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Hermann Jakob Doetsch (1831-1895), Bürgermeister von Gerresheim (1865-1869), Gladbach (1871-1875) und Bonn (1875-1891)

Die Wiege von Hermann Jakob Doetsch stand in Kesselheim am Rhein (heute Stadt Koblenz), wo er am 6.2.1831 das Licht der Welt erblickt hatte. Seine Eltern waren Peter Doetsch - vier und dreißig Jahre alt, Standes Ackerman und Wirth - und Margaretha, geborene Bubenheim.

Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte Doetsch ab dem Wintersemester 1851/1852 in Heidelberg und Berlin Rechts- und Kameralwissenschaften. Ab dem 14.8.1855 war er als Auskultator am Koblenzer Landgericht, ab dem 13.11.1857 als Regierungsreferendar bei den Regierungen Köln und Stettin tätig. 1861 wurde er zum Kreiskommissar zur Veranlagung der Grund- und Gebäudesteuer in den Kreisen Bonn und Rheinbach ernannt. Im Juli 1865 erfolgte seine Berufung zum kommissarischen, nach der Wahl zum definitiven Bürgermeister von Gerresheim (heute Stadt Düsseldorf). Bereits zum 1.5.1869 wurde er zum Ersten Beigeordneten der Stadt Bonn berufen. 1871 bewarb er sich erfolgreich um das Amt des Bürgermeisters von Gladbach (ab 1887 München-Gladbach, geschrieben M.Gladbach, seit 1960 Mönchengladbach), einer Stadt von etwa 26.000 Einwohnern. Am 10. August wurde er gewählt, am 30. November in sein Amt eingeführt. Er war Teilnehmer der Kriege von 1866 und 1870/1871, zuletzt als Hauptmann der Landwehr Aus Wällen und Gräben bestehende Befestigung größerer räumlicher Bezirke (Kirchspiele, Gerichte, städtische Feldmark, Territorium). .

Doetsch war seit dem 17.6.1853 mit Maria Weygold (1835-1922), Tochter des Gerichtsvollziehers Peter Weygold und seiner Frau Elisabeth, geborene Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern , verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Töchter: Else (geboren 1864), Antonie (geboren 1867) und Paula (geboren 1869); die Familie lebte in Bonn in der Colmantstraße.
Über seine Tätigkeit in Mönchengladbach (Wahl 10.8.1871, Dienstantritt 30.11.1871) heißt es in einem respektvollen Nachruf der liberalen Gladbacher Zeitung, dass sich Doetsch gerade bei den kleinen Leuten, für deren Anliegen und Sorgen er mit stets gleichbleibender Freundlichkeit [...] Zeit hatte [...] ein gesegnetes Andenken bewahrt habe. Daneben wird vor allem sein Engagement in der dortigen Schulpolitik gerühmt. Namentlich war es die weitsichtige Zusammenlegung der beiden Höheren Schulen (Progymnasium und Höhere Bürgerschule) zum bis heute bestehenden Stiftisch-Humanistischen Gymnasium. Auch die gegen den Willen des Zentrums eingerichtete paritätische höhere Mädchenschule bei gleichzeitiger Schließung der von Ordensfrauen geleiteten katholischen Töchterschule wurde von Doetsch massiv unterstützt. Geprägt war seine Amtszeit in Mönchengladbach vom Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. und vom rasanten Bevölkerungswachstum durch den Zuzug von Industriearbeitern, insbesondere der seinerzeit boomenden Textilindustrie. Die 1872 erfolgte Anlage des Kaiserplatzes, des heutigen Adenauerplatzes, geht auf Doetsch zurück. Auch die Anstellung des ersten Stadtbaumeisters in Mönchengladbach im Jahre 1872 fällt in seine Amtszeit. Wiewohl katholischer Konfession erwies sich Doetsch in Mönchengladbach, jedenfalls soweit sein Amt dies zuließ, als Parteigänger der Liberalen, was seine Wahl in Bonn wohl überhaupt erst realistisch machte.
Nach knapp vierjähriger Tätigkeit in Mönchengladbach erfolgte seine Bestellung zum Oberbürgermeister der Stadt Bonn. Die am 14.6.1875 datierte Ausschreibung richtete sich an qualificirte Bewerber; weitergehende formale oder sonstige Voraussetzungen wurden nicht benannt. Die Neubesetzung war notwendig geworden, weil dem bisherigen Amtsträger, Leopold Kaufmann, trotz erfolgter Wiederwahl durch den Stadtrat, die obligatorische königliche Bestätigung versagt worden war. Hintergrund des große Resonanz auslösenden „Falles Kaufmann“ war dessen dezidiert katholische Haltung und Parteinahme während des Kulturkampfes.nach oben

