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Bruno Kuske (1876-1964), Wirtschaftshistoriker und Raumforscher

Die Wirtschaftsgeschichte und Geographie des Rheinlandes und Westfalens machte Bruno Kuske als Professor der Universität Köln zum Gegenstand seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Zwei Faktoren machten ihn zu einem der einflussreichsten rheinischen Sozialwissenschaftler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Erstens besetzte Kuske als erster Ordinarius Lateinisch, aus iudex ordinarius entstandene Kurzform, bezeichnet (1) den Inhaber der iurisdictio ordinaria, das heißt in der katholischen Kirche den Papst, und die ordinarii locorum, das heißt den regierenden Bischof, Abt oder Prälaten, den apostolischen Administrator, Vikar oder Kapitelsvikar usw.,  (2) den durch Berufung auf einen Lehrstuhl gelangten, lebenslang ernannten Professor, seit der Abschaffung der so genannten "Ordinarienuniversität" mit den Hochschulreformen der 1970er Jahre unüblich gewordene Bezeichnung. für Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeographie Deutschlands innovative Forschungsfelder. Zweitens versuchte Bruno Kuske auch politisch wirksam zu sein. Über einen Zeitraum von 30 Jahren baute er Kontakte zu Politikern und Verbänden auf, um sein politisches Hauptziel, die administrative Zusammenfassung der preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen, zu erreichen.

Bruno Kuske stammte aus einfachen sozialen Verhältnissen. Er wurde am 29.6.1876 in Dresden als Sohn des Schneidermeisters Louis Kuske (1849-1940) und dessen Ehefrau Amalie Mühle (1853-1933) geboren. 1913 heiratete Bruno Kuske in Bückeburg die Fabrikantentochter Klara Poos (1889-1963). Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.

Nach der Lehrerausbildung an der Handelshochschule Leipzig wechselte er im Jahr 1900 an die dortige Universität. Er promovierte 1903 bei dem Nationalökonom Karl Bücher (1847-1930) mit einer wirtschaftsgeschichtlichen Arbeit zum Thema „Das Schuldenwesen der deutschen Städte im Mittelalter". Im gleichen Jahr ging Kuske nach Köln, um im dortigen Stadtarchiv Quellen zur Kölner Wirtschaftsgeschichte zu bearbeiten. Mit dieser Quellenedition wurde das Rheinland mit seinen zahlreichen ökonomischen Verflechtungen zum zentralen Forschungsgegenstand Bruno Kuskes. Schon bald erweiterte sich sein Interesse auf Westfalen. In zahlreichen Veröffentlichungen analysierte er die räumliche Struktur dieser beiden preußischen Provinzen in einer dezidiert historischen Perspektive.

1919 erhielt Kuske an der neu gegründeten Kölner Universität eine Professur für Wirtschaftsgeschichte, ab 1924 vertrat er außerdem das Fach Wirtschaftsraumlehre, also Wirtschaftsgeographie. Er betreute zwischen 1919 und 1950 mehr als 400 Doktorarbeiten, die Mehrzahl widmete sich der Wirtschafts-, Industrie-, Unternehmens- und Sozialgeschichte sowie der Geographie des Rheinlandes und Westfalens.

Kuskes These von der engen Verflechtung und funktionalen Abhängigkeit verschiedener Teilräume basierte auf der Untersuchung der mittelalterlichen Handelsströme auf dem Rhein. Für das Rheinland und insbesondere Köln arbeitete er die enge Verbindung zu den Niederlanden über den Rhein als zentralen Verkehrsweg heraus. Einen noch engeren Zusammenhang sah der Kölner Wirtschaftshistoriker zwischen Rheinland und Westfalen. Er erforschte die Handelsströme zwischen den beiden preußischen Provinzen und wies immer wieder darauf hin, dass das Ruhrgebiet als einheitlicher Raum zu betrachten und zu verwalten sei. Aus diesen Erkenntnissen entstand ein wichtiger Teil von Kuskes politischem Engagement.

