 1070. Erstnennung von Barmen, Reproduktion von Adolf Wert 1908.

Nachdem man lange glaubte, dass die Besiedlung der rechtsrheinischen Berglande erst in karolingischer Zeit erfolgt sei, wurden vor wenigen Jahren Keramikscherben des 6.-4. vorchristlichen Jahrhunderts entdeckt, die auf eisenzeitliche Bewohner im Tal der mittleren Wupper hindeuten. Das Land muss sich danach aus unbekannten Gründen entleert haben, römische Überreste sind nicht vorhanden. Erst fränkische Siedler aus Südwesten und sächsische aus Nordosten drangen wieder in das Gebiet vor. Eine allerdings gefälschte Urkunde aus dem 12. Jahrhundert bezeichnet Sonnborn im Westen Elberfelds als Oberhof des um 870 gegründeten Konvents Gerresheim (heute Stadt Düsseldorf). 1161 wird ein villicus von Elberfeld erwähnt, der einen ursprünglich wohl königlichen, später kölnischen Oberhof verwaltete, der mit anderen Höfen – Hilden, Schwelm, Hagen – den Weg vom Rhein nach Westfalen sicherte. Cronenberg und Barmen tauchen dagegen zuerst in einer Abgabenliste (um 1050) der Abtei Werden auf. 1245 verkaufte der Graf von Ravensberg einen Hof und die an ihn abgabepflichtigen Güter de barme an die Grafen von Berg, die mit Unterstützung der Erzbischöfe von Köln aus Lehns- und Pfandbesitz, Forst- und Vogteirechten im Land zwischen Ruhr und Sieg eine eigene Herrschaft aufbauten und ihr mit Burg an der Wupper (heute Stadt Solingen) ein Zentrum gaben. 1296 luden sie die Kreuzbrüder aus Flandern an ihren Hof „Steinhaus“ bei Beyenburg, die dort, an der Grenze zur Grafschaft Mark, eine Niederlassung errichteten.

Nach dem Sieg Ottos I. (Regierungszeit als römisch-deutscher König 936-973, an 962 Kaiser) über die Ungarn 955 auf dem Lechfeld wurde in Elberfeld eine Kirche errichtet, die Laurentius, dem Schutzheiligen des Heeres auf dem Lechfeld, gewidmet war. Elberfeld entwickelte sich zum Sitz einer Burg und einer benachbarten Freiheit (1) Gefreiter Bezirk vor einer Burg, (2)  im südlichen Westfalen und in Teilen des Rheinlands verbreitete Bezeichnung für gefreite Orte. . Nach etlichen Pfandwechseln gehörte es seit 1430 den inzwischen zu Herzögen erhobenen Herren von Berg. Als diese ihre Territorien in „Ämtern“ organisierten, wurden Elberfeld und Beyenburg Sitz von Amtleuten, Barmen zählte zum Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. Beyenburg.

Burg Elverfeld, 12. Jahrhundert (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 719KB)
Reproduktion des Gemäldes "Burg Elverfeld im 12. Jahrhundert", unbekannter Künstler.

In das Jahr 1356 fällt die erste urkundliche Erwähnung eines Hofes vowynkele (Vohwinkel) als Besitz des Damenstiftes Gräfrath (heute Stadt Solingen). Eine Liste des Amtes Beyenburg von 1466 zeichnet das Bild bäuerlicher Siedlungen. Viele Höfe waren inzwischen geteilt worden. Zweifelhaft ist, ob sie noch von der Landwirtschaft leben konnten. Vereinzelt tauchen schon „bäuerliche Gewerbe“ wie Radmacher oder Bäcker auf.

