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Franz Petri (1903-1993), Historiker

Franz Petri war ein führender Landeshistoriker des 20. Jahrhunderts.

Petri wurde am 22.2.1903 als Sohn eines wissenschaftlichen Bibliotheksarbeiters in Wolfenbüttel geboren. 1921-1925 studierte er an der Universität Berlin Geschichte, Deutsch, Philosophie und evangelische Theologie. Er schloss das Studium mit einer hervorragend bewerteten Promotion Lateinisch, Beförderung, (1) Erlangung, Verleihung der Doktorwürde, (2) lateinisch-englisch, Absatzförderung, Werbung. über ein kirchlich-soziales Lokalthema aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit bei Dietrich Schäfer (1845-1929) ab. In der Folgezeit wechselte er an das Institut für geschichtliche Landeskunde an der Universität Bonn. Hier hatten die Historiker Hermann Aubin und Franz Steinbach die so genannte Kulturraumforschung entwickelt.

Dieser Ansatz sah in „Kulturräumen" das in Jahrhunderten entstandene Ergebnis eines seit dem Ende der Völkerwanderung einsetzenden Zusammenwirkens von germanischen Stämmen und ihren Siedlungsräumen. Er verband Natur (Landschaft), Kultur und Geschichte und wertete das Produkt, den Kulturraum, zu einer historischen Prägekraft mit eigener Bedeutung auf: Aus den Wechselwirkungen von Stamm und Siedlungsraum habe sich nicht nur ein spezifisches „Volkstum", „ein Wesen" der Bewohner eines Raumes herausgebildet, das in ihrem Denken, Handeln und in ihrer Lebensweise zum Ausdruck komme, sondern das auch in Form von materiellen und geistigen Traditionen eine Zeitlang den Rückzug eines Stammes aus dem von ihm geformten Raum überdauern könne. Die Kulturraumforschung war mit dieser Integration von Natur- und Kulturfaktoren gegenüber der traditionellen Auffassung der Historiker, wonach der Gang der Geschichte primär durch Persönlichkeiten und Ideen geprägt werde, innovativ und modern. Petri setzte diesen Ansatz in seiner Habilitationsschrift von 1936 „Germanisches Volkserbe in Wallonien und Nordfrankreich. Die fränkische Landnahme in Frankreich und den Niederlanden und die Bildung der westlichen Sprachgrenze" um.

Darin kam er nach der Untersuchung sprachlich-archäologischer Zeugnisse aus der Zeit des Frühmittelalters und gestützt auf eine Karte der Verbreitung von „Rassen" in Europa zu dem Ergebnis, dass die Germanen, genauer: die Franken, im Frühmittelalter bis an die Grenzen zur Bretagne und zum Pariser Becken gesiedelt hätten. Die weiter östlich verlaufende Grenze zwischen der romanischen und der germanischen Sprache sei später entstanden und letztlich eine Rückzugslinie der Germanen bzw. eine Ausgleichslinie zwischen Romanen und Germanen. Sie habe sich erst seit der Jahrtausendwende verfestigt. Nordfrankreich sei also ursprünglich in hohem Maße germanisch geprägt gewesen.

Dieses Ergebnis war wissenschaftlich neu, denn bis dahin hatte die historische Forschung die zeitgenössische Sprachgrenze, die die Niederlande und Flandern zum deutschen, Wallonien und Nordfrankreich zum französischen Sprachraum gliederte, als Siedlungsgrenze zwischen Romanen und Germanen angesehen. Zudem war Petris Ergebnis politisch interessant. Denn sein Nachweis germanischer Zeugnisse in Nordfrankreich konnte in einer Zeit, in der nationalistische und nationalsozialistische Kreise die Deckung von Volks- und Kulturraumgrenzen mit politischen Grenzen als ein Ideal betrachteten, als Legitimation für die Forderung nach einer „Heimkehr deutschen Bodens" verwandt werden.