Politische und Verwaltungsgrenzen dürfen, so Kuskes Grundüberzeugung, ökonomisch zusammenhänge Räume nicht trennen. Diese Ansichten formulierte er bereits 1919 in seinem dezidierten Eintreten gegen die Abtrennung des Rheinlandes entweder durch die französische Besatzung oder durch die separatistische Bewegung. In der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. beteiligte sich Kuske aktiv an der (letztlich folgenlosen) Reichsreformdebatte um die Neuziehung der Ländergrenzen. Mittels einer wichtigen Denkschrift wirkte er 1946 auf die Vereinigung des Rheinlandes und Westfalens hin. Auf wissenschaftlicher Seite gehört Kuske mit Sicherheit zu den Vordenkern des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, das keine direkten historischen Vorläufer hat.

Im Nationalsozialismus verfolgte Kuske den Grundgedanken der politischen Zusammenfassung wirtschaftlich verbundener Räume weiter. Die 1936 gegründete Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung gab Kuskes Forschungsbereich ein größeres politisches Gewicht. Obwohl Kuske seit 1919 der SPD angehört hatte und deshalb 1933 kurzfristig aus dem Amt entfernt worden war, gelang es ihm, Obmann der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung der Universität Köln und Koordinator der rheinischen Arbeitsgemeinschaften Aachen, Bonn und Köln zu werden. Damit avancierte er offiziell zum wichtigsten wissenschaftlichen Ansprechpartner aller mit der Raumplanung beschäftigten staatlichen Einrichtungen im Rheinland.nach obenGleichzeitig engagierte sich Kuske in der Westdeutschen Forschungsgemeinschaft. Als Teil der Volksdeutschen Forschungsgemeinschaft begründete dieser Forschungsverbund in zunehmend aggressiver Form die territoriale Revision des Versailler Vertrages mit vorgeblich wissenschaftlichen Argumenten. Die Forschungsgemeinschaften legitimierten bis in den Zweiten Weltkrieg hinein die völkisch-rassistischen Expansions- und Eroberungspläne des nationalsozialistischen Regimes.

Als Westforscher lies sich auch Bruno Kuske zur wissenschaftlichen Untermauerung weitreichender Annexionen in Westeuropa hinreißen. Ihm schwebte eine „Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes", die Zusammenfassung des Rheinlandes, Westfalens, Belgiens und der Niederlande zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum unter deutscher Herrschaft mit Köln als Hauptstadt, vor. Kuske beteiligte sich aktiv an einem Forschungsverbund, welcher der SS wissenschaftliche Erkenntnisse für ihre weitreichenden Europaplanungen liefern sollte. Nach dem Krieg gelang es Bruno Kuske allerdings, alle Vorwürfe einer zu engen Verbindung mit dem nationalsozialistischen Regime zurückzuweisen.

Massenmedien wusste Kuske virtuos für sich zu nutzen, um auch die allgemeine Öffentlichkeit zu erreichen. Er publizierte zahlreiche historische Artikel insbesondere in der Kölnischen Zeitung, die sich der wirtschaftlichen Bedeutung des Rheins und der herausragenden Rolle Kölns widmeten. Im Westdeutschen Rundfunk, der 1926 nach Köln zog, sah Kuske neue Möglichkeiten, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Er erreichte die Gründung einer sozialwissenschaftlichen Abteilung, deren Abteilungsleiter Hans Stein (1894-1941), einer seiner Schüler, wurde. Zusammen mit Stein, der als Kommunist 1933 in die Emigration ging, veranstaltete Kuske in der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. regelmäßige Sendereihen im damals modernsten Medium.

