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Maria Clementine Martin (1775-1843), Unternehmerin

Von der Offizierstochter zur Ordensschwester und zur weltbekannten Unternehmerin – das war das Leben der Maria Clementine Martin. Sie entwickelte den berühmten Melissengeist und gründete das bis heute weltweit agierende Unternehmen Klosterfrau.

Maria Clementine Martin wurde am 5.5.1775 als Tochter des königlich-kaiserlichen Offiziers Johann Heinrich de Martin (1739-1819) und seiner Frau Christine, geborene von Mergenthal (1739-1812) in Brüssel geboren und ursprünglich auf den Namen Wilhelmine getauft. Bis zur Versetzung des Vaters 1783 nach Jever (Ostfriesland) lebte die Familie in Brüssel.

1792 trat Maria in das Annunziaten-Kloster St. Anna im westfälischen Coesfeld ein und nahm den Ordensnamen Maria Clementine an. Im Kloster wurde sie in der Krankenpflege ausgebildet und arbeitete im Hospital. Außerdem erlernte sie die althergebrachten Heilmethoden und genoss in der Klosterapotheke eine gründliche Ausbildung in der Herstellung von Naturheilmitteln. Dazu gehörte der Melissengeist, ein Universalheilmittel, das 1611 von Pariser Karmelitermönchen aus 13 Heilpflanzen entwickelt worden war.

Maria zeigte große Begabung für die Arzneimittelherstellung. Sie studierte die alten Rezepturen und entwickelte neue. Wegen ihrer Kenntnisse der Arzneimittelkunde wurde sie weit über die Klostergrenzen hinaus bekannt und auch von anderen Klöstern zu Rate gezogen. Sie verbrachte einige Zeit im Brüsseler Karmeliterkloster, um ihre Kenntnisse in der Herstellung des traditionellen, nach einer Geheimrezeptur produzierten Naturheilmittels „Carmeliter- oder Melissenwasser" zu verbessern. Sie soll den ganz besonderen „Karmelitergeist" entwickelt haben, bestehend aus etwa 30 Prozent Melissenöl und weiteren 20 ätherischen Ölen, wie Nelken-, Muskat, Zimt- und Zitronenöl und fast 80 Prozent Alkohol enthaltend.

Für Maria Clementine war die Arbeit im Klosterhospital erfüllend. Sie empfand es als für sie vorherbestimmte Aufgabe, ihr Leben der christlichen Nächstenliebe zu widmen. Mit der Säkularisation, die 1803 auch das Kloster St. Anna traf, ging das Klosterleben zu Ende. Das Kloster und sein gesamter Besitz fielen dem Staat zu. In den folgenden acht Jahre konnten die Schwestern aus Coesfeld in das Kloster Glane bei Gronau umsiedeln, bis auch dieses 1811 säkularisiert wurde. Das Glaner Kloster ging in den Besitz der Wilhelmine Fürstin Friederike zu Salm, Rheingräfin zu Coesfeld (1767-1849), über. Die Auflösung der Klöster bedeutete für die angehörigen Schwestern den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Die versprochene Entschädigung von 500 Francs durch die Fürstin blieb lange aus und reichte auch nicht aus, um den Schwestern den Lebensunterhalt zu sichern.

In dieser Situation verließ Maria Clementine das westfälische Coesfeld und ging in ihre Geburtsstadt Brüssel zurück. In Tirlemont, 30 Kilometer von Brüssel entfernt, wurde sie von einem Pater aufgenommen. Für die nächsten Jahre ist wenig über ihre Lebensumstände bekannt. Ein nächstes Lebenszeichen von ihr stammt aus dem Jahr 1815: In der Schlacht von Waterloo (18.6.1815) versorgte sie verwundete Soldaten beider Seiten. Für ihren Einsatz wurde sie vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. (Regierungszeit 1797-1840) geehrt und erhielt fortan eine jährliche Leibrente von 160 Goldtalern, die ihren Lebensunterhalt sicherte. In den folgenden zehn Jahren ist wieder wenig über sie bekannt: Es finden sich Hinweise auf Aufenthalte in den Niederlanden und in Münster. Erst mit ihrer Ankunft in Köln gibt es wieder gesicherte Erkenntnisse über ihren Lebensweg.

Seit April 1825 lebte sie in Köln im Haus des 86-jährigen Domvikars Gumpertz (geboren 1739). Sie pflegte ihn und kümmerte sich um andere Kranke und Arme. Im selben Jahr gründete sie ihren eigenen Destillationsbetrieb in dem Gässchen „Auf der Litsch No 1", in dem sie ihren selbst entwickelten Melissengeist und Kölnisch Wasser herstellte. Unter ihrem Namen „Maria Clementine Martin, Klosterfrau" wurde ihre Firma in das Magistratsregister eingetragen. Von Anfang an trugen ihre Erzeugnisse das bis heute verwendete blaue Logo mit den drei Nonnen im gotischen Spitzbogen. Ihr Geschäft florierte im wirtschaftlichen Aufschwung Kölns nach der französischen Besetzung, so dass sie schon bald in größere Räumlichkeiten umziehen musste. Ihr neuer Firmensitz am Domhof 19 befand sich am Längsschiff des unvollendeten Domes. nach obenAnfang des 19. Jahrhunderts herrschte in Köln ein großer Konkurrenzkampf zwischen den zahlreichen Kölnisch Wasser-Herstellern und anderen Heilwasser-Fabrikanten. Da es keinen Markenschutz gab, waren Nachahmungen und Namensgleichheiten an der Tagesordnung, was zu unzähligen Prozessen führte. Auch Maria Clementines Produkte waren betroffen. Ihr Name, ihr Flaschenetikett und die Wässerchen wurden vielfach nachgeahmt.

