Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

Bildleiste
  
Navigationslinks überspringenStartseite  |  Persönlichkeiten  |  Z  |  Matthias Zender

Matthias Zender (1907-1993), Volkskundler

Matthias Zender war ein deutscher Volkskundler des 20. Jahrhunderts, der über Jahrzehnte die Forschung nicht nur im Rheinland prägte. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit waren die Erzählforschung, die Heiligenverehrung und die Anwendung der kartographischen Methode, wie sie im „Atlas der deutschen Volkskunde“ angewandt worden ist.  Sein Name ist mit diesem bedeutenden Kartenwerk zur mitteleuropäischen Volkskultur untrennbar verbunden.

Matthias Zender wurde am 20.4.1907 als Sohn einer bäuerlichen Familie in Niederweis (heute Kreis Bitburg-Prüm) in der Südwesteifel geboren. Nach dem Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier (1918-1926) studierte er Volkskunde, Geschichte und Germanistik an den Universitäten Bonn, Innsbruck und Wien und wurde 1938 an der Bonner Universität promoviert. Am 20.12.1939 heiratete er die Lehrerin Clara Neyses (1909-1992). Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Tochter Adelheid (1943-1996) und Sohn Wolfgang (geboren 1950).

Am 1.4.1939 wurde Zender Assistent an der Universität Bonn. Wie aus einem Schreiben des SS-Ahnenerbes des gleichen Jahres hervorgeht, wurde ein beantragtes Habilitationsstipendium abgelehnt. Obwohl er 1938 der NSDAP beigetreten war, galt Zender dem NS-Regime als politisch unzuverlässig.

Zender wurde am 20.5.1940 zur Wehrmacht einberufen und am 1.4.1941 zum Kriegsverwaltungsrat in Arlon (Belgien) ernannt. Er agierte als Spezialreferent für Areler Volkstumsfragen bis 1944, danach wurde er als Soldat an der Front eingesetzt. Wegen seiner germanisierungspolitischen Tätigkeit in Arlon im Auftrag der deutschen Militärverwaltung wurde er 1946 in Belgien inhaftiert und ein Untersuchungsverfahren gegen ihn eingeleitet, das jedoch im August 1949 ohne Anklageerhebung eingestellt wurde.

1954 habilitierte sich Matthias Zender in Bonn mit der Untersuchung über „Räume und Schichten mittelalterlicher Heiligenverehrung". Sechs Jahre später wurde er zum außerordentlichen, 1963 zum ordentlichen Professor an der Universität Bonn ernannt. Bis zu seiner EmeritierungLateinisch, Entbindung (1)  eines Hochschullehrers von den alltäglichen Pflichten des Lehrbetriebs, wobei der Emeritus seine akademischen Rechte behält und weiterhin Diplomanden und Doktoranden betreuen kann, (2) von Bischöfen oder Domkapitulare von Leitungsaufgabe, wobei sie alle Rechte behalten, die an ihre Weihe geknüpft sind. 1974 war er Direktor des Volkskundlichen Seminars und Abteilungsleiter für rheinische Volkskunde am Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920  unter der wissenschaftlichen Federführung des Historikers Hermann Aubin und des Germanisten Theodor Frings an der Universität Bonn gegründetes Institut, das der Institutionalisierung eines neuen methodischen, interdisziplinären Ansatzes diente: Die Beschränkung auf einen begrenzten Untersuchungsraum und die dadurch mögliche Berücksichtigung einer Vielzahl von Quellen in interdisziplinärer Zusammenschau sollte zu einer vertieften Erkenntnis des untersuchten Raumes führen. Die regionale Einzelforschung sollte nicht als Selbstzweck betrieben, sondern die in der Region gewonnenen Erkenntnisse sollten in die allgemeine Forschung eingebunden werden. Aufbauend auf der Tradition kultur- und volksgeschichtlicher Forschung, stand nicht mehr die politische Geschichte im Vordergrund, sondern die Erforschung der inneren Zustände und der materiellen Kultur. 2005 ist das Institut als Abteilung für Rheinische Landesgeschichte im Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bonn aufgegangen. an der Universität Bonn.

Seit Ende der 1950er Jahre leitete Matthias Zender die Volkskundliche Arbeitsstelle des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) beim Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande zunächst als Landesverwaltungsrat (1954-1960) im Dienst des Landschaftsverbandes, später als Lehrstuhlinhaber. Diese Aufgabe prägte auch den Charakter seiner Lehrtätigkeit. So führte er die Studierenden bei Studienaufenthalten in der Eifel und im Selfkant in Methoden und Zielsetzungen empirischer Forschung ein.

Zenders Dissertation Lateinisch (Erörterung), zur Erlangung des Doktorgrades verfasste wissenschaftliche Arbeit. war der mündlichen Erzählüberlieferung gewidmet gewesen. Die Feldforschungen hatten ihn in die Westeifel, in die Kreise Ahrweiler, Mayen, Wittlich und Cochem, in die Region um Malmedy und St. Vith sowie in das deutschsprachige Gebiet um Arlon in Belgien und nach Luxemburg geführt. Seine für die spätere Forschung maßgeblichen Untersuchungen über die Sage als Spiegelbild des Volkslebens rückten die Beziehungen zwischen Erzähler, Erzählungen und Hörerkreis in den Vordergrund.