1527 erwirkten 41 Bewohner Elberfelds und Barmens von Herzog Johann (1511-1539) ein Monopol, wonach das Bleichen und Zwirnen von (Flachs-)Garn nur im Wuppertal stattfinden durfte. Mit der sogenannten „Garnnahrung“ erließ der Herzog eine Marktordnung für das Bleichen. Jeder Bleicher durfte nur zu festgelegter Zeit und nicht mehr als „tausend Stück“ Garn (ein Stück etwa acht Pfund) im Jahr bleichen und vertreiben. Eine Organisation aller Bleicher im Tal, die „Garnnahrung“, wachte darüber. Fremde konnten gegen eine Eidesleistung und die Zahlung von vier Gulden in die „Garnnahrung“ aufgenommen werden. Anders als in einer Zunft schottete man sich nicht ab. Die Urkunde schuf die rechtliche Basis für ein Bleichgewerbe, das die hohe Regenmenge des Wuppertals (die doppelte Menge von Köln) und den Wasserreichtum der Wupperwiesen ausnutzte. Das Flachsgarn wurde in den „Garnlanden“ um Bielefeld, Kassel oder Hildesheim gekauft und die gebleichte Ware auf regionalen oder überregionalen Märkten (Köln, Frankfurt, Amsterdam) vertrieben. Das Bleichen beflügelte weitere textile Gewerbe im Tal, vor allem die Herstellung von Bändern, Borten und Litzen, „Posamenten“ aller Art, wobei die Mode der Zeit diese Entwicklung unterstützte. Ein ausgreifender Handel erwarb den Rohstoff und vertrieb die Ware, er fasste in Elberfeld stärker als in Barmen Fuß. Die Kaufleute wurden „Verleger“, die mit Aufträgen zum Bleichen oder Weben die Produktion regelten, das Risiko des Verkaufs trugen und meist höhere Gewinne machten als die Bleicher.

Elberfeld um 1855 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 357KB)
Elberfeld um 1855, Lithografie von Wilhelm Riefstahl.

In Cronenberg entstand dagegen, angeregt durch die Ausbeutung lokaler Erzgruben und die Verhüttung des Erzes, ein Eisengewerbe, das Schmieden von Sensen. Schon früh verlagerte sich deren Herstellung von der Handschmiede zu wassergetriebenen Hammerwerken und Schleifsteinen. Im Jahre 1600 erwirkten 72 Cronenberger Schmiede, von denen jeder etwa 750 Sensen im Jahr herstellte, vom Landesherrn eine strenge Zunftordnung.

Wie die Wuppertaler damals für eine neue Organisation ihrer Gewerbe offen waren, so zeigten sie sich auch bereit für die Reform der Kirche. Die Reformation im Tal der Wupper besitzt jene Merkmale, die die konfessionelle Entwicklung in den niederrheinischen Herzogtümern kennzeichnen: sie war eine Bewegung in den Gemeinden, dazu kam sie erst nach 1550 zum Durchbruch. Zwar predigte Adolf Clarenbach schon in den 1520er Jahren in seiner bergischen Heimat, aber prägender wurde der Elberfelder Vikar Peter Lo, der das Abendmahl „in beiderlei Gestalt“ austeilte und Elberfeld mit seinem Annex Cronenberg in den 1560er Jahren behutsam zur reformierten Lehre überführte. Die Gemeinde trat nahezu geschlossen über, eine Gemeindespaltung mit Konflikten um das Gemeindevermögen fand nicht statt. Es bildete sich ein Presbyterium aus den sogenannten „Meistbeerbten“, das 1589 seine beiden Pfarrer zur ersten Zusammenkunft reformierter Gemeinden im Herzogtum Berg, zur Synode in Neviges (heute Stadt Velbert) entsandte.

Barmen um 1870 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 554KB)
Das hochindustrialisierte Barmen um 1870 (vom Ehrenberg), Gemäldeausschnitt von August von Wille.

Barmen gehörte mit seinem westlichen Teil zur Kirchengemeinde Elberfeld, mit seinem östlichen aber zum märkischen Schwelm, das nach einer ähnlichen Entwicklung wie in Berg lutherisch wurde. Auf Wuppertaler Gebiet blieben nur die Brüder des Klosters Beyenburg der katholischen Konfession treu und wurden darin von dem zum Katholizismus übergetretenen Landesherrn Bergs, dem Wittelsbacher Wolfgang Wilhelm, Herzog von Pfalz-Neuburg (an der Donau), unterstützt.

