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Theo Albrecht (1922-2010), Unternehmer

Theo Albrecht zählt an der Seite seines Bruders Karl Hans Albrecht (geboren 1920) zu den bedeutenden Unternehmerpersönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland. Als Begründer der Discounterkette „Aldi“ revolutionierte er den Einzelhandel und erwarb sich ein Milliardenvermögen. Über das Privatleben Albrechts ist nur wenig bekannt. Wie sein Bruder scheute auch er die Öffentlichkeit, so dass sich eine Betrachtung seiner Persönlichkeit vielfach in Spekulationen und Legendenbildung verliert.

Theodor Paul Albrecht wurde am 20.3.1922 im heutigen Essen-Schonnebeck als Sohn des Kaufmanns Karl Albrecht (1885-1948) und dessen Ehefrau Anna Siepmann geboren. 1913 hatten die Eltern in der Mittelstraße 89 in Schonnebeck, der heutigen Hue-Straße, einen 35 Quadratmeter großen Kolonialwarenladen erworben und im ersten Obergeschoss des Gebäudes ihre Wohnung bezogen. Das nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges von der Mutter geleitete und unter dem Namen „Karl Albrecht, Kolonialwaren“ firmierende Geschäft wurde zur Keimzelle eines weltweit agierenden Firmenimperiums.

Theo Albrecht besuchte die Volks- und Mittelschule seines Geburtsortes und begann im Anschluss eine Lehre im elterlichen Unternehmen. Im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen, gehörte er zunächst einer Nachschubeinheit in Afrika an und geriet bei Kriegsende in Italien in amerikanische Gefangenschaft. Nach ihrer Heimkehr übernahmen die Gebrüder Albrecht schrittweise die Leitung des Familienbetriebes. Die Währungsreform Neuordnung des Geldwesens durch staatliche Gesetzgebung, meist Änderung der Währungsverfassung. und die nachfolgende Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 eröffneten ihnen die Möglichkeit zur Expansion, die sie konsequent zu nutzen verstanden. Zunächst etablierten sie sich mit mehreren Filialen im Ruhrgebiet. Bis zum Jahr 1958 umfasste ihr Ladenkette ein Netz von 170, zwei Jahre später von 300 Filialen mit einem Gesamtjahresumsatz von etwa 90 Millionen D-Mark. Zu Beginn der 1970er Jahre dominierten Karl und Theo Albrecht mit über 600 Filialen in 300 Städten den Lebensmitteleinzelhandel der Bundesrepublik Deutschland. Der Jahresumsatz lag zu dieser Zeit bei etwa 4 Milliarden D-Mark.

Der Erfolgsgeschichte der Gebrüder Albrecht lag ein nüchterner Pragmatismus zu Grunde. Ihre über Jahrzehnte bewährte Geschäftspolitik basierte nicht nur auf dem Prinzip äußerster Sparsamkeit, sondern auch auf der Fähigkeit, ihre Führungsposition durch höchst effiziente Innovationen zu behaupten. Als die Konkurrenz in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zum Vertriebstypus des Supermarktes überging, gerieten die Gebrüder Albrecht unter Zugzwang. Nach wie vor basierte ihre Ladenkette auf dem traditionellen Konzept des Bedienungsladens, welches sich jedoch als nicht mehr wettbewerbsfähig erwies.nach oben

Karl und Theo Albrecht entwickelten in mehreren Versuchsstufen das Vertriebsmodell des Discounters, das die bestehende Unternehmensphilosophie mit den Vorzügen des Supermarktes verbinden sollte. Im Unterschied zur Konkurrenz offerierten sie ihren Kunden jedoch nur ein begrenztes Warensortiment, reduzierten die Ausstattung ihrer Märkte auf ein Minimum und verzichteten auch auf ein aufwändiges Marketing. Im Mittelpunkt stand das Ziel, durch Qualität und konkurrenzlos niedrige Preise zu überzeugen. „Unsere Werbung liegt im niedrigen Preis“ hatte Theo Albrecht bereits in einem Interview zu Beginn der 1950er Jahre geäußert. Dieses Prinzip wurde auch zum Motto der neuen Albrecht-Discounter, kurz Aldi, von denen der erste 1962 in Dortmund eröffnet wurde.

Noch während sie das Konzept des Discounters entwickelten, einigten sich die Gebrüder Albrecht im Jahr 1960 auf eine Teilung ihres Unternehmens in zwei eigenständige Konzerne, den heutigen Unternehmensgruppen Aldi-Süd und Aldi-Nord. Angeblich soll die Uneinigkeit über die Frage der Aufnahme von Tabakwaren und Tiefkühlkost in das Sortiment hierfür ausschlaggebend gewesen sein. Tiefgreifende strukturelle und ökonomische Überlegungen erscheinen jedoch als Erklärung realistischer. Während Karl Albrecht den süddeutschen Raum übernahm, agierte Theo Albrecht fortan im Norden der Bundesrepublik. In seinen Einflussbereich fiel nach 1989 auch das Staatsgebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Gegenwärtig umfasst die Aldi-Nord Gruppe 36 selbstständige Niederlassungen mit mehr als 2.500 Filialen und etwa 25.000 Mitarbeitern. Der Jahresumsatz war zuletzt leicht rückläufig und lag 2011 bei 11,7 Milliarden Euro.

