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Thomas von Kempen (1379/1380–1471), Verfasser des Buches „De imitatione Christi"

Thomas von Kempen ist einer der Hauptvertreter der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsbewegung „Devotio moderna". Seine vierteilige Schrift über die Nachfolge Christi gilt als das weltweit bekannteste geistliche Anleitungsbuch schlechthin.

Thomas Hemerken (auch Malleolus, „Hämmerchen") von Kempen wurde 1379 oder 1380 in der niederrheinischen Stadt Kempen, damals zum Kurfürstentum Köln gehörig, geboren. Aus seinem Namen schließt man, dass sein Vater Schmied, vielleicht Feinschmied, gewesen sein muss. Seine Frau Gertrud entstammte der Familie Keuht (oder Kuyt), zwei ihrer Brüder waren Geistliche. Thomas’ Vater war nicht unvermögend, besaß neben einer Landparzelle ein Haus im Herzen der Stadt, unmittelbar neben der um 1400 noch im Bau befindlichen Pfarrkirche.

Thomas war der jüngere von zwei Söhnen der Familie. Schon um 1393, im Alter von 13 Jahren, verließ er seinen Heimatort, um ins niederländische Deventer (Overijssel) zu gehen. Die Stadt war das Zentrum einer neuen Frömmigkeitsbewegung, deren Begründer Geert Groote (1340-1384) eine Rückkehr zur Innerlichkeit des Glaubens, eine devotio moderna forderte. Die Anhänger Geert Grootes suchten die Vorstellungen einer von Meditation, Gebeten und Exerzitien geprägten Glaubenspraxis in neuartigen Strukturen gemeinschaftlichen Lebens als Laien, als „Schwestern" und „Brüder des gemeinsamen Lebens" zu realisieren. In Deventer besuchte Thomas von Kempen zunächst als Pensionsschüler die renommierte Kapitelschule an St. Lebuinus, die Bildungshungrige von weither anzog. Um 1397/1398 fand er schließlich Aufnahme in das älteste Brüderhaus der neuen Frömmigkeitsbewegung: Es stand unter der Leitung von Florens Radewijns (gestorben um 1400).

Bereits zu dieser Zeit hatte sich neben der Laienbewegung ein monastischer Zweig der Devotio moderna etabliert: 1387 gründeten Brüder des gemeinsamen Lebens, darunter Thomas’ Bruder Johannes (circa 1365-1432), im nahe gelegenen Windesheim ihr erstes Kloster und nahmen als Chorherren die AugustinerOrdensgemeinschaften, die sich auf den Heiligen Augustinus von Hippo (354-430) beziehen und der Augustinusregel folgen.-Regel an, 1395 schlossen sich drei Klöster zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich nach dem Ursprungskloster Windesheimer Kongregation nannte und zu einer rasanten Welle von Neugründungen und Anschlüssen führte. 1399 suchte auch Thomas Anschluss an ein Kloster. Er fand Aufnahme im Regulierten Augustinerchorherrenstift St. Agnetenberg bei Zwolle, dem seit 1398 als erster Prior sein Bruder Johannes vorstand. Thomas blieb zunächst im Laienstand und besuchte auch in Zwolle weiter die städtische Lateinschule, die unter der Leitung von Johann Cele (circa 1343-1417) modern-devoten Kreisen sehr nahe stand. Erst 1406 wurde Thomas eingekleidet, 1407 legte er seine Profess ab, 1413 oder 1414 wurde er im Kloster St. Agnetenberg zum Priester geweiht, wo er 1471, im hohen Alter von 92 Jahren, verstarb.

Die Klostergemeinschaft St. Agnetenberg wählte Thomas mehrfach zum Subprior; 1448 übernahm er auch das Amt des Novizenmeisters, wurde also verantwortlich für die geistliche Anleitung junger Ordensanwärter. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht nur sein vierteiliges Werk „De Imitatione Christi" bereits niedergeschrieben, sondern auch etliche andere Schriften verfasst, die sich mit der Nachfolgethematik im Sinne einer Hinwendung zum geistlichen, insbesondere zum monastischen Leben beschäftigten. Demut, Verzicht auf Rang und Namen, Suche nach sich selbst und dem eigenen inneren Frieden, Gehorsam sowie bedingungslose Hingabe an Gott gehören zu den Themen, die Thomas von Kempen in unterschiedlichsten Textformen – Mahn- und Lehrreden, Meditationen, Bitt- und Lobgebeten – immer wieder aufgriff. nach obenDie „Imitatio Christi" entstand zwischen 1420 und 1427. Sehr rasch fand sie über das eigene Kloster hinaus als Novizenanleitung in Ordenskreisen und als Andachtsbuch in Laienkreisen Anklang. Schon zu Lebzeiten ihres Verfassers war die Schrift ein Bestseller, nach der Erfindung des Buchdrucks trat sie einen weltweiten Siegeszug an. Bis 1500 zählte man allein 97 gedruckte Ausgaben nach dem lateinischen Original oder als Übersetzung ins Deutsche und Niederländische, Italienische und Französische, Spanische und Portugiesische, Niederdeutsche und Katalanische. Das Buch wurde nicht nur zum Manifest der Devotio moderna, sondern zu einem der wirkungsmächtigsten, alle Sprach-, Glaubens- und Standesgrenzen überschreitenden geistlichen Ratgeber, der bis heute in immer neuen Ausgaben, Übersetzungen und Auszügen erscheint.

