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Paulus Melchers (1813–1895), Kölner Erzbischof (1866-1885)

Melchers war einer der Exponenten des Kulturkampfes und als solcher bei den Katholiken außerordentlich populär.

Paulus Ludolf Melchers, so der vollständige Name, wurde am 6.1.1813 in Münster als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Ein entfernter Onkel war der Münsteraner Weihbischof und Generalvikar Franz Arnold Melchers (1765–1851). Nach dem schulischen Werdegang und dem Abitur 1829 am Gymnasium Paulinum in Münster studierte Paulus Melchers an der Universität Münster nur sehr kurz Philosophie. Es folgten von 1830 bis 1833 ein Jurastudium in Bonn, die Absolvierung der Militärpflicht sowie danach der Justizdienst in Münster. Erst 1839 wandte er sich mit dem Entschluss, Priester zu werden, dem Theologiestudium in München zu. Der Priesterweihe 1841 folgte ein beachtliche geistliche Karriere: Nach der Kaplanzeit in Haltern wurde Melchers Subregens des Priesterseminars Münster, dann Domkapitular und Generalvikar (1852). 1857 folgte die Ernennung zum ersten Bischof des wiedererrichteten Bistums Osnabrück. Ein weiteres, schwieriges Amt kam im darauf folgenden Jahr hinzu: Als Apostolischer Provikar der Nordischen Missionen Deutschlands und Dänemarks waren Melchers vor allem die Katholiken in der norddeutschen Diaspora anvertraut.

Bereits im Revolutionsjahr 1848 hatte Melchers – wie auch andere Geistliche – der Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1789-1833 errichteter klassizistischer Kirchenbau der evangelischen Gemeinde Frankfurts am Main. 1848-1849 Tagungsort der deutschen Nationalversammlung. angehört, wo er als Abgeordneter den Kreis Ahaus vertrat. Dieses Mandat hatte er nur mit Zögern angenommen und legte es bereits nach zwei Monaten nieder. Als Bischof von Osnabrück nahm Melchers 1860 am Kölner Provinzialkonzil unter der Leitung des Kölner Erzbischofs und Kardinals Johannes von Geissel teil, welches Aussagen über die lehramtliche Unfehlbarkeit des Papstes vorwegnahm, die das Erste Vatikanische Konzil zehn Jahre später als Dogma definierte. 1866 folgte Melchers dann Geissel auf dem Stuhl des Kölner Erzbischofs. Zuvor waren die Wahlverhandlungen ergebnislos geblieben, sodass Melchers schließlich von Papst Pius IX. (Pontifikat 1846-1878) als Kompromisskandidat ernannt wurde. In den gut zehn Jahren seines Wirkens als Erzbischof erfüllte Melchers ein erstaunliches Arbeitspensum, indem er beispielsweise fast alle der rund 800 Pfarreien im Erzbistum besuchte. Ferner fiel ihm aufgrund der Bedeutung des Kölner Sprengels gleichsam automatisch eine Führungsrolle im preußischen Episkopat zu. So wählte ihn die Konferenz der (klein-)deutschen Bischöfe, die sich seit 1867 regelmäßig in Fulda traf, zum Vorsitzenden.

Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil kritisierte Melchers den wachsenden römischen Zentralismus, nahm aber zu der auf der Tagesordnung stehenden Unfehlbarkeitsfrage keine Stellung. Einen Tag vor der entscheidenden Schlussabstimmung über das neue Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit (18.7.1870) verließ Melchers das Konzil zusammen mit 55 anderen Konzilsvätern der Minorität, die der Definition nicht zustimmen wollte. Zuvor erklärte er schriftlich, dass er sich den Konzilsbeschlüssen unterwerfen werde. Grundsätzliche Einwände gegen die päpstliche Unfehlbarkeit hegte Melchers keine, wohl lehnte er deren Dogmatisierung ab, weil er sie für theologisch nicht ausgereift und insbesondere nicht opportun hielt. Gleichwohl publizierte Melchers den Konzilsbeschluss als erster der deutschen Minoritätsbischöfe in seinem Erzbistum. Die Auseinandersetzungen um das Unfehlbarkeitsdogma führten zur Abspaltung der altkatholischen Kirche, deren Bischof seinen Sitz in Bonn nahm, also im Bereich des Erzbistums Köln. Ohnehin war die Bonner Universität Schauplatz heftiger Konflikte um das Dogma, nicht zuletzt weil Melchers von den Theologieprofessoren eine eindeutige Erklärung zur Annahme des Dogmas verlangte. Drei Bonner Professoren suspendierte und exkommunizierte Melchers schließlich.nach obenIn dem sich anschließenden Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. wurden gegen Melchers wegen Verstößen gegen die im Wesentlichen zwischen 1871 und 1875 erlassene Kulturkampfgesetzgebung mehrfach Geldstrafen verhängt, deren Zahlung der Erzbischof im Sinne eines passiven Widerstandes ablehnte. Es folgten zwei Pfändungen und schließlich am 31.5.1874 die spektakuläre und Aufsehen erregende Verhaftung Melchers’, der etwas mehr als ein halbes Jahr im Kölner Gefängnis „Klingelpütz" verbringen musste. Im Folgejahr leiteten die Regierungsbehörden die Absetzung des Erzbischofs ein, der sich am 13.12.1875 einer zweiten drohenden Verhaftung durch Flucht entzog. Er reiste über Venlo und Roermond ins niederländische Maastricht, wo er im Franziskanerkloster Aufnahme fand. Die Jahre seines Exils verbrachte Melchers hauptsächlich im Gartenhaus des Klosters. Von dort versuchte er das Erzbistum und die Fuldaer Bischofskonferenz weiterhin zu leiten, was insbesondere durch eine reichhaltige Korrespondenz sowie durch den Einsatz zuverlässiger Priester als „Geheimdelegaten" erfolgte. Kontakt zu den Gläubigen versuchte Melchers durch die Herausgabe von Kleinschriften erbaulichen und populären Charakters zu halten.