In die Zeit der Reformation fällt auch der Beginn eines institutionalisierten Schulwesens im Tal der Wupper. 1574 bestimmte Peter Lo Teile des Gemeindevermögens zum Unterhalt eines „Schulmeisters“, und 1579 verpflichteten sich 84 Barmer im Beisein ihrer Pfandherrin, der Gräfin von Waldeck, zum Bau einer Schule. Mit dieser Schule, dem ersten öffentlichen Gebäude Barmens, beginnt dessen eigentliche Geschichte. Vermutlich war die Schule als Vorläufer einer Kirchengemeinde geplant, doch zu deren Gründung kam es wegen der unsicheren Zeiten damals noch nicht.

1610 erhielt Elberfeld Stadtrechte, verliehen von den Herzögen Johann Sigismund von Brandenburg (1572-1620) und Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg. Beide wollten mit diesem Schritt Unterstützung mobilisieren für ihren Anspruch, den kinderlosen und geisteskranken Johann Wilhelm, Herrscher von Jülich, Kleve, Berg, der Mark, Ravensberg und Ravenstein (an der Maas) zu beerben. Die Elberfelder „Meistbeerbten“ wählten jetzt Bürgermeister und Rat und nahmen begrenzte Gerichts- und Steuerrechte wahr. 1708 kam ein eigenes Stadtgericht hinzu.

Den Dreißigjährigen Krieg überstand das Wuppertal glimpflich. Zwar hatte es unter den Lasten von Einquartierung und Fourage-Lieferung zu tragen, aber verglichen mit anderen Regionen hielten sich die Verluste in Grenzen. Elberfeld zählte nach dem Krieg etwa 1.200 Einwohner, Barmen knapp 1.000. Der katholische Landesherr strebte nach einer Rekatholisierung seiner niederrheinischen Territorien Jülich und Berg, doch traf er dabei auf den Einspruch des brandenburgischen Markgrafen als „Protektor“ der Protestanten am Niederrhein.

Einweihung der Barmer "Ruhmeshalle" (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 290KB)
Die Einweihung der Barmer "Ruhmeshalle" im Jahre 1900, Heute: "Haus der Jugend".

1687 brannte Elberfeld fast vollständig nieder, Kirche, Rathaus und 350 Häuser wurden zerstört. Der Landesherr half beim Wiederaufbau durch eine 20-jährige Abgabenfreiheit für alle neuen Häuser. Bereits 1690 konnte eine neue Kirche eingeweiht werden, 1707/1708 ein neues Rathaus. Dazu profitierte das Wuppertal von vielen Zuwanderern aus der Umgebung, vor allem aus der preußischen Mark gingen junge Männer scharenweise „über die Wupper“, um den gefürchteten Soldatenaushebungen zu entgehen. Das Wuppertal bot zunftfreie Arbeitsplätze und war offen für Innovationen. 1703 sind die ersten Färber in Elberfeld nachweisbar, dazu wurde zunehmend Baumwolle, auch Seide verarbeitet und Mischgewebe  entwickelt. Um 1760 erfand der Barmer Kaufmann Johann Heinrich Bockemühl einen „Riemengang“, mit dem zahlreiche Einzelfäden zu einem Schnürriemen verbunden werden konnten. 1784 errichtete der Elberfelder Kaufmann Johann Gottfried Brügelmann eine Baumwollspinnerei, die erste auf dem Kontinent. Und weltweit erwarben Wuppertaler Kaufleute die nötigen Rohstoffe und vertrieben ihre Produkte.

Die Zuwanderer waren häufig Lutheraner. 1747 durften sie gegen den Widerstand der Reformierten in Elberfeld eine eigene Gemeinde gründen. Für die Katholiken wurde 1690 eine Kapelle, 1732 eine Kirche errichtet. In Barmen gelang den Reformierten 1702 die Gründung einer Gemeinde. Für den Bau ihrer Kirche erteilte selbst Königin Anna von England (1665-1714) ein Kollektenpatent. 1721 erhielten die Katholiken dort ein Kirchgebäude, 1744 die Lutheraner in Wichlinghausen im Norden Barmens, 1778 die Lutheraner im Osten Barmens. Die zahlreichen unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen im Wuppertal entwickelten ein einigermaßen konfliktfreies Nebeneinander.