Insgesamt gingen 20 Bewerbungen im Bonner Rathaus ein, von denen vier, sämtlich von Bürgermeistern rheinischer Städte stammend, in die engere Wahl gezogen wurden. Was schließlich den Ausschlag für den Mönchengladbacher Bürgermeister gab - vielleicht seine frühere Bonner Tätigkeit - geht aus den Akten nicht hervor. Auch Doetschs Motiv, Mönchengladbach zu verlassen, um das Oberbürgermeisteramt in der nur unwesentlich größeren, allerdings von ihrer Lage und ihrer Sozialstruktur her wohl attraktiveren Stadt anzustreben, ist unklar. Sicher ist, dass der liberale Stadtverordnete und ausgeprägte Musikmäzen Carl Gottlieb Kyllmann (1803-1878) sich für Doetsch stark gemacht hat. Am 30.7.1875 erfolgte die Wahl durch den Stadtrat, am 22.9.1875 die königliche Bestätigung für eine zwölfjährige Amtsdauer. Die Amtseinführung fand am 4.12.1875 statt. Mit dem Amt des Bonner Oberbürgermeisters war seit 1860 auch ein Sitz im Preußischen Herrenhaus verbunden. Doetsch wurde am 4.8.1876 in das Herrenhaus berufen (eingetreten 12.1.1877).

Am 13.5.1887 kam es in Bonn zur Wiederwahl des Oberbürgermeisters: Bei drei Enthaltungen votierte der Stadtrat einstimmig für eine weitere Amtszeit, obgleich bereits damals von mancherlei Mißstimmung [...] in Bezug auf seine Geschäftsführung die Rede war. Die Kritik hatte wohl in erster Linie mit der gewaltigen Kostenexplosion des städtischen Haushalts zu tun, die in erster Linie auf dem unter Doetsch begonnenen und unter seinem Nachfolger Wilhelm Spiritus weitergeführten Aufbau der städtischen Leistungsverwaltung beruhte. Die Übernahme des zuvor privat geführten Gaswerks und der Rheinbadeanstalt in städtische Regie sowie die Einrichtung eines stadteigenen Schlachthofs sind in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen wie der Bau zahlreicher Schulen, darunter die erste Realschule der Stadt. Doetsch, der erste „gelernte“ Verwaltungsfachmann als Bonner Stadtoberhaupt, führte innerhalb der Stadtverwaltung eine Gliederung nach Ressorts ein, was zwangsläufig zu einer deutlichen Zunahme des Personals und einer entsprechenden massiven Steigerung der Personalaufwändungen - um das zwei- bis dreifache - führte.

Welche Rolle Doetsch im nach 1875 nachlassenden und schließlich auch beendeten Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. einnahm, ist nicht überliefert. Der Bonner Katholikentag des Jahres 1881 fand jedenfalls unter bemerkenswerter Zurückhaltung der Stadtverwaltung statt. Die Einweihung der neuen Synagoge (1879) und der so genannten Stiftskirche (St. Johann Baptist und Petrus, 1886) gehörten gewiss zu den herausragenden Ereignissen während seiner Amtszeit. Gleiches gilt für den Neubau mehrerer Klinikgebäude im Bonner Norden, die zwar als universitäre Einrichtungen entstanden, aber auch für die Stadt Bonn von größtem Nutzen waren, für die Eröffnung des städtischen Museums „Villa Obernier“ (1884) und des neu erbauten Bonner (Haupt-)Bahnhofs. Auch die Tatsache, dass Bonn am 1.10.1886 kreisfreie Stadt wurde, gilt als sein Verdienst.
Vom 5.-8.5.1891 besuchte Kaiser Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918), der als Kronprinz in Bonn studiert hatte (1877-1879), die Stadt - auch dies gewiss ein Höhepunkt in Doetschs Amtszeit. Wenige Tage darauf, am 14.5.1891, nahm die Stadtverordnetenversammlung den Amtsverzicht Doetschs, den er schon 1890 – aus Gesundheitsgründen - angedeutet hatte, entgegen. Am 18.7.1891 beendete er seinen Dienst. 1894 unternahm er trotz seiner Herzkrankheit eine Orientreise, die ihn bis nach Konstantinopel führte.

