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Johannes Bell (1868-1949), Reichsminister

Johannes Bell war Jurist und betätigte sich frühzeitig in der Zentrumspartei, Von 1908 bis 1921 gehörte er dem preußischen Landtag und von 1912 bis 1933 dem Deutschen Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags. an, dessen Vizepräsident er von 1920 bis 1926 war. Er war 1919 der einzige Reichskolonialminister der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. , von Juni 1919 bis Ende April 1920 deren erster Reichsverkehrsminister. In dieser Eigenschaft bewältigte er die „Verreichlichung“ der Ländereisenbahnen. 1926 bis 1927 bekleidete er noch die Ämter des Reichsjustizministers und des Reichsministers für die besetzten Gebiete. Zudem hatte er in der Weimarer Zeit als prominenter (partei)politischer Publizist einen Namen.

Johannes (Hans) Josef Alexander Bell wurde am 23.9.1868 in Essen als Sohn des Geometers Josef Bell und seiner Ehefrau Josefine, geborene Steuer, geboren; die Familie war katholisch. Bell besuchte Gymnasien in Minden, Dortmund und Essen, legte Ostern 1886 am Burggymnasium in Essen das Abitur ab, studierte vom Sommersemester 1886 bis zum Sommersemester 1889 Rechts- und Staatswissenschaften in Tübingen (Mai 1886 Mitglied der AV Guestfalia Tübingen im CV), Leipzig (1886 bis 1888) und Bonn (1888-1889), wo er das Studium am 1.6.1889 mit der ersten juristischen Staatsprüfung abschloss. Im gleichen Jahr wurde er zum Dr. iur. utr. promoviert. Seinen juristischen Vorbereitungsdienst leistete er im Bezirk des Oberlandesgerichtes Hamm (in Werden, Essen und Hamm) ab und wurde nach der Großen juristischen Staatsprüfung am 23.11.1893 zum Gerichtsassessor Lateinisch, Abkürzung Ass., bezeichnet den Anwärter auf die höhere Beamtenlaufbahn nach abgeschlossenem Universitätsstudium und Vorbereitungsdienst mit zweiter Staatsprüfung (Assessorprüfung). ernannt. Bell schied aus dem Justizdienst und ließ sich ab 8.1.1894 als Rechtsanwalt in Essen nieder; 1900 erfolgte zusätzlich seine Ernennung zum Notar, 1912 wurde ihm der Titel Justizrat verliehen. 1896 hatte er Trude Nünning geheiratet

Erste Sitzung des Kabinetts Scheidemann (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 116KB)
Erste Sitzung des Kabinetts Scheidemann, Weimar, Februar 1919. (Bundesarchiv, Bild 146-1982-092-29 / CC-BY-SA)

In Essen betätigte sich Bell in der Zentrumspartei und wurde 1909 deren Vorsitzender; ab 1905 gehörte er dem Provinzialausschuss, später auch dem Vorstand der rheinischen Zentrumspartei an. Von 1900 bis 1919 war er Stadtverordneter in Essen, 1908 wurde er in das preußische Abgeordnetenhaus (Wahlkreis Düsseldorf 13: Stadtkreis Essen) und im Januar 1912 in den Reichstag (Wahlkreis Düsseldorf 7: Moers-Rees) gewählt; beiden Parlamenten gehörte er bis 1918 an. Bell hatte seinen Hauptwohnsitz bis 1926 in Essen, dann siedelte er nach Berlin-Lankwitz über.

Seine politische Tätigkeit setzte Bell ab 1919 fort. Zwar gehörte er noch von 1919 bis 1921 der preußíschen Landesversammlung an, der Schwerpunkt lag aber fortan auf der Reichspolitik. Im Januar 1919 wurde er (im Wahlkreis 23: Düsseldorf 2) in die Deutsche Nationalversammlung Erstes, frei gewähltes deutsches Parlament, ging aus Wahlen im Mai 1848 hervor und war das Ergebnis der Märzrevolution in den Staaten des Deutschen Bundes. Tagte vom 18.5.1848 bis 31.5.1849 in der Frankfurter Paulskirche. gewählt, zwischen Juni 1920 und November 1933 gehörte er dem Reichstag an, jeweils gewählt im Wahlkreis 26 beziehungsweise 23: Düsseldorf-West. Bereits am 13.2.1919 berief ihn Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann (1865-1939) in sein Kabinett, in dem ihm als Reichsminister die Leitung des aus dem kaiserlichen Reichskolonialamt hervorgegangenen Reichskolonialministeriums übertragen wurde. Diesem Ministerium oblag vor allem die Abwicklung der noch laufenden Geschäfte und Verpflichtungen der Kolonialverwaltung auf zentraler wie auf regionaler Ebene; da dies aber nicht die Grundlage für einen dauerhaften Fortbestand des Ministeriums sein konnte, beschloss die Reichsregierung auf Antrag Bells am 4.11.1919, das Reichskolonialministerium in stark verkleinerter Form dem neu zu bildenden Reichsministerium für Wiederaufbau anzugliedern; als Folge wurde Bell am 7.11.1919 durch Reichspräsident Friedrich Ebert (1871-1925, Reichspräsident 1919-1925) von seinen Pflichten in der Leitung des Reichskolonialministeriums entbunden.

