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Nikolaus Groß (1898-1945), Widerstandskämpfer

Der christliche Gewerkschafter und Widerstandskämpfer Nikolaus Franz Groß war eine führende Persönlichkeit der Katholischen Arbeiterbewegung und betätigte sich unter anderem im Kölner Kreis Unter der NS-Diktatur aus der katholischen Arbeiterbewegung gebildetes Widerstandsnetzwerk rheinischer und westfälischer Katholiken, dessen Zentrale sich im Kölner Kettler-Haus, der Verbandszentrale des Westdeutschen Arbeiterverbandes, befand. Bedeutende Mitglieder waren unter anderem Otto Müller (1870-1944), Nikolaus Groß (1848-1945) und Bernhard Letterhaus (1894-1944). Ziel der auch mit anderen Widerstandszirkeln zusammen arbeitenden Gruppe war eine demokratische Neuordnung nach dem Ende des Nationalsozialismus. Nach dem missglückten Attentat vom 20.7.1944 geriet auch der Kölner Kreis ins Blickfeld der NS-Justiz. Zahlreiche Mitglieder wurden ermordet oder in den Konzentrationslagern interniert.  gegen den Nationalsozialismus. Seine Kontakte zu den Widerstandskreisen um Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945) und Jakob Kaiser (1888-1961) führten zur Anklage und Verurteilung durch den Volksgerichtshof 1934 eingerichteter Sondergerichtshof des NS-Regimes zur Aburteilung und Einschüchterung politischer Gegner. . Groß wurde am 23.1.1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nikolaus Groß, Porträtfoto (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 27KB)
Nikolaus Groß, Porträtfoto, undatiert. (Bistum Essen)

Nikolaus Groß wurde am 30.9.1898 als Sohn des Schmiedes Nikolaus Groß (1857-1946) und dessen Ehefrau Elisabeth Groß, geborene Naße (1861-1929), in Niederwenigern (heute Stadt Hattingen) geboren. Nach dem Besuch der katholischen Volksschule von 1905-1912 arbeitete er als Jungarbeiter in einem Blechwalzwerk in Altendorf an der Ruhr (heute Burgaltendorf in der Stadt Essen). Während der Ausbildung zum Bergmann trat er 1917 in den „Gewerkverein Christlicher Bergarbeiter Deutschlands“ (GCBD) und wenige Monate später in die Zentrumspartei ein. Der Frontdienst war ihm aufgrund seiner Bergarbeitertätigkeit erspart geblieben. Die Kontakte zu Vertretern der katholischen Arbeiterbewegung führten zu dem Entschluss, den bisherigen Berufsweg zu verlassen und sich in den Dienst der christlichen Gewerkschaften zu stellen.

Im Juni 1920 erhielt Groß eine Anstellung als Jugendsekretär des GCBD in Oberhausen. Nach mehreren Versetzungen und Erfahrungen, die er in der Redaktion des Essener Gewerkschaftsblattes „Bergknappe“ gemacht hatte, wechselte er 1923 auf die Stelle eines Bezirkssekretärs in Zwickau. Dort heiratete er im Mai 1923 die ebenfalls aus Niederwenigern stammende Elisabeth Koch (1901-1972). Die Familie - aus der Ehe gingen zwischen 1924 und 1934 sieben Kinder hervor - wurde neben seinem christlich-gewerkschaftlichen Engagement zum maßgeblichen Bezugspunkt seines Lebens.

Die sieben Kinder der Familie Groß (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 93KB)
Die sieben Kinder der Familie Groß, von links: Alexander, Marianne, Leni, Berny, Liesel, Klaus und Bernhard, 1942. (Bistum Essen)

Spannungen zwischen dem Schriftleiter der „Westdeutschen Arbeiterzeitung“ (WAZ), Wilhelm Elfes, und der Verbandsleitung der Westdeutschen Arbeitervereine veranlassten den Generalsekretär des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, Adam Stegerwald (1874-1945), 1926 zu der Forderung, die Redaktion der WAZ um einen „Gewerkschaftsmann“ zu ergänzen. Der Präses des „Westdeutschen Verbandes der Katholischen Arbeiterbewegung“ in Mönchengladbach, Prälat Otto Müller, bot Groß die Redakteursstelle an, nachdem ihn die Essener GCBD-Zentrale auf den jungen Gewerkschaftler aufmerksam gemacht hatte. Groß zögerte nicht lange und wechselte zum 1.1.1927 in die Redaktion; nur wenige Monate später löste er Elfes als Chefredakteur und Schriftleiter ab. Zusammen mit Müller, dem Verbandsvorsitzenden Joseph Joos (1878-1965) und dem Verbandssekretär Bernhard Letterhaus übernahm Groß damit faktisch die Leitung der „Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung“ (KAB). Die tiefe Freundschaft, die sich vor allem zwischen Müller, Letterhaus und Groß entwickelte, führte dazu, dass er in seinen Kollegen die entscheidenden Mitstreiter bei seiner konspirativen Betätigung fand.