Die staatlichen Behörden bemühten sich vergeblich, den Aufenthaltsort des Kölner Erzbischofs in Erfahrung zu bringen. Inzwischen erklärte der 1873 geschaffene Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten Melchers am 28.6.1876 für abgesetzt. Die Verwaltung des Kirchenvermögens wurde einem staatlich bestellten Kommissar übertragen.

Die starren Fronten wurden erst aufgebrochen, als 1878 an die Stelle von Papst Pius IX. der verbindlichere Leo XIII. (Pontifikat 1878–1903) trat und Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt. Otto von Bismarck (1815–1898) ein Einlenken ratsam erschien. Im Rahmen eines Annährungskurses zwischen römischer Kurie und preußischem Staat kam es im Laufe des nächsten Jahrzehnts zur Beilegung des Kulturkampfes. Damit waren Melchers und der ebenfalls im ausländischen Exil lebende Erzbischof von Posen-Gnesen, Mieczysław Halka von Ledóchowski (1822–1902), zu Hindernissen eines Ausgleiches geworden: Die preußische Regierung stimmte einer Rehabilitierung und Rückkehr der Erzbischöfe, in denen sie die Hauptexponenten des kirchlichen Widerstandes vermutete, nicht zu; die Kurie konnte ihrerseits Melchers und Ledóchowski nicht fallen lassen. Schließlich ernannte Leo XIII. den bisherigen Ermländer Bischof Philipp Krementz 1885 zum neuen Erzbischof von Köln und berief Melchers ab; im Konsistorium vom 27.7.1885 wurde er vom Papst zum Kardinal ernannt.

Mit der Ernennung zum Kardinal siedelte Melchers nach Rom über, wo er im Collegium Germanicum wohnte. Unkenntnis der italienischen Sprache und zunehmende Kränklichkeit bedingten, dass Melchers in Rom relativ zurückgezogen lebte und die Möglichkeiten, die sich in der Position als Kurienkardinal boten, kaum nutzte. Wohl setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit durch die Herausgabe eines Handbuches über die Visitation („De canonica diocesium visitatione cum appaendice de visitatione Sacorum Liminum", 1893) fort. Eine schwere Krankheit war für Melchers der Anlass, 1892 mit päpstlicher Erlaubnis dem Jesuitenorden beizutreten. Am 14.12.1895 starb er in Rom. Sein Leichnam wurde nach Köln überführt und am 27. Dezember im Dom beigesetzt.

Melchers pflegte einen strengen und asketischen Lebensstil. Erwin Gatz wertet ihn als „herben, juristisch nüchternen und ganz und gar unpoetischen Westfalen", der „ein merkwürdiges Interesse für mythische Phänomene [hatte]". Den Fähigkeiten auf verwaltungstechnischem Gebiet stand eine eher mittelmäßige theologische Begabung gegenüber. Gleichwohl solidarisierten sich Klerus und Volk im Verlauf des Kulturkampfes mit dem Kölner Erzbischof. Schnell wurden Melchers ein hoher Bekanntheitsgrad und Verehrung zuteil; er galt vielen Katholiken als „Bekennerbischof". So erhielten bereits 1901 die im Süden der Kölner Neustadt neu gegründete Pfarrei sowie die dazugehörige Pfarrkirche den Titel St. Paulus. Ein Kapellenanbau der Kirche wurde als Paulus-Melchers-Gedächtniskapelle gestaltet. Darüber hinaus ist er Ehrenbürger der Stadt Münster.

Werke (Auswahl)

De canonica diocesium visitatione cum appaendice de visitatione Sacorum Liminum, Köln 1893.

Die katholische Lehre von der Kirche, Köln 1881.

Eine Unterweisung über das heilige Altars-Sacrament, Köln 1878.

Literatur

Borengässer, Norbert M., Artikel „Melchers", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 5 (1993), Sp. 1190-1193.Gatz, Erwin, Melchers, Paul Ludolf, in: Gatz, Erwin (Hg.): Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, Berlin 1983, S. 493–497.

Hegel, Eduard, Das Erzbistum Köln zwischen der Restauration des 19. Jahrhunderts und der Restauration des 20. Jahrhunderts. 1815–1962 (Geschichte des Erzbistums Köln 5), Köln 1987, S. 70–85, 531–576.

Oepen, Joachim, Paulus Kardinal Melchers, in: Kölner Erzbischöfe im Konflikt mit dem preußischen Staat. Clemens August Freiherr Droste zu Vischering († 1845), Paulus Kardinal Melchers († 1895). Gedenkausstellung des Historischen Archivs des Erzbistums Köln, Köln 1995, S. 19–25. 

Online

Gatz, Erwin, Artikel „Melchers, Paul", in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 4-5.

Steinmann, Marc, Grabkammer des Kardinals Melchers (Information auf der Website des Kölner Doms).

 

30.9.2010
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Joachim Oepen (Köln) 
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Erzbischof Paulus Melchers, Porträtfoto.

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Paulus Kardinal Melchers, Porträtfoto.