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Franz Xaver Hellner (1819–1901), Goldschmied

Franz Xaver Hellner war einer der führenden rheinischen Vertreter der sakralen Goldschmiedekunst des Historismus. Das „Etablissement Franz Xaver Hellner Kempen a/Rhein“ war spezialisiert auf Neuanfertigung und Restaurierung von liturgischem Gerät und Kirchenschmuck in dem von den kirchlichen Auftraggebern seit etwa 1850 bevorzugten neugotischen Stil. Vom Goldschmied wurde sowohl genaue Kenntnis des Stiles der mittelalterlichen Vorbilder als auch Beherrschung der historischen handwerklichen Techniken erwartet. Gerade wegen ihrer herausragenden handwerklichen Qualitäten wurden Hellners Arbeiten besonders hochgeschätzt.

Franz Xaver Hellner wurde am 6.12.1819 als erstes Kind der Eheleute Franz Hellner (1792–1868) und Margarethe, geborene Feldmann (1795–1838), in Ronsdorf (heute Stadt Wuppertal) geboren. Der aus einer Attendorner Bauernfamilie stammende Vater war Schreiner. Über Kindheit und Jugend sowie den Ausbildungsgang Hellners ist nichts bekannt. 1844 heiratete er Theresia (1799–1874), die jüngste Tochter des 1834 verstorbenen Kempener Goldschmiedes Carl Benedict Godfroyd. Im folgenden Jahr führt das Kempener Adressbuch Hellner als „Gold- und Silberarbeiter“ auf.

Anfänglich kamen die kirchlichen Aufträge, um die er mit dem renommierten Krefelder Goldschmied Franz Xaver Dutzenberg (geboren 1822) konkurrierte, spärlich und nur aus der näheren Umgebung. Die Empfehlung des Münsteraner Bischofs Johann Georg Müller (Episkopat 1847-1870), in der ihm 1854 große Sorgfalt u. Sauberkeit der Arbeit sowie ein geschicktes Eingehen in die Formen des gothischen Styls bescheinigt wurde, scheint ihm den Zugang zu überregionalen kirchlichen Auftraggebern erleichtert zu haben. Dass Hellner 1858 die Restaurierung des romanischen Deutzer Heribertschreines übertragen wurde, belegt, dass er sich als Restaurator inzwischen einen Namen gemacht hatte. Im gleichen Jahr erlangte er durch die Bekanntschaft mit dem Utrechter Priester Gerard van Heukelum (1834–1910), einem einflussreichen Verfechter der Neugotik Richtung der neueren Baukunst, die den gotischen Stil erneut voll zur Geltung brachte. Sie steht im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Romantik und ist wie diese von England ausgegangen, wo um 1750 die ersten neugotischen Bauten entstanden. , Zugang zum niederländischen Markt. Van Heukelum empfahl seinen Mitbrüdern die Hellnerschen Arbeiten und initiierte die geschäftliche Verbindung mit dem Utrechter Kupfer- und Goldschmied Gerard Bartel Brom (1831–1882). Ab 1865 vertrieb Brom Goldschmiedearbeiten aus der Kempener Werkstatt in den Niederlanden. Seit den 1860er Jahren exportierte die Werkstatt auch nach Belgien.

Die Teilnahme an der Aachener „Ausstellung von neuern Meisterwerken mittelalterlicher Kunst“ 1862, bei der Hellner mit 38 Arbeiten vertreten war, markiert seinen endgültigen Aufstieg in den Kreis der führenden rheinischen Sakral-Goldschmiede. Dies spiegelt sich auch in den Mitarbeiterzahlen wider. Beschäftigte Hellner 1866 noch acht, so stieg die Zahl 1889 auf 16 Angestellte. Um 1870 erlangte er am Niederrhein eine marktbeherrschende Position und einen wachsenden Kundenstamm. In zweiter Ehe war Hellner ab 1875 mit Anne Marie Elisabeth Menden (1832–1887) verheiratet. Da auch diese Ehe kinderlos blieb, setzte Hellner nach ihrem Tode  ein neues Testament auf, in dem er nun seinen Neffen Richard (1864–1944) als seinen Universalerben und Testamentsvollstrecker einsetzte. Richard Hellner hatte 1877 bis 1883 in Lüttich eine Ausbildung zum „ciseleur“ absolviert und war schon bald darauf in die Kempener Werkstatt eingetreten.

1894 verkaufte Hellner die Werkstatt an seinen Neffen, der sie unter dem Namen seines Onkels weiterführte und ebenfalls die Signatur „F.X. Hellner“ verwendete. Noch im gleichen Jahr übersiedelte Richard Hellner nach Köln und errichtete eine Dépendance. Beides schwächte das Kempener Geschäft und führte 1898 zu seiner Schließung. 1894 zog Franz Xaver Hellner in den Haushalt seines Neffen, wo er am 19.5.1901 verstarb. Beigesetzt wurde er auf dem Alten Friedhof in Kempen.

Selbstbewusst schrieb der erfolgreiche Goldschmied 1878 auf seiner Geschäftskarte: Ich erlaube mir, mein Etablissement, das erste dieser Branche, dem hochw. Clerus u. den verehrl. Kirchenvorständen bestens zu empfehlen. Hellner arbeitete nicht nur für die katholische Kirche, sie spielte auch in seinem persönlichen Leben eine große Rolle. So engagierte er sich unter anderem im Katholischen Gesellenverein, in der Zentrumspartei und war langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt Kempen.

