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Max Braubach (1899-1975), Historiker

Max Braubach wirkte seit 1928 als Ordinarius Lateinisch, aus iudex ordinarius entstandene Kurzform, bezeichnet (1) den Inhaber der iurisdictio ordinaria, das heißt in der katholischen Kirche den Papst, und die ordinarii locorum, das heißt den regierenden Bischof, Abt oder Prälaten, den apostolischen Administrator, Vikar oder Kapitelsvikar usw.,  (2) den durch Berufung auf einen Lehrstuhl gelangten, lebenslang ernannten Professor, seit der Abschaffung der so genannten "Ordinarienuniversität" mit den Hochschulreformen der 1970er Jahre unüblich gewordene Bezeichnung.  für Geschichte an der Universität Bonn und verfasste in dieser Zeit zahlreiche historische Werke, darunter wichtige Arbeiten zur Geschichte der rheinischen Territorien im 17. und 18. Jahrhundert und der Bonner Universität.

Max Braubach wurde als Spross einer Kölner Bürgerfamilie am 10.4.1899 in Metz geboren, wo sein Vater als Leiter der staatlichen Bergbauverwaltung tätig war. Nach dem Abitur strebte Braubach die Offizierslaufbahn an und nahm 1917/ 1918 als Mitglied des Straßburger Husarenregiments am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg wandte er sich dem Studium der Geschichte und Nationalökonomie Veraltete Bezeichnung für Volkswirtschaftslehre.  zu, zunächst in Heidelberg und dann in Bonn, wo er engagiert und außerordentlich zielstrebig an seiner akademischen Karriere im Fach Geschichte arbeitete: 1922 wurde er in Bonn unter der Ägide von Aloys Schulte zum Dr. phil. promoviert, schon 1924 habilitierte er sich dort. Vier Jahre später folgte Braubach seinem akademischen Lehrer auf dessen Bonner Geschichtslehrstuhl nach.

Dieser Erfolg war freilich weniger zielstrebiger Karriereplanung als der Verknüpfung für Braubach glücklicher Umstände geschuldet: Schultes Lehrstuhl war von den drei Bonner Geschichtsordinariaten derjenige, den die Universität auf Weisung des preußischen Staates seit 1840 einem katholischen Lehrstuhlinhaber vorbehielt. Als Lehrstuhlnachfolger Schultes war zunächst der renommierte Wiener Historiker Heinrich Ritter von Srbik (1878-1951) ausersehen, der jedoch das Bonner Angebot 1926 ausschlug und seinerseits den jungen Bonner Privatdozenten Braubach ins Gespräch brachte – ein Vorschlag, der von der Philosophischen Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule.  aufgegriffen und akzeptiert wurde.

Die Etablierung als Lehrstuhlinhaber verschaffte Braubach schon früh berufliche Unabhängigkeit als Wissenschaftler, was sich vor allem nach 1933 als wichtig erweisen sollte. Sie erlaubte dem Bonner Hochschullehrer, stets Distanz gegenüber dem NS-Regime zu wahren, dem er persönlich – anders als viele Wissenschaftler, auch Historiker, seiner Generation – aufgrund seiner christlichen, im Katholizismus wurzelnden Grundhaltung keine Sympathie entgegenbrachte.

Es war diese von der NS-Ideologie unabhängige, zugleich auch nicht offen regimekritische Position, die Braubach 1936 als geeigneten Kandidaten für den Vorsitz des traditionsreichen und breitenwirksamen Historischen Vereins für den Niederrhein erscheinen ließ, denn so gelang es Braubach, dessen spezifisches Profil zu bewahren und zugleich dessen Fortexistenz zu garantieren. Es ist bezeichnend, dass Braubach dieses Amt über alle politischen Umwälzungen hinweg bruchlos bis 1967 fortführen konnte.

In direkten Kontakt mit führenden Persönlichkeiten des antinationalsozialistischen Widerstands kam Braubach in der Schlussphase des Regimes, als er während des Zweiten Weltkriegs als Reserveoffizier zum Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich abgeordnet wurde. Diese Erfahrungen machte Braubach nach dem Ende des Kriegs und der Rückkehr nach Bonn ungewöhnlich rasch auch wissenschaftlich nutzbar, als er schon im Sommersemester 1946 ein Seminar zum 20. Juli 1944 anbot.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstärkte sich Braubachs hochschulpolitisches und wissenschaftsorganisatorisches Engagement erheblich und erreichte in den 50er und 60er Jahren seinen Höhepunkt. Dies galt zum einen für den inneruniversitären Bereich. Braubach wurde in wichtige universitäre Ämter berufen, darunter jenes des Prodekans beziehungsweise dann des Dekans der Philosophischen Fakultät in der schwierigen Zeit von 1946 bis 1948. Im Akademischen Jahr 1959/ 1960 übernahm er das Amt des Rektors der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Zudem wirkte Braubach als Archivar und Chronist seiner Universität, durch eigene Forschungen, aber auch durch den institutionellen Ausbau des Universitätsarchivs, das unter seiner Ägide zu einer leistungsfähigen Forschungsinstitution wurde.

Insgesamt zeugen diese Aktivitäten von einer ungewöhnlichen, vielleicht beispiellosen Identifikation mit „seiner" Universität. Dazu passt, dass Braubach wohlgefällig und nicht ohne Stolz den Bedeutungsgewinn registrierte, den seine Universität durch die Verlegung des Regierungssitzes an den Rhein erfuhr; als RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. forderte er seine Kollegen nachdrücklich auf, die deutlich gewachsenen repräsentativen und politischen Aufgaben, die ihre Alma Mater Lateinisch (nährende Mutter),  Bezeichnung für Hochschulen und Universitäten als Vermittlungsanstalten von Bildung und Wissen. In der Antike Beiname römischer Göttinnen.  nun zeitweise „an der Stelle der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität" auszuüben habe, anzunehmen und aktiv mitzugestalten.

Doch auch jenseits der Universität, zum Beispiel von politischer Seite, war nun verstärkt Braubachs Rat gefragt. Aufgrund seiner Haltung im "Dritten Reich", aber auch der europäischen Orientierung seiner Forschungen spielte Braubach im Prozess der Neuorientierung und institutionellen Öffnung der deutschen Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg eine beträchtliche Rolle. So wirkte Braubach an führender Stelle in jener Kommission mit, die eingesetzt worden war, um die Gründung eines „Deutschen Historischen Instituts" in Paris vorzubereiten. Zugleich gehörte Braubach zu den Gründungsmitgliedern der „Vereinigung zur Erforschung der Neueren Geschichte", einem international besetzten Expertenteam, das eine Edition der europäischen Friedenskongresse seit dem 17. Jahrhundert vorbereitete. Als erster Vorsitzender dieser Vereinigung fungierte er überdies als Gründungsherausgeber der Acta Pacis Westphalicae.

nach obenDie 1950er und 60er Jahre waren auch die Zeit von Braubachs größter wissenschaftlicher Produktivität. Insgesamt lassen sich vier Schwerpunkte im ungewöhnlich reichen historiographischen Schaffen Braubachs erkennen: Die europäische Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts; die Geschichte der Rheinlande, insbesondere des Kölner Erzstifts in dieser Zeit; die Geschichte der Universität Bonn und schließlich die Zeitgeschichte bis 1945. Die wissenschaftliche Herangehensweise Braubachs war dabei in den verschiedenen Themenbereichen durchaus ähnlich: Ihm ging es in erster Linie um die quellennahe und präzise Rekonstruktion der Verhaltensweisen und Entscheidungen der von ihm betrachteten Akteure. Als zentrale Aufgabe sah er es an, persönliche Lebenswege und Wechselfälle der Vergangenheit nachzuzeichnen und verständlich zu machen – und zwar auch jenseits der konkreten Relevanz der betrachteten Gegenstände in den historischen Entwicklungsprozessen.

Entsprechend zeigte er eine große Zurückhaltung, seine Ergebnisse thesenartig zuzuspitzen, so dass es kaum möglich ist, sie zeitgenössischen historiographischen Positionen zuzuordnen: Schon seine frühen Arbeiten sind frei von in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung verbreiteten konfessionell-politischen Einseitigkeiten. Katholisch-großdeutsche Festlegungen lagen ihm ebenso fern wie borussisch-kleindeutsche. Auffällig ist weiterhin sein Verzicht auf die theoretische Fundierung seiner Historiographie, und vor allem seine Zurückhaltung, sich an historiographischen Kontroversen zu beteiligen. Auch in seiner reichen Rezensionstätigkeit legte er sich in dieser Hinsicht Zurückhaltung auf.

