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Erich Klausener (1885-1934), NS-Widerstandskämpfer

Erich Klausener war in der Zeit der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. ein einflussreicher Spitzenbeamter im preußischen Innenministerium und darüber hinaus eine führende Persönlichkeit des politischen Katholizismus. Wegen seiner politischen Tätigkeit vor 1933 und seines energischen Eintretens für katholische Interessen während der frühen NS-Diktatur wurde er von den Nationalsozialisten 1934 ermordet.

Der am 25.1.1885 in Düsseldorf geborene Erich Klausener wuchs in einem großbürgerlich-katholischen Milieu des Rheinlandes auf, das ihn in seiner Mentalität, seinem beruflichen Leitbild und seinen politisch-religiösen Überzeugungen entscheidend prägte. Sein Vater Peter Klausener stammte aus Aachen. Er war ein erfolgreicher Jurist in der Rheinischen Provinzialverwaltung Als Teil der staatlichen Verwaltung für einen bestimmten Provinzbezirk zuständig. Die Provinzialverwaltung der preußischen Rheinprovinz unter der Leitung des Oberpräsidenten hatte von 1822 bis 1945 ihren Sitz in Koblenz. und hatte sich als Landeshauptmann um den Ausbau der sozialen Infrastruktur in den Rheinlanden verdient gemacht. Die Mutter Elisabeth Klausener, geborene Biesenbach (1864-1944), entstammte einer einflussreichen katholischen Familie aus Düsseldorf. Ihr Vater Gustav Biesenbach (1831-1893) war 20 Jahre lang Vertreter für das Zentrum im preußischen Abgeordnetenhaus und ein enger Mitstreiter Ludwig Windthorsts (1812-1891) im „Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. ".

Erich Klausener legte 1903 die Reifeprüfung in Düsseldorf ab. Dem familiären Leitbild folgend studierte er anschließend Jura in Bonn, Berlin und Kiel. Beide Staatsexamina schloss er mit der seltenen Note „gut" ab. 1911 promovierte er in Würzburg und schlug anschließend die Verwaltungslaufbahn ein. Sein Berufswunsch war es, preußischer Landrat zu werden. Bei Kriegsausbruch 1914 musste Klausener seine beruflichen Pläne erst einmal auf Eis legen. Noch am Tag der Mobilmachung – am 1.8.1914 – heiratete er Hedwig Kny (1888-1971). Nach dreijährigem Einsatz als Ulanenoffizier im Ersten Weltkrieg wurde der qualifizierte Nachwuchsjurist im Oktober 1917 an die „Heimatfront" versetzt: Klausener wurde Landrat im Kreis Adenau in der Hocheifel. Dort war es seine Aufgabe, die Bevölkerung vor den zivilen Drangsalen der letzten Kriegsjahre zu schützen.

Erich Klausener bewährte sich offensichtlich. Denn schon im August 1919 wurde er als Landrat im aufstrebenden Industriekreis Recklinghausen eingesetzt – mit 344.000 Einwohnern der größte Kreis in ganz Preußen. Im Vordergrund seiner Tätigkeit stand die Wohlfahrtspflege im regionalen Verbund. Klausener schärfte sein sozialpolitisches Profil, indem er im nördlichen Ruhrgebiet vor allem den Aufbau eines flächendeckenden Gesundheits- und Fürsorgewesens für Kranke und Bedürftige förderte. Seine Amtszeit fiel in die schwierigen Anfangsjahre der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. . Der junge Landrat zeigte sich fest entschlossen, die Interessen der jungen Demokratie zu verteidigen. So unterstützte Klausener während des „Kapp-Putsches" im März 1920 den Generalstreik gegen die reaktionären Putschisten in Berlin. Und als wenige Wochen später eine „rote Ruhrarmee" das Industrierevier bedrohte, plädierte er für ein Eingreifen der Reichswehr, um die Aufständischen gewaltsam zu entwaffnen.

Während der RuhrbesetzungUm Reparationsforderungen Nachdruck zu verleihen, besetzten französische und belgische Truppen 1923 das rheinisch-westfälische Industriegebiet und kontrollierten somit die dortige Kohle- und Koksproduktion ("produktives Pfand"). Die deutsche Regierung rief zum "passiven Widerstand" auf, zu deren Finanzierung der Staat Geld druckte. Die damit einsetzende Inflation zwang zum Abbruch des Widerstandes. Nach der Neuregelung der Reparationszahlungen durch den Dawes-Plan 1924 endete die Besetzung 1925. durch französische und belgische Truppen im Jahr 1923 unterstützte Klausener die Strategie des „passiven Widerstandes". Ein scharfes Protestschreiben wegen der Misshandlung von Beamten brachte ihm ein Kriegsgerichtsverfahren ein. Klausener wurde zwei Monate inhaftiert und anschließend des Kreisgebiets verwiesen. Erst nach Beendigung des „passiven Widerstandes" – im November 1923 – konnte er wieder zurückkehren.