Maria Clementine suchte nach einer Möglichkeit, ihre Produkte vor Nachahmung zu schützen und sich im Konkurrenzkampf abzusetzen. Sie erbat sich von König Friedrich Wilhelm III. persönlich die Erlaubnis, den preußischen Adler auf die Flaschen drucken zu dürfen, da diesen die Konkurrenten ohne Erlaubnis nicht auf ihre Nachahmungen zu drucken wagten. In einem Schreiben vom 7.11.1829 erinnerte sie den König an ihre Verdienste in Waterloo und bezeichnete die erbetene Erlaubnis als größten Lohn für ihre Gebete für den König und das königliche Haus. Außerdem legte sie Proben ihrer Erzeugnisse bei. Am 28.11.1829 erhielt sie vom König persönlich die gewünschte Erlaubnis. Die amtliche Bestätigung durch das preußische Innenministerium folgte Ende Dezember. Am 17.10.1831 hinterlegte sie die Etiketten beim Rat der Gewerbeverständigen der Stadt Köln.

Ihre einzigartige Markenkennzeichnung brachte ihr großen Erfolg und eine steigende Nachfrage nach ihren Arzneimitteln. In den folgenden Jahren versuchten Konkurrenten immer wieder die Kennzeichnung und Werbung von Maria Clementines Produkten mit dem preußischen Adler verbieten zu lassen, doch ohne Erfolg. So hatte Maria Clementine bereits 40 Jahre vor dem ersten deutschen Markenschutzgesetz von 1874 den Schutz ihrer Marke erreicht. Bis heute ist das Wappen des Königreichs Preußen Bestandteil der Flaschenetiketten von Klosterfrau Melissengeist.

Trotz des hohen Konkurrenzdrucks und zahlreicher Nachahmungsversuche wuchs Maria Clementines anfänglich kleine Firma innerhalb von 20 Jahren zu einem florierenden, weltweit agierenden Unternehmen mit Generalvertretungen („Depots") in Bonn, Aachen und Berlin. Sie selbst sagte dazu: „Wollte ich eine Statistik meines Absatzes liefern – keine Stadt der zivilisierten Welt würde darin unvertreten sein."

Maria Clementine Martin starb am 9.8.1843 im Alter von 69 Jahren; unter großer Anteilnahme wurde sie auf dem Kölner Friedhof Melaten begraben, wo sich bis heute ihr Grabstein befindet. Ihre Firma hatte sie ihrem Gehilfen Peter Gustav Schaeben (1815-1885) vermacht, der sie in ihrem Sinn weiterführte.

Das Firmenlogo mit den drei Nonnen in den gotischen Spitzbogen hat sich bis heute als bekanntes deutsches Markenprodukt Artikel, der mit einem Markenzeichen ausgestattet ist. erhalten. Noch immer ist Köln ein wichtiger Unternehmensstandort der Firma Klosterfrau Melissengeist mit der Klosterfrau Vertriebs GmbH, der Cassella-med GmbH & Co. KG und dem Klosterfrau Warenverteilerzentrum. In der Stadt erinnert der Maria-Clementine-Martin Platz am neuen Rheinufer auf der Rheinauhalbinsel ebenso an sie wie eine von der Bildhauerin Elisabeth Perger (geboren 1960) geschaffene Figur am Kölner Rathausturm.

 nach obenLiteratur

Franken, Irene, Frauen in Köln. Der historische Stadtführer, Köln 2008, S. 46-48.

Garlet, Günter, Die Klosterfrau und ihre Zeit. Die Lebensgeschichte der Maria Clementine Martin, Gründerin des Hauses Klosterfrau, Köln 1989.

Kier, Hiltrud / Ernstling, Bernd / Krings, Ulrich (Hg.), Köln: Der Ratsturm. Seine Geschichte und sein Figurenprogramm, Köln 1996, S. 514-515.

Köhler-Lutterbeck, Ursula / Siedentopf, Monika, Frauen im Rheinland. Außergewöhnliche Biographien aus der Mitte Europas, 2001, S. 67-70.

Witting, Petra, Die Klosterfrau Maria Clementine Martin, in: Schinzinger, Francesca / Müller-Thomas, Angelika (Hg.), Symposium über Unternehmerinnen. Referat eines Symposiums an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen im November 1988, Aachen 1988, S. 102-112.

 

Online

Gärtner, Ulrike / Koppetsch, Judith (Hg.), Klostersturm und Fürstenrevolution. Staat und Kirche zwischen Rhein und Weser 1794/ 1803, S. 235 (Textauszug auf der Homepage "Aufbruch in die Moderne Sammelbegriff für die Kunst und Architektur seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Gegensatz zum Historismus des 19. Jahrhunderts. - Das Beispiel Westfalen" des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe).

Geschichte (Informationen zur Biographie Maria Clementine Martins sowie zur Firmengeschichte auf der Homepage der Klosterfrau Healthcare Group).

Maria Clementine Martin (Textauszug aus: Gärtner, Ulrike / Koppetsch , Judith (Hg.), Klostersturm und Fürstenrevolution. Staat und Kirche zwischen Rhein und Weser 1794/ 1803, S. 235).

 

30.9.2010
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Severine Delhougne (Bonn) 
 

       
 

       
 
 Maria Clementine Martin (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 132KB)

Maria Clementine Martin, idealisiertes Ölgemälde von Josef Benz, um 1950.

 Skulptur der Maria Clementine Martin (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 52KB)

Maria Clementine Martin, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1989, Bildhauerin: Elisabeth Perger. (© Kölner Stadtkonservator)