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Hermann Heinrich Becker (1820-1885), Revolutionär und Kölner Oberbürgermeister

Hermann Heinrich Becker gehörte zu den populären Protagonisten der demokratischen Bewegung des Vormärz und der Revolution 1848/1849. Bereits während seiner Schulzeit wurde er wegen seiner auffallenden Haar- und Bartfarbe „roter Becker" gerufen. Später wurde dieser Beinamen auch auf seine sozialrevolutionären Gesinnung übertragen. In seinem Amt als Oberbürgermeister von Köln schuf Hermann Heinrich Becker ab 1875 wesentliche Voraussetzungen für die Erweiterung und Modernisierung des Kölner Stadtgebietes im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Hermann Heinrich Becker wurde am 15.9.1820 in Elberfeld (heute Stadt Wuppertal) als Sohn des Arztes Hermann Becker und dessen Frau Theodora, geborene Krackrügge geboren. Er besuchte zunächst das Gymnasium in Soest, von dem er aber wegen Beteiligung an einem Duell verwiesen wurde. Seine Gymnasialzeit beendete er Ostern 1842 in Dortmund mit dem Abitur. Im April 1842 immatrikulierte sich Becker an der juristischen Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule.  der Universität Heidelberg und war hier maßgeblich an der Wiederbelebung der nach dem Frankfurter Wachensturm Nach der Julirevolution 1830 radikalisierte sich in Deutschland die nationaldemokratische Opposition und entwickelte den Ansatz, das System des Deutschen Bundes auf revolutionärem Wege zu beseitigen. Das Signal zu einem allgemeinen Aufstand sollte von einem Angriff auf die Bundesversammlung in Frankfurt ausgehen.Am 3.4.1833 versuchten rund 50 Burschenschaftler durch einen Überfall auf die Hauptwache und die Konstablerwache in Frankfurt am Main die nationale Erhebung auszulösen, scheiterten jedoch an der Passivität der Bevölkerung. Nach dem Misslingen kam es zu zahlreichen Hochverratsprozessen, die in Preußen zur Verhängung von Freiheitsstrafen führen. Damit einher ging die Unterdrückung jedes studentischen Verbindungswesen durch die Frankfurter Bundeszentralbehörde.  1834 zusammengebrochenen burschenschaftlichen Reformbewegung beteiligt. Er wurde Mitglied der Burschenschaft Bezeichnung einer von ehemaligen Teilnehmern an den Befreiungskriegen gegründeten, sich ab 1815 an den deutschen Universitäten ausbreitenden studentischen Nationalbewegung. 1819 auf Grundlage der Karlsbader Beschlüsse verboten.  „Lumpia", zu deren Sprecher er gewählt wurde. Zunehmend in politisch radikales Fahrwasser gelangend, verließ er Heidelberg im Sommer überstürzt, um einer drohenden Ausweisung durch die akademischen Behörden zuvor zu kommen. Im Wintersemester 1843/1844 setzte er sein Studium in Bonn fort. Als Mitglied und Sprecher der Burschenschaft „Fridericia" wirkte er auch hier als ein entschiedener Vertreter der studentischen Progressbewegung und lernte den republikanischen Dozenten Gottfried Kinkel kennen.

Nach Beendigung des Studiums in Berlin begann er 1845 eine juristische Laufbahn und promovierte 1847 mit einer Arbeit zum Thema „Historia juris criminalis Brandenburgensis" (Geschichte des brandenburgischen Kriminalrechts). Im gleichen Jahr wurde er im Rang eines Gerichtsreferendars zunächst nach Bonn und schließlich nach Köln versetzt, wo er sich dem demokratischen Zirkel um Karl Marx und Friedrich Engels anschloss. Zeitlebens als politischer Querdenker bekannt, lehnte er ihre Theorien und Forderungen jedoch in Teilen ab.

Die Revolution 1848 / 1849 stellte eine entscheidende Zäsur in Beckers Leben dar. Er wurde Mitglied der Kölner Bürgerwehr, gehörte dem Vorstand des „Vereins für Arbeiter und Arbeitgeber" an und wirkte als Redakteur in der von ihm begründeten, antipreußisch ausgerichteten „Westdeutschen Zeitung". Darüber hinaus gehörte er dem Rheinischen Kreisausschuss der Demokraten und dem Kölner Sicherheitsauschuss an.