Ein Zirkel radikaler Pietisten um den charismatischen Elias Eller trennte sich 1737 von der Elberfelder Gemeinde und errichtete die Siedlung Ronsdorf, die schon 1745 Stadtrechte erhielt.

Die Gründung all dieser Gemeinden und der damit verbundene Bau von Kirchen ist eine der großen Leistungen des Wuppertals im 18. Jahrhundert. Seine Bewohnern widmeten sich mit Eifer ihrer Gemeinde, dort konnten sie „politisch“ wirken, was ihnen an anderer Stelle versagt war: sie gehörten nicht zu den Landständen und eine Tätigkeit am Hofe oder in der Verwaltung des katholischen Landesherrn war für sie auch nicht möglich.

Elberfelder Thalia-Theater, 1906 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 333KB)
Das Elberfelder Thalia-Theater im Zustand seiner Eröffnung im Jahre 1906.

Die Französische Revolution bescherte dem Tal einen wirtschaftlichen Boom, weil die Wuppertaler jene Märkte erobern konnten, die die Franzosen vernachlässigen mussten. Von den Revolutionskriegen blieb es zunächst verschont, aber 1806 wurde das Herzogtum Berg an Napoleon abgetreten, der es jedoch nicht Frankreich einverleibte, sondern seinem Schwager Joachim Murat (1767-1815) verlieh. Als dieser 1808 König von Neapel wurde, fiel das Großherzogtum Berg an den minderjährigen Neffen Napoleons. Für ihn übernahm der Kaiser selbst die Herrschaft, die von Reformen, aber auch von Repression geprägt war: Abschaffung der Leibherrschaft und des Lehnswesens, Auflösung aller Zünfte und Korporationen, etwa der „Garnnahrung“, Einführung des „Code Napoleon“ und der Kontinentalsperre Bezeichnet die von Napoleon 1806 verhängte Wirtschaftsblockade Großbritanniens, die den Höhepunkt des Wirtschaftskrieges des napoleonischen Frankreich gegen England markierte. Ziel der Blockade sollte ein wirtschaftliche Schwächung der britischen Großmacht sein, in der Folge war aber auch die kontinentale Wirtschaft stark eingeschränkt;auf dem europäischen Festland blühte der Schmuggel. Das Ausscheiden Russlands aus der Kontinentalsperre nahm Napoleon zum Anlass für den Russlandfeldzug 1812. , die der Wirtschaft im Tal schwere Schäden zufügte, Aushebung von Soldaten für die Kriege des Kaisers.

Im Januar 1813 kam es zum Aufstand junger Männer gegen die Konskription weiterer Soldaten. Die Franzosen reagierten mit Härte, die „Insurgenten“ wurden verhaftet, einer ihrer Anführer in Elberfeld erschossen. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das Rheinland und damit auch das Wuppertal, das damals insgesamt etwa 40.000 Einwohner umfasste, preußisch.

Die Wirtschaft erholte sich nur langsam von den Folgen der Kriege und dem Druck der englischen Konkurrenz. 1820 wurde die erste Dampfmaschine im Tal aufgestellt. Weitere Maschinen für die Produktion von Textilien folgten, Fabriken entstanden und auch der Handel weitete sich wieder aus. Das Wuppertal wurde ein frühindustrielles Zentrum. Seiner Bedeutung für Preußen entsprach die Gründung einer Handelskammer für Elberfeld und Barmen 1831. Der „Hunger“ der Dampfmaschinen nach Kohlen förderte deren Gewinnung im südlichen Ruhrgebiet und trieb den Bau einer „Kohlenbahn“ voran, die 1847 das Wuppertal bei Vohwinkel erreichte, wo inzwischen eine bereits 1841 von einer Aktiengesellschaft errichtete Bahn zwischen Elberfeld und Düsseldorf verkehrte. Der Ausbau des Schienennetzes ging dann zügig weiter und gab dem Bergbau und der Eisenindustrie an der Ruhr wichtige Impulse.