Die auf der Geschäftskarte Hellners abgebildeten Gegenstände repräsentieren fast die gesamte Produktpalette: Kelche mit zugehöriger Patene und Löffelchen, Monstranzen, Reliquiare, Ziborien, Leuchter, Versehgeräte, Altarkreuze, Weihrauchfässer und weiteres Kleingerät. Zugleich gibt sie Auskunft über den Umfang der Produktion bis zum Jahr 1878. Genannt werden unter anderem 1.480 silbervergoldete Kelche, 600 Monstranzen und 850 Ziborien. Hochgerechnet sind in den 50 Jahren des Werkstattbestehens also zwischen 8.000 und 10.000 Objekte, darunter auch die in großen Stückzahlen angefertigten Leuchter, entstanden. Zu den herausragenden Werken Hellners gehören der Reliquienschrein für die Märtyrer von Gorcum in der Pfarrkirche St. Nicolas in Brüssel (1870), der Altar für St. Dionysius in Krefeld (1887) sowie drei getriebene Sitzmadonnen für Kirchen in den Niederlanden und in Köln. Hellner konnte in der Zeit nach dem Ende des Kulturkampfes von der gestiegenen Nachfrage nach handwerklich hergestelltem liturgischem Gerät zur Ausstattung der vielen Kirchenneubauten oder Kirchenerweiterungen und dem wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerzeitjahre profitieren. Den hohen materiellen Wert der Stücke illustriert die Relation zwischen dem Kaufpreis einer Monstranz für die Kempener Pfarrkirche St. Mariae Geburt, der 36.000 Mark betrug und dem durchschnittlichen Jahreslohn eines Spinnereiarbeiters, der 1870 480 Mark verdiente.

Die Hellnersche Werkstatt besaß einen großer Fundus an unterschiedlichen Vorlagen. Neben zahlreichen Zeichnungen und Fotografien nutzte sie Abgüsse oder Abdrücke von mittelalterlichen Originalen, die Hellner und seine Mitarbeiter selbst restauriert hatten, oder Abformungen, die Publikationen beigelegt waren. Individuelle Entwürfe für anspruchsvolle Kunden ließ Hellner hauptsächlich von dem Kölner Diözesanbaumeister Heinrich Wiethase (1833–1893) anfertigen. Darüber hinaus standen ihr gedruckte Vorlagen wie die im „Organ für christliche Kunst“ publizierten Zeichnungen vorbildlicher mittelalterlicher Goldschmiedewerke und Entwürfe zeitgenössischer Architekten wie zum Beispiel Vincenz Statz (1819–1898) zur Verfügung.

Unter den Goldschmieden seiner Generation war Hellner derjenige, der die meisten Kopien und Variationen nach berühmten mittelalterlichen Vorbildern anfertigte. Beispiele für Kopien sind zwei Bischofsstäbe im Kölner und Osnabrücker Domschatz nach einem Kölner Original des 14. Jahrhunderts. Umfangreicher ist die Gruppe der Werke, die in Technik und Ikonographie Griechisch,  (1) Bestimmung von Bildnissen der griechischen und römischen Antike,  (2)  allgemein die Lehre von den Bildinhalten. vom mittelalterlichen Original abweichen. So sind zum Beispiel von dem sogenannten Gouda-Kelch von 1425, den Hellner 1872 restauriert hatte, bisher sechs Varianten bekannt. Daneben entstanden Werke, die unter Beibehaltung der durch die Prototypen gegebenen Grundstruktur gotische und eigene gotisierende Stilelemente versatzstückartig neu kombinieren. Bei Arbeiten, die in ihrer Gesamterscheinung nicht auf bestimmte Vorbilder zu beziehen sind, schöpfte Hellner überwiegend aus dem Formenrepertoire romanischer Goldschmiedewerke, achtete aber auch hier trotz größerer schöpferischer Freiheiten auf Stilreinheit.
Viele der mehr als 30 Objekte, die Hellner für seinen bedeutendsten Auftraggeber, die Kempener Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt, anfertigte, sind im Museum für Niederrheinische Sakralkunst in Kempen ausgestellt.

 

Quellen

Geschäftskarte von 1878, Nijmegen Katholiek Documentatie Center, Archief Edelsmidse Brom.

 

Literatur

Falk, Birgitta, Das „Etablissement F.X. Hellner Kempen A/Rhein“, in: Soli Deo Gloria, Das Museum für Niederrheinische Sakralkunst in der Paterskirche Kempen, hg. von Elisabeth Friese, Kempen 2005, S. 88–108.
Falk, Birgitta, Etablissement Franz Xaver Hellner Kempen a/Rhein (1844–1894). Eine rheinische Goldschmiedewerkstatt im Historismus. Leben und Werk niederrheinischer Künstler, Krefeld 1994.

 

Online
Stadt Kempen, Museum für Niederrheinische Sakralkunst

 

26.2.2013

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs an. 



Eva-Maria  Willemsen  (Kempen) 
 

       
 

       
 
 Franz Xaver Hellner mit der Sitzmadonna (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 624KB)

Franz Xaver Hellner mit der Sitzmadonna aus dem Besitz der Pfarrkirche Onze Lieve Vrouw ten Hemelopneming Zwolle, um 1886, Kempen. (Privatbesitz)

 

 

Monstranz (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 236KB)

Monstranz, 1887, Katholische Propsteipfarre St. Mariae Geburt Kempen. (Kreisarchiv Viersen)

Geschäftskarte Franz Xaver Hellners (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 196KB)

Geschäftskarte Franz Xaver Hellner, 1878, Ausschnitt. (Nijmegen Katholiek Documentatie Center, Archief Edelsmidse Brom)

Variation Hellners nach dem so genannten Gouda-Kelch (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 161KB)

Variation Hellners nach dem so genannten Gouda-Kelch von 1425, 1888, Katholische Propsteipfarre St. Mariae Geburt Kempen.