Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Bildleiste
  
Navigationslinks überspringenStartseite  |  Persönlichkeiten  |  H  |  Iwan-David Herstatt

Iwan-David Herstatt (1913-1995), Bankier

Iwan-David Herstatt war ein Kölner Bankier. Als Inhaber und Leiter der I. D. Herstatt KGaA zeichnete er in den 1970er Jahren für eine der größten Bankenpleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich.

Iwan-David Herstatt wurde am 16.12.1913 in Köln geboren. Er war das älteste Kind von Clara (1893-1980) und Johann David Herstatt (1887-1955) und hatte noch drei Schwestern. Claras Vater Viktor Schnitzler (1862-1934) war Justizrat in Köln. Als Vorsitzender der Konzertgesellschaft engagierte er sich für das Orchester im Gürzenich.

Johann David Herstatt stammte aus einer Bankiersfamilie, die seit dem 18. Jahrhundert in Köln ansässig war. Dessen Vater Friedrich Johann David Herstatt (1831-1888) führte das 1782 gegründete Bankhaus Herstatt in der dritten Generation. Die Familie Herstatt beschloss nach dessen plötzlichem Tod 1888, die Bankgeschäfte auf das Bankhaus J. H. Stein zu übertragen, zu dem mehrfache verwandtschaftliche Verbindungen bestanden.

Es sollte nicht abgewartet werden, ob der gerade geborene Johann David Herstatt die Nachfolge antreten würde. Dieser engagierte sich nach dem Jurastudium im Versicherungsgeschäft und war für die Allianzversicherung in Köln tätig.

Iwan-David Herstatt besuchte das Kölner Realgymnasium in der Kreuzgasse. Nach dem Abitur trat er 1931 in die Deutsche Bank ein und absolvierte zunächst eine Lehre. Zwischen 1940 und 1944 leitete er in Metz die Kreditabteilung eines Bankhauses, das von der Deutschen Bank übernommen worden war. In den Jahren 1947 bis 1949 ließ er sich beurlauben und sammelte als Referent Erfahrungen bei der Hessischen Bankenaufsicht in Wiesbaden. 1950 kehrte er mit seiner Familie - 1948 hatte er Ilse Gerstenberg (geboren 1921) aus Wiesbaden geheiratet, das Paar hatte insgesamt vier Kinder - nach Köln zurück. Zunächst leitete er die neu gegründete Kölner Niederlassung der Bank für Gemeinwirtschaft.

Nach dem Tod des Inhabers stand 1955 die Kölner Privatbank Hocker & Co. zum Verkauf. Iwan-David Herstatt konnte unter anderem seinen Jugendfreund Hans Gerling, der den gleichnamigen Versicherungskonzern leitete, überzeugen, sich am Kauf der Bank zu beteiligen. Beide kannten sich seit ihrer gemeinsamen Schulzeit am Realgymnasium. Neben Hans Gerling, dem ersten Verwaltungsratsvorsitzenden der Bank und späteren Hauptaktionär, beteiligte sich unter anderen noch Emil Bührle (1890-1956), der Inhaber des schweizerischen Maschinenbauunternehmens Oerlikon. Die Bank erhielt den Namen I. D. Herstatt KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien). Iwan-David Herstatt leitete die Bank und agierte als einer von zwei persönlich haftenden Gesellschaftern.

Herstatt führte die Bank auf Expansionskurs; das Bankhaus entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem überregional tätigen Unternehmen. Die Mitarbeiterzahl wuchs von ursprünglich 15 Beschäftigten auf 850 Mitarbeiter in den 1970er Jahren. Herstatt selbst legte großen Wert auf Repräsentativität. 1956 bezog die Bank ein neu errichtetes Gebäude in Köln an der Straße Unter Sachsenhausen 6. Es enstanden 30 Zweigstellen in Köln und Bonn. Herstatts Geschäftsmodell bestand darin, als Privatbank das Angebot einer Universalbank zu bieten.

Mit der Einführung flexibler Wechselkurse zu Beginn der 1970er Jahre gewann der Devisenhandel im Bankengeschäft an Bedeutung, so auch bei der Herstatt-Bank. Iwan-David Herstatt wies 1972 in einem Rundschreiben alle Mitarbeiter darauf hin, Geschäfte am Devisenmarkt tätigen zu können. Das Volumen des Einzelabschlusses begrenzte er willkürlich auf 10 Millionen Deutsche Mark. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung; Herstatt selbst nutzte die Möglichkeiten, das eigene Vermögen zu vergrößern. Die Kontrollmechanismen über die Tätigkeit der Devisenabteilung waren jedoch wenig ausgeprägt. Intern machte zwar ein Revisor mehrfach auf die Risiken dieses Geschäftsfeldes aufmerksam, jedoch blieben alle Hinweise unberücksichtigt.nach oben

