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Theodor Schieffer (1910-1992), Historiker

Theodor Schieffer zählt zu den bedeutendsten Mittelalterhistorikern und Diplomatikern (Urkundenforschern) der Nachkriegszeit.

Theodor Schieffer wurde am 11.7.1910 als Sohn des Volksschulrektors und späteren Stadtschulrats Heinrich Schieffer (1878-1949) und dessen Ehefrau Gertrud Rieck (1883 -1953) in Bad Godesberg (heute Stadt Bonn) geboren, studierte in Bonn, Paris (Sorbonne) und Berlin Geschichte, Romanistik und Klassische Philologie und wurde 1934 in Bonn mit seiner Arbeit „Die päpstlichen Legaten in Frankreich vom Vertrage von Meersen (870) bis zum Schisma von 1130“ von Wilhelm Levison promoviert.

Auf dessen Empfehlung wurde Schieffer Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica (1) 1819 als „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ von Reichsfreiherr Heinrich Friedrich Karl vom Stein (1757-1831) in gegründetes Institut zur Erforschung des deutschen Mittelalters, heute mit Sitz in München. Herausgeber der Fachzeitschrift „Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters“, (2) Bezeichnung für die durch das Institut herausgegebenen Editionen mittelalterlicher Texte. (MGH) und mit Vorarbeiten für die Editionen der späten Karolinger-Urkunden sowie mit der selbständigen Bearbeitung der Urkunden Zwentibolds und Ludwigs des Kindes sowie der beiden Lothare und der burgundischen Rudolfinger betraut. Wegen seiner rheinisch-katholischen Prägung ohne Aussicht auf eine Universitätskarriere, absolvierte er 1937-1939 in Berlin-Dahlem die Ausbildung zum Archivar, verblieb jedoch zunächst bei den MGH und wurde 1940 zur „Kommission für Archivschutz“ nach Paris versetzt.

1942 heiratete Schieffer in Berlin Anneliese Schreibmayr (1915-1981). Aus der Ehe gingen zwei Töchter und ein Sohn hervor: Der 1947 geborene Rudolf Schieffer ist seit 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica (1) 1819 als „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ von Reichsfreiherr Heinrich Friedrich Karl vom Stein (1757-1831) in gegründetes Institut zur Erforschung des deutschen Mittelalters, heute mit Sitz in München. Herausgeber der Fachzeitschrift „Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters“, (2) Bezeichnung für die durch das Institut herausgegebenen Editionen mittelalterlicher Texte. .

1942 auf Vermittlung des Berliner Historikers Eugen Meyer (1893-1972) habilitiert, lehrte Schieffer ab 1946 als Professor an der neu gegründeten Universität Mainz mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften (seit 1951 als Ordinarius Lateinisch, aus iudex ordinarius entstandene Kurzform, bezeichnet (1) den Inhaber der iurisdictio ordinaria, das heißt in der katholischen Kirche den Papst, und die ordinarii locorum, das heißt den regierenden Bischof, Abt oder Prälaten, den apostolischen Administrator, Vikar oder Kapitelsvikar usw.,  (2) den durch Berufung auf einen Lehrstuhl gelangten, lebenslang ernannten Professor, seit der Abschaffung der so genannten "Ordinarienuniversität" mit den Hochschulreformen der 1970er Jahre unüblich gewordene Bezeichnung. ) und wechselte 1954 an die Universität Köln, an der er trotz eines Rufes nach Wien bis zu seiner EmeritierungLateinisch, Entbindung (1)  eines Hochschullehrers von den alltäglichen Pflichten des Lehrbetriebs, wobei der Emeritus seine akademischen Rechte behält und weiterhin Diplomanden und Doktoranden betreuen kann, (2) von Bischöfen oder Domkapitulare von Leitungsaufgabe, wobei sie alle Rechte behalten, die an ihre Weihe geknüpft sind. 1975 verblieb. Am 9.4.1992 verstarb er in seiner Geburtsstadt Bad Godesberg.

