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Ludwig Clamor Marquart (1804-1881), Pharmazeut und Unternehmer

Mehrfach mit anderweitigen beruflichen Plänen gescheitert, gründete Marquart in Bonn die erste und lange Zeit einzige chemische Fabrik. Neben der unternehmerischen Tätigkeit betrieb der Autodidakt wissenschaftliche Forschungen, die sich in zahlreichen Veröffentlichungen niederschlugen.

Ludwig Clamor Marquart wurde am 29.3.1804 als Sohn des Kammerdieners Johann Heinrich Marquart (1781-1825) und dessen Ehefrau, der Kammerfrau Anna Dorothea (1781-1848), geborene Tehsier (auch: Tessier/Teßier/Thesing) in Osnabrück geboren. Das Dienstverhältnis der Eltern erforderte häufige Ortswechsel. Ruhe in die bewegte Schullaufbahn des Jungen brachten erst die Adoption durch einen Onkel mütterlicherseits im Jahre 1814 und der anschließende Besuch des Gymnasiums, das er 1818 mit einem guten Abgangszeugnis verließ.

Der Vierzehnjährige entschied sich für den Apothekerberuf und begann im November 1818 eine fünfjährige praktische Ausbildung in Dissen (bei Osnabrück). Die theoretischen Grundlagen der Chemie, Pharmazie und Botanik brachte er sich selbst bei. Sein Lehrherr besaß selbst kaum wissenschaftliche Bildung, stellte dem wissbegierigen Jungen aber die notwendigen Bücher zur Verfügung. Die sich anschließende Tätigkeit als “Gehilfe” - ein akademisches Studium war damals keine Voraussetzung für den Apothekerberuf - führte Marquart über Lingen, Fürstenau, Werden an der Ruhr (heute Stadt Essen) und Köln nach Bonn, wo er sich auf die staatliche Prüfung zum Apotheker Erster Klasse vorbereitete, die er 1832 mit Bestnote bestand. Unmittelbar darauf bestellte die Kölner Bezirksregierung den Absolventen zum Apotheken-Visitator für die Jahre 1833-1835.

Erfolg und Neugier ließen Marquart nun eine wissenschaftliche Karriere anstreben. 1835 gab er seine Tätigkeit beim Apotheker Johann Heinrich Jacob Blindt (1747-1839) auf und zog ins Poppelsdorfer Schloss zu seinem Lehrer und Freund, dem Bonner Pharmazieprofessor (und Direktor des Botanischen Gartens) Theodor Friedrich Ludwig Nees von Esenbeck, mit dem ihn gemeinsame Veröffentlichungen verbanden. Im selben Jahr wurde er mit einer von Philipp Lorenz Geiger (1785-1836) angeregten Dissertation Lateinisch (Erörterung), zur Erlangung des Doktorgrades verfasste wissenschaftliche Arbeit. in Heidelberg promoviert. Die unbefriedigenden Karrieren sowohl seines Mentors Nees als auch seines Doktorvaters hätten Marquart Warnung sein können: Die Bemühungen, sich in Heidelberg als Privatdozent Habilitierter Wissenschaftler an einer Universität ohne Professorenstelle. zu etablieren, scheiterten. Er schloss seinen Teil an der Neuauflage von Geigers “Handbuch der Pharmacie” (1838) ab und übernahm 1837 die Verwaltung der Apotheke Keller in der Bonner Wenzelgasse. Als zweites Standbein baute er ein privates pharmazeutisches Institut mit einem kleinen Hörsaal und 18 Laboratoriumsplätzen auf, wo er in den Jahren des Übergangs der Pharmazie vom Handwerklichen zur Wissenschaft insgesamt 150 Studenten ausbildete. Prominentester Teilnehmer war der spätere Analytiker Remigius Fresenius (1818-1897), dessen Wiesbadener Institut zu Weltruf gelangte. Parallel arbeitete Marquart an seinem “Lehrbuch der praktischen und theoretischen Pharmacie” (1842/1844).