Otto Müller, Porträtfoto (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 71KB)
Otto Müller, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin)

Die Arbeit bei der „Westdeutschen Arbeiterzeitung“, 1935 umbenannt in „Kettlerwacht“, stand gänzlich im Zeichen der politischen Radikalisierung der späten Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. . Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30.1.1933 warnte Groß vor der von KPD und NSDAP verkörperten antichristlichen Weltanschauung und Demokratiefeindlichkeit. Im November 1929 deutete er die Erfolge der NSDAP bei der Wahl zum ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen. als „bedenkliche Entwicklung“, die von mangelnder „politischen Reife und Urteilsfähigkeit“ zeuge. Als Verfechter und Vertreter des Sozialkatholizismus unterstrich er gleichzeitig die sozial- und wirtschaftspolitischen Errungenschaften der Weimarer Republik, während er versuchte, die Politik des Reichskanzlers Heinrich Brüning (1885-1970, Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt.   30.3.1930-30.5.1932) zu verteidigen. Im Zuge der Verlegung der Verbandszentrale von Mönchengladbach nach Köln im Jahre 1929 wurde auch Nikolaus Groß mit seiner Familie in der Domstadt ansässig.

Die Unterscheidung von Kommunismus Lateinisch (communis = gemeinschaftlich), bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert politische Lehren und Ideologien, die auf der Grundlage des Kommunistischen Manifests von Friedrich Engels (1820-1895) und Karl Marx (1818-1883) von 1848 die Verwirklichung einer klassen- und herrscherlosen Gesellschaft durch Überwindung des Kapitalismus anstreben.   und Nationalsozialismus erwies sich nach Groß als hinfällig. Der NSDAP sei es schließlich gelungen, große Teile der kommunistischen Arbeiterschaft für sich zu gewinnen - ganz im Gegensatz zu den christlich und sozialdemokratisch organisierten Arbeitermilieus. Die maßgebliche Gemeinsamkeit, der politische Extremismus, sei für deren Anhänger, ausgenommen einer intellektuellen Führungsriege, nicht mehr als „das Evangelium der politisch und wirtschaftlich Primitiven“.

Auch wenn sich die Kritik sowohl gegen Kommunisten, als auch Nationalsozialisten richtete, nahm die NSDAP nach den folgenden Wahlerfolgen rasch einen weitaus größeren Platz in den Artikeln der WAZ ein. Mit der Entlassung Brünings am 30.5.1932 richteten sich diese Angriffe auf den Nachfolger Franz von Papen (1879-1969, Reichskanzler 1.6.-17.11.1932), doch wurde keineswegs unterlassen, Adolf Hitler (1889-1945) als „falschen Propheten“ zu geißeln. Darüber hinaus sei der „Kollektivismus Lateinisch, gesellschaftspolitisches System, bei dem das Wohlergehen der Gruppe (etwa des Staates) dem Interesse des Individuums übergeordnet wird (Gegenbegriff: Individualismus).  und Privatkapitalismus“ verkörpernde Nationalsozialismus nicht nur ideologisch, sondern auch wirtschaftlich mit den Ideen der katholischen Arbeiterbewegung unvereinbar. Die Reichstagswahl vom 6.11.1932 und der erhebliche Stimmenverlust der Nationalsozialisten veranlasste Groß zu einer Prognose für das Jahr 1933: Spätestens Reichspräsident Paul von Hindenburgs (1847-1934, Reichspräsident  1925-1934) Absage vom 13.8.1932, Hitler das Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft.  des Reichskanzlers zu übertragen habe gezeigt, dass die NSDAP ihren Zenit längst überschritten habe.

