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Die Landwirtschaftliche Hochschule Poppelsdorf


1. Einleitung
2. Die Anfänge
3. Königlich Höhere Landwirtschaftliche Lehranstalt (1847-1861)
4. Königlich Preußische Landwirtschaftliche Akademie (1861-1919)
5. Landwirtschaftliche Hochschule (1919-1934)
6. Eingliederung in die Universität Bonn
Literatur/Online

1. Einleitung

Die Landwirtschaftliche Hochschule Poppelsdorf in Bonn gehörte zu den bedeutendsten agrarwissenschaftlichen und geodätischen Bildungseinrichtungen im Deutschen Reich. 1847 als „Landwirtschaftliche Lehranstalt“ gegründet, wurde sie 1861 zur Akademie und im Jahr 1918 zur Hochschule erhoben. Ihre Eigenständigkeit endete im November 1934 mit der Angliederung in die Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität.

Unter den Poppelsdorfer Studierenden der Jahrzehnte zwischen 1847 und 1934 finden sich bedeutende Persönlichkeit aus Wissenschaft und Politik. An erster Stelle sind hier die Reformer des agrarwissenschaftlichen Bildungswesens Julius Kühn (1825-1910) und Theodor Freiherr von der Goltz zu nennen. Julius Kühn begründete und leitete von 1863 bis 1910 das Landwirtschaftliche Institut der Universität Halle. Theodor von der Goltz agierte in gleicher Funktion an den Instituten in Königsberg und Jena, ehe er 1895 als Direktor an die Poppelsdorfer Akademie zurückkehrte.

Große Bedeutung erlangten auch Paul Gisevius (1858-1935) als Direktor des Landwirtschaftlichen Instituts in Gießen und Karl Leisewitz (1831-1961) als Professor für Landwirtschaft an der Technischen Hochschule München. Gleiches gilt für die an der Universität Leipzig lehrenden Friedrich Wilhelm Strecker (1858-1934) und Arthur Golf (1877-1941). Auch zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens studierten in Poppelsdorf. Zu ihnen gehören der Reichswirtschaftsminister Hermann Warmbold (1876-1976) sowie der Reichsminister für Finanzen Andreas Hermes.

2. Die Anfänge

Die Ursprünge der Poppelsdorfer Hochschule reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Landwirtschaft in einem frühen Stadium ihrer Genese zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin. Wenngleich die Idee zur Einrichtung landwirtschaftlicher Bildungsanstalten bereits im 18. Jahrhundert formuliert worden war, gewann sie erst mit der von Albrecht Thaer (1752-1828) im brandenburgischen Möglin gegründeten „Akademie des Landbaus“ ihre entscheidende Dynamik. Die hier verwirklichte organische Verbindung eines landwirtschaftlichen Musterbetriebes mit einer nach akademischen Prinzipien organisierten Lehranstalt fand nach den Befreiungskriegen im gesamten deutschsprachigen Raum Verbreitung. Auch die Lehranstalt in Poppelsdorf basierte auf dieser Konzeption.

Im Wintersemester 1818/1819 wurde an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn der Lehrbetrieb aufgenommen. Der Botaniker Christian Nees von Esenbeck zeichnete für die Organisation der naturwissenschaftlichen Fächer verantwortlich und setzte sich dabei auch für eine Berücksichtigung der Landwirtschaft ein. In einer am 19.2.1819 öffentlich gemachten Denkschrift unter dem Titel „Die practische Darstellung der Naturwissenschaften an der Rheinischen Universität“ forderte er unter anderem die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Universitätsinstituts. Dieser Vorschlag stieß sowohl beim Oberpräsidenten der Provinz Jülich-Kleve-Berg, Friedrich Ludwig Christian Graf zu Solms-Laubach (1769-1822), als auch beim preußischen Kultusminister Karl Freiherr vom Stein von Altenstein (1770-1840) auf einhellige Zustimmung.

Bereits am 2.7.1819 leitete das Kultusministerium die notwendigen Maßnahmen zur Umsetzung des Vorhabens ein, wobei auf Empfehlung Nees‘ der Agrarökonom Karl Christoph Gottlieb Sturm (1781-1826) für die Leitung gewonnen werden konnte. Sturm war bis zu diesem Zeitpunkt in Personalunion Vereinigung von Ämtern und Ländern in der Hand einer Person. als Professor für Landwirtschaft und Kameralwissenschaften an der Universität Jena sowie als Direktor des landwirtschaftlichen Lehrinstituts im benachbarten Tieffurt tätig. Beide Einrichtungen pflegten eine enge Kooperation, dank derer die Schüler des Lehrinstituts auch ohne Reifezeugnis an den Universitätsvorlesungen teilnehmen konnten. Dieses erfolgreiche Zusammenwirken zwischen Universität und Lehranstalt war für die Planungen des Bonner Instituts von grundlegender Bedeutung.

