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Karl Lamprecht (1856–1915), Historiker

Karl Gotthard Lamprecht war einer der umstrittensten deutschen Historiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts und sowohl Wegweiser einer wirtschaftshistorisch arbeitenden Landes- beziehungsweise Provinzialgeschichtsschreibung als auch einer Kulturgeschichtsforschung, die die Bewegung der sozialen Gruppen thematisierte.

Geboren wurde Karl Lamprecht am 25.2.1856 als dritter Sohn des Oberpfarrers Carl Nathanael Lamprecht (1804-1878) und seiner Frau Emilie Auguste, geborene Limberg (1819-1882), in Jessen an der Schwarzen Elster (Provinz Sachsen). Der Schulausbildung in Wittenberg und Schulpforta schloss sich ein Studium der Philologie mit dem Schwerpunkt in der Geschichtswissenschaft in Göttingen und Leipzig an. Hier formten einige akademische Lehrer bereits früh seine wissenschaftlichen Interessen, die für sein späteres Werk charakteristisch wurden: die Verbindung von Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichtsschreibung in dem Sinne, dass geistige und materielle Ordnungskräfte in ihrer engen Verzahnung betrachtet werden sollten. Bei Wilhelm Roscher (1817-1894) in Leipzig schloss Lamprecht im Wintersemester 1877/1878 seine Dissertation Lateinisch (Erörterung), zur Erlangung des Doktorgrades verfasste wissenschaftliche Arbeit.  ab unter dem Titel „Frankreichs wirtschaftliche Verhältnisse im 11. Jahrhundert." Über seine Motive, gerade dieses Thema zu bearbeiten, schrieb Lamprecht in einem Brief an Ernst Bernheim (1850-1942) am 22.6.1878: Seitdem hat sich denn, theilweise auch durch Roschers Vorlesungen angeregt, meine Neigung immer mehr der Culturgeschichte zugewandt. […] Zu tun ist da freilich noch übergenug […]. Vorläufig ist das Studium der Wirtschaftsgeschichte noch eine Alpenreise ohne Baedeker.

Seine erste Stelle trat Lamprecht im April 1879 als Hauslehrer bei der Bankiersfamilie Deichmann in Köln an; und hier lernte er im November 1879 jenen bedeutenden rheinischen Industriellen und Politiker kennen, der seine wissenschaftlichen und geschichtspolitischen Interessen sehr stark auf die rheinische Geschichte konzentrieren helfen sollte: Gustav von Mevissen. Mit Hilfe eines großzügigen Stipendiums, das der Industrielle Lamprecht für zwei Jahre aus privaten Mitteln gewährte, konnte sich dieser der wissenschaftlichen Erforschung der rheinischen Wirtschaftsgeschichte widmen; bereits im Juli 1880 habilitierte er sich mit einer (nicht veröffentlichten) Studie für das Fach „Geschichte und historische Hilfswissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der rheinischen Provinzialgeschichte und der Kulturgeschichte des Mittelalters" an der Universität Bonn. 1885/1886 legte er sein vierbändiges Werk „Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter. Untersuchungen über die Entwicklung der materiellen Kultur des platten Landes aufgrund der Quellen zunächst der Mosellande" vor, das trotz scharfzüngiger Kritik des damaligen Marburger Privatdozenten Georg von Below (1858-1927) von führenden zeitgenössischen Rechts- und Wirtschaftshistorikern im In- und Ausland mit Anerkennung aufgenommen wurde.

Wie in dem Vertrag mit Mevissen vereinbart, widmete sich Lamprecht während und nach seiner Habilitation Lateinisch, Erwerb der Lehrberechtigung an Universitäten und Hochschulen; Voraussetzungen sind die Promotion, die Habilitationsschrift (eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit), der Vortrag vor der Fakultät mit Disputation sowie eine Probevorlesung.  intensiv der „Historischen Provinzialforschung" und ihrer Institutionalisierung; damit hat er wesentlich zur Gründung der „Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde Gegründet am 1.6.1881 in Köln, entstanden auf Initiative des Kölner Bankiers und Industriemagnaten Gustav Mevissen, der 1868 zusammen mit Heinrich von Sybel die Gründung eines die bestehenden regionalen Vereine übergreifenden "Vereins für rheinisch-westfälische Geschichte“ ins Auge gefasst und 1879 in Karl Lamprecht einen Historiker gefunden hatte, der Mevissens Vorstellungen von einer Verbindung zwischen bürgerlichem Mäzenatentum und geschichtswissenschaftlicher Grundlagenforschung im Medium eines historisch fundierten rheinischen Eigen- und Selbstbewusstseins konkrete Gestalt gab. „Rheinisch“ bezog  sich auf das Gebiet der Rheinprovinz. Seitdem gibt die Gesellschaft, die bis heute die Aufgaben einer Historischen Kommission für das Rheinland wahrnimmt, vor allem Quellen zur rheinischen Geschichte heraus. " am 1.7.1881 beigetragen. An der Denkschrift, die diesen Schritt begründete, war Lamprecht federführend beteiligt. Bis zu seiner Berufung nach Marburg (16.2.1890), gehörte er als stellvertretender Sekretär dem Vorstand der Gesellschaft ebenso an wie dem Gelehrtenausschuss. Zusammen mit dem Trierer Museumsdirektor Felix Hettner führte er zwischen 1881-1890 die Schriftleitung der „Westdeutschen Zeitschrift für Kunst und Kulturgeschichte", die er als fachwissenschaftliche Grundlage etablierte, um darauf die Provinzialforschung aufzubauen, die ein breiteres Publikum ansprechen sollte. Diese Popularisierung der historischen Forschung für ein gebildetes Wirtschaftsbürgertum war auch das zentrale Anliegen Mevissens gewesen. Lamprecht verfolgte dieses Ziel nach seiner Berufung nach Leipzig im April 1891 weiter; stets verband er damit kultur- und lokalgeschichtliche Ziele.