Nikolaus Groß mit Bernhard Letterhaus und Hermann-Joseph Schmitt (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 84KB)
Nikolaus Groß mit Bernhard Letterhaus und Hermann-Joseph Schmitt, undatiert. (Bistum Essen)

nach obenNach dem 30.1.1933 orientierte sich Nikolaus Groß zunächst am Kurs des Episkopats und vertrat damit auch Hoffnungen auf ein kirchenpolitisches Arrangement. Die Konfrontation mit dem totalitären Anspruch des NS-Regime ließ ihn jedoch rasch davon abrücken und in zahlreichen Leitartikeln gegen die „neuerliche“ Ausprägung des Staates protestieren. Dabei kam ihm die Fähigkeit zugute, Kritik hinter religiösen und historischen Metaphern sowie Zitaten aus der Literatur zu verbergen. Das oftmals als Schweigen missverstandene „uneigentliche Sprechen“ (Thomas Brechenmacher) bot den beteiligten öffentlichen Würdenträgern im Notfall den interpretatorischen Ausweg. Bereits im Frühjahr 1933 zitierte Groß aus einem Fastenhirtenbrief des Mainzer Bischofs Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler (1811-1877), der 1873 postuliert hatte, dass es zum „Gedeihen menschlicher Verhältnisse“ einerseits einer geordneten Staatsgewalt, andererseits aber auch der Freiheit  bedürfe, seinen religiösen, politischen und wirtschaftlichen Interessen nachzugehen. Gleichermaßen reagierte die Redaktion der WAZ auf den unverhohlenen Antisemitismus Griechisch-neulateinisch, (1) Abneigung oder Feindschaft gegenüber den Juden, (2) politische Bewegung mit ausgeprägten judenfeindlichen Tendenzen. Den Begriff Antisemitismus prägte 1879 der deutsche Publizist Wilhelm Marr (1818-1904).  der neuen Machthaber, indem beispielsweise auf die hohe Zahl der im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten hingewiesen wurde oder man in offenbar rein theologischen Artikeln vom „auserwählten Volk“ sprach.

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, Porträtfoto (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 132KB)
Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler, Porträtfoto, 1870.

Auch wenn Groß versuchte, die Existenz der WAZ auf formalem Wege zu sichern, litt diese unter dem „Stigma“, Verbandsorgan der KAB zu sein. Diese Tatsache spiegelte sich in der generellen Situation der katholischen Arbeitervereine wider, die Robert Ley bereits kurz nach der „Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. “ als „staatsfeindlich“ gebrandmarkt hatte. Den grundlegenden Antagonismus von KAB und DAF vermochten auch vermehrte Eingaben des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, des Breslauer Kardinals Adolf Bertram (1859-1945, Episkopat als Fürst-Erzbischof von Breslau 1914-1945) nicht zu verbergen. So wurde im April 1934 eine entsprechende Doppelmitgliedschaft gesetzlich verboten, was für die Beschäftigungsverhältnisse vieler katholischer Arbeiter fatale Folgen hatte.

Im Jahre 1938 ging das Regime ganz offen gegen die „Kettelerwacht“ vor. Dem unbefristeten Verbot vom 14. März lag der Leitartikel "Weltanschauung und Leben" des Kölner Gymnasiallehrers Heinrich Holzapfel zugrunde, der den nationalsozialistischen Anspruch, alle Lebensbereiche der Menschen zu umfassen, ablehnte. Diese Haltung sei - so die Geheime Staatspolizei Köln - geeignet, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu stören. Mit Unterstützung des Kölner Erzbischofs Karl Joseph Schulte gelang es Otto Müller und Groß, der die Verantwortung für den Beitrag übernommen hatte, im August 1938, die Wiederzulassung des Blattes zu erwirken. Trotz der erneuten Einengung des publizistischen Spielraumes gelang es dem Chefredakteur, seine Arbeit wiederaufzunehmen. Vielleicht war es gerade dessen Effizienz und der ungebrochene Einfluss der Verbandszeitung, die den Ausschlag dazu gab, die „Kettelerwacht“ noch im selben Jahr vollständig zu zerschlagen.

