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Friedrich Karl Karg Freiherr von Bebenburg (1709-1773), kurkölnischer Reichstagsgesandter

Karg führte seit 1742/43 für rund drei Jahrzehnte die Stimmen der Kölner Kurfürsten Clemens August und Maximilian Friedrich am Immerwährenden Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags. . Er zählte dort zu den wichtigsten katholischen Gesandten in einer Zeit, die sehr stark durch den österreichisch-preußischen Dualismus Lateinisch, (1) in der Philosophie Bezeichnung für diejenigen Theorien, die auf zwei essentiell verschiedenen Prinzipien beruhen. (2) Deutscher Dualismus ist die Bezeichnung für die Rivalität zwischen Preußen und Österreich im 19. Jahrhundert, die maßgeblich zur Bildung des Deutschen Reiches 1871 als Kleindeutschland beitrug. Der deutsche Dualismus hat seine Anfänge im 18. Jahrhundert in den Schlesischen Kriegen Friedrichs II. (Regierungszeit 1740-1786).  geprägt war. In der Reichspolitik zielte Karg auf ein enges Zusammenwirken der katholischen Reichsstände mit dem Kaiser ab. Vom Reichsoberhaupt, dem traditionellen Schutzherrn der geistlichen Reichsstände, erhofft man sich nicht zuletzt Unterstützung im existenziellen Kampf gegen die im Verlauf des 18. Jahrhunderts immer deutlicher drohenden Säkularisationen, die mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 schließlich reichsrechtlich sanktioniert wurden und zum Untergang des Kölner Kurstaates führten.

Karg wurde am 7.11.1709 als erster Sohn des Georg Karl Karg von Bebenburg (1686-1747) und der Anna Margaretha geborene von Münch (1689-1732) in Bamberg geboren. Er stammte aus einer gehobenen bürgerlichen Familie, die im Verlauf des 16. Jahrhunderts aus Ulm und Augsburg nach Bamberg übergesiedelt war und dort in fürstbischöflichen Diensten Karriere gemacht hatte. Ob und inwiefern die Familie Karg die behaupteten genealogischen Verbindungen zu dem altadligen fränkischen Geschlecht der Herren von Bebenburg (Boibenburg) aufwies, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Kargs Großonkel Johann Friedrich trat als Obristkanzler unter Kurfürst Bezeichnung eines zur  Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten.   Joseph Clemens leitend in der kurkölnischen Politik hervor und wurde im Jahr 1698 in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Er hatte maßgeblichen Anteil am profranzösischen Kurs der Außenpolitik Joseph Clemens', die im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14) unter anderem die Verhängung der Reichsacht über den Wittelsbacher und ein langjähriges Exil zur Folge hatte.

Im Alter von 19 Jahren, unmittelbar nachdem er in Rom das Lizenziat der Rechte erworben hatte, erhielt Karg eine Anstellung als adliger Hofrat in bambergischen Diensten. Bereits sein Vater vertrat mehrere Reichsstände (Kurtrier, Fürstbistümer Bamberg, Speyer, Straßburg u.a.) als Gesandter am Reichstag. Der dritte Sohn Kargs, Maximilian Joseph Franz Xaver (1745-1797), wurde ebenfalls kurkölnischer Reichstagsgesandter. Die Karg von Bebenburg waren somit eine regelrechte Gesandtendynastie, die immerhin rund 80 Jahre lang unmittelbar am Reichstagsgeschehen beteiligt war.

1742 vermählte sich Karg mit Maria Johanna Franziska (1719-1784), Tochter des in kurbayerischen Diensten tätigen Sebastian Anton Grafen von Seinsheim-Weng (1694-1735) und der Maria Franziska Theresia Freiin von Muggenthal (1700-1771). Aus der Ehe gingen insgesamt zwölf Kinder hervor. Taufpate seines ältesten Sohnes Clemens August Franz Karl (1743-1786) war Kurfürst Clemens August, was als eindeutiger Gunsterweis seines Dienstherren gelten kann.

Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1747 erbte Karg die fränkischen Familiengüter (Kirchschletten, Ober-, Mittel- und Unterweilersbach, Grasmannsdorf und Buch) sowie das pfalz-neuburgische Landsassengut Hochdorf in der Nähe von Burglengenfeld. In den 1750er Jahren erwarb er zudem Güter in der oberpfälzischen Region (Winklarn, Schönsee, Frauenstein und Reichenstein). Dies war unter den Reichstagsgesandten durchaus gängige Praxis, denn Landgüter, die nicht allzu weit von Regensburg entfernt lagen, boten ihnen die Möglichkeit, sich in den ausgedehnten Reichstagsferien rasch dorthin begeben zu können. Bisweilen wurde es sogar als sozialer Makel empfunden, wenn man nicht über ein solches Landgut verfügte. Für Karg war in diesem Zusammenhang insbesondere die nahe der heutigen Grenze zu Tschechien gelegene Herrschaft Winklarn von Bedeutung, wo er sich regelmäßig mehrere Monate im Jahr aufhielt und das Schloss renovieren ließ. Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) waren seine dortigen Güter unmittelbar durch das Vordringen preußischer Truppen bedroht.