Trotz der Erfolge gelang es ihm weder sein Lehrinstitut in die Trägerschaft der Universität zu überführen noch in Bonn eine Professur zu erlangen. Heiratspläne setzten jedoch eine solide bürgerliche Existenz voraus. Die Neugründung einer Apotheke im rechtsrheinischen Beuel (heute Stadt Bonn) schien die Lösung, scheiterte indes an behördlichen Intrigen. Tief getroffen von den Widerständen, an denen seine beruflichen Hoffnungen mehrfach gescheitert waren, entschloss sich Marquart zum Aufbau einer eigenen chemischen Fabrik. Ungewöhnlich war ein solcher Schritt nicht: Auch andere Pharmazeuten, wie zum Beispiel Heinrich Emanuel Merck (1794-1855), Ernst Friedrich Christian Schering (1824-1889) oder Paul Carl Beiersdorf (1836-1896) erkannten das nahe Ende der weitgehend autarken Apotheke und wurden zu Vorreitern der großtechnischen Produktion.nach oben

Noch in der Aufbauphase fand am 21.5.1847 die Hochzeit mit Anna Gertrud Lambertz (1817-1863) statt. Das Paar bekam drei Söhne und eine Tochter. Der Vater der Braut, Justizrat Jakob Lambertz (1779-1864), Anwalt am Rheinischen Appellationsgerichtshof und Stadtverordneter, galt in Bonn während der ersten Jahrhunderthälfte als erste Autorität in Rechtssachen, war sehr vermögend und vom Talent seines Schwiegersohns überzeugt. Er streckte das Gründungskapital vor.

Der Natur der Fabrikation gemäß wählte Marquart Ende 1845 ein Grundstück am Bonner Talweg, hart an der damaligen Stadtgrenze und weit von jeglicher Wohnbebauung entfernt. Als auf die Publikation des Vorhabens keine Einsprüche erfolgten, konnten 1846 Laboratorium und Fabrikationsräume gebaut werden. Die Fabrikation von Feinchemikalien, Reagenzien, Säuren und pharmazeutischen Präparaten begann mit einem Lehrling. Wichtige Kunden der Pionierjahre waren neben Ärzten und Apotheken die Rheinische Eisenbahngesellschaft, die Bonner Universität und die Alaunhütte Bleibtreu auf der Hardt bei Beuel. Botanikvorlesungen an der neuen Landwirtschaftlichen Akademie in Poppelsdorf brachten Marquart ein willkommenes Zusatzeinkommen. 1849 beschäftigte seine Fabrik 19 Arbeiter. Erstmalig in Deutschland wurden Chloroform und Schwefelkohlenstoff fabrikmäßig hergestellt, letzterer auf der Londoner Industrie-Ausstellung 1851 prämiert. Ein rationelles Verfahren zur Gewinnung von Brom aus Mutterlaugensalz (geliefert von der Saline in Bad Münster am Stein) brachte erhebliche Kostenersparnis gegenüber Konkurrenzprodukten. Als fruchtbar für die wissenschaftlich-technische Arbeit und die Anbahnung von Geschäftsbeziehungen erwies sich dabei immer wieder die langjährige Zusammenarbeit mit dem gleichaltrigen Justus von Liebig (1803-1873).