Diese Charakteristika kennzeichnen in besonderer Weise das unbestrittene Hauptwerk der Braubachschen Historiographie, die zwischen 1963 und 1965 erschienene, schließlich auf fünf Bände angewachsene Biographie des Prinzen Eugen von Savoyen (1663-1736), die Braubach selbst in bemerkenswert defensiver Weise als „Biographie alten Stils" bezeichnet hat. Zeitgenössisch ist das Werk wegen seines umfassenden Zugriffs, seiner Präzision und seines Quellenreichtums gelobt worden. Hingegen wurde kritisiert, dass der Verfasser auf eine Straffung und klare Durchkomponierung seines Stoffes nach klaren Fragestellungen verzichtet habe. Aus heutiger Perspektive hat das Werk dadurch den Vorteil, auch zur quellennahen Beantwortung von Forschungsfragen mit Gewinn herangezogen werden zu können, die in der Frühneuzeitforschung der 1960er Jahre noch keine Rolle gespielt haben, aber in der aktuellen Forschung bedeutsam sind. Die Zuverlässigkeit, Genauigkeit und die quellennahe, meist auf intensiver archivalischer Recherche fußende Arbeitsweise verleihen dieser Arbeit wie vielen anderen Studien Braubachs bleibenden Wert.

Dies gilt auch für die Arbeiten Braubachs zur rheinischen Geschichte. Im Mittelpunkt stand dabei – neben der Bonner Universitätsgeschichte – die Geschichte der rheinischen Lande vor 1789. Die ältere Historiographie hatte sich mit diesem Gegenstand nur relativ wenig befasst, weil deren Entwicklung am Maßstab der aufgeklärten Machtstaaten Preußen und Österreich gemessen wurde und so auf geringschätzige Nichtachtung stieß. Dazu traten national geprägte Verdikte über die Politik der geistlichen Kurstaaten, insbesondere Kurkölns. Braubach dagegen lag daran, die geistlichen Staaten am Rhein und besonders das Kölner Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr.  als frühmoderne Territorien eigenen Zuschnitts und eigenen Werts zu beschreiben. Dass die Geschichte Kurkölns in dieser Phase heute keine terra incognita mehr ist, verdankt die Frühneuzeitforschung wesentlich den Forschungen Braubachs, auf dessen Arbeiten sich auch die aktuelle Forschung dank ihrer Quellennähe zu stützen vermag.

Max Braubach starb am 21.6.1975 und wurde auf dem Poppelsdorfer Friedhof in Bonn beigesetzt.

 nach obenWerke (Auswahl)

Diplomatie und geistiges Leben im 17. und 18. Jahrhundert, Gesammelte Abhandlungen, Bonn 1969.

Kleine Geschichte der Universität Bonn, Bonn 1968.

Max Franz von Österreich, letzter Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster, Habilitationsschrift, Münster i. W. 1925.

Prinz Eugen von Savoyen, 5 Bände, München 1963-1965.

Die Universität Bonn und die deutsche Revolution 1848/49, Bonn 1948.

 

Festschriften, Bibliographie

Repgen, Konrad / Skalweit, Stephan, Spiegel der Geschichte. Festgabe für Max Braubach zum 10. April 1964, Münster 1964.

Becker, Thomas P., Bibliographie Max Braubach (1923-1974), in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 202 (1999), S. 75-93.

 

Literatur

Kampmann, Christoph, Eine Biographie „alten Stils"? Prinz Eugen und seine Zeit in der historischen Forschung seit 1965, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 202 (1999), S. 43-63.

Repgen, Konrad, Max Braubach. Leben und Werk, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 202 (1999), S. 9-41.

Repgen, Konrad, Max Braubach zum Gedächtnis, Pulheim 2000.

Scholtyseck, Joachim, Vom Spanischen Erbfolgekrieg zum Widerstand gegen Hitler: der Universalgelehrte Max Braubach, in: Institut für Geschichtswissenschaft (Hg.), 150 Jahre Historisches Seminar. Profile der Bonner Geschichtswissenschaft. Erträge einer Ringvorlesung, Siegburg 2013, S. 179-192.

 

30.9.2010
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Christoph Kampmann (Marburg) 
 

       
 

       
 
 Max Braubach (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 129KB)

Max Braubach, Porträtfoto.(Universitätsarchiv Bonn)