1971 wurde Theo Albrecht das Opfer einer Entführung, die zu den spektakulärsten Kriminalfällen der Nachkriegszeit gehört. Hinter der Aktion steckten der verschuldete Rechtsanwalt Hans Joachim Ollenburg (geboren 1924) und der mehrfach vorbestrafte Einbrecher Paul Kron (geboren 1934), der gemeinhin als „Diamantenpaule“ bekannt war. Nach ihrer Aussage sollte ursprünglich Karl Albrecht entführt werden. Man sei wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes aber von diesem Plan abgerückt.

Am Abend des 29.11.1971 brachten sie statt seiner Theo Albrecht auf dem Gelände der Konzernverwaltung in Essen-Herten in ihre Gewalt. Erst nach zähen Verhandlungen und der Übergabe einer Lösegeldsumme von 7 Millionen D-Mark durch den Essener Bischof Franz Hengsbach erfolgte 17 Tage später die Freilassung. Gegenüber der Presse äußerte Albrecht am 16. Dezember: „Also, ich bin gesund. Ich bin natürlich sehr, sehr müde. Es hat mich ziemlich strapaziert.“ Es blieb seine letzte öffentliche Äußerung. Kron und Ollenburg wurden nach nur kurzer Flucht verhaftet und im Januar 1973 vor dem Landgericht Essen zu jeweils acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nur die Hälfte des Geldes konnte sichergestellt werden. Für Aufsehen sorgte im Jahr 1979 Albrechts Versuch, die steuerliche Absetzbarkeit seines Lösegeldes einzuklagen.

Mehr noch als zuvor schotteten sich Karl und Theo Albrecht nach der Entführung von der Öffentlichkeit ab, während sie ihre Unternehmen zugleich zu Weltkonzernen ausbauten. Es gelang ihnen nicht nur im europäischen Ausland Fuß zu fassen, sondern die Marke Aldi auch in den USA erfolgreich zu etablieren. Um im Sterbefall den Fortbestand seines Firmenimperiums zu sichern und Erbstreitigkeiten zu verhindern, brachte Theo Albrecht seine Kapitalmehrheit 1973 in die von ihm gegründete, nicht gemeinnützige Markus-Stiftung mit Sitz in Nortorf in Schleswig-Holstein ein.

Über das Privatleben Theo Albrechts drang nur wenig an die Öffentlichkeit. 1949 hatte er die aus Schonnebeck stammende Cäcilia „Cilly“ Hagelstein geheiratet. Aus der Ehe gingen die Söhne Theo jun. (geboren 1951) und Berthold (geboren 1955) hervor. Der steigende Wohlstand erlaubte es der Familie in der Mitte der 1950er Jahre, von Schonnebeck in ein Haus im noblen Essener Vorort Bredeney überzusiedeln. Albrecht galt als gläubiger Katholik. In seiner Freizeit widmete er sich der Jagd, spielte Golf und sammelte alte Schreibmaschinen. Auf der Nordseeinsel Föhr besaß er ein Anwesen. Obwohl er nach seinem Bruder mit einem Vermögen von geschätzt 12,8 Milliarden Euro der zweitreichste Deutsche war und auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt zuletzt auf Rang 31 rangierte, galt er als äußerst sparsam. Bezeichnenderweise soll Paul Kron bei der Entführung im Jahr 1971 zunächst den Personalausweis Albrechts verlangt haben, da er ihn wegen seines unauffälligen Äußeren zunächst für einen Buchhalter gehalten hatte. Der „Geheimniskrämer“ Theodor Albrecht blieb zeitlebens ein prinzipientreuer, aber auch weitsichtiger Pragmatiker, der an seine Person die gleichen Maßstäbe anlegte, wie er sie auf geschäftlicher Ebene vertrat und einforderte.

1993 zog sich Theo Albrecht aus dem operativen Geschäft von Aldi-Nord zurück, hatte aber noch bis 2002 den Vorstandsvorsitz seiner Stiftung inne. Er verstarb am 24.7.2010 in seiner Geburtsstadt Essen an den Folgen eines im Jahr 2009 bei einem Sturz erlittenen Beinbruchs. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof in Bredeney.


Literatur

Brandes, Dieter, Konsequent einfach. Die ALDI-Erfolgsstory, 1998.

Hintermeier, Hannes, Die Aldi-Welt. Nachforschungen im Reich der Discount-Milliardäre, 1998.

 

3.5.2013

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Björn  Thomann  (Sankt Augustin) 
 

       
 

       
 
 Erste Aldifiliale in Essen (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 189KB)

Erste ALDI-Filiale in der Essener Huestraße, 2006 / CC-BY-SA.