Der Zusammenbruch der Revolution 1849 hinderte ihn nicht daran, sein politisches Engagement fortzusetzen. Die fundierte juristische Ausbildung und eine ausgeprägte rhetorische Begabung erlaubten es ihm, sich zunächst erfolgreich in den gegen ihn geführten Gerichtsverfahren selbst zu verteidigen. 1850 trat Becker dem Bund der Kommunisten Gegründet 1847 auf zwei Konferenzen in London  von Karl Marx und Friedrich Engels, vorläufige Statuten unter dem Motto "Proletarier aller Länder vereinigt Euch", 1852; Vorläufer der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA).  bei und fungierte 1851 als Herausgeber des ersten Bandes der gesammelten Aufsätze von Karl Marx. Noch im gleichen Jahr wurde er, von behördlicher Seite als einer der „gefährlichsten Menschen der Rheinprovinz und Westfalens" eingestuft, verhaftet und im Zuge des Kölner Kommunistenprozess am 12.11.1852 zu fünfjähriger Festungshaft verurteilt.nach obenEr selbst sah sich stets als Opfer staatlicher Willkür und bezeichnete die im Prozessverlauf gegen ihn vorgelegten schriftlichen Beweise als Fälschung. Nach vollständiger Verbüßung seiner Strafe in der Festung Weichselmünde bei Danzig – ein Fluchtversuch scheiterte – war er ab 1857 zunächst als Kaufmann in Dortmund tätig, ehe er als Mitglied der Fortschrittspartei seine publizistische und politische Arbeit wieder aufnahm und in den Dortmunder Stadtrat gewählt wurde. Er begründete in dieser Zeit nicht nur den „Historischen Verein für Dortmund und die Grafschaft Mark", sondern auch die Dortmunder Volksbank.

1861 wurde er für den Wahlkreis Bochum-Dortmund in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt, wo er sich als Experte für wirtschaftspolitische Fragen und als herausragender Redner einen Namen zu machen verstand. Ab 1867 gehörte er auch dem Norddeutschen Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags.  an.

Entgegen dem Programm seiner Partei befürwortete Becker den außenpolitischen Kurs des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815-1898) und dessen Bestrebungen zur Verwirklichung eines deutschen Nationalstaates unter preußischer Führung. Obwohl er die nationalliberale Politik Bismarcks zuvor entschieden abgelehnt hatte, sah er nun, wie zahlreiche Revolutionäre von 1848/1849, in der Reichsgründung von 1871 sein deutschlandpolitisches Lebensziel verwirklicht. Seine zustimmende Haltung eröffnete Becker auch in seiner politischen Karriere neue Perspektiven. 1871 wurde der einstige politische Häftling zum Oberbürgermeister von Dortmund gewählt und 1872 ins preußische Herrenhaus berufen. Von 1871 bis 1874 gehörte er dem Reichstag als Abgeordneter an.

Am 14.1.1875 wurde Becker zum Oberbürgermeister von Köln gewählt, jener Stadt, die er nach seiner Verurteilung 1852 über Jahre nicht hatte betreten dürfen. In seiner über zehnjährigen Amtszeit schuf er wichtige Voraussetzungen für die Modernisierung Kölns und zeichnete, nach langwierigen Verhandlungen mit der preußischen Regierung, maßgeblich für die Niederlegung der aus dem 12. Jahrhundert stammenden mittelalterlichen Stadtmauer zugunsten einer Erweiterung des Stadtareals verantwortlich. In seine Amtszeit fällt auch die Fertigstellung des Kölner Doms im Jahr 1880. Trotz seiner Erfolge in der Sozial- und Wirtschaftspolitik verstand es der überzeugte Protestant Becker während des Kulturkampfes nicht, eine vermittelnde Rolle zwischen dem preußischen Staat und der katholischen Kirche einzunehmen.

Bis zuletzt war das Bestreben nach sozialer Gerechtigkeit ein wesentliches Merkmal seiner politischen Arbeit. Eine notfalls auch mit dem historischen Erbe Kölns brechende Modernisierungspolitik schien für ihn der Schlüssel zur Beseitigung der bestehenden sozialen Not großer Teile der Bevölkerung zu sein. 1884 erkrankte Hermann Heinrich Becker an Tuberkulose und starb 65-jährig am 9.12.1885 in Köln. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Melaten, eine Figur des „roten Becker" schmückt den Kölner Rathausturm, und in Köln Nord wurde eine Straße nach ihm benannt.

 nach obenQuellen

Hackenberg, Karl E., Der rote Becker. Ein deutsches Lebensbild aus dem 19. Jahrhundert, Leipzig 1899.

 

Literatur

Biefang, Andreas, Hermann Heinrich Becker (1820-1885), in: Rheinische Lebensbilder 13 (1993), S. 153-181.

Brendel, Detlef, Hermann Heinrich Becker (1820-1885), in: Fischer, Heinz-Dietrich (Hg.), Deutsche Presseverleger des 18. bis 20. Jahrhunderts, München 1975, S. 130-140.

Dvorak, Helge (Hg.), Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band 1: Politiker, Teilband 2: A-E, Heidelberg 1996, S. 70-71.

Oepen, Joachim, Hermann Heinrich Becker, Oberbürgermeister von Köln (1875-1885), in: Geschichte in Köln 32 (1992), S. 77-104.

Romeyk, Horst, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945, Düsseldorf 1994, S. 348. 

 

30.9.2010
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Björn Thomann (Sankt Augustin) 
 

       
 

       
 
 Hermann Heinrich Becker (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 95KB)

Hermann Heinrich Becker, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1992, Bildhauer: Helmut Moos. (© Kölner Stadtkonservator)