Karg häufte im Laufe seines Lebens wie kaum ein zweiter Gesandter Reichstagsstimmen an. Er führte nicht nur das Votum des Kölner Kurfürsten im Kurfürstenrat, sondern darüber hinaus auch die fünf Stimmen Clemens Augusts ("Monsieur de cinq églises") als Fürstbischof Bezeichnung für Bischöfe, die gleichzeitig weltliche Herren über ein Territorium waren.  von Hildesheim, Münster, Osnabrück und Paderborn sowie als Hoch- und Deutschmeister im Fürstenrat. Nach dem Tod Clemens Augusts votierte Karg auch für dessen Nachfolger Maximilian Friedrich als Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster im Kurfürsten- beziehungsweise Fürstenrat. Doch damit nicht genug: Im Laufe seiner rund drei Jahrzehnte währenden Tätigkeit in Regensburg vertrat Karg zudem zahlreiche weitere Fürsten, zumeist mindermächtige katholische geistliche Reichsstände, aber zeitweise auch die Kurfürsten von der Pfalz und Bayern. Zumeist führte er 15-18 Voten gleichzeitig. Die Franzosen, von denen mehrere ausführliche Charakterisierungen Kargs überliefert sind, bezeichneten ihn daher als "thermomètre Comitial". Diese auffällige Stimmenkumulation rief durchaus Kritik hervor, da solche Praktiken nicht unumstritten waren, stellte sich doch die Frage, wie sich ein Reichstagsgesandter bei so vielen unterschiedlichen Dienstherren überhaupt loyal verhalten konnte. Mit dieser Anhäufung von Reichstagsvoten korrespondiert, dass Karg auch mehrere Ratswürden verliehen wurden (Kurköln, Kurpfalz, Kurbayern, Fürstbistümer Augsburg und Trient). Darüber hinaus führte er den Titel eines kurfürstlichen Kämmerers.

Als Gesandter hatte Karg am Reichstag zahlreiche Aufgaben zu erfüllen. Er legte im Kurfürsten- beziehungsweise Fürstenrat die Voten seiner Dienstherren ab und fungierte darüber hinaus vor Ort als deren Auge und Ohr. Die "Drehscheibe Regensburg" (Susanne Friedrich) diente den Reichsständen als bevorzugter Ort, um zuverlässige Auskünfte über das politische Geschehen im Reich und in Europa zu erlangen. Den Reichstagsgesandten kam in diesem Kontext die wichtige Funktion der Informationssammlung und -distribution zu. Auch auf die privaten Interessen Clemens Augusts achtete Karg und berichtete aus Regensburg, wenn er glaubte, auf Dinge gestoßen zu sein, die seinen Dienstherren persönlich interessieren könnten (zum Beispiel Musik, Kunsthandwerk und Vogelsammlung). Darüber hinaus galt es für Karg, den Kölner Kurfürsten auf der Ebene des formalen Zeremoniells, aber auch auf informeller Ebene adäquat zu repräsentieren, zum Beispiel im Rahmen der zahlreichen gesellschaftlichen Aktivitäten in und um die Stadt Regensburg (Abendgesellschaften, gemeinsame Mahlzeiten, Feierlichkeiten jedweder Art, Gedenkveranstaltungen anlässlich von Geburts- und Namenstagen sowie Geburten und Todesfällen, Theater, Musikveranstaltungen, Schlittenfahrten usw.). Dies war mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden und konnte mittel- und langfristig durchaus ruinösen Charakter annehmen. Karg sah sich nach dem Siebenjährigen Krieg jedenfalls genötigt, Tafelgeschirr, Silber und Schmuck seiner Gemahlin zu veräußern. Anderen Reichstagsgesandten ging es ganz ähnlich; finanzielle Sorgen waren faktisch der Normalfall.

nach obenKarg, der nach Auskunft seiner Zeitgenossen sehr gebildet war und eine umfangreiche Bibliothek in Regensburg besaß, zählte zu der vergleichsweise kleinen Gruppe von Reichstagsgesandten, die aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit in Regensburg zu einer professionalisierten Funktionselite avancierte, welche das sehr komplexe Prozedere am Reichstag − inklusive sämtlicher Fallstricke − vollständig zu überblicken und zu durchdringen vermochte. Diese Reichstagsexperten waren für ihre Dienstherren wichtige Faktoren bei der konkreten Gestaltung der Reichspolitik, denn sie agierten am Puls des Regensburger Geschehens und verfügten zumeist über eingehende reichsrechtliche Kenntnisse und aktuelle Informationen zur politischen Lage.