Mit der frühen Industrialisierung verstärkte sich die Zuwanderung ins Wuppertal. Es gab hier viele, allerdings schlecht bezahlte und unsichere Arbeitsplätze. Die niedrigen Löhne deckten häufig nur die Kosten einer dürftigen Existenz, Kinderarbeit war an der Tagesordnung und wurde erst seit 1839 gesetzlich reduziert. Mit „Fabrikordnungen“, die das Verhalten inner- wie außerhalb der Fabrik regelten, beuteten die Unternehmer ihre Arbeiter weiter aus. Das Elend der arbeitenden Klassen schilderte besonders eindrücklich der Barmer Fabrikantensohn Friedrich Engels in den „Briefen aus dem Wupperthale“ (1839).

Die „patriarchalische Fürsorge“, die die frommen Wuppertaler Unternehmer ihren Arbeitern angedeihen ließen, verhinderte nicht soziale Spannungen. Auch den  konservativen Kirchengemeinden im Tal gelang es immer weniger, das Volk zu „bändigen“. Im März 1848 stürmten Elberfelder Arbeiter eine Fabrik und die Bürger bildeten erste „politische Klubs“. Als der preußische König die von der Frankfurter Nationalversammlung Auch Frankfurter Parlament oder Deutsche Nationalversammlung, erstes frei gewähltes deutsches Parlament, das 18.5.1848-31.5.1849 in der Frankfurter Paulskirche tagte. erarbeitete Verfassung ablehnte, kam es im Mai 1849 in Elberfeld zum bewaffneten Aufstand. Eine Woche lang regierten die Aufständischen. Dann brach die Erhebung in sich zusammen. In Barmen blieb es dagegen ruhig.

Schwebebahn, 1913 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 347KB)
Die Wuppertaler Schwebebahn im Jahre 1913, Haltestelle "Werther Brücke".

Die Revolution brachte dem Bürgertum nur geringfügig erweiterte politische Spielräume. Es widmete sich jetzt verstärkt dem Ausbau der Industrie. Aus dem Textilgewerbe erwuchs der Maschinenbau, die chemische Industrie (1863 Gründung der Farbwerke Bayer in Barmen), die Herstellung von Teppichen und Möbelstoffen, von Konfektionswaren und Kunstseide (Glanzstoff), von Papier, Knöpfen, Nahrungsmitteln für die stetig wachsende Bevölkerung (1850: etwa 100.000, 1875: 200.000) und Klavieren für ein wohlhabendes und kunstsinniges Bürgertum. Die Wupperstädte wurden – noch vor Köln - der größte industrielle Komplex Westdeutschlands.

Neben Fabriken und öffentlichen Gebäuden (Kirchen, Schulen, Krankenhäusern, Landgericht, Bahnhof und Rathaus in Elberfeld ) entstanden Villenviertel und großbürgerliche Häuser. Eine städtische Infrastruktur mit gepflasterten Straßen, Wupperbrücken, Wasserwerken,  Kanalisation und Müllabfuhr, mit einer „Pferdebahn“ (1874), einer elektrischen Bergbahn in Barmen (1893) und der berühmten Schwebebahn kam auch der breiten Bevölkerung zugute. Verschönerungsvereine in Barmen und Elberfeld widmeten sich der Anlage von Parks an den Talhängen, Kunstvereine den ersten Museen in Barmen und Elberfeld. Großzügige Stadthallen sowie Theater in Barmen und Elberfeld bezeugen den Wohlstand der Wupperstädte, die um 1900 etwa 400.000 Einwohner zählten.  Doch das Angebot an Wohnraum für die Arbeiter blieb hinter dem Bedarf zurück, die Lage des Proletariats besserte sich nur langsam.

Gemarker Kirche, 1890 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 173KB)
Gemarker Kirche 1890, späterer Ort der Barmer-Bekenntnissynode.

Der Erste Weltkrieg traf das Wuppertal empfindlich. Die Arbeitslosigkeit stieg und sank erst seit 1916, als auch im Tal kriegswichtige Güter und Waffen produziert wurden. Am 8.11.1918 wurde die Revolution von einem Trupp Matrosen von Köln aus ins Tal gebracht, das danach von Straßenkämpfen zwischen Anhängern und Gegnern der Republik erschüttert wurde. 1923 wurde es mit der französischen Besetzung des Ruhrgebiets Grenzregion und nahm Tausende ausgewiesener Deutscher auf.

