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Johann Friedrich Karg von Bebenburg (1648-1719), kurkölnischer Kanzler

Seit dem Tod Erzbischof Ferdinands von Bayern erscheinen die politischen Berater und Weggefährten der Kölner Kurfürsten immer häufiger als die eigentlichen Lenker der Regierungsgeschäfte. Johann Friedrich Karg von Bebenburg ist ein herausragendes Beispiel des gelehrten Rates im sich immer mehr funktionalisierenden Verwaltungssystem Kurkölns im 17. Jahrhundert. Ganz seiner Aufgabe und seinem Herrn, dem Kurfürsten Joseph Clemens, verpflichtet, musste er letztlich hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurückbleiben, das Exil des ungeliebten Regenten teilen und Anfeindungen gegen ihn abwehren.

Johann Friedrich Ignaz Karg von Bebenburg wurde am 19.2.1648 als Sohn einer wohlhabenden Bamberger Bürgerfamilie geboren. Sein Vater Friedrich (um 1610- 1679) war als Obereinnehmer Finanzbeamter im Dienst der Fürsterzbischöfe von Bamberg; auch die Familie der Mutter, Eva Schweigker (gestorben 1696), war alteingesessen. Sein jüngerer Bruder Hieronymus Carl (1651-1723) folgte dem Vater in die Politik des geistlichen Fürstentums und arbeitete sich bis zum Hofgerichtspräsidenten und Vizekanzler Bezeichnung für den Stellvertreter des Kanzlers hinauf. Beide Brüder stehen damit für den Typus des gelehrten Rates bürgerlicher Herkunft, der sich im 16. Jahrhundert herauszubilden begann und die fürstliche Herrschaft immer mehr entpersonalisierte. Es war keineswegs unüblich, dass der Weg zu einer solchen politischen Karriere über eine geistliche Ausbildung führte. In diesem Sinn ist die Bestimmung Johann Friedrichs für den Priesterstand zu verstehen.

Bereits im Alter von 16 Jahren begann Karg von Bebenburg ein Studium der Philosophie, das im akademischen Kursus seiner Zeit die Vorstufe zu den höheren Studien der Theologie und Jurisprudenz war. Diese beiden Fächer studierte er zwischen 1666 und 1668 in Rom und anschließend in Prag. Er scheint ein strebsamer und erfolgreicher Akademiker gewesen zu sein und promovierte sich dann auch gleich mehrfach: zum Abschluss seiner philosophischen Ausbildung erwarb er 1666 ebenso den Doktortitel wie 1669 den der Theologie. 1676 folgte an der Universität Padua noch das Doktorat beider Rechte. Zuvor hatte er allerdings schon 1672 die Priesterweihe empfangen und sich durch seine umfassende Qualifikation für den Geistlichen Rat von Fürstbischof Bezeichnung für Bischöfe, die gleichzeitig weltliche Herren über ein Territorium waren. Peter Philipp von Dernbach (1619-1683) empfohlen, in den er im gleichen Jahr berufen wurde. In dieser Zeit entstanden eine Reihe von kirchenpolitischen und kirchenhistorischen Schriften, die Karg von Bebenburg als Publizisten bekannt machten. So arbeitete er etwa über „Friedreiche Gedanken über die Religions-Vereinigung in Teutschland“ oder über die römischen Konzile in der Zeit Papst Johannes VIII. (Pontifikat 872- 882).

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Johann Friedrich Karg von Bebenburg, Porträt, Kupferstich von Johann Audran (1667-1756), Lyon, nach einer Zeichnung von Josef Vivien (1657-1734). (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Der junge und eloquente Gelehrte fiel auch über die Grenzen Bambergs hinweg auf, und nach dem Tode von Dernbachs ernannte ihn der bayrische Kurfürst Bezeichnung eines zur  Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten. Maximilian II. Emanuel (Regierungszeit 1679-1706, 1714-1726) zum Direktor seines eigenen Geistlichen Rates in München. Zur standesgemäßen Versorgung übertrug er ihm außerdem die Dechanei am Stift Unserer Lieben Frau. Der Kurfürst erkannte in seinem Beamten ein geschicktes diplomatisches Talent. 1683/1684 setzte er ihn als Werber für die Koadjutorie seines noch minderjährigen Bruders Joseph Clemens in den Bistümern Freising und Regensburg ein. Karg von Bebenburg überzeugte, und 1685 konnte Joseph Clemens jeweils zum Bischof in beiden Diözesen gewählt werden.

