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Adolf Vorwerk (1853-1925), Unternehmer

Adolf Vorwerk war ein bedeutender Unternehmer der Stadt Barmen (heute Stadt Wuppertal) und Eigentümer der Firma Vorwerk & Sohn; darüber hinaus erwarb er sich Verdienste um die urbane Entwicklung der Stadt. Sein Bruder Carl Vorwerk war ebenfalls Unternehmer in Barmen.

Die Familie Vorwerk stammt ab von dem zwischen Wuppertal und Schwelm gelegenen Gehöft Vorwerk, mundartlich „Vörfken“ genannt. Im 18. Jahrhundert wanderte ein Vorfahre ins benachbarte Barmen und war dort vermutlich als Garnbleicher tätig. Gegen Ende des Jahrhunderts finden wir eine Firma Vorwerk, die die Färberei von Textilien sowie den Handel in „wollen und leinen Nestlen und Kordeln“ betrieb. Etwas später beschreibt ein Adressbuch das Unternehmen als „Fabrik in leinen, wollen und baumwollen Band“; 1827 nahm Johann Peter Vorwerk (1760-1842) seinen gleichnamigen Sohn in seine Handelsfirma und nannte sie nun „Vorwerk & Sohn“.

Das Unternehmen hatte etwa 300 verschiedene Bändersorten – zum Beispiel Herrnhuter Band, Leinenband, Hosenträger, Stiefelband, Batistband – alles so genannte „Barmer Artikel“ – im Sortiment, die von über 30 für die Firma tätigen Hausbandwebern hergestellt wurden. Der vorgesehene Erbe starb bereits 1831, so dass der Vater das Geschäft 1834 seinem zweiten Sohn Carl (1812-1890) übergab. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Unternehmen langsam und stetig weiter.

In den 1870er Jahren kam mit dessen beiden Söhnen Carl (geboren 1847) und Adolf (geboren 1853) ein frischer Zug in die Firma. Beide Söhne hatten ihren Gesichtskreis durch längere Auslandsaufenthalte – Carl in England, Adolf in Antwerpen – erweitert, waren technisch interessiert und begannen mit der fabrikmäßigen Produktion von Bändern. Zum ersten Mal setzten sie die Dampfkraft auch für den Antrieb von Bandwebstühlen und nicht allein für die Breitweberei ein. Dazu übernahmen sie weitere Konkurrenten aus dem Wuppertal und erweiterten ihren Kundenkreis nach Übersee.

Neben den „alten“ Artikeln produzierten sie neue Vorwerksche Spezialprodukte wie Jalousiebänder, Stiefelstrippen oder Rockgurte. Einer Anregung Carl Vorwerks folgend fing die Firma zu Beginn der 1880er Jahre mit der Fabrikation von Teppichen und bald darauf von Möbelstoffen an und war damit so erfolgreich, dass man 1883 die Teppichproduktion in einem eigens gegründeten neuen Unternehmen, der „Vorwerk & Co.“, auslagerte. Zunächst waren beide Brüder Eigentümer der neuen Firma, doch bald trennten sie sich einvernehmlich. Adolf Vorwerk überließ die Teppichherstellung seinem älteren Bruder und wurde statt dessen alleiniger Eigentümer der alten Firma „Vorwerk & Sohn“.

Diese entwickelte sich in den folgenden Jahren zwar nicht so stürmisch wie das Teppich-Unternehmen, aber doch stetig, weil Adolf Vorwerk mit schnellem und auf das Praktische gerichtetem Blick immer neue Ideen für modische Artikel hervorbrachte und mit Hilfe einer eingespielten Belegschaft rasch in die Tat umsetzen konnte. So hatte die Firma großen Anteil an der Seidenbandmode, die die Garnierung der Damenhüte und der Damenkleider vorschrieb. Es folgten Seidenbesätze, dann Federbesätze, die in die Bänder eingewebt wurden, danach eine Velours-Stoßborde als Kantenschutz für die bodenlangen Kleider der Damen, die bald in der ganzen Welt Verbreitung fand und zusammen mit anderen Artikeln wie zum Beispiel einer „Krageneinlage“ oder eines „Steiffutters“ aus Eisengarn von Vorwerk patentiert wurde. Aus dem „Steiffutter“ wurde später eine gepresste Taillensteifeinlage entwickelt, um die in jenen Jahren in der Damenmode herrschende Kleidertaille zu betonen. nach obenZu einem von der Mode unabhängigen Renner entwickelte sich das von Vorwerk herausgebrachte Gardinenband mit angewebten Schlaufen zur Befestigung von Ringen an den Gardinen, und auch die Vorwerkschen Schweißblätter unter den Achselhöhlen, hergestellt aus Gummi, zeigten sich als mode-resistent. Dieser Gummi-Artikel zog weitere nach sich, um die Maschinen auszulasten, zum Beispiel Gummischläuche und gummierte Isolierbänder für die Elektroindustrie. Man experimentierte in Barmen auch mit Gummireifen, wobei allerdings der Durchbruch – Vollgummireifen für Lastkraftwagen – erst im Ersten Weltkrieg erreicht wurde. Nach dem Krieg kamen dann Rohgummi-Reifen und Gummi-Absätze und -Schuhsohlen hinzu. Kurz nach der Jahrhundertwende hatte sich Vorwerk & Sohn bereits an einem in Turin gelegenen Textilbetrieb beteiligt, der bald darauf vollständig übernommen und ausgebaut werden konnte, aber im Ersten Weltkrieg konfisziert wurde.