Christian Nees von Esenbeck (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 886KB)
Christian Nees von Esenbeck, Porträt, Lithographie von C. Beyer, wohl 1830. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)

Zunächst wurde Sturm zum Wintersemester 1819/1820 auf den Bonner Lehrstuhl für Landwirtschaft und Kameralwissenschaften berufen. Sein am 19.11.1819 vorgelegtes Konzept über die Organisation des landwirtschaftlichen Studiums in Bonn wurde sowohl von Seiten des Universitätskurators Philipp Joseph von Rehfues (1779-1843), als auch vom Kultusministerium genehmigt. Die Ansiedlung der mit einem Gutsbetrieb verbundenen Lehranstalt sollte in Nachbarschaft des ehemaligen kurfürstlichen Lustschlosses Clemensruhe in Poppelsdorf erfolgen, das seit 1818 die naturwissenschaftlichen Institute der Universität beherbergte und in dessen Außenanlagen der Botanische Garten angelegt worden war. Auf dem brachliegenden Areal der kurfürstlichen Meierei auf der gegenüberliegenden Seite der Meckenheimer Allee wurde ab 1822 unter Sturms Leitung eine Musterwirtschaft eingerichtet. Sein unerwarteter Tod am 18.5.1826 verhinderte allerdings die Fertigstellung und hatte zugleich die Einstellung des gesamten Vorhabens zur Folge. Das Poppelsdorfer Gut wurde verpachtet und die Professur für Landwirtschaft nicht neu besetzt.

3. Königlich Höhere Landwirtschaftliche Lehranstalt (1847-1861)

Eine Neubelebung erfolgte in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre. Im Auftrag der Ständeversammlung beantragte der Präsident des Landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen Johann Gerhard Freiherr von Carnap-Bornheim (1795-1865) auf dem rheinischen ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen. des Jahres 1837 zunächst ohne Erfolg die Gründung einer höheren landwirtschaftlichen Bildungseinrichtung in der Rheinprovinz.

Der Landwirtschaftliche Verein intensivierte jedoch in den Folgejahren seine Bemühungen. Laut einer Schilderung des späteren Direktors Eduard Hartstein habe dieser gegenüber der preußischen Regierung vor allem auf die staatswirthschaftlichen Rücksichten in Anbetracht der Bodenbeschaffenheit und der dichten Bevölkerung verwiesen. Man argumentierte, dass deren Versorgung dauerhaft nur durch eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität gesichert werden könne. Um dieses Ziel zu erreichen, sei die Förderung der Agrarwissenschaften durch Einrichtung einer zentralen Lehr- und Forschungseinrichtung für die Rheinprovinz von entscheidender Bedeutung (Hartstein, Mittheilungen, S. 1.). Neben Poppelsdorf wurden zu dieser Zeit aber auch Düsseldorf und Kleve als mögliche Standorte in Erwägung gezogen.

Die Entscheidung des Ausschusses der Ständeversammlung fiel 1842 zugunsten von Poppelsdorf aus. Nur hier ließ sich der erstrebte Dualismus Lateinisch, (1) in der Philosophie Bezeichnung für diejenigen Theorien, die auf zwei essentiell verschiedenen Prinzipien beruhen. (2) Deutscher Dualismus ist die Bezeichnung für die Rivalität zwischen Preußen und Österreich im 19. Jahrhundert, die maßgeblich zur Bildung des Deutschen Reiches 1871 als Kleindeutschland beitrug. Der deutsche Dualismus hat seine Anfänge im 18. Jahrhundert in den Schlesischen Kriegen Friedrichs II. (Regierungszeit 1740-1786). von Universität und Lehranstalt realisieren, wobei naturgemäß auch ökonomische Erwägungen eine wichtige Rolle spielten. So waren die notwendigen infrastrukturellen Rahmenbedingungen durch die Vorarbeiten Sturms bereits in den 1820er Jahren zumindest in Teilen geschaffen worden. Die 1822 erworbene und 1823 in Betrieb genommene Gutswirtschaft erfüllte wesentliche Voraussetzungen eines landwirtschaftlichen Musterbetriebes. Sie umfasste eine Gesamtfläche von 27,5 Hektar, die sich in 24 Hektar Ackerland, 2,5 Hektar Grasland sowie ein Hektar an Gärten und Gebäuden unterteilte. 1846 wurde sie vom preußischen Staat für die jährliche Summe von 800 Talern gepachtet. Darüber hinaus mussten lediglich die Positionen des Direktors und eines zweiten Lehrers neu besetzt und besoldet werden. Die weiteren Vorlesungen und Demonstrationen sollten von den Dozenten der Bonner Universität gehalten werden.