Bereits einige Jahre vor dem Schritt nach Leipzig hatte sich  die familiäre Situation Karl Lamprechts verändert. 1887 hatte er Mathilde Mühl (1860-1920) geheiratet; aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor.nach oben

In Leipzig etablierte sich sein wissenschaftliches Arbeitsfeld als Kulturgeschichtsforschung; die inhaltliche Begründung formulierte er in Anlehnung an die von Gustav Schmoller (1838-1917) geprägte historisch arbeitende Nationalökonomie Veraltete Bezeichnung für Volkswirtschaftslehre. . In einem Brief an Bernheim vom 12.7.1882 schrieb er dazu: Es erschient mir das umso wichtiger [die Verbindung von Lokal- und Wirtschaftsgeschichtsschreibung] als ja die Bedeutung der Provinzialgeschichte namentlich in dem Durchforsten der Zustände liegen sollte, freilich noch lange nicht liegt.

Lamprechts Anregungen, groß angelegte Quellenpublikationen zur rheinischen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zu erarbeiten, sind über Jahrzehnte umgesetzt worden. Schon in seiner rheinischen Zeit plante er die Erarbeitung historischer Kartenwerke, die als Flurkarten die wirtschaftliche Entwicklung historischer Landschaften dokumentieren sollten. Darauf beruhte seine Kooperation mit zeitgenössischen Geographen wie August Meitzen (1822-1910) und Friedrich Ratzel (1844-1904). Lamprecht legte hier den Grund für die nach dem Ersten Weltkrieg aufgenommene Arbeit am „Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz".

Seiner nachdrücklichen Förderung durch den einflussreichen Dezernenten für das Hochschulwesen im preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff ist sowohl die Ernennung Lamprechts zum planmäßigen Extraordinarius Lateinisch-neulateinisch, außerordentlicher Hochschulprofessor (Extraordinariat).  in Bonn 1889 als auch seine Berufung auf das Ordinariat für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Marburg 1890 zu verdanken. Noch im gleichen Jahr folgte Lamprecht dem Ruf an die renommierte Universität Leipzig, hier blieb er bis zu seinem Tod am 10.5.1915.

Auch in Sachsen widmete sich Lamprecht der Institutionalisierung der Landesgeschichtsforschung; 1896 gelang unter seiner Führung die Gründung der sächsischen historischen Kommission, 1898 war er in Kooperation mit Friedrich Ratzel an der Einrichtung des historisch-geographischen Seminars in Leipzig beteiligt, des ersten seiner Art in Deutschland; dieser Einrichtung wurde 1890 die „Centralstelle für Grundkartenforschung" angeschlossen. Unter Leitung des Ratzel-Schülers Rudolf Kötzschke (1867-1949) erfolgte schließlich 1906 die Einrichtung des Seminars für Landes- und Siedlungskunde. 1909 erreichte Lamprecht die Gründung des königlich-sächsischen Instituts für Kultur- und Universalgeschichte bei der Universität Leipzig, das unter seiner Leitung direkt der sächsischen Regierung unterstellt war — ein erstes Forschungsinstitut, entstanden in Parallele zur Gründung der Kaiser Wilhelm Institute in Preußen.

Auch an der Institutionalisierung und inhaltlichen Gestaltung der „Versammlung deutscher Historiker" war Lamprecht zwischen 1894 und 1900 maßgeblich beteiligt. 1910/1911 war er RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. der Universität Leipzig; 1904 reiste er als Mitglied der deutschen Delegation auf die Weltausstellung nach St. Louis/USA; hier knüpfte er zahlreiche Kontakte zur internationalen Geschichtswissenschaft. Im selben Jahr erhielt er die Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York, 1911 diejenige der Universitäten von St. Andrews in Schottland und Christiana (seit 1924 Oslo).