Auch jenseits seiner Lehrtätigkeit ließ sich Schieffer immer wieder in die Pflicht nehmen, ohne darum Aufhebens zu machen. Von 1952 bis 1955 war er Präsident der „Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte“, seit 1956 Mitglied der Zentraldirektion der MGH, seit 1957 Mitglied der „Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften“, 1958 bis 1968 Vorsitzender der “Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde Gegründet am 1.6.1881 in Köln, entstanden auf Initiative des Kölner Bankiers und Industriemagnaten Gustav Mevissen, der 1868 zusammen mit Heinrich von Sybel die Gründung eines die bestehenden regionalen Vereine übergreifenden "Vereins für rheinisch-westfälische Geschichte“ ins Auge gefasst und 1879 in Karl Lamprecht einen Historiker gefunden hatte, der Mevissens Vorstellungen von einer Verbindung zwischen bürgerlichem Mäzenatentum und geschichtswissenschaftlicher Grundlagenforschung im Medium eines historisch fundierten rheinischen Eigen- und Selbstbewusstseins konkrete Gestalt gab. „Rheinisch“ bezog  sich auf das Gebiet der Rheinprovinz. Seitdem gibt die Gesellschaft, die bis heute die Aufgaben einer Historischen Kommission für das Rheinland wahrnimmt, vor allem Quellen zur rheinischen Geschichte heraus. “, 1963 bis 1987 zudem als Sekretär der Pius-Stiftung Leiter des Regesten-Unternehmens der „Regesta Pontificum Romanorum“, dem er mit selbstlosem Einsatz zu einem beeindruckenden Aufschwung verhalf und nicht weniger als drei Bände selbst erarbeitete; zudem konnte Schieffer die „Gallia Pontificia“ als Aufgabe des Deutschen Historischen Instituts in Paris etablieren, zu dessen Gründervätern er aus Neigung und historischer Erfahrung in Verbindung mit Eugen Ewig (1913-2006) und weiteren rheinischen Freunden zählte. 1968 bis 1974 war er Mitherausgeber der „Historischen Zeitschrift“, einer der bedeutendsten historischen Fachzeitschriften. Sein wissenschaftliches und wissenschaftsorganisatorisches Wirken fand Anerkennung etwa durch die Mitgliedschaft in den Akademien zu Göttingen und Düsseldorf.nach obenSchieffer war ein herausragender Vertreter der „klassischen“ Mediävistik, der als Urkundeneditor zu den bedeutendsten Diplomatikern des 20. Jahrhunderts zählte. Nicht weniger als drei voluminöse Diplomata-Bände edierte er 1960 bis 1977 für die Monumenta Germaniae Historica (1) 1819 als „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“ von Reichsfreiherr Heinrich Friedrich Karl vom Stein (1757-1831) in gegründetes Institut zur Erforschung des deutschen Mittelalters, heute mit Sitz in München. Herausgeber der Fachzeitschrift „Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters“, (2) Bezeichnung für die durch das Institut herausgegebenen Editionen mittelalterlicher Texte. , eine Aufgabe, die ihn – kriegsbedingt – fast vier Jahrzehnte in Anspruch nahm.

Anders als der von ihm mit kritischem Respekt betrachtete Paul Fridolin Kehr (1860-1944) empfand sich Schieffer jedoch nicht als Diplomatiker „strenger Observanz“ in der Tradition Theodor von Sickels (1826-1908), sondern in erster Linie als Mediävist Lateinisch-neulateinisch, Wissenschaftler auf dem Gebiet der Medävistik, der Wissenschaft von der Geschichte, Kunst, Literatur usw. des europäischen Mittelalters. , der mit seinen diplomatischen Erkenntnissen stets allgemein-historische Fragestellungen zu befruchten suchte, vor allem im Bereich der politischen und Kirchengeschichte, der mit gelehrten und landesgeschichtlich orientierten Spezialstudien und als gestrenger Rezensent hervorgetreten ist, zugleich aber auch die bewundernswerte Gabe der stilistisch ausgefeilten historischen Synthese beherrschte.

Dies zeigt sich am deutlichsten in dem von ihm herausgegebenen und zu großen Teilen selbst verfassten zweiten Band des „Handbuchs der europäischen Geschichte“ (1976), der nach wie vor zu dem Besten gehört, was zu dem vieldiskutierten Problemkreis des Übergangs von der Antike zum frühen Mittelalter geschrieben wurde. Dieselbe Brillianz spiegelte schon sein Buch über das folgenreiche Wirken des Bonifatius, des „Apostels der Deutschen“, das zu den „Klassikern“ der mediävistischen Literatur zählt. Kennzeichnend für Schieffers Arbeiten sind die Liebe zum Detail, gepaart mit methodischer und sachlicher Strenge und asketischer Arbeitsdisziplin, einem „fast religiösen Arbeitsernst“ (Horst Fuhrmann), zugleich aber auch die Befähigung zur treffsicheren Einordnung der Befunde.