Johannes Bell auf dem Weg zum Reichstag (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 66KB)
Johannes Bell, Juni 1928. (Bundesarchiv, Bild 102-06074 / CC-BY-SA)

nach obenMit der Bildung des Kabinetts von Gustav Bauer (1870-1944) am 21.6.1919 (Reichskanzler 21.6.1919-26.3.1920) - mit dem er wenige Tage später den Versailler Vertrag unterzeichnen musste - war Bell aber eine weitere, zukunftsträchtigere Aufgabe innerhalb der Reichsregierung übertragen worden: Er wurde mit dem Aufbau eines Reichsverkehrsministeriums beauftragt und nach Schaffung der organisatorischen Rahmenbedingungen am 5.11.1919 zum ersten Reichsverkehrsminister ernannt. Im Mittelpunkt der Tätigkeit des neuen Ministeriums stand - neben der Organisation einer reichsweiten Verkehrsverwaltung - der von der Weimarer Reichsverfassung normierte Übergang der Eisenbahnen der Länder (Preußen-Hessen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg) auf das Reich, der zum 1.4.1920 wirksam wurde. Da er diese Aufgabe in jedem Fall zu Ende führen wollte, wurde Bell bei der Bildung der Regierung Hermann Müller (1876-1931) I (27.3.-8.6.1920) am 27.3.1920 erneut zum Reichsverkehrsminister ernannt. Irritationen rief hervor, dass die offiziöse „Deutsche Allgemeine Zeitung“ am 28. März diese Ernennung als „vorläufig“ apostrophierte, was starke Verstimmung im Zentrum hervorrief. Bell verblieb im Amt des Reichsverkehrsministers, bis die Nationalversammlung Ende April 1920 der Vereinheitlichung der Eisenbahnen zugestimmt hatte und trat am 1. Mai als Reichsverkehrsminister zurück.

Das Kabinett Gustav Bauer (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 129KB)
Das Kabinett Gustav Bauer, Weimar, 1919. (Bundesarchiv, Bild 183-R00549 / CC-BY-SA)

In der Folgezeit betätigte sich Bell vornehmlich im Vorstand der Reichstagsfraktion des Zentrums, im Reichsausschuss beziehungsweise Reichsparteiausschuss des Zentrums (ab 1925), im Präsidium des Reichstags (erster Vizepräsident 25.6.1920- 27.5.1924, zweiter Vizepräsident 28.5.1924-17.7.1926) sowie als politischer und juristischer Publizist. Er wirkte unter anderem in folgenden Reichstagsausschüssen mit: Ausschuss für soziale Angelegenheiten (1920–1924, Vorsitzender), Geschäftsordnungsausschuss (1920–1924, 1924–1928, 1932, zeitweise Vorsitzender), Rechtsausschuss (1924–1930), Ausschuss für das Reichsstrafgesetzbuch (1928–1930, stellvertretender Vorsitzender), Strafrechtsausschuss (1930–1932, stellvertretender Vorsitzender), Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten (1932–1933). Ferner war er Vorsitzender des Reichstagsuntersuchungsausschusses für Völkerrechtsverletzungen im Ersten Weltkrieg.

Als sich die Hoffnungen auf die Bildung einer Großen Koalition durch Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt. Wilhelm Marx im Sommer 1926 zerschlagen hatten, wurde Bell am 16. Juli zum Reichsjustizminister ernannt und zugleich mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Ministers für die besetzten Gebiete beauftragt (beide Ressorts waren vorsorglich nicht besetzt worden). Nach dem Rücktritt der Regierung Marx III (3.6.-17.12.1926) am 17.12.1926 blieb Bell noch bis zur Bildung einer neuen Regierung am 29.1.1927 im Amt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zog sich Bell aus der Politik zurück.

Neben seinen vielfältigen politischen Ämtern war Bell Aufsichtsratsmitglied der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) und Kuratoriums- und Vorstandsmitglied zahlreicher wirtschaftlicher und politischer Vereine und Einrichtungen. Bis zu seiner Evakuierung im April 1943 lebte er in Berlin, danach in Würgassen an der Weser, wo er am 21.10.1949 gestorben ist.

 

Quellen

Teilnachlässe im Bundesarchiv Koblenz und im Archiv des Erzbistums Paderborn.

Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik: Das Kabinett Scheidemann I (1919), bearb. von Hagen Schulze, Boppard 1971. - Das Kabinett Scheidemann I (1919/1920), bearb. von Anton Golecki, Boppard 1980. - Das Kabinett Müller I (1920), bearb. von Martin Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern , Boppard 1971. - Das Kabinett Marx III und IV (1926 bis 1928), bearb. von Günter Abramowski, Boppard 1988.

(online-Edition:  http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/index.html (14.11.2011).

 

Schriften

Volkswirtschaftliche und mittelständische Fragen für die Kriegs- und Übergangszeit, 1918.

Volksstaat und Staatsvolk, 1928.

Deutsche und österreichische Strafrechtsreform, 1930.

Herausgeberschaft

Völkerrecht im Weltkrieg, 1930.

 

Literatur

Dickhoff, Erwin, Essener Köpfe, Essen 1985, S. 18.

Gesamtverzeichnis des CV 1931, [München] 1931.

Haunfelder, Bernd, Reichstagsabgeordnete der Deutschen Zentrumspartei. Biographisches Handbuch und historische Biographien, Düsseldorf 1999, S. 128-129.

Mann, Bernhard, Biographisches Handbuch für das preußische Abgeordnetenhaus (1867-1918), Düsseldorf 1988, S. 59-60.
Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, 2 Bände, Berlin 1931, Band 1, S. 98-99.

Schumacher, Martin, M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945. Eine biographische Dokumentation, 3. erweiterte Auflage Düsseldorf 1994, S. 30.

 

Online

Milatz, Alfred, „Bell, Johannes“, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 29.

 

 

 

17.9.2012 

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Joachim Lilla (Krefeld) 
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 Johannes Bell (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 70KB)

Johannes Bell, Porträtfoto, 1908. (Bundesarchiv, Bild 146-2007-0217 / CC-BY-SA)