Schon als Gymnasiast hatte Matthias Zender mit dem damaligen Leiter des Rheinischen Wörterbuches in Bonn, Professor Dr. Josef Müller korrespondiert. Die Arbeit am Rheinischen Wörterbuch begleitete Zender bis zum Abschluss des neunbändigen Werkes. Nach dem Tod des langjährigen Bearbeiters Heinrich Dittmaier (1907-1970) betrachtete er es als selbstverständliche Pflicht, den letzten Band im Jahre 1971 zu Ende zu bringen.nach obenIm Jahre 1929 war Matthias Zender mit dem Aufbau der Landesstelle Rheinland des „Atlasses der deutschen Volkskunde“ betraut worden, wobei er ein dichtes Belegnetz geknüpft hatte. Zender übte durchaus Kritik an der vom AhnenerbeKurzform für" Verein Deutsches Ahnenerbe" (AE). Die am 1.7.1935 durch Heinrich Himmler (1900-1945), Richard Walther Darré (1895-1953) und Herman Wirth (1885-1981) gegründete nationalsozialistische Forschungsgemeinschaft sollte sich ursprünglich dem Studium der germanischen Vorgeschichte und der deutschen Volkskunde widmen. Ab 1937 Erforschung des arischen Abstammungsmythos durch archäologische Ausgrabungen, Expeditionen, pseudohistorische Forschungen, Rassenkunde und naturwissenschaftliche Experimente. Während des Zweiten Weltkrieges war das Ahnenerbe am Raub von Kulturgütern aus besetzten Gebieten beteiligt und ließ in den Konzentrationslagern Menschenversuche durchführen. 1944 umfasste das als „Amt A“ in den Persönlichen Stab des Reichsführers-SS eingegliederte Ahnenerbe 40 Abteilungen. protegierten Berliner Atlas-Zentralstelle. Er zeigte auf, dass „historische Strömungsrichtungen“ nicht „volkstumsgeographisch" durch Blut und Boden bedingt und nicht in grauer germanischer Vorzeit angesiedelt sind.

1954 erhielt Matthias Zender den Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Neue Folge des Volkskunde-Atlasses herauszugeben. Dieses voluminöse Werk brachte er mit 84 Kartenblättern, rund 2.000 Seiten umfassenden Erläuterungsbänden und drei Beiheften 1984 zum Abschluss. Seine wegweisenden Studien gaben der kartographischen Methode einen eigenständigen wissenschaftlichen Rang, losgelöst von der Dialektgeographie Teilgebiet der Dialektologie, das die Arealität phonetisch-phonologischer, morphologischer und lexikalischer Phänomene erforscht und auf Karten verzeichnet. und der stammesgebundenen Volkstumsgeographie.

Zenders Arbeiten umfassten den gesamten mitteleuropäischen Raum. Daraus ergab sich konsequenterweise eine führende Rolle beim „Ethnologischen Atlas Europas“. Dieses Projekt blieb allerdings ein Torso, es erschien lediglich die erste Lieferung „Die Termine der Jahresfeuer in Europa“.

Matthias Zender prägte als langjähriger Mitherausgeber der „Rheinischen Vierteljahrsblätter“, der „Rheinisch-westfälischen Zeitschrift für Volkskunde“, der „Zeitschrift für Volkskunde“ sowie der „Ethnologia Europaea“ nicht nur die Volkskunde. Auch auf dem Gebiet der rheinischen Landesgeschichte nahm er eine hervorragende Stellung ein, wie seine Mitgliedschaften im Vorstand der „Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde Gegründet am 1.6.1881 in Köln, entstanden auf Initiative des Kölner Bankiers und Industriemagnaten Gustav Mevissen, der 1868 zusammen mit Heinrich von Sybel die Gründung eines die bestehenden regionalen Vereine übergreifenden "Vereins für rheinisch-westfälische Geschichte“ ins Auge gefasst und 1879 in Karl Lamprecht einen Historiker gefunden hatte, der Mevissens Vorstellungen von einer Verbindung zwischen bürgerlichem Mäzenatentum und geschichtswissenschaftlicher Grundlagenforschung im Medium eines historisch fundierten rheinischen Eigen- und Selbstbewusstseins konkrete Gestalt gab. „Rheinisch“ bezog  sich auf das Gebiet der Rheinprovinz. Seitdem gibt die Gesellschaft, die bis heute die Aufgaben einer Historischen Kommission für das Rheinland wahrnimmt, vor allem Quellen zur rheinischen Geschichte heraus. “ (Köln) und des „Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande“ (Bonn) bezeugen. Zender war Mitglied der „Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung“ (Saarbrücken) und der „Volkskundlichen Kommission für Westfalen“ (Münster).

