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Gerhard Reumont (1765-1828), Mediziner

Gerhard Reumont war ein Aachener Mediziner, der sich nach Aufenthalten in Frankreich und Großbritannien Anfang des 19. Jahrhunderts große Verdienste mit der Einführung der Pockenschutzimpfung in seiner Heimatregion erwarb. In französischer Zeit behandelte er zudem die Familie Napoleon Bonapartes und wurde vom französischen Kaiser zum Inspektor der Aachener Heilquellen ernannt.

Gerhard Reumot wurde am 19.4.1765 in Aachen geboren, wo der Vater Lambert Reumont (1739-1811) eine Farbkesselgießerei besaß und Mitglied des Stadtrates war; die Mutter Odilia war eine geborene Hamächer (1737-1790). Der junge Gerhard wurde vom internationalen Flair Aachens als Ort der bekannten Thermalbäder beeinflusst. Er entwickelte ein Interesse an Heilberufen und nahm ein Medizinstudium an der Maxischen Akademie in Bonn, der Vorgängerin der Universität, auf. Zu seinem wissenschaftlichen Förderer dort wurde der bekannte Mediziner Josef Claude Rougemont (1756-1818), der ihm Zutritt zum Kreis der Schüler des angesehenen französischen Chirurgen Pierre Desault (1744-1795) in Paris verschaffte, wo Reumont 1791 sein Studium fortsetzte.

Der deutsche Medizinstudent sympathisierte im nachrevolutionären Frankreich zeitweise mit den Jakobinern, doch riet ihm sein Lehrer Desault von einer politischen Betätigung ab. Als sich die Situation in Paris verschärfte, schaffte es Reumont bei Ausbruch des ersten Koalitionskrieges noch, nach Großbritannien zu gelangen. Mit einer Empfehlung Desaults versehen, standen ihm auch dort die akademischen Türen offen. An der Universität Edinburgh vervollständigte er sein Wissen und wurde im September 1793 zum Doktor der Medizin promoviert. Die akademischen Leistungen müssen herausragend gewesen sein, denn der junge Mediziner wurde rasch zum Mitglied der Medizinischen und Naturwissenschaftlichen Gesellschaft von Edinburgh und im Jahr 1795 der Londoner Medizinischen Gesellschaft ernannt. Auch wenn er durch das napoleonische Frankreich später bei seiner medizinischen Arbeit geförderte wurde und er während der französischen Herrschaft in Aachen ein gutes Verhältnis zu den Machthabern pflegte, so war er aufgrund seines Studienaufenthalts eher anglophil eingestellt: „Sein Herz“, so beschreibt es Sohn Alfred in seinen Jugenderinnerungen, „gehörte doch dem Inselreiche an.“

Nach der Rückkehr nach Aachen erlebte Reumont 1794 die zweite, bis 1814 dauernde Besatzung durch die Franzosen, die die Region als Teil des neu geschaffenen Roerdepartements dem französischen Staatsgebiet einverleibten. Aufgrund seiner Pariser Erfahrungen und seiner kosmopolitischen Einstellung konnte sich der in einem Aachener Krankenhaus tätige Mediziner jedoch schnell mit der neuen Situation arrangieren. Hierzu trug bei, dass die neuen Herrscher die Modernisierung der Verwaltungsstrukturen offensiv vorantrieben, was sich auch positiv auf das Gesundheitswesen auswirkte. Charakteristisch für Reumonts kosmopolitische Einstellung war „seine Offenheit für die Werte der eigenen wie [auch] der französischen und englischen Kultur“ (Hubert Jedin).

Im Jahr 1807 heiratete Gerhard Reumont Lambertine Kraussen (1786-1850), gebürtig aus Randerath (heute Stadt Heinsberg). Das Paar hatte drei Töchter und drei Söhne, darunter den späteren Diplomaten und Publizisten Alfred von Reumont.

Im Rahmen ihrer Verwaltungsreformen schufen die Franzosen auf der Ebene des Departements eine oberste Medizinalbehörde, die sogenannte „Jury médical“, in die Gerhard Reumont berufen wurde. Diese herausgehobene Position kam ihm zugute, als er sich einer neuen Aufgabe zuwandte, dem Kampf gegen die Pocken (Blattern). Diese Infektionskrankheit stellte Anfang des 19. Jahrhunderts noch immer eine große Gefahr dar und verursachte aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr eine Mortalitätsrate von über 30 Prozent. Bei einem privaten Aufenthalt in England machte Reumont im Jahr 1800 die Bekanntschaft des Mediziners Edward Jenner (1749-1823), der kurz zuvor zu einer bahnbrechenden Erkenntnis gekommen war. Der Krankheitsverlauf bei englischen Bauern, die zunächst mit für Menschen harmlosen Kuhpocken in Berührung gekommen waren, war wesentlich günstiger als bei andern an den Blattern erkrankten Patienten. Somit konnte durch Impfung mit Kuhpocken eine Immunisierung des Menschen gegen die Seuche erreicht und eine Ansteckung vermieden werden. Diese Methode stellte einen wesentlichen Fortschritt gegenüber der bisherigen Impfung mit menschlichem Pockeneiter dar, bei der es häufig zu Komplikationen kam.

