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Placidus (Ernst) Wolter, Benediktiner, Abt (1828-1908)

Placidus Wolter gehört zu den Gründern der Beuroner Benediktinerkongregation, die er als zweiter Erzabt in einer Phase des starken Aufschwungs leitete. Im Rheinland gelang ihm die Wiederbesiedlung des Klosters Maria Laach mit Benediktinern.

Ernst Wolter, so der bürgerliche Name, wurde am 24.4.1828 in Bonn als dritter Sohn des katholischen Lorenz Wolter (1796-1876) und dessen protestantischer Ehefrau Elisabeth Schuchart (1802-1856) aus Wetzlar geboren. Er wurde in der katholischen Stiftskirche getauft. Der Vater, ein Bierbrauer, hatte bei der ersten Stadterweiterung nach 1825 in Immobilien investiert. Dadurch finanziell unabhängig, konnte er sich ganz der Erziehung und Bildung seiner Kinder widmen. Ernst Wolter wuchs mit elf Geschwistern auf, von denen fünf einen geistlichen Beruf wählten. Zwei Brüder wurden ebenfalls Benediktiner, nämlich Rudolf (1825-1890), später Erzabt Maurus von Beuron, und Karl (1826-1859).

Ernst, ein aufgeschlossener und heiterer Charakter, besuchte das Königliche Gymnasium in Bonn (heute Beethoven-Gymnasium). Nach dem Abitur studierte er ab 1847 katholische Theologie an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität und trat der katholischen Studentenverbindung Romania bei. Wie sein Bruder Rudolf gehörte er zum Freundeskreis um Pfarrer Wilhelm Reinkens (1811-1889) und den Priester und Philosophieprofessor Franz Peter Knoodt (1811-1889). Knoodt brachte der Gruppe die damals von Neuscholastikern bekämpfte, 1857 von der römischen Indexkongregation verbotene Lehre Anton Günthers (1783-1863) nahe. Im Kern ging es dabei um eine Verbindung des katholischen Glaubens mit der modernen Philosophie.

1850 bezog Ernst Wolter das Kölner Priesterseminar. Nach der Priesterweihe am 14.9.1851 erhielt er eine Stelle als Lehrer und Vikar. Er unterrichtete Sprachen und Religion, zunächst in Viersen, dann in Mersch bei Jülich und schließlich ab 1854 an der höheren Stiftsschule in Aachen. Als sein Bruder Rudolf, ebenfalls Priester, dorthin versetzt wurde, nahmen sie eine gemeinsame Wohnung. Mit dem Bonner Freundeskreis, dem beide verbunden blieben, teilten sie die Begeisterung für das Mönchtum und die Idee einer Erneuerung des religiösen Lebens mit Hilfe der Benediktiner. Der Klostereintritt eines Freundes brachte sie in Kontakt mit der römischen Abtei St. Paul vor den Mauern. Deren Abt, auch Anhänger Günthers, suchte damals deutsche Novizen, um sie für eine spätere Klostergründung in Deutschland vorzubereiten. Als erster der Gebrüder Wolter bat Ernst um Aufnahme in dieses Kloster, Rudolf und Karl folgten wenig später.

Ernst, mit Ordensnamen Placidus, begann das Noviziat am 14.7.1855 in Perugia. Die Profess legte er am 16.7.1856 in Rom ab. Dort wurde er mit der Leitung der klösterlichen Knabenschule betraut. 1860 begleitete er mit seinem Bruder Maurus (Rudolf), der inzwischen Beichtvater der Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen (1817-1893) geworden war, die Fürstin auf einer Pilgerfahrt nach Palästina. In dieser Konstellation entstand der Plan, erstmals nach der Säkularisation in Preußen ein Benediktinerkloster zu gründen. Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen förderte das Vorhaben aus ihrem Vermögen und mit ihrem Einfluss in Kirche und Politik. Während Maurus als Vordenker und Organisator wirkte, war Placidus gleichsam die „rechte Hand“ seines Bruders.