Petris Arbeiten führten dazu, dass er unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs auf den Posten eines Kulturreferenten in der deutschen Militärverwaltung für Belgien und Nordfrankreich und im Jahre 1942 auf einen Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Niederlande an der Universität zu Köln berufen wurde. Während des Zweiten Weltkriegs versuchte er mit einer rastlosen Publikationstätigkeit sowie Mitteln der Kultur- und Wissenschaftspolitik, das „germanische Element" in Flandern zu fördern und innerhalb Walloniens stärker bewusst zu machen. Im Zuge dieser Arbeit entwickelte er sich wissenschaftlich und politisch zu einem Nationalsozialisten.

Nach Kriegsende sorgte die Universität Köln dafür, dass Petri seinen Lehrstuhl verlor. Die Alliierten internierten ihn aufgrund seiner Tätigkeit in der Besatzungsverwaltung für anderthalb Jahre in einem Lager. Nach mehreren Jahren der Projektarbeiten wurde Petri im Jahre 1951 zum Direktor im Provinzialinstitut für westfälische Landes- und Volkskunde in Münster, im Jahre 1961 zum Nachfolger Steinbachs auf den Lehrstuhl für Rheinische Landesgeschichte und als Direktor des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande nach Bonn berufen. Nach seiner EmeritierungLateinisch, Entbindung (1)  eines Hochschullehrers von den alltäglichen Pflichten des Lehrbetriebs, wobei der Emeritus seine akademischen Rechte behält und weiterhin Diplomanden und Doktoranden betreuen kann, (2) von Bischöfen oder Domkapitulare von Leitungsaufgabe, wobei sie alle Rechte behalten, die an ihre Weihe geknüpft sind. im Jahre 1968 kehrte Petri nach Münster zurück, wo er in Verbindung mit dem „Institut für vergleichende Städtegeschichte" wissenschaftlich tätig war.nach oben

In der Nachkriegszeit hielt er theoretisch an der Auffassung von der Prägekraft der Kulturräume fest, obwohl die Forschung seine Auffassung von der hohen Bedeutung der germanischen Besiedlung Nordfrankreichs als beträchtliche Übertreibung kennzeichnete und sich mit der Theorie der zentralen Orte ein neues Konzept der Raumstrukturierung durchsetzte. In seiner praktischen Arbeit profilierte sich Petri als einer der führenden Experten für die rheinisch-westfälische und die niederländische Geschichte vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Neben zahlreichen Aufsätzen publizierte er vor allem eine Kulturgeschichte der Niederlande und gab zusammen mit Georg Droege (1929-1993) die „Rheinischen Geschichte" in drei Bänden heraus. Politisch gab er seine im „Dritten Reich" vertretene Auffassung auf, dass Deutschland eine Ordnungsfunktion in Europa habe, und gestand unter dem Eindruck der Ergebnisse der nationalsozialistischen Herrschaft den „germanischen Völkern" ihre Unabhängigkeit und Gleichberechtigung zu. Anstelle einer deutschen Vorherrschaft sah er jetzt in einem föderalistisch organisierten Europa sein politisches Ideal. Als „Abendland" setzte er es sowohl gegen die USA als auch gegen die SowjetunionKurzbezeichnung für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), gegründet 1922  nach dem Ende des russischen Reiches (1917). Bis zu  ihrer Auflösung 1991 war sie das politische Zentrum des Ostblocks und des real existierenden Sozialismus. Sie umfasste in etwa das Gebiet der heutigen Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), dazu Estland, Lettland und Litauen. Völkerrechtlicher Nachfolgestaat ist die Russische Föderation (Russland ). ab.

Petris Leistung bestand in einem umfangreichen wissenschaftlichen Werk, das sich auf die Geschichte der Niederlande, der Rheinlande und Westfalens von der Zeit der Völkerwanderung bis zur Gegenwart konzentrierte. Damit erarbeitete er sich bis in die 1970er Jahre hinein eine nahezu monopolartige Spezialistenstellung für die Geschichte des kontinentalen Nordwesteuropas. Diese Stellung festigte er noch durch die Organisation und Etablierung eines intensiven Wissenschaftsaustauschs zwischen Belgien / Niederlanden und der Bundesrepublik. Die Wissenschaftssysteme des „Dritten Reiches" und der Bundesrepublik honorierten diese Aktivitäten mit je einem Lehrstuhl; zudem erhielt er drei Festschriften und weitere Ehrungen.