Auch über Ausstellungen sprach Kuske ein Millionenpublikum an. Er gestaltete maßgeblich einen großen Teil der Jahrtausendausstellung der Rheinlande 1925. Dieser Publikumserfolg bildete den Auftakt zu einer ganzen Reihe historischer Ausstellungen in Köln, welche die zentrale Rolle der Stadt im Rheinland feierten. Auch hier gelang es Kuske, die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts nahtlos zu überbrücken: Beispielsweise feierten die Kölner Nationalsozialisten Kuske 1936 als Vater des „Hauses der rheinischen Heimat", einem nationalsozialistischen Musterheimatmuseums, oder ließen ihn 1942 die Ausstellung „Köln und der Nordwesten" mit gestalten. Aber auch die Ausstellung „Köln 1900 Jahre Stadt" wurde von dem erfahrenen Professor 1950 konzipiert und umgesetzt.

Bruno Kuske wurde 1951 emeritiert und erhielt unter anderem das Bundesverdienstkreuz verliehen. Am 18.7.1964 starb er in Köln. Sein umfangreicher Nachlass lagert(e) im Historischen Archiv der Stadt Köln.

nach obenWerke (Auswahl)

Das Schuldenwesen der deutschen Städte im Mittelalter, Dissertationsschrift, Leipzig 1903.

Die Bedeutung Europas für die Entwicklung der Weltwirtschaft, Köln 1924.

Die Großstadt Köln als wirtschaftlicher und sozialer Körper, Köln 1928.

Köln, der Rhein und das Reich. Beiträge aus fünf Jahrzehnten wirtschaftsgeschichtlicher Forschung, Köln 1956.

Quellen zur Geschichte des Kölner Handels, 4 Bände, Bonn 1917-1934, Nachdruck 1978.

Die Beziehung von Rassen und Völkergruppen zur historischen Gestaltung des weltwirtschaftlichen Raumes, in: Weltwirtschaftliches Archiv 49 (1939), S. 489-507.

Die deutsche Westgrenze in ihren wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen, in: Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung 4 (1940), S. 384-424.

Die Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes, in: Westland 3. Folge (1943/44), S. 155-158.

Zur Entstehung der wirtschaftlichen Großräume, in: Verein Deutscher Wirtschaftswissenschaftler (Hg.), Europäische Großraumwirtschaft. Vorträge gehalten auf der Tagung zu Weimar vom 9.-11. Oktober 1941, Leipzig 1942, S. 8-37.

Rheingrenze und Pufferstaat, Bonn 1919.

 

Nachlass

Der Nachlass von Bruno Kuske befindet sich im Rheinisch-WestfälischenWirtschaftsarchiv Köln.

  

Festschriften

Europa. Erbe und Auftrag. Festschrift für Bruno Kuske zum 29.6.1951, Köln 1951.

 

Literatur

Engels, Marc, Die "Wirtschaftsgemeinschaft des Westlandes". Bruno Kuske und die wirtschaftswissenschaftliche Westforschung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Aachen 2007.

Haupts, Leo, Die "Universitätsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung" und die politische Indienstnahme der Forschung durch den NS-Staat. Das Beispiel der Universität Köln, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 68 (2004), S. 172-200.

Henning, Friedrich-Wilhelm, Bruno Kuske (1876-1964), in: Friedrich-Wilhelm Henning (Hg.), Kölner Volkswirte und Sozialwissenschaftler, Köln/Wien 1988, S. 69-95.

Kellenbenz, Hermann, Nachruf Bruno Kuske. Das wirtschafts- und sozialgeschichtliche Werk Bruno Kuskes, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 52 (1965), S. 126-144.

Schulz, Thorsten, Wirtschaftsraum Rheinland. Dissertationen bei Bruno Kuske, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 73 (2002), S. 163-188.

 

Online

Bruno Kuske (Biographie auf der Homepage der Universität zu Köln).

Nachlass Bruno Kuskes im Rheinsisch-Westfälischen Wirtschaftsarchiv Köln.

Walther Hermann, "Kuske, Bruno", in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 339-340.

 

11.3.2013

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Marc Engels (Köln) 
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Bruno Kuske, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Köln)