Hermann Jakob Doetsch starb am 7.3.1895 im Johanneshospital in Bonn. Die Beerdigung erfolgte am 10. März auf dem Alten Friedhof, tags darauf fand das Seelenamt im Bonner Münster statt. Am 15.7.1904 wurde ein Teil der Burgstraße nach ihm benannt.

In seiner Rede vor der Stadtverordnetenversammlung wenige Tage nach seinem Tod würdigte sein Nachfolger, Oberbürgermeister Wilhelm Spiritus, die Verdienste seines Vorgängers und erwähnte insbesondere die unter Doetsch entstandenen neuen Stadtviertel mit die Gesundheit fördernden Straßen. Er drückte die Hoffnung aus, dass die Erinnerung an sein allzeitiges freundliches Wesen, an sein Bemühen, einem jeden Bürger hülfreich zur Seite zu stehen, in den Herzen aller Bonner allzeit treu bewahrt bleiben möge. Ein Nachruf in der Neuen Bonner Zeitung lobte – neben den bereits erwähnten Errungenschaften für die Stadt - die ebenfalls auf Doetsch zurückgehende Verlängerung des herrlichen Rheinwerfts bis zur Zweiten Fährgasse, die Anlage der Kaiser-Wilhelms-Höhe und der repräsentativen Bahnhofstraße sowie die unmittelbar vor seinem Ausscheiden aus dem Amt in Betrieb genommene Pferde-Trambahn. Dem „General-Anzeiger für Bonn und Umgegend“ waren seine echte, warme Bürgerfreundlichkeit, sein schlichter Sinn und sein gerader Nacken erwähnenswerte Tugenden, während an anderer Stelle – bei allen Vorzügen – sein offenbar gelegentlicher Mangel an nötiger Schärfe und Strenge gerügt wurde.

Doetsch war – ausweislich der für ihn aufgegebenen Todesanzeigen - Ehrenmitglied des Bonner Männer-Gesang-Vereins, des Männer-Gesang-Vereins-Concordia, der St.-Sebastianus-Schützengesellschaft, des Bonner Garde-Vereins und des Bonner Krieger-Vereins.

Doetschs 16-jährige Amtszeit in Bonn stand im Schatten seines – jedenfalls bei der katholischen Bevölkerungsmehrheit - überaus populären und erfolgreichen Vorgängers und seines ausgesprochen tüchtigen Nachfolgers. Seine Weichenstellungen für die Entwicklung einer modernen Stadt sind dennoch unverkennbar und wert erinnert zu werden.

Quellen
Stadtarchive Düsseldorf, Koblenz, Mönchengladbach (Auskünfte).
Stadtarchiv Bonn, Pr 498 (Personalakte).
Stadtarchiv Bonn, Zeitungsausschnittsammlung.

Literatur
Höroldt, Dietrich/van Rey, Manfred (Hg.), Bonn in der Kaiserzeit 1871-1914. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Bonn 1986.

Höroldt, Dietrich, Bonn in der Kaiserzeit (1871-1914), in: Höroldt, Dietrich (Hg.), Von einer französischen Bezirksstadt zur Bundeshauptstadt 1794-1989 (Geschichte der Stadt Bonn 4), Bonn 1989, S. 267-435.

Höroldt, Dietrich, Die Nichtbestätigung des Bonner Oberbürgermeisters Leopold Kaufmann, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 177 (1975), S. 376-395.
Löhr, Wolfgang, Mönchengladbach im 19./20. Jahrhundert, in: Löhr, Wolfgang (Hg.), Loca Desiderata (Mönchengladbacher Stadtgeschichte 3.1), Köln 2003, S. 9-240, besonders S. 109-118.

Romeyk, Horst, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816-1945, Düsseldorf 1994, S. 419.

15.1.2013

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Norbert  Schloßmacher  (Bonn) 
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 Hermann Jakob Doetsch (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 91KB)

Hermann Jakob Doetsch, Porträtfoto: Kauffmann & Kesseler, Bad Kreuznach. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 Hermann Jakob Doetsch (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 34KB)

Hermann Jakob Doetsch, Porträtfoto, Repro: Friedhelm Schulz. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)