Nach der Ölkrise Durch starke Erhöhung des Ölpreises hervorgerufene gesamtwirtschaftliche Krise. 1973 spekulierten die Mitarbeiter der Devisenabteilung auf einen steigenden US-Dollar. Doch ab Anfang 1974 sank der Dollarkurs stetig; die bankeigenen Devisenhändler versuchten, die dadurch entstehenden Verluste durch risikoreichere Transaktionen aufzufangen. Bereits am 16.6.1974 betrug das Defizit zwischen 450 und 520 Millionen Deutsche Mark. Die Großbanken Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank lehnten es am 26.6.1974 ab, die Herstatt-Bank mit der Übernahme von Bürgschaften zu retten. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen ordnete noch am selben Tag die Schließung der Schalter in Köln und Bonn an; am darauf folgenden Tag beantragte die Bank wegen Überschuldung die Eröffnung eines Vergleichsverfahrens. Am Hauptsitz in Köln kam es daraufhin zu regelrechten Tumulten. Der Zusammenbruch war die bis dahin größte Bankenpleite der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Klärung zog sich noch über Jahrzehnte hin. Insgesamt konnten Banken und Kommunen 73,5 Prozent sowie privaten und sonstigen Gläubigern 83,5 Prozent ihrer Forderungen erfüllt werden. Als Folge des Zusammenbruchs gründeten die deutschen Banken einen Einlagensicherungsfonds, um Sparer vor den Folgen einer Banken-Insolvenz zu schützen.

1976 kam Iwan-David Herstatt wegen des Verdachts auf Untreue, Betrug und Bilanzfälschung gemeinsam mit weiteren Managern der Bank vorübergehend in Untersuchungshaft. 1984 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Wegen des Revisionsverfahrens trat er die Strafe jedoch nicht an, und im Oktober 1985 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Bei einem erneuten Gerichtserfahren, das 1987 begann, verkürzte das Gericht die Strafe auf zwei Jahre Haft auf Bewährung und erklärte Herstatt im Jahr 1991 für verhandlungsunfähig. Als persönlich haftender Gesellschafter trug er im Vergleichsverfahren zwölf Millionen Deutsche Mark zur Entschädigung bei.

Im Verlauf der Verfahren konnte deutlich gemacht werden, dass bereits 1972 im internationalen Bankgewerbe Informationen über ungewöhnliche Devisentermingeschäfte der Herstatt-Bank ausgetauscht wurden. Herstatt musste bei diesbezüglichen Gesprächen mit Vertretern des Bundesamts für Kreditwirtschaft Kenntnis von der Schieflage der Bank gehabt haben. Die Bilanz des Jahres 1973 war durch Tarngeschäfte manipuliert worden. Iwan-David Herstatt selbst sah sich als Opfer eines verschwörerischen Betruges. Seiner Ansicht nach habe der damalige Leiter der Abteilung Devisenhandel Daniel (Dany) Dattel (geboren 1939) die Schieflage verschleiert und verharmlost.

Der Kölner Herstatt engagierte sich intensiv im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt. Über 20 Jahre organisierte er die Finanzierung des Rosenmontagszugs als Schatzmeister. Es gelang ihm, nicht nur bekannte Kölner, wie den Erzbischof Joseph Höffner oder den Verleger Alfred Neven-DuMont (geboren 1927), als Kunden zu gewinnen. Auch andere Banken und sogar der Kölner Stadtkämmerer richteten Konten bei der Herstatt-Bank ein. Seine Aktivitäten im Kölner Vereinsleben können als intensive und erfolgreiche Marketingtätigkeit für seine Bank interpretiert werden. Nach der Insolvenz im Jahr 1974 zog sich Iwan-David Herstatt aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Er starb am 9.6.1995 in Köln und wurde im Familiengrab auf dem Melatenfriedhof beigesetzt.

 nach obenWerk

Die Vernichtung: Glanz und Ende des Kölner Bankhauses I.-D. Herstatt oder wie ich um mein Lebenswerk betrogen wurde, Berlin 1992

 

Literatur

Blei, Reinhard, Früherkennung von Bankenkrisen dargestellt am Beispiel der Herstatt-Bank, München 1984.

Kaserer, Christoph, Der Fall der Herstatt-Bank 25 Jahre danach – Überlegung zur Rationalität regulierungspolitischer Reaktionen unter besonderer Berücksichtigung der Einlagensicherung, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 87 (2000), S. 166-193.

Nicke, Jacob, Die Familie Herstatt – Insbesondere das Haus Johann David Herstatt in Köln, 2. Auflage überarbeitet von Robert Steimel, Köln 1957.

Scheuch, Erwin / Scheuch, Ute, Herstatt, Die Bank als Spielcasino, in: Erwin Scheuch / Ute Scheuch, Manager im Größenwahn, Hamburg 2003, S. 112-128.

Steimel, Robert, I. D. Herstatt – Das alte und das neue Bankhaus, Köln, 1963.

 

30.9.2010
Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.



Annette Wilczek  (Bonn) 
 

       
 

       
 
 Iwan-David Herstatt (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 62KB)

Iwan-David Herstatt, Gemälde von Tony May (1914-2004), Öl auf Leinwand, um 1960, Original im Kölnischen Stadtmuseum. (Rheinisches Bildarchiv)