Das Kölner EL-DE Haus (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 365KB)
Das EL-DE Haus, Sitz der Kölner Gestapo von 1935-1945. (NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln)

Nach dem Wegfall der Zeitung gab Groß vorrangig religiöse Kleinschriften heraus, scheiterte jedoch spätestens 1941 mit dem Versuch, die Wirkmacht des Verbandorgans auf diesem Wege zu kompensieren, da dem Ketteler-Haus angeblich kriegsbedingt die Papierzuteilung gestrichen wurde. Zudem widmete sich Groß seit 1938 der Männerseelsorge, wozu er vermehrt nach Fulda zu Bischof Johann Baptist Dietz (1879-1959, Episkopat 1939-1958) reiste. Hier lernte er den Jesuitenpater Alfred Delp (1907-1945) kennen, über den die maßgebliche Verbindung zum Kreisauer Kreis Bezeichnet eine oppositionelle Widerstandsgruppe um Helmut Graf James von Moltke (1907-1945) und Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944) während des Zweiten Weltkriegs. Die etwa 20 aktiven Mitgliedern und ebenso viele Sympathisanten stammten aus allen gesellschaftlichen Schichten und trafen sich regelmäßig in kleineren Gruppen auf dem Familengut Kreisau der Grafen Moltke. Ziel des Kreises war es, den Nationalsozialismus durch ein auf den Menschenrechten beruhendes Staats- und Regierungskonzept zu verdrängen und die Bevölkerung zu eigenverantwortlichem politischem Handeln zu erziehen. Nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 schlossen sich Teile des Kreisauer Kreises dem militärischen Widerstand um Claus Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944) an. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20.7.1944 gelang es der Gestapo, die Arbeit der Gruppe aufzudecken, zahlreiche Mitglieder wurden in der Folge verhaftet und zum Tode oder zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt.  zustande kam.

Der zunächst als Diskussionszirkel geplante und von Groß mit geprägte „Kölner Kreis“, der sich aus christlichen Gewerkschaftern und ehemaligen Zentrumspolitikern zusammensetzte, entwickelte ein breites, überregionales Netz an Verbindungen zu Oppositionskreisen. Diese verschafften sich gegenseitigen Zugriff auf ihr jeweiliges Personalreservoir. Neben den Gesprächen im Kölner Ketteler-Haus oder in der Privatwohnung von Groß, in denen bereits vor dem Krieg über die Ausgestaltung Deutschlands nach dem Ende der NS-Herrschaft debattiert wurde, verstärkten sich vor allem die Kontakte zum Kreisauer Kreis und der Oppositionsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler, der mit den Verschwörern des 20. Juli 1944 zusammenarbeitete. Charakteristisch für die Beziehungen der Kreise war eine rege Besuchstätigkeit, die beispielsweise  im Herbst 1943 zu einem Treffen zwischen Goerdeler, Groß, Letterhaus, Kaiser und Müller im Kölner Ketteler-Haus führte, um über die personelle Ausgestaltung Westdeutschlands nach dem Ende des NS-Regimes zu diskutieren. Anschließend reiste Groß auf Bitten Jakob Kaisers im November 1943 nach Saarbrücken, um den ehemaligen Regierungskommissar und christlichen Gewerkschafter Bartholomäus Koßmann (1883-1952) für das Amt eines Politischen Beauftragten zu gewinnen.

Auch wenn Groß nicht als der führende Kopf des Kölner Kreises gelten kann, so übernahm er doch entscheidende organisatorische Aufgaben. Nicht zuletzt prädestinierten ihn seine gute Vernetzung und Sozialkompetenz, zum Knotenpunkt der regionalen und überregionalen Verbindungen.  der darüber hinaus in die Beratungen und personellen Anwerbungen der Kreise einbezogen wurde. Die aus den eigenständigen Personaldebatten des Kölner Kreises hervorgegangenen Überlegungen hielt Groß zusammen mit Wilhelm Elfes in zwei Denkschriften fest („Die großen Aufgaben“ und „Ist Deutschland verloren?“). Diese trugen später maßgeblich zu seiner Verurteilung bei, sind jedoch leider nicht erhalten.

Nikolaus Groß vor dem Volksgerichtshof (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 46KB)
Nikolaus Groß vor dem Volksgerichtshof, 15.1.1945. (Bistum Essen)

Nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Groß am 12.8.1944 Opfer der „Aktion Gewitter“. Letterhaus, der den entscheidenden Kontakt zu Goerdeler geknüpft hatte, war bereits am 25.7.1944 verhaftet worden. Zunächst wurde Groß in der Sicherheitspolizeischule Drögen bei Fürstenberg in Mecklenburg, einer Außenstelle des Konzentrationslager Ursprünglich als „Schutzhaftlager“ verwendet, wurden die vom NS-Regime während des "Dritten Reiches" errichteten Lager zur Internierung missliebiger Personen (zum Beispiel Juden, Zigeuner, demokratische und kommunistische Politiker, Geistliche, NS-Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Behinderte und sogenannte Asoziale) genutzt. Als wichtiges Instrumente des Staatsterrors wurden bis Kriegsbeginn sieben KZ errichtet, bis 1945 22 Hauptlager mit zahlreichen Außenlagern und Außenkommandos. Neben der Nutzung als Arbeitslager dienten einige der KZ ab 1941 als Vernichtungslager.  Ravensbrück, inhaftiert. Nach Verhören, die unter dem berüchtigten Kriminalrat Herbert Lange (1909-1945) vor allem auf Folter und Erpressungen basierten, verlegte die Gestapo Groß in die Haftanstalt Berlin-Tegel. Die unter Folter zustande gekommenen Aussagen hatten derweil zur Verhaftung von Otto Müller geführt.

