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Hubert Jedin (1900-1980), Kirchenhistoriker

Dem gebürtigen Schlesier wurde wegen seiner Abstammung von einer (konvertierten) jüdischen Mutter 1933 die Lehrerlaubnis an der Universität Breslau entzogen. Nach Jahren des Exils in der Vatikanstadt wurde er 1949 an die Universität Bonn berufen, wo er für die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens eine neue Heimat fand. Hubert Jedin zählt zu den herausragenden Kirchenhistorikern des 20. Jahrhunderts.

Hubert Jedin wurde am 17.6.1900 als zehntes Kind einer Lehrerfamilie in Großbriesen / Oberschlesien geboren. Ab 1911 konnte er das Gymnasium in Neiße besuchen. Das dortige Konvikt (kirchliches Internat) hat ihn wie die Zugehörigkeit zur katholischen Jugendgemeinschaft „Quickborn" religiös geprägt, so dass sich die Entscheidung für den Priesterberuf für ihn von selbst ergab. Sein theologisches Studium absolvierte er in den Jahren 1918-1923 in Breslau, unterbrochen von auswärtigen Semestern in München und Freiburg 1920/1921. Der Priesterweihe 1924 folgte ein kurzer Einsatz in der Seelsorge. 1926 konnte Jedin seine Promotion Lateinisch, Beförderung, (1) Erlangung, Verleihung der Doktorwürde, (2) lateinisch-englisch, Absatzförderung, Werbung. in Breslau abschließen. Sein Bischof, Adolf Kardinal Bertram, stellte ihn zu weiteren Studien frei und verschaffte ihm eine Kaplansstelle am Priesterkolleg des Campo Santo Teutonico in Rom.

In diesem am Rande der Vatikanstadt gelegenen Kolleg sollte Jedin in drei Abschnitten insgesamt 17 Jahre seines Lebens verbringen. In den Jahren 1926-1930 erstellte er dort sein Werk über den Augustinereremiten Im 13. Jahrhundert aus verschiedenen Eremitengemeinschaften gebildeter Orden, der nach der Augustinusregel lebt; 1963 umbenannt in Augustinerorden. Girolamo Seripando (1492-1563), mit der er 1930 in Breslau habilitiert wurde. Jedin war sich danach seiner Berufung zum Universitätslehrer so sicher, dass er 1931 das Angebot, RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. des Kollegs am Campo Santo Teutonico zu werden, ausschlug. Doch 1933 entzog ihm das preußische Kultusministerium wegen seiner nicht-arischen Abstammung die Lehrbefugnis.

Jedin hielt die Naziherrschaft für eine vorübergehende Episode und kehrte für die Jahre 1933-1936 nach Rom zurück, um sich durch weitere Forschungen und Veröffentlichungen zur Reformationsgeschichte zu qualifizieren und ein über den deutschen Sprachraum hinausgehendes Ansehen zu erwerben. nach obenAb 1936 wirkte er als „Erzbischöflicher Archivar" in Breslau, bis nach der ReichspogromnachtVom NS-Regime organisierte deutschlandweite Ausschreitungen gegen jüdische Bürger und Einrichtungen der jüdischen Gemeinden in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1938. Von der nationalsozialistischen Propaganda zynisch auch „Reichskristallnacht“ genannt, markiert sie den Übergang von der jüdischen Diskriminierung zur systematischen Massenverfolgung durch die Nationalsozialisten." im November 1938 sein Verbleib in Breslau immer problematischer wurde. Mit viel Glück gelang es ihm, am 7.11.1939 nach Italien auszureisen, wo er für die Jahre 1939-1949 wieder im Priesterkolleg am Campo Santo Teutonico Unterkunft fand und im Auftrag der Görres-Gesellschaft an der Herausgabe eines Aktenbandes des Concilium Tridentinum arbeitete. Erst 1949 erhielt Hubert Jedin einen Ruf an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, wo er bis 1965 mit großem Erfolg als Professor für Kirchengeschichte wirkte. Jedins Oberseminar (für fortgeschrittene Studenten und internationale Doktoranden) war jedesmal ein intellektuelles Ereignis. Zu den Teilnehmern gehörten Mitte der 50er Jahre zum Beispiel italienische Historiker aus Bologna wie Paolo Prodi und Giuseppe Alberigo, der sich als Herausgeber einer fünfbändigen Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils einen Namen machen sollte.

Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings berief Jedin schon in der Vorbereitungsphase des Zweiten Vatikanischen Konzils zu einem seiner Berater. Gleich nach Ankündigung des Konzils durch Papst Johannes XXIII. (Pontifikat 1958-1963) schrieb Jedin im Frühjahr 1959 innerhalb weniger Wochen die „Kleine Konziliengeschichte" die allein in Deutschland in kürzester Zeit Auflagen von insgesamt 100.000 Exemplaren erreichte und in alle Weltsprachen übersetzt wurde. Rechtzeitig vor dem Konzil erschien 1962, von Jedins Bologneser Freunden erarbeitet und von ihm mit einem Vorwort versehen, ein Kompendium der Dekrete aller Ökumenischen Konzilien für die Hand der Konzilsväter und aller mit der Konzilsmaterie Befassten.

Während der Konzilsjahre 1962-1965 war Jedin amtlich bestellter „Peritus" (Sachverständiger) des Konzils und Berater des Münchener Kardinals Julius Döpfner (1913-1976). Zusammen mit seinen Bologneser Freunden (außer Alberigo und Prodi Don Giuseppe Dossetti) erarbeitete er für das Konzil eine brauchbare Geschäftsordnung, die Kardinal Döpfner bei Papst Paul VI. (Pontifikat 1963-1978) statt des ungeeigneten ersten „Rigolamento" durchzusetzen wusste.

Noch vor dem Ende des Konzils ließ Jedin sich 1965 mit 65 Jahren emeritieren, um Zeit für sein seit den römischen Jahren gewachsenes Lebenswerk zu gewinnen: die vierbändige „Geschichte des Konzils von Trient" (erschienen 1949, 1957, 1970 und 1975), von der Konrad Repgen sagt: „Seine vierbändige Darstellung dieser Kirchenversammlung zählt zu den international herausragenden Leistungen des Fachs Geschichte im 20. Jahrhundert." Parallel arbeitete Jedin (mit gewichtigen Eigenbeiträgen) an der Herausgabe des siebenbändigen „Handbuchs der Kirchengeschichte", das in den Jahren 1962-1979 erschien.

Hubert Jedin hatte auf das Konzil durch seinen Rat an die Kardinäle Frings und Döpfner, vor allem durch seine Mitgestaltung an einer funktionsfähigen Geschäftsordnung, erheblichen Einfluss genommen. Nach 1965 wurde aus dem Promotor des Konzils bald ein Konzilsskeptiker. In seinem „Lebensbericht" schrieb Jedin: „Während der letzten Wochen der Tagung gab ich allen deutschen Bischöfen, mit denen ich zusammentraf, einen aus der Erfahrung der Konziliengeschichte geschöpften Rat: fest und unbeirrt auf der Beobachtung der Konzilsdekrete zu bestehen und sich weder nach rechts – auf einen ihre Wirkung schmälernden Traditionalismus – noch nach links – auf über sie hinausgehende radikale Maßnahmen – abdrängen zu lassen. Meine Befürchtungen gingen eher in die erste Richtung. Ich täuschte mich gründlich." Diese Einschätzung Jedins traf zumindest für die ersten Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu, die er noch erlebte. Er starb am 16.7.1980 in Bonn.

 nach obenWerke (Auswahl)

Geschichte des Konzils von Trient, 4 Bände, Freiburg i.Br. u.a. 1949-1975.

Handbuch der Kirchengeschichte, 7 Bände, Freiburg i.Br. u.a. 1962-1979 (unter der Herausgeberschaft Jedins).

Kleine Konziliengeschichte. Die zwanzig Ökumenischen Konzilien im Rahmen der Kirchengeschichte, Freiburg i.Br. 1959.

Lebensbericht. Mit einem Dokumentenanhang, hg. von Konrad Repgen, Mainz 1984.

 

Literatur

Böhm, Roland, Artikel „Jedin, Hubert", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 3 (1992), Sp. 1-5.

Repgen, Konrad, Hubert Jedin (1900-1980), in: Zeitgeschichte in Lebensbildern, Band 7, Mainz 1994, S. 175-191 (Bibliographische und Literaturhinweise S. 301-302).

Smolinsky, Heribert (Hg.), Die Erforschung der Kirchengeschichte. Leben, Werk und Bedeutung von Hubert Jedin (1900-1980), Münster i.W. 2001.

 

30.9.2010
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Norbert Trippen (Köln) 
 

       
 

       
 
 Hubert Jedin (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 146KB)

Hubert Jedin, Porträtfoto, 1969. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

  

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Hubert Jedin, Porträtfoto, 1969. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)

 Hubert Jedin (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 180KB)

Hubert Jedin, Portätfoto, Foto: Dorothea Bleibtreu. (Universitätsarchiv Bonn)