Jüngeren Tendenzen einer sozialwissenschaftlich orientierten Mediävistik und der Geschichtsmächtigkeit anonymer sozioökonomischer Strukturen gegenüber bewahrte er sich eine kritische Distanz, beharrte vielmehr auf der geschichtlichen Rolle des Individuums und der prinzipiellen Offenheit historischer Entwicklungen. Kennzeichnend für den Charakter Schieffers war eine ausgeprägte persönliche Zurückhaltung und Bescheidenheit, die jeglicher Geltungssucht abhold war. Und nicht zuletzt war er ein begnadeter, erfolgreicher und in gleicher Weise fordernder wie fördernder akademischer Lehrer, aus dessen beachtlicher Schülerschaft zahlreiche bekannte Fachvertreter und Archivare hervorgegangen sind.

nach obenSchriften (Auswahl)

Angelsachsen und Franken. Zwei Studien zur Kirchengeschichte des 8. Jahrhunderts, Wiesbaden 1951.

Winfrid – Bonifatius und die christliche Grundlegung Europas, Freiburg 1954, Nachdruck Darmstadt 1972.

Die päpstlichen Legaten in Frankreich vom Vertrag von Meerssen (870) bis zum Schisma von 1130, Berlin 1935, Nachdruck Vaduz 1965.

Die Urkunden Zwentibolds und Ludwigs des Kindes (MGH Diplomata regum Germaniae ex stirpe Karolinorum 4), Berlin 1960, Nachdruck Berlin 1963, München 1982.

Die Urkunden Lothars I. und Lothars II. (MGH Diplomata Karolinorum 3), Berlin / Zürich 1966, Nachdruck München 1979.

Die deutsche Kaiserzeit (900-1250), Frankfurt a. M. / Berlin / Wien 1973, 2. Auflage 1981.

Europa im Wandel von der Antike zum Mittelalter, Stuttgart 1976, Nachdruck 1992, S. 22-94, 107-163, 178-212, 287-296, 313-322, 504-664, 1034-1067.

Krisenpunkte des Hochmittelalters, Opladen 1976.

Die Urkunden der burgundischen Rudolfinger, unter Mitwirkung von Hans Eberhard Mayer (MGH Die Urkunden der burgundischen Rudolfinger), München 1977, Nachdruck 1983.

Regesta Pontificum Romanorum. Germania Pontificia 6: Provincia Hammaburgo-Bremensis, zusammen mit Wolfgang Seegrün, Göttingen 1981.

Regesta Pontificum Romanorum. Germania Pontificia 7: Provincia Coloniensis, Pars I: Archidioecesis Coloniensis, Göttingen 1986.

Regesta Pontificum Romanorum. Germania Pontificia 9: Provincia Coloniensis, Pars III: Dioeceses Traiectensis, Monasteriensis, Osnabrugensis et Mindensis, Göttingen 2003.

 

Nachrufe

Theodor Schieffer 1910-1992 (Privatdruck der MGH), München 1994 [mit Schriftenverzeichnis].

Appelt, Heinrich, in: Deutsches Archiv 48 (1992), S. 417-419.

Fleckenstein, Josef, in: Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1992, S. 253-263.

Fuhrmann, Horst, in: Frakfurter Allgemeine Zeitung vom 11.4 1992.

Müller, Heribert, in: Geschichte in Köln 31 (1992), S. 117-127.

Müller, Heribert, in: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 44 (1992), S. 487-492.

Jakobs, Hermann, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 1-20.

Meuthen, Erich, in: Historische Zeitschrift 256 (1993), S. 241-248.


Literatur

Fuchs, Konrad, "Schieffer, Theodor", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 16 (1999), Sp. 1420-1426.

Große, Rolf, Theodor Schieffer. Ein rheinischer Historiker und seine „Begegnung mit der romanisch-französischen Welt“, in: Pfeil, Ulrich (Hg.), Das Deutsche Historische Institut Paris und seine Gründungsväter, München 2007, S. 119-137.

Knichel, Martina, Die Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte, Mainz 1998, S. 173-186.

Nagel, Anne Christine, Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1970, Göttingen 2005.

Wojtynowski, Katja, Das Fach Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1946-1961, Stuttgart 2006.


Online

Müller, Heribert, Theodor Schieffer, in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 735-737.

 

18.3.2013
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Theo  Kölzer (Bonn) 
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 Theodor Schieffer (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 43KB)

Theodor Schieffer, Porträtfoto.