nach obenDie Suche nach einem geeigneten Objekt führte die Brüder im Herbst 1860 in die preußische Rheinprovinz, wo sie einstige Klosteranlagen prüften, unter anderem Knechtsteden, Altenberg und Kamp. Im ehemaligen Dominikanerkloster Materborn bei Kleve eröffneten sie im Februar 1861 eine Niederlassung. Diese Gründung konnte sich wegen des Widerstands des Ortsklerus und mangels bischöflicher Unterstützung nicht etablieren. 1862 finanzierte die Stifterin den Ankauf des ehemaligen Augustinerchorherrenstifts Beuron. Es lag im preußischen Regierungsbezirk Sigmaringen, der administrativ mit der Rheinprovinz verbunden war. Placidus Wolter kümmerte sich um die Auflösung von Materborn und leitete im Winter 1862 den Umzug nach Beuron. Dann schickte ihn sein Bruder für einige Monate in die französische Benediktinerabtei Solesmes, an deren Reformprogramm Beuron anknüpfte, damit er dort seine monastische Ausbildung vertiefe. Am 24.5.1863 wurde das selbstständige Priorat (1) Bei den Benediktinern und verwandten Orden ein von einem Mutterkloster abhängiges Filialkloster, (2) Amt, Würde, auch Wohnung eines Priors. Beuron feierlich eröffnet und Maurus Wolter als Prior eingesetzt. 1867 unternahm Placidus Wolter eine Sammelreise, um in rheinischen Städten, aber auch bei den Höfen in Berlin, Dresden und München Geld für das neue Kloster einzuwerben. 1868 erkundete er die österreichischen Stifte und reiste nach Rom, wo er die Erhebung Beurons zur Abtei erreichte.

Bald wurde Beuron um Tochtergründungen gebeten. Placidus Wolter leitete 1869 ein Gründungsprojekt in Arnstein an der Lahn, das rasch scheiterte. 1871 wurde er zum Koadjutor des Bischofs von Limburg mit Nachfolgerecht gewählt, trat das Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. aber nicht an, da die staatliche Zustimmung ausblieb. 1872 gründete Beuron eine Niederlassung in Maredsous in der belgischen Provinz Namur. Diesem KonventLateinisch (Zusammenkunft), Bezeichnung (1) für eine klösterliche Gemeinschaft, (2) für die Volksvertretung während der Französischen Revolution vom 21.9.1792 bis 26.10.1795, (3) für die Beratungsgremien in einer studentischen Verbindung (zum Beispiel Burschenkonvent, Altherrenkonvent). stand Placidus Wolter ab 1874 als Prior vor. Neue Aufgaben zog die Schließung Beurons im Kulturkampf Krise des Deutschen Kaiserreiches unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der römisch-katholischen Kirche sowie der politisch-parlamentarischen Vertretung der katholischen Bevölkerung des Reiches (insbesondere der Zentrumspartei) zwischen 1871 und 1891. Streitpunkte waren die Aufhebung der katholischen Abteilung des preußischen Kultusministeriums durch Bismarck, das Festhalten der Kirche am Unfehlbarkeitsdogma, die Einführung der Zivilehe sowie die Repressionen gegen katholische Geistliche und der Einfluss des Staates auf die Kirche. Nach dem "Kanzelparagraphen" 1871 (Änderung des Strafgesetzbuches, wonach es Geistlichen aller Religionen verboten war, sich in Ausübung ihres Amtes in öffentlichen Stellungnahmen politisch zu äußern, galt bis 1953), dem Verbot der Jesuitenniederlassungen 1872 und der Einführung der staatlichen Schulaufsicht, bildeten die sogenannten Maigesetze 1873 (staatliche Kontrolle von Ausbildung und Einstellung der Geistlichen) den Höhepunkt des Kulturkampfes. Die Verschärfung der Bestimmungen über die Verwaltung des Kirchenvermögens beendete 1878 die  Kulturkampfgesetzgebung. Die 1886 und 1887 erlassenen "Friedensgesetze" führten schließlich zur Beilegung des Konflikts. im Dezember 1875 nach sich: Ein Anzahl von Mönchen ging nach Maredsous, der größere Teil der Kommunität und Abt Maurus fanden Zuflucht in Österreich, dort indes keine dauerhafte Bleibe. Für sie mussten dringend neue Orte gefunden werden. Daher reiste Placidus Wolter, der gut Englisch sprach, 1876 zweimal nach England, um entsprechende Angebote zu prüfen. Die Wahl fiel auf Erdington bei Birmingham. Er leitete diese Klostergründung von Ende 1876 bis zum Januar 1878. Dann rief Abt Maurus seinen Bruder nach Maredsous zurück, denn Konvent und Stifterfamilie hatten darum gebeten, Placidus als ersten Abt einzusetzen. Am 1.5.1878 empfing er die Abtsweihe.