1873 beschäftigte die Firma circa 70 Arbeiter, besaß eine eigene Fabrikkrankenkasse und unterhielt Vertretungen in England, Belgien, Holland und Japan. Die Hälfte der Produktion ging in den Export. Während den überörtlichen Behörden die Bedeutung Marquarts als Produzent technisch-pharmazeutischer und photographisch-chemischer Präparate durchaus bewusst war, sank mit der Ausdehnung der Bonner Südstadt in die unmittelbare Nähe des Werks die Akzeptanz vor Ort. Klagen wegen Geruchsbelästigung rissen nicht ab, wobei Marquart auch die EmissionenLateinisch, Bezeichnung (1) für die Aussendung von Energie oder Materie in Form von Wellen und Teilchen (Physik), (2) für die Abgabe von Substanzen an die Umwelt (Ökologie), (3) Ausgabe von Wertpapieren oder Geld (Wirtschaft), (4) Ausgabe von Briefmarken oder einer Briefmarkenserie (Philatelie). anderer Verursacher zur Last gelegt wurden. Seine Fabrik wurde zum Negativbeispiel für “belästigende” Industrie schlechthin. “Auch die chemische Fabrik von Marquart hat seiner Zeit klein angefangen und früher nicht belästigt”, warnte ein Gutachten in einer anderen Konzessionssache 1878. In den 1870er Jahren wäre eine Erweiterung geboten gewesen, doch die Behörden verweigerten die Zustimmung.
1872 musste der Firmengründer nach schwerer Erkrankung die Geschäftsleitung an seine Söhne Paul (geboren 1848) und Louis (geboren 1849) übertragen. Auf einen ersten Schlaganfall 1874 folgte fünf Jahre später ein zweiter. In der Nacht vom 9./10.5.1881 verstarb Ludwig Clamor Marquart. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Mit Fleiß und Talent hat sich der mittellose Apothekerlehrling zum wohlhabenden Fabrikanten hochgearbeitet. Sein Wissen und seine Begabung als Lehrer sind immer wieder gewürdigt worden, am deutlichsten 1855, als ihm, dem Privatmann, der Chemieunterricht für die in Bonn studierende Prinzen von Hohenzollern und Schaumburg-Lippe übertragen wurde. Trotz seiner Mitarbeit in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen, zum Beispiel als Vizepräsident des 1843 gegründeten “Naturhistorischen Vereins”, blieb ihm die entsprechende gesellschaftliche Anerkennung versagt, nicht zuletzt wohl wegen der ständigen Beschwerden gegen seine Fabrik. Sie wurde 1891 aus der Universitäts-, Garnisons- und Rentnerstadt Bonn ins industriefreundlichere Beuel verlegt und ist heute Teil des Evonik-Konzerns.

Werke (Auswahl)
Bemerkungen über das Vorkommen des Indigo in der Familie der Orchideen und über die Indigopflanzen im Allgemeinen, o.O.1829.
Die Farben der Blüthen. Eine chemisch-physiologische Abhandlung, Bonn 1835.
Lehrbuch der praktischen und theoretischen Pharmacie, 1842/1844.
Pharmaceutische Chemie und Präparatenkunde, Mainz 1844.
Dr. Clamor Marquart’s Einführung in die organische Chemie und die Kentniss der pharmaceutisch wichtigen organischen Präparate, Mainz 1866 (mit Hermann Ludwig und Ernst Hallier).

Literatur
Andrä, Carl Justus, Dr. Ludwig Clamor Marquart. Nekrolog, Bonn 1881.
Bayer, Guido, Dr. Ludwig Clamor Marquart (1804-1881). Ein Beitrag zur Geschichte der Chemisch-pharmazeutischen Industrie, Bonn [Diss. masch.] 1962.
Bedürftig, Friedemann, Geschichte der Apotheke, Köln o.J. [2005].
Degussas “Bein“ in Bonn - die chemische Fabrik Dr. L.C.Marquart GmbH, in: Degussa-Report 4/1978, S. 3-5.
Gerhardt 1846-1971, Bonn 1974.
Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern , Helmut, Die Entwicklung zur Gewerbestadt, in: Höroldt, Dietrich/van Rey, Manfred Rey (Hg.), Bonn in der Kaiserzeit 1871-1914. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Bonner Heimat- und Geschichtsvereins, Bonn 1986, S. 81-103.

Online
Ludwig C. Marquardt, Geschichte des Unternehmens Evonik.

28.11.2013

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Helmut  Vogt (1) Bezeichnung für einen Rechtsvertreter kirchlicher Institutionen,  (2) Bezeichnung für einen landesherrlichen Verwaltungsbeamten von Reichsgütern  (Bonn) 
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 Ludwig Clamor Marquardt (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 105KB)

Ludwig Clamor Marquart, 1866, Porträtfoto. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 Bonn aus der Vogelschau 1888 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 1005KB)

Bonn aus der Vogelschau, 1888, Ausschnitt, rechts längs des Bonner Talwegs die Chemische Fabrik Marquart, darüber die Mechanische Jutespinnerei und Weberei Kessenich. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

 Fabrikantenwohnhaus der Chem. Fabrik (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 232KB)

Fabrikantenwohnhaus der Chemischen Fabrik Marquart am Bonner Talweg.