Der Widerstand gegen die neue Impfmethode war zunächst groß und die medizinische Debatte in England in vollem Gange, als Reumont dort im Jahr 1800 eintraf. Jenners Ansatz faszinierte ihn, und er entschloss sich zu einer näheren Beschäftigung mit der Thematik. Während eines zweimonatigen Aufenthalts in London machte der englische Kollege Reumont mit der Theorie und Praxis seiner neuen Methode vertraut. Während der Rückreise nach Aachen hielt Reumont in Paris einen Vortrag über die neue Impfmethode. Unter den Zuhörern befand sich auch der damalige erste Konsul Napoleon Bonaparte (1769-1821). Er beauftragte Reumont mit der Durchführung der Pockenschutzimpfung auf seinem Reiseweg durch Nordfrankreich. Nach der Ankunft in seine Heimatstadt trieb er auch dort den Einsatz der Jennerschen Impfmethode voran. Am 17.4.1801 fand in Aachen die erste Pockenschutzimpfung im Rheinland statt, die Gerhard Reumont an seinem Neffen Richard durchführte. In der Folge entfaltete er eine „rastlose Impftätigkeit“ (Egon Schmitz-Cliever). Aufgrund der straffen französischen Verwaltungsstrukturen gelang es, die neue Methode in Teilen der Bevölkerung zu verbreiten. So verfügte die „Jury médical“ auf Reumonts Betreiben hin, dass die Impfung für Schüler verpflichtend vorgeschrieben werden sollte. Zudem waren alle im Krankenhaus befindlichen Kinder zu impfen. Auf diese Weise gelang es, die Zahl der Erkrankungen zumindest zwischenzeitlich zu senken. Auf längere Sicht jedoch kam es trotz aller Bemühungen wieder zu einem Anstieg der Infektionen, weil die erste Aufmerksamkeit nachließ und die Vorschriften nicht immer konsequent umgesetzt wurden.

Als weiteres Betätigungsfeld befasste sich Reumont mit der heilsamen Wirkung der bekannten Aachener Naturquellen. In seiner Eigenschaft als Kurarzt behandelte er 1804 die französische Kaiserin Joséphine (1763-1814). Im Jahr darauf wurde Reumont von Napoleon zum Inspektor der Aachener Heilbäder ernannt. Nach dem Übergang des Rheinlandes an Preußen verblieb Reumont in seinem Amt als Bäderinspektor und erhielt 1816 zudem den Titel eines „Medizinalrates“ verliehen. Auch unter preußischer Ägide bekannte sich Reumont zu seinem Wirken während der Franzosenzeit. Noch in seinem 1828 erschienenen Buch „Aachen und seine Heilquelle“ unterließ er es nicht, unter seinen medizinischen Titeln auch die Bezeichnung „Ehemaliges Mitglied der Medizinischen Jury des Roerdepartements“ anzuführen und im Vorwort darauf hinzuweisen, dass "er am 22. Brumaire, Jahr XIV der Republik (13. November 1805) durch ein von Sr. Majestät dem Kaiser Napoleon (zu St. Pölten bei Wien) gegebenes Dekret zum Médecin-Inspecteur des Eaux d’Aix-la-Chapelle ernannt worden" sei. Auf das Verhalten des Aachener Mediziners trifft somit exemplarisch zu, was von Wilhelm Janssen allgemein folgendermaßen formuliert worden ist: „Die Rheinländer hatten die französische Herrschaft eben je länger je weniger als Fremdherrschaft empfunden, sondern als durchorganisierte und damit effektive Herrschaft.“ (1).

Gerhard Reumont starb am 27.4.1828 in seiner Heimatstadt Aachen. Mit seinem Einsatz für die Impfung gegen die Pocken hat er entscheidend zum medizinischen Fortschritt im Rheinland beigetragen.

 

Anmerkung

(1) Janssen, Wilhelm, Kleine Rheinische Geschichte, Düsseldorf 1997, S. 271.

Werke

Die warmen Mineralquellen von Aachen und Burtscheid, 1817.

Aachen und seine Heilquelle. Ein Taschenbuch für Badegäste, 1828.

Literatur

Hüffer, Hermann, Alfred von Reumont, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 77 (1904), S. 5-241  [darin enthalten sind die autobiographischen „Jugenderinnerungen“ Alfred Reumonts].

Jedin, Hubert, Alfred von Reumont (1808-1887), in: Rheinische Lebensbilder 5 (1973), S. 95-112.

Kraus, Thomas R., Auf dem Weg in die Moderne. Bonne ville d’Aix-la-chapelle/Aachen in französischer Zeit. Katalog zur Ausstellung im Krönungssaal des Aachener Rathauses vom 14. Januar bis 5. März 1995, Aachen 1994.

Schmitz-Cliever, Egon, Gerhard Reumont, in: Rheinische Lebensbilder 2 (1966), S. 143-158.

 

6.6.2013

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Philip  Rosin  (Bonn) 
 

       
 

       
 
 Gerhard Reumont (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 84KB)

Gerhard Reumont, Gemälde von Johann Baptist Joseph Bastiné (?) (1783-1844), Original im Couven-Museum, Aachen.