Nach dem Abzug der Besatzungstruppen ordnete der preußische Landtag die  Verwaltungsgrenzen im Rheinland neu und entschied 1929, Elberfeld, Barmen – das bereits 1922 das märkische Amt Langerfeld eingemeindet hatte -, Vohwinkel, Cronenberg, Ronsdorf und Beyenburg zu vereinen. 1930 erhielt das neue Gebilde den Namen „Wuppertal“. Die Konkurrenz zwischen Elberfeld und Barmen lebte jedoch fort und wurde geradezu zu einem Strukturelement der Wuppertaler Kommunalpolitik.

Schon 1922 hatte Adolf Hitler (1889-1945) Elberfeld besucht, und von 1924 bis 1926 wirkte Goebbels in der Stadt, dem Sitz des Gaus „Rheinland-Nord“. Seit 1929 saß die NSDAP im neu gewählten Stadtrat, den sie ab 1933 beherrschte. Die Wuppertaler SA errichtete das Konzentrationslager Ursprünglich als „Schutzhaftlager“ verwendet, wurden die vom NS-Regime während des "Dritten Reiches" errichteten Lager zur Internierung missliebiger Personen (zum Beispiel Juden, Zigeuner, demokratische und kommunistische Politiker, Geistliche, NS-Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Behinderte und sogenannte Asoziale) genutzt. Als wichtiges Instrumente des Staatsterrors wurden bis Kriegsbeginn sieben KZ errichtet, bis 1945 22 Hauptlager mit zahlreichen Außenlagern und Außenkommandos. Neben der Nutzung als Arbeitslager dienten einige der KZ ab 1941 als Vernichtungslager. Kemna, das einzige Lager im Regierungsbezirk Düsseldorf, das aber schon Anfang 1934 aufgelöst wurde, es lag zu nah bei der Stadt. Konspirativen Widerstand gegen das Regime leisteten Gewerkschafter, offenen gegen die „Deutschen Christen“ der NSDAP Wuppertaler Pfarrer und ihre Gemeinden, die Mitglieder der „Bekennenden Kirche“. Diese verabschiedete 1934 die „Barmer Theologische ErklärungDie theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen ("Barmer Bekenntnis") von 1934, federführend erarbeitet von dem Bonner Theologen Karl Barth (1886-1968), entstand aus der Notwendigkeit, das christliche Bekenntnis vor der Verfremdung durch die "Deutschen Christen" zu bewahren. Sie ist ein wichtiges theologisches Dokument aus dem Kirchenkampf der NS-Zeit und gilt als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der evangelischen Kirche im 20. Jahrhundert. In der Evangelisch-reformierten Kirche und der Evangelischen Kirche der Union gehört sie zu den Bekenntnisgrundlagen.“ gegen ein „völkisches“ Christentum und einen „arischen“ Christus.

Holzschnitt des KZ Häftlings Günther Strupp (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 143KB)
Holzschnitt des KZ Häftlings Günther Strupp.

Krieg und Zerstörung erlebte Wuppertal wie andere westdeutsche Städte auch, 1943 vernichteten zwei Luftangriffe die Zentren von Barmen und Elberfeld. Nach dem Ende des Krieges und der Währungsreform Neuordnung des Geldwesens durch staatliche Gesetzgebung, meist Änderung der Währungsverfassung. erholte sich das mittelständische Gewerbe überraschend schnell, Wuppertal wurde erneut ein Industriestandort mit ausgebauten Straßen im engen Tal und einer vielfältigen Anbindung der Stadt an das Autobahnnetz. Der wirtschaftliche Boom hob die Einwohnerzahl auf 423.000 (1963). Der Strukturwandel hin zu Dienstleistungen unterblieb jedoch.