Sein hohes wissenschaftliches Ansehen bezeugen zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen: korrespondierendes Mitglied der „Akademie der Wissenschaften“ zu Göttingen, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des „Deutschen Sprachatlas“ (Forschungsinstitut für Deutsche Sprache in Marburg), korrespondierendes Mitglied des „Vereins für österreichische Volkskunde“ in Wien, korrespondierendes Ehrenmitglied der „Section de Linguistique de Folklore et de Toponomie de l'Institut Grand-Ducal de Luxembourg“, Ehrenmitglied der „Königlichen Gustaf -Adolfs-Akademie“ zu Uppsala, Ehrenmitglied der „Société Internationale d'Ethnologie et de Folklore“ der UNESCO Abkürzung für „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation“. 1945 als Sonderorganisation der UN mit Sitz in Paris gegründet, um die Zusammenarbeit ihrer Mitglieder auf den Gebieten der Erziehung, Wissenschaft und Kultur zu fördern. sowie Mitglied der „Ständigen Internationalen Kommission für den Ethnologischen Atlas Europas und seiner Nachbarländer“. Zender war Inhaber der Artur Hazelius-Medaille Auszeichnung des Nordiska Museet in Stockholm, benannt nach Artus Hazelius (1833-1901), dem schwedischen Volkskundler und Gründer des Museums wie des Freilichtmuseums Skansen in Stockholm. des Nordiska-Müseet in Stockholm, Inhaber des großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und Comtur des päpstlichen St. Gregorius-Ordens.

Matthias Zender starb nach einem erfüllten, der Wissenschaft gewidmeten Leben am 20.12.1993 in Bonn. Er wurde auf dem Friedhof seines Geburtsortes Niederweis beigesetzt.

nach oben
Werke (Auswahl)

Volkssagen der Westeifel, Bonn 1935.

Die Sage als Spiegelbild von Volksart und Volksleben im westlichen Grenzland. Ein Beitrag zur Volkskunde von Eifel und Ardennen, Dissertationschrift, Teildruck Bonn 1940.

Räume und Schichten mittelalterlicher Heiligenverehrung in ihrer Bedeutung für die Volkskunde. Die Heiligen des mittleren Maaslandes und der Rheinlande in Kultgeschichte und Kultverbreitung, Düsseldorf 1959, 2., erweiterte Auflage Köln 1973.

Die Verehrung des hl. Quirinus in Kirche und Volk, Neuss 1967.

Gestalt und Wandel. Aufsätze zur rheinisch-westfälischen Kulturraumforschung, hg. von Heinrich L. Cox und Günter Wiegelmann, Bonn 1977.

Volkskunde. Eine Einführung [zusammen mit Günter Wiegelmann und Gerhard Heilfurth], Berlin 1977.

Ethnologischer Atlas Europas. Die Termine der Jahresfeuer, Karte I-V, Göttingen 1979 [Redaktion].

Die Termine der Jahresfeuer in Europa. Erläuterungen zur Verbreitungskarte (Forschungen zum Ethnologischen Atlas Europas und seiner Nachbarländer), Göttingen 1980 [Redaktion].

Die Verehrung des hl. Maximin von Trier (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, Beiheft XI/1), Köln 1982.

Volksmärchen und Schwänke aus Eifel und Ardennen, Bonn 1984.

Die Verehrung des hl. Severin von Köln (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, Beiheft XI/2), Köln 1985.

Sagen und Geschichten aus der Westeifel, 3. verbesserte Auflage, Bonn 1986.


Festschrift, Schriftenverzeichnis

Ennen, Edith/Wiegelmann, Günter (Hg.), Studien zu Volkskultur, Sprache und Landesgeschichte. Festschrift Matthias Zender, 2 Bände, Bonn 1972.

Mangold, Josef, Schriftenverzeichnis Matthias Zender über die Jahre 1925-1987. Professor Dr. Matthias Zender zum 80. Geburtstag, Bonn 1987.

 

Nachrufe

Cox, Heinrich L., Matthias Zender 1907-1993, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 58 (1994), S: XVII-XXV.

Cox, Heinrich L., Nachruf Matthias Zender, in: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 39 (1994), S. 11-19.

 

Literatur

Fischer, Helmut, Zender, in: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, hg. von  Rolf W. Brednich (u.a.), Band 14, Berlin [im Druck].

Gansohr-Meinel, Heidi, „Fragen an das Volk“ Der Atlas der deutschen Volkskunde 1928-1945. Ein Beitrag zur Geschichte einer Institution, Würzburg 1993.

Lejeune, Carlo, Matthias Zender als Kriegsverwaltungsrat und seine Akte: - Ein Helfer Hitlers oder ein aufrechter Humanist? In: Rheinische Vierteljahrsblätter 77 (2013), S. 130-157.

 

17.10.2013

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.


 



Alois Döring (Bonn) 
 

       
 

       
 

 Matthias Zender (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 64KB)

Matthias Zender, Porträtfoto, um 1987, Foto: Hans Schafgans, Bonn. (Privatbesitz)