Politisch gesehen zählte Karg zur "Parthey" der wichtigeren katholischen Reichstagsgesandten, die grundsätzlich zum Kaiserhof tendierten und sich immer wieder gegen das protestantische Preußen positionierten, ohne dabei jedoch zu bloßen Erfüllungsgehilfen der Wiener Hofburg zu werden. Treffen mit den von ihm als "Confidentiores" bezeichneten einflussreichen Wortführern der bedeutenderen katholischen Reichsstände fanden bisweilen in seinem Regensburger Gesandtschaftsquartier statt. Es ging Karg insgesamt gesehen um ein Zusammenwirken von katholischen Reichsständen und Reichsoberhaupt. Dies muss gerade vor dem Hintergrund der Tatsache gesehen werden, dass über den geistlichen Reichsständen seit geraumer Zeit, schon lange vor Napoleon, das Damoklesschwert der Säkularisierung hing. Schon allein deshalb waren die geistlichen Reichsstände auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, sich der Protektion der Wiener Hofburg zu versichern, denn Friedrich II. von Preußen (Regierungszeit 1740-1786), der große außen- und reichspolitische Konkurrent Österreichs, machte keinen Hehl aus seiner Geringschätzung der geistlichen Staaten, die er als bloße Kreaturen des Kaisers ansah. Folgerichtig sahen die Preußen in Karg einen politischen Akteur, der vollkommen abhängig vom Wiener Hof sei, während ihn die Österreicher, trotz punktueller Differenzen, generell zu den "Gutgesinnten" oder "Wohlmeinenden" zählten, die man in der Außen- und Reichspolitik immer wieder als Parteigänger gegen den preußischen Rivalen instrumentalisieren wollte. Auch Bemühungen der französischen Seite, Karg als engen Gefolgsmann zu gewinnen, sind in den Quellen nachweisbar. Unter anderem gewährten sie seinem ältesten Sohn auf Kosten des französischen Königs eine Ausbildung am renommierten Pariser Collège Louis-le-Grand. Die damit offenbar verbundenen Hoffnungen, aus Karg einen französischen Klienten zu machen, waren aber langfristig gesehen nicht von Erfolg gekrönt.

Karg trug das Großkreuz des von Kurfürst Joseph Clemens 1693 gegründeten Ritterordens vom Heiligen Michael, dessen adlige Mitglieder sich der Verteidigung des katholischen Glaubens widmeten. Sitz des rheinischen Ordenszweigs war das Koblenzer Tor in Bonn. Als Hauskapelle diente die Michaelskapelle im heutigen Bonner Stadtteil Bad Godesberg.

Karg starb am 14.11.1773 in Regensburg, wo er in der Minoritenkirche begraben wurde. Seine Gesandtschaftsberichte an die Kurfürsten von Köln finden sich heute im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg (Abteilung Rheinland, Kurköln VI).

 

 

Literatur

Auerbach, Bertrand (Bearb.), Recueil des instructions données aux ambassadeurs et ministres de France depuis les traités de Westphalie jusqu’à la Révolution Française, Band 18: Diète germanique, Paris 1912.

Barth, Thomas, Diplomatie und ländliche Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Die Bedeutung des Immerwährenden Reichstags in Regensburg für den pfalz-neuburgischen und oberpfälzischen Landadel in der Oberpfalz, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 143 (2003), S. 241-294.

Düwel, Sven, Ad bellum Sacri Romano-Germanici Imperii solenne decernendum: Die Reichskriegserklärung gegen Brandenburg-Preußen im Jahr 1757. Das Verfahren der "preußischen Befehdungssache" 1756/57 zwischen Immerwährendem Reichstag und Wiener Reichsbehörden, 2 Teile, Berlin 2016 (insbesondere Teil I, S. 196, 221-224).

Hausmann, Friedrich (Hg.), Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), Band 2 (1716-1763), Zürich 1950, S. 597 (Registereintrag).

Koch, Max, Der Deutsche Reichstag während des Siebenjährigen Krieges 1756-1763, Diss. phil., Bonn 1950.

Rohr, Theo, Der Deutsche Reichstag vom Hubertusburger Frieden bis zum bayerischen Erbfolgekrieg (1763-1778), Diss. phil., Bonn 1968.

Rohrschneider, Michael, Friedrich Karl Karg Freiherr von Bebenburg (1709-1773): Ein kurkölnischer Reichstagsgesandter im Spannungsfeld von Region, Reich und internationaler Politik, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 81 (2017), S. 118-138.

Roth, E[mil], Geschichte der Freiherrlichen Familie Karg v. Bebenburg. Hg. von Joseph Freiherr v. Karg-Bebenburg, München 1891.

Winter, Otto Friedrich (Hg.), Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), Band 3 (1764-1815), Graz/Köln 1965, S. 543 (Registereintrag).

 

2.11.2017
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Michael  Rohrschneider  (Bonn) 
 

       
 

       
 
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Porträt des Friedrich Karl Karg von Bebenburg, gemalt von Cyriacus Ries, 1771. (Museen der Stadt Regensburg, Historisches Museum, Foto: Peter Ferstl)