Im Juli 1843 richtete der Rheinische ProvinziallandtagDie Errichtung von Provinzialständen in Preußen wurde 1823 angeordnet. Der Errichtung dieser neuen "Stände" lag ein neuer Ständebegriff zugrunde, wonach sich die Stände durch Grundbesitz qualifizierten und waren nach dem Grundeigentum abgestufte Besitzklassen waren. Jeder Stand hatte eigene Vertreter zu wählen, für die aber im Sinne repräsentativer Körperschaften Weisungsfreiheit und Allgemeinverantwortung gefordert wurden. Das monarchische Prinzip und die Souveränität des Monarchen blieben unangetastet, womit die Bürokratie ihre überragende Bedeutung behielt und deren Beamte weiterhin den eigentlich staatstragenden "Stand" bildeten. Die Kompetenzen der Landtage beschränkten sich auf das Petitionsrecht, auf reine Beratungsfunktionen und die Übernahme weniger Verwaltungsaufgaben. Dem Gesetz  folgten acht Gesetze für die Errichtung von Landtagen in den einzelnen Provinzen, das für den Rheinischen Provinziallandtag erschien am 27.3.1824, zu seiner ersten Sitzung trat der Rheinische Provinziallandtag aber erst am 29.10.1826 zusammen. auf Grundlage dieser Überlegungen an König Friedrich Wilhelm IV. (Regentschaft 1840-1858) die Bitte, die Gründung einer landwirthschaftlichen Lehranstalt für Rheinpreußen (…) Allergnädigst zu befehlen, welcher der Monarch nach Beratungen mit dem preußischen Landesökonomiekollegium auch entsprach. Im Gegensatz zu den Planungen der 1820er Jahre sollte die Lehranstalt gegenüber der Universität aber als eine eigenständige Institution firmieren. Dennoch wurden der Universität durch die Einrichtung eines dem Direktor übergeordneten Kuratoriums erhebliche Möglichkeiten der Einflussmaßnahme zugestanden. Dem Kuratorium gehörten zum einen der Präsident des Landwirtschaftlichen Vereins der Rheinprovinz, ein vom Landwirtschaftlichen Verein gewählter Deputierter sowie ein Kommissar des Ministeriums für landwirtschaftliche Angelegenheiten an. Von Seiten der Universität waren der RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen., der Kurator Lateinisch, (1) Vormund, Pfleger, (2) Verwalter einer Stiftung, (3) Staatsbeamter in der Universitätsverwaltung zur Verwaltung des Vermögens und zur Wahrnehmung der Rechtsgeschäfte, (3) wissenschaftlicher Leiter eines Museums, einer Sammlung oder einer Ausstellung. und der Universitätsrichter vertreten. Somit konnte von einer Eigenständigkeit der Lehranstalt allenfalls auf dem Papier die Rede sein.

Landwirtschaftliche <span class=keinglossar>Fakultät</span> um 1910 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 127KB)
Landwirtschaftliche Fakultät, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

Am 17.5.1847 begann an der „Höheren Landwirtschaftlichen Lehranstalt zu Poppelsdorf“ der reguläre Vorlesungsbetrieb mit dem Ziel, die Studierenden zu tüchtigen sowohl wissenschaftlichen als practischen Landwirthen auszubilden. Auf der anderen Seite wollte man den Studierenden der Staats- und Kameralwissenschaften an der Universität Gelegenheit geben, sich in Poppelsdorf mit den praktischen Problemen der Landwirtschaft auseinandersetzen zu können.

Die Position des Direktors war dem renommierten Agronomen August Gottfried Schweitzer (1788-1854) übertragen worden, dessen Amtszeit aber einen unglücklichen Verlauf nahm. Schweitzer, der von 1830 bis 1847 Direktor der Landwirtschaftlichen Akademie in Tharandt (Sachsen) gewesen war, litt bereits bei seinem Amtsantritt unter psychischen und physischen Problemen. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Lehr- und Lernbedingungen in Poppelsdorf als ebenso unzureichend erwiesen wie die fortwährenden Auseinandersetzungen zwischen Direktor und Kuratorium einer positiven Entwicklung der Anstalt hemmend im Wege standen.

Das Amt des zweiten Lehrers wurde dem aufstrebenden Agrarökonomen Eduard Hartstein übertragen, der in Personalunion seit dem 1.10.1846 auch als Administrator des akademischen Gutsbetriebes fungierte. Neben den beiden etatmäßigen Lehrerstellen umfasste das Kollegium fünf Universitätsdozenten, die für die naturwissenschaftlichen Fächer zuständig waren. Chemie wurde von Carl Wilhelm Bergemann (1804-1884), Physik von Julius Plücker (1801-1868), Zoologie von Julius Budge (1811-1888) und Mathematik von Gustav Radicke (1810-1883) unterrichtet. Johann Jacob Nöggerath (1788-1877) zeichnete für Mineralogie und Geognosie verantwortlich. Der Botanik widmete sich zunächst der Apotheker Ludwig Clamor Marquardt (1804-1881) und ab 1852 der Inspektor des Botanischen Gartens, Wilhelm Sinning (1792-1884). Die Vorlesungen zur Tierheilkunde oblagen dem Kreistierarzt Heinrich Wilhelm Peters (1794-1850) und ab 1850 seinem Nachfolger Peter Arnold Schell (1821-1901).

Das Lehrangebot wurde in den folgenden Jahren stetig erweitert. Ab dem Wintersemester 1851/1852 hielt der promovierte Chemiker Wilhelm Vonhausen (1820-1883) Vorlesungen über Forstwirtschaft, 1852 wurden Obst- und Gemüsebau im Rahmen des botanischen Unterrichts, 1853 Landwirtschaftsrecht, Landeskulturgesetzgebung und landwirtschaftliche Baukunde in den Lehrplan aufgenommen. Der Inspektor des Botanischen Gartens zeichnete ab 1868 auch für Vorlesungen und Demonstrationen über Bienenzucht verantwortlich. In den Jahren 1872 und 1880 wurde das Lehrangebot ferner durch die Fächer Tierphysiologie und Fischzucht ergänzt.