In seine Heimatstadt Kempen kehrte Thomas, bis auf gelegentliche Besuche seiner Eltern, nicht mehr zurück. Nach deren Tod wurde sein Elternhaus verkauft (1402). Erst im 17. Jahrhundert wurde sich die Stadt ihres berühmten Sohnes wieder bewusst. Ursache war nicht zuletzt die Diskussion darüber, ob es wirklich Thomas von Kempen war, der das weltbekannte Buch von der Nachfolge Christi geschrieben habe, oder ein italienischer Benediktinerabt Johannes Gersen von Canabaco. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde dieser Autorstreit zeitweise mit äußerster Erbitterung ausgetragen. Dies führte zu immer neuen Nachforschungen zur Person des Kempeners. Quellen zu dessen Biographie sind allerdings rar und hauptsächlich in den eigenen Schriften zu finden – in der ‚Chronica Montis S. Agnetis’, der Chronik seines Heimatklosters, und im ‚Dialogus noviciorum’, einer Zusammenstellung von Lebensbeschreibungen prominenter Gründerväter der Devotio moderna.

Als Reaktion auf die Wiederentdeckung der historischen Person Thomas von Kempen gab der Rat der Stadt Kempen 1629 drei Ölgemälde mit Thomas-Porträts in Auftrag, das 1659 neu gegründete Gymnasium der Stadt wurde nach ihm benannt (heute Gymnasium Thomaeum). 1672 ließ der Kölner Kurfürst Bezeichnung eines zur  Wahl des deutschen Königs berechtigten geistlichen oder weltlichen Reichsfürsten. Maximilian Heinrich auf Betreiben von Papst Alexander VII. (Pontifikat 1655-1667), der von 1639 bis 1651 als Nuntius in Köln weilte, in Zwolle Thomas’ Gebeine suchen, heben und feierlich neu bestatten. Seither wird sowohl in Kempen, dem Geburtsort des Thomas, als auch in Zwolle, seinem Wirkungs- und Sterbeort, kontinuierlich und in vielfältiger Form das Andenken an den Verfasser des Buches von der Nachfolge Christi wach gehalten.

 nach obenWerke

Pohl, Michael Joseph (Hg.), Thomae Hemerken a Kempis canonici regularis Ordinis S. Augustini opera omnia, Freiburg i.B. 1902-1922.

Hardick, Lothar (Hg.), Thomas von Kempen. Nachfolge Christi, nach der Übersetzung von Wendelin Meyer 1959, Kevelaer 1987, Neuauflage Kevelaer 2007.

Kröber, Walter (Hg.), Nachfolge Christi, nach der Übersetzung von Johann Michael Sailer 1792, Stuttgart 1954, Neuauflage Stuttgart 2005.

 

Literatur

Bodemann, Ulrike/Staubach, Nikolaus (Hg.): Aus dem Winkel in die Welt. Die Bücher des Thomas von Kempen und ihre Schicksale, Frankfurt a.M. 2006.

Heutger, Nicolaus C., "Thomas von Kempen", in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 11 (1996), Sp. 1396-1398.

Iserloh, Erwin, Thomas von Kempen und die Devotio moderna, Bonn 1976.

Janowski, Hans Norbert (Hg.), Geert Groote, Thomas von Kempen und die Devotio Moderna, Olten/Freiburg i.B. 1978.

Ons geestelijk erf 77 (2003), Heft 1-2 (Themenheft ‚Thomas a Kempis’).

 

Online

Kraus, Franz-Xaver, "Thomas von Kempen", in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 74-85.

Thomas à Kempis (Niederländische Homepage der Stichting Thomas a Kempis/Stiftung Thomas von Kempen).

Thomas-Archiv Kempen (Homepage des Thomas-Archiv im Kulturforum Franziskanerkloster, Kempen).

 

20.3.2013

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Ulrike Bodemann-Kornhaas (Kempen) 
 

       
 

       
 
 Thomas von Kempen (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 146KB)

Thomas von Kempen auf einem Kupferstich von Hieronymus Wierix (1553-1619), in: Thomae von Kempen deß Ordens S. Augustini Regulier-Canonichen. Von der nachfolge Christi Vier Bücher. […] Köln, Wilhelm Friuessem,  1664. (Thomas-Archiv im Kulturforum Franziskanerkloster Kempen)