Schon in den 1890er Jahren war die Produktion textiler Modeartikel im engen Tal der Wupper an räumliche Grenzen gestoßen. 1896 errichtete Adolf Vorwerk deshalb einen Filialbetrieb auf den Südhöhen Barmens, der kurz nach der Jahrhundertwende auch die Herstellung von Spitzen eines von ihm mit gegründeten Unternehmens, der „Barmer Spitzen-Industrie“aufnahm. Und noch vor dem Ersten Weltkrieg produzierte Vorwerk & Sohn die ersten Reissverschlüsse, die damals allerdings nur auf geringes Interesse stießen.

Da die Zufuhr von Rohstoffen im Ersten Weltkrieg ausblieb, musste man auf Ersatzstoffe wie Papier zurückgreifen. Vorwerk & Sohn stellte Pferdezügel, Trag- und Zugriemen, Maschinengewehr und Patronengurte, Brotbeutel und Zeltbahnen aus Papiergarn her. Gegen Ende des Krieges zog Adolf Vorwerk sich allmählich aus der Leitung seines Unternehmens zurück. Er hatte inzwischen seine drei Söhne Adolf, Wilhelm und Max in die Firma genommen und auch einige seiner leitenden Angestellten zu Teilhabern gemacht.

Lange vor dem Ersten Weltkrieg war er auf einem anderen Feld erfolgreich tätig geworden: Weit vorausschauend hatte er umfangreiche Ländereien auf den Südhöhen Barmens und des benachbarten Elberfeld (heute Stadt Wuppertal) erworben und begonnen, sie mit Hilfe einer von ihm gegründeten „Bergischen Terraingesellschaft“ zu erschließen, Straßen anzulegen und Bauplätze für Landhäuser und Villen abzustecken. Möglicherweise waren das Vorbild die Villenviertel Blankenese und Othmarschen in Hamburg, die er öfter besuchte. 1888 errichtete er eine kleine Pension und ein Ausflugslokal auf der Höhe, das er „Barmer Luftkurhaus“ nannte. Barmen war inzwischen zu einer Großstadt herangewachsen, in der Gewerbe und Wohnen eng beieinander lagen. Immer mehr seiner Bewohner strebten in der knapp bemessenen freien Zeit hinaus in die Natur, und wohlhabende Bürger begannen, ihre Villen auf den Höhen zu errichten. In den 1890er Jahren kaufte die Stadt Barmen das Straßen- und Leitungsnetz, das Adolf Vorwerk hatte anlegen lassen.

Um die Südhöhen an die Stadt im Tal anzubinden, richtete Adolf Vorwerk zunächst eine „Pferde-Omnibus-Verbindung“ ein und gründete dann, zusammen mit anderen Barmer Bürgern, eine „Actien-Gesellschaft Barmer Bergbahn“, die 1894 eine elektrische Zahnradbahn – die erste in Deutschland – auf die Höhen führte. 1892 hatte er bereits ein zweites „Luftkurhaus“ errichtet, 1897 folgte ein Aussichtsturm mit Sport- und Spielflächen. An der Entwicklung der Höhen südlich des benachbarten Elberfeld war Adolf Vorwerk ebenfalls beteiligt, doch eine Barmen vergleichbare, einheitliche und großzügige Planung scheiterte dort, vor allem wohl an der ständigen Rivalität zwischen den beiden benachbarten Wupperstädten.

Der für die urbane Entwicklung Barmens bedeutende Grundstücksspekulant, der der Stadtplanung wichtige Impulse gab und öffentliche Investitionen anregte, starb nach längerer Krankheit am 20.8.1925. Er erlebte nicht mehr, dass seine Firma die Gummiwerke Fulda übernahm, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der amerikanischen Goodyear gekauft wurden, dass die klassischen Vorwerk-Artikel Bänder, Kordeln und Litzen zunehmend bedeutungsloser und schließlich 1985 verkauft wurden und dass das Unternehmen zwar immer noch Klebe- und andere industrielle Bänder herstellt, sich aber vor allem mit seinen Töchtern als Zulieferer für die Autoindustrie mit Dichtungssystemen, Profilen, Fahrwerksteilen und Gummi-Metall-Komponenten einen Namen machte. Vorwerk & Sohn ist ein Familienunternehmen geblieben.


Literatur

de Bruyn-Ouboter, Hans Joachim (Hg.), Barmer Südstadt, Toelleturm und Heidt, Wuppertal 1994.

Speer, Florian: 175 Jahre Vorwerk & Sohn, in: Romerike Berge 52 (2002), Heft 4, S. 5–3.

Vorwerk & Sohn (Hg.), 100 Jahre Vorwerk & Sohn. Ein Ausschnitt aus der Geschichte der Barmer Großindustrie. 1827-1927, Barmen 1927.

 

Online

Vorwerk und Sohn (Homepage des Unternehmens mit der Firmengeschichte)

 

20.3.2013

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Volkmar Wittmütz (Köln) 
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   Adolf Vorwerk (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 207KB)

Adolf Vorwerk, Porträtfoto. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

 Adolf und Emma Vorwerk (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 124KB)

Adolf und Emma Vorwerk. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

Teppichproduktionsfabrik (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 406KB)

Teppichproduktionsfabrik Vorwerk, 1925. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

Kartenschlägerei (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 177KB)

Vorwerksche Kartenschlägerei, um 1900. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)

 Webstuhl (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 189KB)

Webstuhl, um 1900. (Vorwerk & Co. Teppichwerke GmbH & Co. KG)