August Schweitzer wurde im Jahr 1850 von seinem Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft. entbunden und 1851 in den Ruhestand versetzt. Sein zerrüttetes Privatleben hatte sich zu einer Belastung für die Reputation der gesamten Lehranstalt ausgeweitet. Neuer Direktor wurde der Landesökonomierat Wilhelm Ferdinand Weyhe (1795-1878), dem es durch seine Verbindungen zur preußischen Regierung gelang, sich der Bevormundung durch das Kuratorium erfolgreich zu widersetzen. Während seiner Amtszeit konnte auch das neue Hauptgebäude des Instituts in Betrieb genommen werden. Der zwischen 1850 und 1852 nach den Entwürfen des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner errichtete und mittlerweile unter Denkmalschutz gestellte Bau an der Meckenheimer Allee bildet noch heute das Zentrum der Landwirtschaftlichen Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule. der Bonner Universität.

Die Frequenz der Lehranstalt hatte im ersten Semester 1847 mit sieben Studierenden noch recht niedrig gelegen. Sie stieg aber bereits im Wintersemester 1847/1848 auf 16 an und erreichte im Wintersemester 1848/1849 einen vorläufigen Höchststand von 42 Studierenden. Der in der Folge einsetzende Rückgang auf unter 30 Studierende pro Semester gründete sowohl auf den unzureichenden Lehr- und Lebensbedingungen, als auch auf der Führungskrise unter dem Direktorat Schweitzers. Bereits unter seinem Nachfolger Weyhe ist eine deutliche Zunahme und Stabilisierung zu beobachten. Die Zahl der Studierenden schwankte zwischen 40 im Wintersemester 1851/1852 und 56 im Sommersemester 1853.

Landwirtschaftliche <span class=keinglossar>Fakultät</span>, um 1910 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 122KB))
Landwirtschaftliche Fakultät, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

Entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der Lehranstalt gewann Eduard Hartstein, der 1856 nach der Pensionierung Weyhes zu dessen Nachfolger ernannt wurde. In dem erst 33 Jahre alten Direktor verbanden sich jugendliche Dynamik und akademische Autorität zugleich. Indem er für eine Straffung der Aufnahmekriterien sorgte und in regelmäßigen Abständen die fachliche Qualität der Vorlesungen und Demonstrationen überprüfte, förderte er die Disziplin von Lehrenden wie Lernenden gleichermaßen. Der akademische Ruf der Poppelsdorfer Anstalt verbesserte sich nachhaltig.

4. Königlich Preußische Landwirtschaftliche Akademie (1861-1919)

Wie Weyhe verstand es auch Hartstein sich den Versuchen der Einflussnahme durch die Universität erfolgreich zu widersetzen. Mit der Auflösung des Kuratoriums im Jahr 1858 erlangte die Lehranstalt ihre formale Eigenständigkeit und war fortan ausschließlich dem Ministerium für landwirtschaftliche Angelegenheiten unterstellt. 1861 erfolgte ihre Erhebung zur „Königlich Preußischen Landwirtschaftlichen Akademie“. Im Zuge dieser Entwicklung gelang es Hartstein, die Zusammenarbeit mit der Universität neu zu ordnen, wobei er sich als ein überzeugter Förderer des interdisziplinären Dialogs beider Einrichtungen erwies. Dieser erfolgte nun freilich auf akademischer Augenhöhe.

In Hartsteins Amtszeit fielen mehrere bauliche Maßnahmen, von denen die Errichtung einer eigenständigen landwirtschaftlichen Versuchsstation im Jahr 1857 und eines zum Beginn des Wintersemesters 1867/1868 eingeweihten zweiten Institutsgebäudes die zentralen Projekte darstellten. Mit ihnen förderte Hartstein vor allem die Rahmenbedingungen für den komplexer werdenden naturwissenschaftlichen Unterricht. So beherbergte das neue Institutsgebäude unter anderem ein chemisches Laboratorium mit angeschlossenem Hörsaal sowie ein physikalisches Kabinett. Auch die Erweiterung des Kollegiums um drei etatmäßige Lehrerstellen für die naturwissenschaftlichen Fächer gewährleistete mittelfristig die Konkurrenzfähigkeit der Lehranstalt und stärkte zugleich ihre Unabhängigkeit von der Universität.

Als wenig erfolgreiche Maßnahme Hartsteins erwies sich hingegen der Kauf des eine Gesamtnutzfläche von 200 Hektar umfassenden Guts Annaberg im Jahr 1860. Weit außerhalb der Stadtgrenzen am Rande des Kottenforst gelegen, sollte den Studierenden hier die Möglichkeit geboten werden, die Verwaltungsabläufe eines landwirtschaftlichen Großbetriebes unter realen Bedingungen kennenzulernen. Das Poppelsdorfer Universitätsgut war aufgrund seines geringen Umfanges nur in begrenztem Maße dazu geeignet. Allerdings wurde Gut Annaberg bereits im Jahr 1875 wieder aufgegeben, da sich die räumliche Distanz zum Institut als zu groß herausgestellt hatte und die Kosten für den Unterhalt in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen standen.

Rückwärtige Gebäude, um 1910 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 112KB)
Rückwärtige Gebäude, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

Die von Hartstein eingeleiteten strukturellen Reformen und nicht zuletzt seine Popularität unter den Studierenden zogen vom Beginn seiner Amtszeit an einen deutlichen Anstieg der Frequenz nach sich. Lag die Zahl der Studierenden im Sommersemester 1855 noch bei 46, so erhöhte sich ihre Zahl bis zum Wintersemester 1857/1858 auf 103. Bei der Betrachtung dieser Werte gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass in den ausgehenden 1850er Jahren auch die Zahl der nicht immatrikulierten Hospitanten sprunghaft zugenommen hatte. In ihrem Falle handelte es sich vor allem um Studierende der Universität, die von ihrem Recht Gebrauch machten, die Vorlesungen der Lehranstalt zu besuchen. Die 103 Studierenden des Wintersemesters 1857/1858 unterteilten sich somit in 67 „wirkliche Mitglieder des Instituts“ und 26 Hospitanten, deren Zahl in den 1860er Jahren aber wieder deutlich abnahm. Die Frequenz an der Poppelsdorfer Akademie blieb in diesem Zeitraum sehr stabil und schwankte nur leicht zwischen einem Tiefststand von 66 Studierenden in den Sommersemestern 1866 und 1867 und einem Höchststand von 99 Studierenden im Wintersemester 1863/1864.

Bereits in seiner Funktion als Administrator und zweiter Lehrer hatte Hartstein die Gründung eines Vereins der in Poppelsdorf studierenden Landwirte initiiert, der sich am 1.11.1847 konstituiert hatte und seit den 1870er Jahren den Namen „Akademisch Landwirtschaftlicher Verein“ führte. Außerhalb der offiziellen Lehrveranstaltungen sollte auf den abendlichen Zusammenkünften der fachliche und persönliche Dialog zwischen Lehrkörper und Studierenden gepflegt werden. Vorträge und Diskussionen dienten der Vertiefung des erworbenen Wissens. Darüber hinaus repräsentierte der Verein die Interessen und das steigende akademische Selbstbewusstsein der studierenden Landwirte gegenüber ihren Kommilitonen und den Korporationen an der Universität.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Friedrich-Wilhelms-Universität im Jahr 1868 wurde eine Vereinsfahne angeschafft, die fortan bei öffentlichen Veranstaltungen mitgeführt und im Hauptgebäude der Akademie aufbewahrt wurde. Der Verein der studierenden Landwirte war in dieser Phase keine studentische Korporation im engeren Sinne, sondern die Vertretung sämtlicher an der Akademie eingeschriebener Studierender. 1885 erfolgte die Spaltung in einen Geodätisch und Kulturtechnischen sowie in einen Akademisch Landwirtschaftlichen Verein, deren Traditionen bis heute von der Landsmannschaft Salia fortgeführt werden.

Eduard Hartstein starb am 14.12.1869 in Poppelsdorf an Typhus. Seine Nachfolge trat am 1.4.1871 der zuvor an der Ackerbauschule in Geisberg bei Wiesbaden tätige Friedrich Wilhelm Dünkelberg (1819-1912) an. Er war bereits zwischen 1849 und 1850 als Hilfslehrer in Poppelsdorf tätig gewesen und hatte in dieser Zeit erfolgreich gegen Schweitzer intrigiert, obwohl dieser seine Karriere zuvor maßgeblich gefördert hatte. Nicht zuletzt aufgrund dieser Vorgeschichte erschien er seinen Kritikern als das charakterliche Gegenbild seines integren Vorgängers Hartstein. Seine Berufung war aber auch aus fachlichen Gründen umstritten.

Dünkelberg erwies sich von Beginn seiner Amtszeit an als kühler Pragmatiker, der den rückläufigen Studierendenzahlen nicht durch eine Modernisierung der infrastrukturellen Rahmenbedingungen, sondern durch eine tiefgreifende Neuausrichtung der Akademie begegnete. Die Zukunft der Akademie sah er nicht in den Agrarwissenschaften allein, sondern vor allem in den sich entwickelnden wissenschaftlichen Disziplinen Kulturtechnik und Geodäsie.

Zunächst wurde 1875 seinem Antrag auf Einrichtung eines Studienganges für Kulturtechnik entsprochen, bei dem er eine enge Verknüpfung mit dem agrarwissenschaftlichen Studium für möglich hielt. Mit der Gründung des Geodätischen Instituts im Jahre 1880 etablierte sich jedoch eine neue technisch-wissenschaftliche Fachrichtung in Poppelsdorf, die keinerlei Berührungspunkte zu den Agrarwissenschaften aufwies. Das von Dünkelberg begründete Studium der Kulturtechnik ging zu seinem Leidwesen letztlich geräuschlos in der Geodäsie auf. Der erste Lehrstuhlinhaber für Geodäsie war Christian August Vogler (1841-1925). Nachdem dieser 1883 einem Ruf an die Landwirtschaftliche Hochschule in Berlin gefolgt war, trat an seine Stelle Otto Koll (1851-1911), der das Poppelsdorfer Institut in den 18 Jahren seiner Tätigkeit maßgeblich prägte. 1894 erfolgte die ministerielle Genehmigung zur Errichtung einer zweiten Professur, für die mit Carl Reinhertz (1859-1906) ebenfalls eine der herausragenden Persönlichkeiten der noch jungen Geodäsie gewonnen werden konnte.