Voraussetzungen für diese Leistungen waren seine ungewöhnliche Arbeitskraft und Anpassungsfähigkeit, in den 1920er und 1930er Jahren auch seine Konzentration auf den innovativen Ansatz der Kulturraumforschung, mit dem er wissenschaftlich neue und politisch attraktive Themen erschloss. Petri gehörte zu Beginn des „Dritten Reiches" zu der jungen Generation von Historikern, die sich auf der Basis eines tiefgehenden Nationalismus und wissenschaftlich begründeter Überzeugungen von der Wirkungskraft von „Raum" und „Volkstum" dem Nationalsozialismus erst zur Verfügung stellten, dann ihn auch mit Überzeugung vertraten. Er war Teil eines Netzwerks von nationalen Historikern, das ihn während des „Dritten Reiches" förderte, seinen Schritt in die Politik während des Zweiten Weltkrieges tolerierte, ihn nach seiner politisch bedingten Entlassung wieder auffing und ihn erneut in einer geistesverwandten politischen Umgebung platzierte. Im Unterschied zu anderen völkischen Historikern seiner Generation vollzog er in der Bundesrepublik nicht den Schritt zur Struktur- und Sozialgeschichte, sondern kehrte zur politischen Geschichtsschreibung zurück.

Am 8.3.1993 starb Franz Petri in Hamburg, dem Wohnsitz seines Sohnes.

 nach obenWerke (Auswahl)

Germanisches Volkserbe in Wallonien und Nordfrankreich. Die fränkische Landnahme in Frankreich und den Niederlanden und die Bildung der westlichen Sprachgrenze, 2 Bände, Bonn 1937, Nachdruck 1942.

Die Kultur der Niederlande, in: Thurner, Eugen (Hg.), Handbuch der Kulturgeschichte. Zweite Abteilung: Kulturen der Völker, Konstanz 1964, S. 1-233.

Petri, Franz/Droege, Georg (Hg.), Rheinische Geschichte in drei Bänden, Düsseldorf 1976-1979.

 

Festschrift, Gedächtnisschrift

Droege, Georg/Schöller, Peter/Schützeichel, Rudolf/Zender, Matthias (Hg.), Landschaft und Geschichte. Festschrift für Franz Petri zu seinem 65. Geburtstag am 22. Februar 1968, Bonn 1970.

Zur Geschichte und Landeskunde der Rheinlande, Westfalens und ihrer Nachbarländer. Aufsätze und Vorträge aus vier Jahrzehnten, hg. von Edith Ennen/Alfred Hartlieb von Wallthor/ Manfred van Rey, Bonn 1973 [mit Schriftenverzeichnis 1925-1972].

Sicken, Bernhard (Hg.), Herrschaft und Verfassungsstrukturen im Nordwesten des Reiches. Beiträge zum Zeitalter Karls V. Franz Petri zum Gedächtnis (1903-1993), Köln 1994 [mit Schriftenverzeichnis 1973-1993].

 

Literatur

Ditt, Karl, Die Kulturraumforschung zwischen Wissenschaft und Politik. Das Beispiel Franz Petri (1903-1993), in: Westfälische Forschungen 46 (1996), S. 73-176.

Lademacher, Horst, Franz Petri zum Gedächtnis *22. 2. 1903 + 8. 3. 1993, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 57 (1993), S. VII-XIX.

Oberkrome, Willi, Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993.

Schöttler, Peter, Von der rheinischen Landesgeschichte zur nazistischen Volksgeschichte oder Die „unhörbare Stimme des Blutes", in: Schulze, Winfried/Oexle, Otto Gerhard  (Hg.), Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt 1999, S. 89-113.

 

30.9.2010

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Karl Ditt (Münster i. W.) 
 

       
 

       
 
 Franz Petri (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 133KB)

Franz Petri, Porträtfoto, um 1961. (Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland)