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Wilhelm Crecelius (1828-1889), Historiker, Mitbegründer des Bergischen Geschichtsvereins

Wilhelm Crecelius, der den Ehrennamen eines „Vaters der bergischen Geschichte“ trägt, stammte weder aus dem Bergischen Land noch war er studierter Historiker. Crecelius fasste Landesgeschichte als Teil der nationalen Geschichte auf, trieb Dialektstudien, sammelte Sagen und Volkslieder als Teil der Geschichte des Volkes. Auch auf ihn traf zu, was der Historiker Friedrich Meinecke (1862-1954) rückblickend auf seine Bonner Studienzeit etwas poetisch von Anton Birlinger (1834-1891) sagte: Er "trug deutsches Altertum in seinem Herzen, wie es die Generation der Brüder Grimm getragen hatte."

Wilhelm Crecelius (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 321KB)
Wilhelm Crecelius, Porträtbild. (Bergischer Geschichtsverein, Abteilung Wuppertal e.V.)

Wilhelm Crecelius wurde am 18.5.1828 in Hungen in der Wetterau als ältester Sohn des lutherischen Steuereinnehmers Heinrich Christoph Crecelius (gestorben 1834) und seiner Ehefrau Dorothea, geborene Schlapp geboren. Er besuchte die Gymnasien in Marburg und Gießen, absolvierte bereits mit 17 Jahren die Abiturprüfung und nahm anschließend in Gießen das Studium der Theologie und Philologie auf, das er 1848 mit der Prüfung für das höhere Lehrfach abschloss. Schon nach einem Jahr erfolgreicher Tätigkeit am Gießener Gymnasium wurde Crecelius 1849 aufgrund seiner Leistungen ohne Disputation Lateinisch, gelehrtes Streitgespräch. an der Gießener Universität zum Doktor der Philosophie promoviert. Sein weiterer Weg als Gymnasiallehrer führte ihn nach Anfängen als Privatlehrer in Büdingen nach Dresden und schließlich 1856 an das Gymnasium in Elberfeld (heute Stadt Wuppertal), das seine eigentliche Heimat werden sollte. Dennoch blieb Crecelius auch hier Hesse und Philologe. Das Hauptwerk seines Lebens war das „Oberhessische Wörterbuch“, an dem er sein Leben lang arbeitete und dem er Jahr für Jahr seine Ferien opferte, um sich in Oberhessen mit Mundartforschern vor Ort auszutauschen und selbst wieder in den Dialekt einzutauchen. Ergänzt wurden diese Dokumentation der lebenden Sprache durch die Auswertung historische Dialekttexte aus Archiven und Bibliotheken. Für diese Arbeit hatte ihn schon in seiner Studienzeit der spätere Gießener Germanist Karl Weigand (1804-1878) gewonnen, der Jacob Grimm (1785-1863) als Herausgeber des „Deutschen Wörterbuchs“ folgen sollte.

In den Elberfelder Jahren publizierte Crecelius weiter germanistische Arbeiten. Aber nicht Dialektforschung stand dabei zunächst im Mittelpunkt, sondern das historische Volkslied. Für den ersten Band der "Historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrhundert", den Rochus von Liliencron (1820-1912) 1865 herausgab, steuerte Crecelius unter anderem vier Lieder auf flandrische historische Ereignisse des 14. Jahrhunderts bei, die in Elberfeld aufgezeichnet wurden - noch gesungen in einer hier ansässig gewordenen flämischen Fabrikantenfamilie. Eines dieser Lieder hatte Crecelius im zweiten Band der „Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins“ veröffentlicht; auch später publizierte er historische Lieder in der Zeitschrift, dann aber sogenannte "Zeitungen" (Ereignisberichte) aus Drucküberlieferungen des 17. Jahrhunderts - auch wenn sie keinen Bezug zum Bergischen Land hatten. 1874 sollte er eine Neubearbeitung der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ und 1876 eine Volksliedersammlung unter dem Namen „deutsche Lieder“ herausgeben, beide zusammen mit Anton Birlinger, dem Bonner Germanisten, einem gebürtigen Schwaben, in dessen Zeitschrift „Alemannia“ Crecelius mehr Aufsätze publizieren sollte als in der „Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins“. Kein Wunder, dass er in der modernen deutschen Volkskunde als Volksliedforscher geführt wird.

Crecelius-Medaille (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 274KB)
Crecelius-Medaille. (Bergischer Geschichtsverein e.V.)

Einen weiteren gleichgesinnten Freund gewann Crecelius in Friedrich Woeste (1807-1878), der als Privatlehrer und Übersetzer in Iserlohn lebte. Ein Leben lang arbeitete dieser an einem Wörterbuch des märkischen Dialekts, das erst nach seinem Tode auf Initiative von Birlinger und Crecelius als „Wörterbuch der westfälischen Mundart“ 1882 von August Lübben (1818-1884) zum Druck gebracht wurde. Woeste hatte auch über Volksüberlieferung, Sagen und Namen im Märkischen publiziert. Solche Materialien, die nach strengen Maßstäben nicht in ein Wörterbuch gehören, bezog er, wie das auch Crecelius in seinem „Oberhessischen Wörterbuch“ tat, dennoch mit ein. Die jüngeren Germanisten der Zeit sahen diese Verquickung unterschiedlicher Materialien und den ihr zugrunde liegenden Sammeleifer sehr kritisch. Aber Crecelius, Birlinger und Woeste realisierten nur das inzwischen als altmodisch angesehene Programm, das 1815 Jacob Grimm auf dem Wiener Kongress veröffentlicht hatte und europaweit zur Sammlung von Volksliedern, Märchen, Rechtsbräuchen - im Idealfall in Dialektform - aufrief. Und sie kamen auch seiner Forderung nach, dass es die Aufgabe der historischen Vereine sei, „Provinzielles mit treuem Fleiß, aber ohne weiteren Anspruch [zu] sammeln“.nach oben

Das gilt vor allem für Crecelius. Bei der Gründung des „Bergischen Geschichtsvereins“ 1863 im Konferenzzimmer des Elberfelder Gymnasiums“ wurde dessen RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. Karl Wilhelm Bouterwek (1809-1868) Vorsitzender und Crecelius einer der beiden Sekretäre. In dieser Funktion war er Mitherausgeber der seit 1864 erscheinenden Zeitschrift des Vereins. Getreu der Grimmschen Forderung bieten seine rund 65 Aufsätze in den Bänden 1-24 der „Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins“ im Kern nichts anderes als kommentierte Quellen.

Aber es ist schwer vorstellbar, dass Crecelius allein damit die Mitglieder des rasch wachsenden Geschichtsvereins hätte gewinnen können, dass er deshalb als „Bergisches Oraculum“ bei seinem Dienstjubiläum 1881 hätte gefeiert werden können, der jedem Interessierten zu allem – Landschaft, Siedlung, Menschen, Sprache – im Bergischen Lande historische Auskunft geben könne. Tatsächlich bezog er seine Popularität vor allem aus seinen Vorträgen zur bergischen Geschichte, die allerdings erst nach seinem Tode gesammelt veröffentlicht wurden. Sie zeigen einen Forscher, der seine Vorträge auf die Bedürfnisse der Zuhörer zuzuschneiden wusste, ohne oberflächlich „populär“ zu werden. Auch wenn er diese Vorträge Zeit seines Lebens nicht für den Druck ausarbeitete, standen sie dennoch auf einer soliden Quellenbasis. Das belegen auch die 42 Artikel, die er für die „Allgemeinen Deutschen Biographie" verfasste, deren Bogen sich von den Grafen von Berg, über Humanisten, Reformatoren, Industrielle bis zum Nachruf auf Karl Wilhelm Bouterwek spannt.

Gedenktafel des Bergischen Geschichtsvereins für Wilhelm Crecelius (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 386KB)
Gedenktafel des Bergischen Geschichtsverein für Wilhelm Crecelius.
Gedenktafel des Bergischen Geschichtsverein für Wilhelm Crecelius.
Gedenktafel des Bergischen Geschichtsvereins für Wilhelm Crecelius.

Wilhelm Crecelius war trotz seines großen wissenschaftlichen Renommées, das ihm 1870 die Verleihung des Professorentitels eintrug, ein populärer Mann; nicht zuletzt wegen seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft bei der Beantwortung historischer und philologischer Anfragen von Fachkollegen wie von Laien. Er war stadtbekannt nicht nur unter den Honoratioren Lateinisch (honoratiores = die mehr als andere Geehrten), Bezeichnung für angesehene Bürger. seines Vereins, sondern auch unter Geschäftsleuten, Handwerkern und Arbeitern, mit denen er sich gerne unterhielt, allein um ihre Sprechweise, ihre Redensarten, ihre Sagen und Lieder kennenzulernen.

Obwohl der Schwerpunkt seiner Arbeit auf Geschichte und Volkskunde des Bergischen Landes lag, umfasste sein fachlicher Horizont ganz Deutschland. Seine Freunde wussten das sehr genau, als sie ihm 1881 zum erwähnten Jubiläum eine "Creceliusbibliothek" überreichten, die aus den wichtigsten Quellensammlungen zur mittelalterlichen deutschen Geschichte bestand, worunter sich nicht nur die "Monumenta Germaniae Historica (1) 1819 als „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ von Reichsfreiherr Heinrich Friedrich Karl vom Stein (1757-1831) in gegründetes Institut zur Erforschung des deutschen Mittelalters, heute mit Sitz in München. Herausgeber der Fachzeitschrift „Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters“, (2) Bezeichnung für die durch das Institut herausgegebenen Editionen mittelalterlicher Texte. " und die "Chroniken der deutschen Städte" als Quellen zur Reichsgeschichte, die Hanserezesse, sondern auch die "Scriptores Rerum Prussicarum", und die "Monumenta Zollerana" als Quellen zur Regionalgeschichte befanden.

Wilhelm Crecelius heiratete zwei Jahre nach dem Tod seiner Schwester, die ihm den Haushalt geführt hatte, 1885 seine Cousine Auguste. Er starb am 13.12.1889 in Elberfeld; er liegt auf dem lutherischen Friedhof an der Hochstraße in Wuppertal begraben.

Schon zwei Jahre nach seinem Tod wurde Crecelius vom Bergischen Geschichtsverein eine Gedenktafel auf der Hardt gewidmet (im Krieg zerstört, 1951 am Grab auf dem Friedhof an der Hochstraße erneuert), 1927 wurde eine Straße in Wuppertal nach ihm benannt, und seit 1957 trägt die Verdienstmedaille des Bergischen Geschichtsvereins seinen Namen.

 

Werke (Auswahl)
Oberhessisches Wörterbuch, Band 1-2, Darmstadt 1897-1899.
Des Knaben Wunderhorn, alte deutsche Lieder, gesammelt von L. A. von Arnim und Clem. Brentano, neubearbeitet von Anton Birlinger und Wilhelm Crecelius. 2 Bände,Wiesbaden 1874/1876.
Beiträge zur Bergisch-Niederrheinischen Geschichte, hg. von W[oldemar] Harless, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 27 (1891), S.1-310.

 

Literatur

Harleß, Woldemar, Zur Erinnerung an Wilhelm Crecelius (+ 13. Dez. 1889), in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 25 (1889), S. I-III.
Lutsch, Otto, [Wilhelm Crecelius] Nekrolog, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 25 (1889), S. IV-XXVI.
Seitz, Friedrich, Zur Erinnerung an Karl Wilhelm Bouterwek und Wilhelm Crecelius, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 46 (1913), S. 3-32.
Scheler, Dieter, Wilhelm Crecelius: Wie ein hessischer Philologe zum Vater der bergischen Geschichte wurde, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 100 (2006), S. 9-31.

 

Online

Bäumker, Wilhelm, Artikel "Crecelius, Wilhelm", in: Allgemeine Deutsche Biographie, 47, 1903, S. 541-544.

 

17.9.2015

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Dieter  Scheler (Bochum)