Wenngleich Dünkelberg für die Ansiedlung des Geodätischen Instituts harsche Kritik erntete, so verzeichnete die Akademie dank dieser Maßnahme in den 1880er Jahren dennoch einen starken, wenn auch einseitigen Aufschwung. Im Sommersemester 1895 zählte sie nur noch 33 studierende Landwirte, denen nun aber 333 Studierende der Geodäsie gegenüberstanden. Im Sommersemester 1896 wurde mit 346 Studierenden der Geodäsie und Kulturtechnik der Scheitelpunkt der Entwicklung erreicht. Der hohe Bedarf an wissenschaftlich ausgebildeten Landmessern in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Reichsgründung nahm in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre allmählich ab. Neben Berlin blieb Poppelsdorf dennoch das Zentrum geodätischer Forschung und Lehre im Deutschen Reich.

Die rapide steigenden Studierendenzahlen hatten bereits am Ende der 1880er Jahre die Errichtung eines neuen Hauptlehrgebäudes notwendig gemacht. Der repräsentative, sich am architektonischen Vorbild des Palazzo Strozzi in Florenz orientierende Gebäudekomplex konnte am 22.11.1890 nach zweijähriger Bauzeit in Betrieb genommen werden. In ihm wurden unter anderem zwei Hörsäle, drei Übungssäle sowie ab 1904 auch die Hauptbibliothek untergebracht. Die zahlreichen planerischen und handwerklichen Mängel - unter anderem war der Einbau sanitärer Anlagen vergessen worden - ließen das ehrgeizige Projekt jedoch vor allem zu einem persönlichen Fiasko für Dünkelberg werden. In den Augen seiner Kritiker zerstörte der massive und weit in die Straße hineinragende Baukörper vor allem das bis dahin von barocker Leichtigkeit bestimmte architektonische Gleichgewicht entlang der Meckenheimer Allee.

Rückwärtige Gebäude, um 1910 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster)
Rückwärtige Gebäude, um 1910. (Universitätsarchiv Bonn)

Wenngleich Dünkelberg die Zukunftsfähigkeit der Akademie mit der Fokussierung auf die Geodäsie sichergestellt hatte, sorgte sein Umgang mit dem agrarwissenschaftlichen Studiengang für starke Kritik. Im Gegensatz zu Hartstein verzichtete er auf eine Zusammenarbeit mit der Bonner Universität und zeigte auch keinerlei Interesse den bis zu seinem Amtsantritt florierenden Austausch mit dem Landwirtschaftlichen Verein für Rheinpreußen aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise führte er die Akademie konsequent in eine wissenschaftliche Isolation hinein, für die er auch im Kollegium angefeindet wurde. An der Spitze der Opposition standen der Agrikulturchemiker Moritz Freytag (1825-1891) und der Gutsadministrator Hugo Werner (1839-1912), die auch vor öffentlicher Kritik an ihrem Direktor nicht zurückschreckten. Einen einflussreichen Sekundanten fand Dünkelberg hingegen in dem Begründer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft Max von Eyth (1836-1906), der 1882 seinen Wohnsitz in Bonn genommen hatte und wiederholt Partei für seinen Freund ergriff.

Die Feindseligkeiten übertrugen sich auch auf das Verhältnis der Studierenden der beiden unter dem Dach der Akademie vereinten Fachrichtungen, wobei auch die sozialen Gegensätze eine starke Rolle spielten. Die angehenden Kulturtechniker und Geodäten entstammten vor allem der gesellschaftlichen Mittel- und Unterschicht. Der geodätische Studiengang eröffnete ihnen die Möglichkeit, ohne Abitur eine akademische Karriere einzuschlagen und damit auch die Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg. Demgegenüber gehörten die Studierenden der Landwirtschaft in der Mehrheit dem ländlichen Besitzbürgertum oder dem Adel an. In der hierarchisch strukturierten Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts war der Besuch einer höheren landwirtschaftlichen Lehranstalt für sie keine existentielle Notwendigkeit.

Während die Studierenden der Geodäsie zwingend auf einen akademischen Abschluss angewiesen waren, blieb das Studium der Agrarwissenschaften bis zum Ersten Weltkrieg für viele Studierende vor allem eine wissenschaftstheoretische Ergänzung ihrer zuvor in der Praxis erworbenen Kenntnisse. Anders verhielt es sich nur im Falle derjenigen, die ohne Aussicht auf die Leitung einer eigenen Wirtschaft waren und daher eine Karriere als Landwirtschaftslehrer oder eine akademische Laufbahn anstrebten. Für sie war die Erlangung eines akademischen Grads von wesentlicher Bedeutung.