Die Rezession Phase konjunkturellen Abschwungs mit sinkendem Bruttoinlandsprodukt. 1966/1967 traf Wuppertal hart und die weltweite Öffnung der Märkte setzte seiner Wirtschaft weiter zu und löschte den Textilsektor praktisch aus. Die Stadt, die mit dem Von-der-Heydt-Museum, mit Oper, Schauspielhaus und Tanzkompanie (Pina Bausch) auch kulturelle Glanzpunkte besitzt, verlor kontinuierlich Einwohner. Mit der Gründung einer Gesamthochschule 1972, der heutigen „Bergischen Universität“, steuerte die Politik dagegen. Wuppertal ist Standort von Forschungsstätten der Firma Bayer und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie (seit 1991). Dem reichhaltigen historischen Erbe der Stadt und ihrer umfangreichen denkmalwürdigen Bausubstanz (die meisten denkmalgeschützten Gebäude im Rheinland nach Köln!) widmete sich die „Regionale 2000“, ein mehrjähriges Programm des Landes zur Belebung innerstädtischer Quartiere. Einen Modernisierungsschub erfuhr Wuppertal mit der Errichtung innerstädtischer Einkaufszentren in Elberfeld, der „Rathaus-Galerie“ und den „City-Arkaden“. In einer auf mehrere Jahre angelegten und umfangreichen Baumaßnahme wird zur Zeit der Vorplatz des Hauptbahnhofs (ehemaliger Bahnhof Elberfeld) umgestaltet, um die Innenstadt Elberfelds enger mit dem Bahnhof zu verbinden und das klassizistische Bahnhofsgebäude sichtbar werden zu lassen. Barmen, das andere Zentrum der Stadt, hat dagegen in den letzten Jahren an Urbanität verloren.

Mahnmal für das KZ Kemna (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 715KB)
Mahnmal für das Konzentrationslager Kemna in Wuppertal, Foto: Frank Vincentz / CC BY-SA 3.0.

Zeitschriften

Stadtgeschichtliche Zeitschrift fortgeführt als "Geschichte im Wuppertal" (1992 ff.)

Mitteilungen des Stadtarchivs, des Historischen Zentrums und des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Wuppertal, Band 1 ff. (1976ff.)

Literatur

de Bruyn-Ouboter, Hans-Joachim, 1200 Jahre Barmen. Die Stadtgeschichte, Wuppertal 2009.

Christenn, Ulrich T., Atlas der christlichen Glaubensgemeinschaften in Wuppertal, Wuppertal 2007.

Dietz, Walter, Die Wuppertaler Garnnahrung, Neustadt/Aisch 1957.

Eckardt, Uwe, Cronenberg. Menschen, Daten und Fakten, Horb am Neckar 2000.

Engels, Sylvia/Eberlein, Hermann-Peter (Hg.), Die tausendjährige Geschichte der Alten reformierten Kirche, Kamen 2009.

Garweg, Udo, Wuppertaler Künstlerverzeichnis, Wuppertal 2000.

Goebel, Klaus, Aufstand der Bürger. Revolution 1840 im westdeutschen Industriezentrum, Wuppertal 1974.

Goebel, Klaus [u.a.], Geschichte der Stadt Wuppertal, Wuppertal 1977.

Helbeck, Gerd, Beyenburg – Geschichte eines Ortes an der bergisch-märkischen Grenze und seines Umlands, 2 Bände, Schwelm 2007/2011.

Heller, Heinz [u.a.], Literatur im Wuppertal. Geschichte und Dokumente, Wuppertal 1981.

Hoth, Wolfgang, Wuppertal. Die Industrialisierung einer rheinischen Gewerbestadt. Köln 1975.

Köllmann, Wolfgang, Sozialgeschichte der Stadt Barmen im 19. Jahrhundert, Tübingen 1960.

Krötz, Werner, Die Industriestadt Wuppertal. Mit einem Beitrag von Michael Knieriem (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande IV/1, Karten u. Beiheft), Köln 1982.

Reulecke, Jürgen, Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Barmen von 1910 bis 1925, Neustadt/Aisch 1973.

Speer, Florian, Ibach und die Anderen. Rheinisch-Bergischer Klavierbau im 19. Jahrhundert, Wuppertal 2002.

Ünlüdag, Tania, Historische Texte aus dem Wupperthale, Wuppertal 1989.

Wittmütz, Volkmar, Kleine Wuppertaler Stadtgeschichte, Regensburg 2013.

 

10.4.2015

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Volkmar  Wittmütz  (Köln)