Dieser Erfolg war es, der den zwischenzeitlich arrivierten und erfahrenen Politiker und Diplomaten nach Köln führte. Dort bemühte sich Wilhelm Egon von Fürstenberg intensiv und mit guten Erfolgsaussichten um die Nachfolge des teilweise recht skurill erscheinenden Kurfürsten Maximilian Heinrich von Bayern. Tatsächlich hatte er es Anfang 1688 geschafft, zum Koadjutor des Erzstiftes gewählt zu werden und damit die seit 1583 etablierte bayrische SekundogeniturBezeichnet die von einem nachgeborenen Sohn begründete Nebenlinie eines fürstlichen oder hochadeligen Hauses. ernsthaft in Gefahr gebracht. Karg von Bebenburg wurde nach Köln entsandt, um das Domkapitel davon abzuhalten, den Fürstenberger auch noch zum Erzbischof zu wählen, und stattdessen die Kandidatur Joseph Clemens’ zu befördern. Er reüssierte, auch wenn der Bayernherzog nicht genug Stimmen erhielt, um sogleich als gewählt zu gelten. Aber immerhin hatte er Wilhelm Egon von Fürstenberg neun Stimmen im Domkapitel abgenommen, das noch im Januar einstimmig für diesen votiert hatte. Während Wilhelm Egon mit französischer Unterstützung versuchte, Fakten zu schaffen und in der Landeshauptstadt Bonn die Regierung übernahm, reiste Karg von Bebenburg nach Rom, wo Papst Innozenz XI. (Pontifikat 1676-1689) die strittige Kölner Wahl zu entscheiden hatte. Es gelang Karg, den Papst von der Bedeutung und der Treue des Hauses Wittelsbach zu überzeugen, sodass er die apostolische Anerkennung des Bayernherzogs persönlich in Empfang nehmen und nach Köln bringen konnte. nach obenJoseph Clemens hielt sich in diesen krisenhaften Zeiten jedoch überwiegend in seiner bayrischen Heimat auf und ließ Karg von Bebenburg als seinen Generalbevollmächtigten am Rhein gewähren. Von der sicheren Reichsstadt Stadt auf Reichsgut, auch die ehemalige Bischofsstadt, die nicht einem Landesherrn, sondern allein König, Kaiser und Reich unterstand.  Die ehemaligen Bischofsstädte, die sich von der (weltlichen) Herrschaft der Bischöfe befreit hatten,  wurden zunächst als "Freie Städte" bezeichnet. Seit 1489 wurden alle Reichsstädte als "Freie Reichsstädte" (Freireichsstädte, liberae imperii civitates) bezeichnet. Köln aus koordinierte Karg die Verteidigung des Erzstifts gegen den französischen Überfall, den Ludwig XIV. (Regierungszeit 1643-1715) nach der Ausschaltung seines Günstlings Wilhelm Egon von Fürstenberg lanciert hatte. Als Bonn erobert und der Fürstenberger vertrieben war, wurde Karg von Bebenburg zurück nach München gerufen, um von dort aus weiter im Dienste Joseph Clemens’ zu arbeiten. Die Verleihung der Regalien durch den Kaiser stand noch aus, und außerdem wollte das Haus Wittelsbach für seinen Prinzen noch die Bischofswürden in Hildesheim und Lüttich gewinnen. Beides gelang, und im Februar 1694 wurde Karg von Bebenburg als Kanzler des Geheimen Rates wieder nach Kurköln entsandt, um dort die Herrschaft nach den Kriegswirren neu zu ordnen. Sein Kurfürst Joseph Clemens überließ ihm die Regierung vollständig, teils aus Dankbarkeit, teils aus eigenem Desinteresse, und ernannte ihn zum Oberstkanzler; 1698 erreichte er mit der Erhebung in den Reichsfreiherrenstand die Nobilitierung seiner Familie.