Groß selbst wurde am 15.1.1945 vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler (1893-1945) der Prozeß gemacht. Obwohl wegen der Beteiligung an Goerdelers Verschwörung angeklagt, war Groß Teil eines Sammelprozesses gegen Angehörige des Kreisauer Kreises. Gnadengesuche blieben unbeantwortet. Die gegenüber seiner Frau geäußerte Erwartung einer langen, vielleicht auch lebenslangen Haftstrafe, wurde bitter enttäuscht. Zwar gestand er seine Taten, äußerte jedoch, sich als „Nichtakademiker […] über deren Tragweite nicht klargeworden zu sein“. Dennoch sei er - so Freisler – „genau über Einzelheiten des Goerdeler-Verrates“ unterrichtet gewesen. Im Todesurteil gegen ihn hieß es: „Er schwamm mit im Verrat, muß folglich auch darin ertrinken“. Nikolaus Groß wurde am 23.1.1945 in Berlin-Plötzensee durch Erhängen hingerichtet. Seine Leiche wurde verbrannt und die Asche über Rieselfelder verstreut.

Die Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 143KB)
Die Hinrichtungsstätte in Berlin Plötzensee, 1945. (Bistum Essen)

Am 7.10.2001 sprach Papst Johannes Paul II. (Pontifikat 1978-2005) Nikolaus Groß selig. Im Essener Dom wird seiner in einer Kapelle gedacht. Straßen (so in Berlin, Duisburg, Essen, Fulda, Köln, Lingen, Mönchengladbach, Oberhausen), Kindergärten, Schulen und soziale Einrichtungen (beispielsweise das Nikolaus-Groß-Haus in Köln) tragen seinen Namen, Denkmäler erinnern an ihn. Das Nikolaus-Groß-Haus in Hattingen-Niederwenigern dokumentiert sein Leben.

 

 

Quellen

Aretz, Jürgen (Hg.), Christ - Arbeiterführer - Widerstandskämpfer. Briefe aus dem Gefängnis, 4. Auflage, Münster 2009.

 

Literatur

Aretz, Jürgen, Nikolaus Groß (1898-1945), in: Aretz, Jürgen./Morsey, Rudolf/Rauscher, Anton (Hg.), Zeitgeschichte in Lebensbildern. Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 4, Mainz 1980. S. 159-171.

Buchstab, Günter/Kaff, Brigitte/Kleinmann, Hans-Otto, Verfolgung und Widerstand 1933-1945. Christliche Demokraten gegen Hitler, Düsseldorf 1986.

Bücker, Vera/Nadorf, Bernhard/ Potthoff, Markus (Hg.), Nikolaus Groß. Arbeiterführer - Widerstandskämpfer - Glaubenszeuge. Wie sollen wir vor Gott und unserem Volk bestehen? Der politische und soziale Katholizismus im Ruhrgebiet 1927 bis 1949, Münster 2001.

Bücker, Vera, Der Kölner Kreis und seine Konzeption für ein Deutschland nach Hitler, in: Historisch-Politische Mitteilungen 2 (1995), S. 49-82 (Auch Online verfügbar)

Bücker, Vera, Nikolaus Groß. Politischer Journalist und Katholik im Widerstand des Kölner Kreises, Münster 2003.

Jacobsen, Hans-Adolf (Bearb.), Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944. Geheime Dokumente aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, Band 2, Stuttgart 1989.

Morsey, Rudolf. Christliche Demokraten in Emigration und Widerstand 1933-1945, Köln 1987.

 

Online
Hausmann, Jakob, Groß, Nikolaus Franz, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 144 [Onlinefassung]

Niklolaus Groß auf der Homepage der Gedenkstätte Deutscher Widerstand [Online]

 

19.10.2015
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Keywan K. Münster (Bonn)