1924 begannen Erich Klauseners letzte zehn Berufsjahre – die Zeit in Berlin. Aus dem preußischen Landrat wurde ein hoher Ministerialbeamter, zunächst im Wohlfahrtsministerium. 1926 wechselte er in das vom Zentrum zu besetzende Amt des Leiters der Polizeiabteilung im preußischen Innenministerium. In dieser Schlüsselfunktion gestaltete Klausener maßgeblich die von den Innenministern Carl Severing (1975-1952) und Albert Grzesinski (1879-1947) initiierte Modernisierung der Polizeiorganisation und des Polizeirechts in Preußen. Das reformpolitische Wirken wurde überschattet durch die turbulente Endphase der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar. . Der erstarkende politische Extremismus wurde zur zentralen Herausforderung für die preußischen Sicherheitsbehörden. Klausener galt als Verfechter einer harten Linie zum Schutz der Republik und leitete energisch den Kampf der Polizei gegen Ausschreitungen der Nationalsozialisten. Vorstöße der preußischen Regierung, ein reichsweites Verbot der NSDAP durchzusetzen, scheiterten jedoch an politischen Widerständen der rasch wechselnden Reichsregierungen. nach obenPreußen büßte seine Position als Bollwerk wehrhafter Demokraten durch den „Preußenschlag Entmachtung der preußischen Regierung am 20.7.1932 durch Reichspräsident Paul von Hindenburg. Mit der Einsetzung Franz von Papens zum Reichskommissar übernahm die Reichsregierung die Regierungsgewalt in Preußen. Nach den preußischen Landtagswahlen am 24.4.1932 hatte die seit 1920 amtierende Koalition aus SPD, Zentrum und DDP ihre Mehrheit gegenüber den radikalen Parteien verloren und nur noch geschäftsführend regiert. " am 20.7.1932 ein. Auf Initiative der Reichsregierung unter Franz von Papen (Amtszeit 1932) wurde die preußische Staatsregierung unter Ministerpräsident Otto Braun (Amtszeit 1926-1932) per Notverordnung ihres Amtes enthoben. Die hochgradig umstrittene Aktion des Reiches ebnete einem reaktionären Kommissariatsregime in Preußen den Weg, das den staatsfeindlichen Umtrieben der NSDAP nur wenig entgegensetzte.

Trotz einer personellen Säuberungswelle im Innenministerium blieb Klausener vorerst Leiter der Polizeiabteilung. Ein Grund mag seine starke Position in der „Katholischen Aktion" gewesen sein, die von Papen – selbst Katholik – von härteren Maßnahmen absehen ließ. Die „Katholische Aktion" war eine von Papst Pius XI. (Pontifikat 1922-1939) 1922 ins Leben gerufene Laienbewegung. Erich Klausener wurde ihr Leiter in der 1929 gegründeten Diözese Berlin. Dabei machte er sich als geschickter Organisator von Großkundgebungen der Berliner Katholiken und talentierter Redner einen Namen.

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. " im Frühjahr 1933 wurde Hermann Göring (1893-1946) kommissarischer Innenminister in Preußen und ließ Klausener in das Reichsverkehrsministerium versetzen. Trotzdem nutzte dieser weiterhin die Gelegenheit zu öffentlichkeitswirksamen Auftritten als Leiter der „Katholischen Aktion" in Berlin. Klausener beschwor in seinen viel beachteten Ansprachen die nationale Gesinnung der katholischen Bevölkerung, verteidigte aber gleichzeitig die katholischen Verbände gegen Verunglimpfungen und Übergriffe durch das Regime, so insbesondere auf dem 31. Märkischen Katholikentag am 25.6.1933. Ohnehin war es für die NS-Machthaber eine Provokation, dass ausgerechnet ein ehemaliger Spitzenbeamter des preußischen Innenministeriums, der vor 1933 die NSDAP bekämpfen ließ, weiterhin Großkundgebungen in der Reichshauptstadt organisierte. So nahm der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg (1893-1946) Klauseners Auftritt während des Märkischen Katholikentages vom Juni 1933 zum Anlass für einen Hetzartikel im „Völkischen Beobachter".