In den Wintermonaten 1881/1882 und 1883/1884 hielt sich Abt Placidus in Rom auf, um die päpstliche Bestätigung für die von seinem Bruder erarbeiteten Konstitutionen der Beuroner Kongregation zu erwirken. Nach deren Approbation Lateinisch, staatliche Erlaubnis zur Berufsausübung für alle ärztlichen und therapeutischen Berufe sowie für Apotheker. im August 1884 bildeten die damals bestehenden vier Klöster (Maredsous, Emaus, Seckau, Erdington) kirchenrechtlich eine Kongregation, geleitet von Maurus Wolter als Erzabt. Placidus Wolter musste in Ordensangelegenheiten auch in den folgenden Jahren häufig reisen, unter anderem nach England, Schottland und Rom. Überdies pflegte er eine rege Korrespondenz und war ein geschätzter Gesprächspartner in geistlichen Fragen. Nachdem den meisten Orden mit dem Abbau der Kulturkampfgesetze seit Januar 1887 die Rückkehr nach Preußen gestattet war, wurde Beuron wieder eröffnet und Sitz des Erzabts. Als Maurus Wolter am 8.7.1890 starb, begann für Beuron eine neue Ära , vor allem aber für Placidus Wolter ein neuer Lebensabschnitt, denn er wurde am 19. Juli zum Nachfolger seines Bruders gewählt.

Als Erzabt sorgte er für Kontinuität und den Ausbau des Erreichten. Er fand günstige politische Rahmenbedingungen für eine weitere Ausbreitung der Kongregation vor, waren doch Klostergründungen in Preußen wieder möglich. So fasste die Beuroner Kongregation 1892 Fuß in der Rheinprovinz, indem sie die 1802 säkularisierte Benediktinerabtei Laach wiederbesiedelte. Der Jesuitenorden hatte dort 1863 sein deutsches Hauptkolleg eingerichtet, genannt Maria Laach. In der Folge der Jesuitengesetze hatte er das Studienhaus 1872 zwar aufgeben müssen, die Immobilie aber behalten, bis der Provinzial sie 1892 den Benediktinern zum Kauf anbot. Wesentliche Voraussetzung für eine benediktinische Niederlassung war, abgesehen von der staatlichen Genehmigung, dass den Mönchen das Laacher Münster, das Staatseigentum und Simultankirche war, zur Nutzung überlassen würde. Die langwierige Korrespondenz und entscheidende Gespräche mit den Behörden führte Erzabt Placidus persönlich. In Berlin empfingen ihn die Minister für Inneres und Kultus, in Potsdam erhielt er Zugang zu Wilhelm II. (Regentschaft 1888-1918). Als es im Genehmigungsverfahren zu verwaltungsinternen Streitigkeiten kam, gestattete der Kaiser den Mönchen per Kabinettsorder Auch Kabinettsordre, bezeichnet im deutschsprachigen Raum bis 1918 die übliche Form der monarchischen Gesetzgebung. den Gebrauch der Abteikirche und erklärte die Gründungserlaubnis für erteilt.

Nach der Gründung von Maria Laach übernahm die Kongregation Reformaufträge in Portugal und Brasilien. In Jerusalem und in Westfalen (Gerleve) entstanden neue Klöster. Außerdem betrieb Erzabt Placidus die Einbeziehung von Frauenklöstern. Die Gründung des ersten beuronischen Nonnenklosters in Prag hatte noch Erzabt Maurus angebahnt. Später kamen Maredret in Belgien und Eibingen hinzu. In Beuron selbst förderte Erzabt Placidus die künstlerische und wissenschaftliche Arbeit der Mönche. So gelangte die Beuroner Kunstschule damals zu ihrer eigentlichen Blüte. Ein sensationeller Erfolg war die Beteiligung von Beuroner Künstlern an der Ausstellung der Wiener Secession zu moderner sakraler Kunst 1905.

Am 13.9.1908 ist Placidus Wolter nach zweiwöchigem Krankenlager in Beuron gestorben. Er wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme in der Unterkapelle der Beuroner Gnadenkapelle beigesetzt.

 

Literatur
Buschmann, Johanna, Beuroner Mönchtum, Studien zu Spiritualität, Verfassung und Lebensform der Beuroner Benediktinerkongregation von 1863 bis 1914, Münster 1994.

Häger, Peter/Kaffanke, Jakobus Zwischen Aufbruch und Beständigkeit, Leben und Wirken des zweiten Beuroner Erzabtes Placidus Wolter (1828-1908), Berlin 2008.

Oer, Sebastian von, Erzabt Placidus Wolter, Ein Lebensbild, Freiburg 1909.

 

3.2.2015

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Anja Ostrowitzki (Bonn) 
 

       
 

       
 
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Erzabt Placidus Wolter OSB. (Hauptarchiv der Erzabtei Beuron)