Theodor von der Goltz (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 92KB)
Theodor von der Goltz, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

1895 wurde Dünkelberg in den Ruhestand verabschiedet. An seine Stelle trat der renommierte Agrarökonom Theodor Freiherr von der Goltz, der zugleich eine Professur für landwirtschaftliche Betriebslehre und Agrarpolitik an der Universität Bonn innehatte. Unter seiner Leitung erlebten vor allem die Agrarwissenschaften an der Poppelsdorfer Akademie eine neue Blütezeit, in der auch die Beziehungen zur Bonner Universität und zum Landwirtschaftlichen Verein für Rheinpreußen wieder intensiviert wurden. Während seiner zehnjährigen Amtszeit gelang es Goltz, eine unzureichend organisierte Lehranstalt traditionellen Zuschnitts in einen modern ausgestatten und effizient verwalteten Wissenschaftsbetrieb umzuwandeln.

Dabei profitierte er auch von den hohen staatlichen Fördermitteln, die seit den 1890er Jahren in den Ausbau und in die Ausstattung der agrarwissenschaftlichen Bildungseinrichtungen im Deutschen Reich flossen. In Poppelsdorf setzte eine rege Bautätigkeit ein, die zur Folge hatte, dass sich im Zeitraum zwischen 1899 und 1908 die Zahl der zur Akademie gehörenden Bauten verdoppelte. Zu den zentralen Projekten zählte die Errichtung der Gebäude für das Institut für Bodenlehre und Pflanzenbau und für das Institut für Tierphysiologie entlang des Katzburgweges. Beide konnten zum Beginn des Sommersemesters 1901 in Betrieb genommen werden. Zwischen 1904 und 1907 entstand in der Nussallee das nicht minder repräsentative Gebäude des Instituts für Tierzucht und Molkereiwesen. Im März 1908 erfolgte die Einweihung des im Stil der Neorenaissance errichteten Hauptlehrgebäudes für Landwirte und mit ihm der Abschluss eines Bauprogramms, mit dem sich das äußere Erscheinungsbild der Akademie grundlegend geändert hatte.

In der Amtszeit von der Goltz‘ besserten sich aber auch die Wohn- und Lebensbedingungen im Umfeld der Akademie erheblich, welche für Lehrer wie für Studierende bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vielfach unzureichend waren. Bereits Schweitzer hatte sich über die Ratten beschwert, mit denen er und seine Familie die Wohnung hatten teilen müssen. Die Angestellten der Akademie klagten über Jahrzehnte über ebenso feuchte wie baufällige Wohnquartiere, und die unmittelbare Nachbarschaft zur Gutswirtschaft ließ die jährliche Fliegenplage zu einer lästigen Gewohnheit während der Vorlesungen werden. Darüber hinaus sorgte der Rauch aus den Schornsteinen der nahegelegenen Poppelsdorfer Porzellanfabrik für eine fortwährende Verunreinigung der Luft.

Auch die hygienischen Verhältnisse waren über lange Zeit katastrophal. Auf dem Gelände der Akademie befand sich für die Gesamtheit der Studierenden lediglich eine unter dem Direktorat Hartsteins angelegte Latrine, die außerdem mit einem Hühnerstall und einem Taubenschlag kombiniert war. Der Verzicht auf einen Einbau von sanitären Anlagen im neuen Hauptlehrgebäude zwischen 1888 und 1890 wog angesichts der vorherrschenden hygienischen Bedingungen besonders schwer. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten diese Mängel behoben werden, 1905 (1904 war die Bürgermeisterei Poppeldorf in die Stadt Bonn eingemeindet worden) erfolgte der Anschluss der Akademie an das städtische Abwassersystem. Es verwundert nicht, dass die studierenden Landwirte aufgrund dieser Verhältnisse von ihren Kommilitonen an der Universität als „Mistfinken“ verspottet wurden.

Als untragbar erwies sich am Ende des 19. Jahrhunderts auch der Zustand des Poppelsdorfer Gutsbetriebes. Die Böden auf den noch landwirtschaftlich genutzten Parzellen waren überdüngt, die Wirtschaftsgebäude befanden sich in einem denkbar schlechten Zustand. Bereits im Jahr 1886 war das baufällige Wohnhaus des Gutsadministrators ohne äußere Einwirkung in sich zusammengefallen. Darüber hinaus sind auch Vorfälle mutwilliger Zerstörung belegt. Angesichts der schnell voranschreitenden Urbanisierung der Bonner Vororte stieg der Grundstückwert des noch immer 20 Hektar umfassenden Geländes dennoch stark an. Die 1905 vollzogene Auflösung des seit 1846 bestehenden Pachtverhältnisses mit der Universität erwies sich daher als eine ökonomische Notwendigkeit.