Erich Klauseners Rede auf dem 32. Märkischen Katholikentag am 24.6.1934 war sein letzter öffentlicher Auftritt. Nur sechs Tage später, am 30.6.1934, wurde der populäre Katholikenführer im Zuge der von Hitler befohlenen Terroraktion gegen die SA-Führung und unbequeme Regimekritiker durch ein SS-Kommando in seinem Dienstzimmer im Reichsverkehrsministerium ermordet.

Über die amtliche Presse wurde verbreitet, Klausener habe sich im Zuge der Ereignisse des 30. Juni das Leben genommen. Die offizielle Version vom Selbstmord stieß in der katholischen Bevölkerung auf klare Ablehnung und provozierte kritische Stellungnahmen seitens kirchlicher Würdenträger. Im Auftrag der Witwe Hedwig Klausener strengten die Rechtsanwälte Werner Pünder (1885-1973) und Erich Wedell sogar eine Schadensersatzklage gegen das Deutsche Reich und Preußen an. Ihren Mut bezahlten die beiden aufrechten Juristen mit mehrwöchiger Gestapohaft.

Erst nach dem Krieg kam Licht in den „Fall Klausener". Robert Kempner (1899-1993), ein ehemaliger enger Mitarbeiter Klauseners im preußischen Innenministerium, war als Jude und Sozialdemokrat rechtzeitig emigriert. Nach 1945 wurde er stellvertretender US-Hauptankläger der Nürnberger Prozesse und führte auch zur Aufklärung des Todes von Erich Klausener intensive Nachforschungen durch. Dabei wurde deutlich, dass Hermann Göring darauf gedrängt hatte, Klausener auf die Todesliste zu setzen. Die Tat blieb nicht ungesühnt. Klauseners Mörder, der ehemalige SS-Sturmbannführer Elfter Dienstgrad bei SS, SA, und NS-Fliegerkorps. Entsprach dem Rang eines Majors der Wehrmacht. Kurt Gildisch (1904-1953), wurde 1949 in Berlin gefasst und durch das Schwurgericht beim Landgericht Berlin 1951 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Urteilsbegründung gibt minutiös Aufschluss über die Gründe und den Hergang des Verbrechens, das dem unbequemen Katholikenführer und ehemaligen Leiter der Polizeiabteilung gleichermaßen galt.

 nach obenLiteratur (Auswahl)

Adolph, Walter, Erich Klausener, Berlin 1955.

Gruchmann, Lothar, Erlebnisbericht Werner Pünders über die Ermordung Klauseners am 30. Juni 1934 und ihre Folgen", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 4/1971, S. 400-431.

Kempner, Robert, SS im Kreuzverhör, München 1964, S. 255-263.

Morsey, Rudolf, Erich Klausener (1885-1934), in: Kurt G. A. Jeserich / Helmut Neuhaus (Hg.), Persönlichkeiten der Verwaltung 1648-1945, Stuttgart 1991, S. 410-412.

Naas, Stefan, Die Entstehung des Preußischen Polizeiverwaltungsgesetzes. Ein Beitrag zur Geschichte des Polizeirechts in der Weimarer Republik, Tübingen 2003.

Persch, Martin, Artikel "Klausener, Erich", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 3 (1992), Sp. 1570-1573.

Pünder, Tilman, Erich Klausener (1885-1934), in: Aretz, Jürgen / Morsey, Rudolf / Rauscher, Anton (Hg.), Zeitgeschichte in Lebensbildern 10 (2001), S. 43-49.

Pünder, Tilman, Erich Klausener – Patriot und Christ, in: Großfeld, Bernhard (Hg.), Westfälische Jurisprudenz. Beiträge zur deutschen und europäischen Rechtskultur. Festschrift aus Anlass des 50jährigen Bestehens der Juristischen Studiengesellschaft Münster, Münster 2000, S. 289-328.

 

Online

Gotto, Klaus, Artikel "Klausener, Erich", in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 715-716.

Schwegel, Andreas, Christ, Patriot und preußischer Reformer. Vor 70 Jahren wurde der Katholikenführer Erich Klausener ermordet, in: Die Politische Meinung 419 (2004), S. 84-91 (PDF-Dokument auf der Homepage der Konrad-Adenauer-Stiftung).

 

30.9.2010
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Andreas Schwegel (Hannover) 
 

       
 

       
 
 Erich Klausener (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 79KB)

Erich Klausener, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

 Briefmarke (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 174KB)

Briefmarke der Deutschen Bundespost anlässlich des 50. Todestages Erich Klauseners, 1984.