Aufgrund der heftigen, zum Teil auch sehr persönlichen Kritik, die im Umkreis des „Lamprechtstreites", einer verbissen geführten Debatte über die methodischen Grundlegungen der historischen Forschung, an Lamprechts Werk geübt wurde, war er seit den ausgehenden 1890er Jahren unter den deutschen Historikern weitgehend isoliert. Ausgelöst wurde dieser auch als „Methodenstreit" bezeichnete Konflikt durch Lamprechts seit 1891 in zwölf Bänden und drei Ergänzungsbänden erscheinende „Deutsche Geschichte". Hier versuchte er das Werden sozialer Gruppenindividualitäten als Wandel eines Gesamtwillens zu beschreiben, den er mit der Entwicklung des Nationalbewusstseins gleichsetzte. Er hoffte damit, das methodische Problem der Verzahnung von materieller und ideeller Kultur lösen zu können.

Von Seiten der Historiker wurde dieser Ansatz als materialistische Geschichtsschreibung diskreditiert, die junge Soziologie ebenso wie die historisch arbeitende Nationalökonomie standen dem Versuch offener gegenüber. Aufgrund ihrer internationalen Rezeption wirkten Lamprechts kulturgeschichtliche Forschungen auch nach dem Ersten Weltkrieg weiter. In der Landesgeschichtsschreibung, die im Deutschland der Zwischenkriegszeit auch als Gegengewicht zur reinen Politikgeschichte breite Wirkung bewahrte, blieben seine Anregungen stets präsent.

 

Nachlass

Nachlass von Karl Lamprecht in der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn. [Online]

 

Quellen

Schorn-Schütte, Luise (Hg.), Lamprecht — Bernheim — Pirenne. Drei Historiker in ihren Briefwechseln 1878-1915, Köln 2011 (im Druck).

 

Werke (Auswahl)

Deutsches Wirtschaftsleben im Mittealter. Untersuchungen über die Entwicklung der materiellen Kultur des platten Landes aufgrund der Quellen zunächst der Mosellande, 4 Bände, 2. Neudruck der Ausgabe Leipzig 1885-1886, Aalen 1969.

Der Dom zu Köln und seine Geschichte, Bonn 1881.

Die Entwicklung des rheinischen Bauernstandes während des Mittelalters und seine Lage im 15. Jahrhundert, Trier 1887.

Einführung in das historische Denken, 2. unveränderte Auflage, Leipzig 1913.

Fränkische Ansiedlungen und Wanderungen im Rheinland, in: Westdeutsche Zeitschrift für Geschcihte und Kunst 1 (1882), S. 123-144.

Frankreichs wirtschaftliche Verhältnisse im 11. Jahrhundert, Leipzig 1878 (Dissertation).

Geschichte und historische Hilfswissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der rheinischen Provinzialgeschichte und der Kulturgeschichte des Mittelalters, Bonn 1880 (unveröffentlichte Habilitation).

Skizzen zur Rheinischen Geschichte, Leipzig 1887.

Verzeichnis niederrheinischer Urbarialien. Eine Vorarbeit zur Herausgabe der Rheinischen Urbare, Marburg 1890.

 

Literatur (Auswahl)

Chickering Roger, Karl Lamprecht. A german academic life (1856 – 1915), New Jersey 1993.

Mehr, Christian, Kultur- als Naturgeschichte. Opposition oder Komplementarität zur politischen Geschichtsschreibung? Berlin 2009.

Raphael, Lutz, Die Erben von Bloch und Febvre. Annales-Geschichtsschreibung und nouvelle histoire in Frankreich 1945-1980, Stuttgart 1994.

Schorn-Schütte, Luise, Karl Lamprecht. Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik, Göttingen 1983.

Schulz, Günther, Karl Lamprecht (1856-1915), sein Wirken in Bonn und der Streit um eine neue Geschichtswissenschaft, in: Institut für Geschichtswissenschaft (Hg.), 150 Jahre Historisches Seminar. Profile der Bonner Geschichtswissenschaft. Erträge einer Ringvorlesung, Siegburg 2013, S. 87-108.

Wesseling, Klaus-Gunther, „Lamprecht, Karl", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 16 (1999), Sp. 891-932.

 

Online

Prof. Dr. phil., Dr. h. c. mult. Karl Gotthard Lamprecht (Professorenkatalog der Universität Leipzig)

Brocke, Bernhard vom, Artikel „Lamprecht, Karl", in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 467-472.

Kiuntke, Florian, Karl Lamprecht (1856-1915), in: Klassiker der Geschichtswissenschaft, in: historicum.net.

 

 

27.6.2016

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Luise Schorn-Schütte (Frankfurt a.M.) 
 

       
 

       
 
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Karl Lamprecht, Porträtfoto.

  

 Karl Lamprecht (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 245KB)

Karl Lamprecht, Gemälde von Friedrich Klein-Chevalier (1862-1938).