Wegen des massiven Widerstands der kurkölnischen Landstände Im Territorialstaat des Mittelalters und der Frühen Neuzeit Bezeichnung für die politischen Vertretungen der Stände, die bei der Gesetzgebung und Verwaltung mitwirkten. Die Stände (Prälaten, Adel und Städte, sowie in wenigen Territorien auch die Bauern) versammelten sich auf den Landtagen und vertraten das Land gegenüber dem Landesherrn. Eines der wichtigsten Rechte der Landstände war das der Steuerbewilligung. gegen Joseph Clemens, der seinem Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. zeitlebens fremd blieb, und seine kostenintensiven Bauprojekte in Bonn, Poppelsdorf (heute Stadt Bonn) und Brühl war Karg von Bebenburgs Aufgabe alles andere als leicht. Im Jahr 1701 unterzeichnete er sogar ein Geheimabkommen mit Frankreich, das Kurköln verpflichtete, im Spanischen Erbfolgekrieg an der Seite Ludwigs XIV. zu stehen. Dafür erhielt der Kölner Kurfürst politische und vor allem finanzielle Unterstützung, die er angesichts seiner aufsässigen Stände dringend benötigte. Dass Karg von Bebenburg kaum ein Jahrzehnt, nachdem er den französischen Günstling Wilhelm Egon von Fürstenberg bekämpft und dafür einen höchst zerstörerischen Feldzug des Allerchristlichsten Königs in Kauf hatte nehmen müssen, nunmehr mit Frankreich kooperierte, ist ihm nicht als Prinzipienlosigkeit vorzuwerfen. Es zeigt vielmehr, dass er sich als bürgerlicher gelehrter Politiker ganz in den Dienst seines Landes stellte, während Adlige wie Fürstenberg vorwiegend ihre dynastischen Vorteile im Blick hatten - ein Prozess, der das Werden des modernen Staates im Übrigen wesentlich bestimmte.

Aufgrund dieses kurkölnisch-französischen Bündnisses allerdings fielen erneut kaiserliche Truppen ins Erzstift Bezeichnet die weltlichen Territorien eines Erzbischofs in seiner Funktion als Landesherr. ein; diesmal zwangen sie Joseph Clemens zur Flucht, und Karg von Bebenburg folgte ihm ins Exil nach Namur, Lille und Valenciennes. Von dort aus beriet er nicht nur den Erzbischof, sondern pflegte auch eine rege Korrespondenz mit dem Kurfürsten Maximilian Emanuel. Als Kaiser Joseph I. (1678-1711) über die beiden Bayernherzöge und auch über Karg von Bebenburg die Reichsacht legte, entfaltete dieser von Frankreich aus eine rege publizistische Tätigkeit dagegen, die die beiden vor der Reichsöffentlichkeit rehabilitieren und ihre Teilnahme an der Kaiserwahl im Jahre 1711 ermöglichen sollte. Aber erst die Friedensverhandlungen von Utrecht, Rastatt und Baden 1713/1714, bei denen Karg von Bebenburg zumindest anwesend war und zum Teil auch mit verhandelte, setzten Joseph Clemens und damit auch seinen Oberstkanzler wieder vollumfänglich in ihre alten Rechte ein. Während jener allerdings bald darauf verstarb, blieben Karg von Bebenburg immerhin noch einige Jahre im höchsten politischen Amt, bevor er am 30.11.1719 in Bonn verstarb.


Literatur

Blacha, Rainer Egon, Johann Friedrich Karg von Bebenburg. Ein Diplomat der Kurfürsten Joseph Clemens von Köln und Max Emmanuel von Bayern 1688–1694, Bonn 1983.

Braubach, Max, Kurkölnische Miniaturen, 2. Auflage, Münster 1958, S. 78-104.

Leifeld, Marcus, Macht und Ohnmacht der Kölner Kurfürsten um 1700. Vier kurkölnische „Erste Minister“ als politische Bedeutungsträger, in: Zehnder, Frank Günter (Hg.), Im Wechselspiel der Kräfte. Politische Entwicklungen des 17. und 18. Jahrhunderts in Kurköln, Köln 1999, S. 62-95.


Online

Braubach, Max, Artikel „Karg von Bebenburg, Johann Friedrich Freiherr", in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 153-154.

 

8.3.2013

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Martin Bock (Frechen) 
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 Johann Friedrich Karg von Bebenburg (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 93KB)

Johann Friedrich Karg von Bebenburg, Porträt, Tuschezeichnung, laviert, möglicherweise Vorzeichnung zum Stich von Nicolas van Haaften. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)