Lehranstalt Poppelsdorf, rechts Professor Otto Kroll (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 108KB)
Lehranstalt Poppelsdorf, rechts Professor Otto Kroll, um 1900. (Universitätsarchiv Bonn)

Zeitgleich wurde das Gut Dikopshof bei Sechtem (heute Stadt Bornheim) mit 123 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche erworben und zu einem modernen Ansprüchen genügenden akademischen Versuchs- und Musterbetrieb umgewandelt. Wesentlichen Anteil am Aufbau desselben hatte Johannes Hansen (1863-1938), der im Jahr 1901 auf den Lehrstuhl für Tierzucht berufen worden war und bis 1910 in Poppelsdorf wirkte. Als ehemaliger Schüler und einer der engsten Vertrauten des Direktors war er auch an der Planung und Umsetzung verschiedener Bauprojekte maßgeblich beteiligt. Im Verlauf seiner akademischen Laufbahn erwarb er sich den Ruf eines der letzten agrarwissenschaftlichen Universalgelehrten des 20. Jahrhunderts.

5. Landwirtschaftliche Hochschule (1919-1934)

Nach dem Direktorat des Chemikers Ulrich Kreusler (1844-1921) zwischen 1906 und 1919 erfolgte ein tiefgreifender Umbruch in der Geschichte der Poppelsdorfer Akademie. Bereits im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die staatlichen landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen unter einen fortwährenden Modernisierungsdruck geraten. Die rasch voranschreitende Spezialisierung und Herausbildung komplexer Einzeldisziplinen unter dem gemeinsamen Dach der Agrarwissenschaften konnte nur durch eine kontinuierliche Erweiterung der Lehrpläne und langfristig betrachtet nur mittels einer strukturellen Reform des gesamten höheren agrarwissenschaftlichen Bildungssystems kompensiert werden.

Im Kollegium der Poppelsdorfer Akademie herrschte schon 1898 Einigkeit über die Notwendigkeit einer grundlegenden Verwaltungsreform, bei der man sich am Vorbild des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Breslau orientierte. Hier war die zentrale Organisation bereits im Jahr 1890 zugunsten einer Aufteilung des Instituts in eigenständige Spezialinstitute aufgegeben worden. In Poppelsdorf war das Vorhaben jedoch zunächst am Widerspruch des Landwirtschaftsministeriums gescheitert und konnte erst nach Beendigung des Ersten Weltkriegs wieder aufgenommen werden.

Mit Beschluss der preußischen Staatsregierung wurde die Poppelsdorfer Akademie am 2.4.1920 in den Rang einer Landwirtschaftlichen Hochschule mit Rektoratsverfassung und Promotionsrecht erhoben. Sie gliederte sich ab diesem Zeitpunkt in die eigenständig verwalteten Fachabteilungen „Landwirtschaft“, „Kulturtechnik und Geodäsie“ und „Grund- und Hilfswissenschaften“, die wiederum in 13 Einzelinstitute und Seminare unterteilt waren. Das höchste Gremium bildete der Professorenrat, dem auch die Wahl des Rektors zufiel. Ab 1923 führte er die Bezeichnung Senat. Zum ersten RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. wurde 1920 der Pflanzenbauwissenschaftler Theodor Remy (1868-1946) gewählt. Innerhalb seiner zweijährigen Amtsperiode konnte er die notwendigen und umfangreichen Maßnahmen für den inneren Umbau der Hochschule sowie die Neuregelung der Studien- und Prüfungsordnung zum Abschluss bringen.

Daneben wurde die Hochschule vor allem durch den starken Anstieg der Studierendenzahlen nach dem Ersten Weltkrieg vor eine außerordentliche logistische Herausforderung gestellt. Mit der Rückkehr der Frontgeneration in die Hörsäle war die Frequenz  der Hochschule bis zum Sommersemester 1921 auf einen Höchststand von 800 studierenden Landwirten und 157 Geodäten angestiegen. Damit hatte sich ihre Zahl gegenüber dem Sommersemester 1914, in dem insgesamt 512 Studierende verzeichnet wurden, fast verdoppelt. Trotz überfüllter Hörsäle konnte jedoch ein geregelter Lehrbetrieb aufrechterhalten werden.

Im Verlauf der 1920er Jahre hatte die Hochschule mit den Auswirkungen von Inflation Lateinisch (das Sichaufblasen, Aufschwellen), deutliche Erhöhung des Preisniveaus, etwa durch Anstieg der umlaufenden Geldmenge ohne äquivalente Ausweitung der Gütermenge. und Besatzungszeit zu kämpfen, darüber hinaus prägten innere Auseinandersetzungen diese Zeit. An einen Ausbau der Institute war ab 1923 nicht mehr zu denken, stattdessen bestand eines der vordringlichen Ziele darin, der steigenden wirtschaftlichen Not unter den Studierenden entgegenzuwirken. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit wandelte sich das agrarwissenschaftliche Studium von einem Lohn- zu einem Brotstudium. Die Erlangung eines akademischen Abschlusses wurde nun auch für die studierenden Landwirte zu einer Existenzfrage.

Trotz aller Schwierigkeiten zählte die Poppelsdorfer Hochschule auch weiterhin zu den führenden landwirtschaftlichen Bildungseinrichtungen im Deutschen Reich. Im Jahr 1923 verzeichnete sie einen Personalbestand von 13 ordentlichen Professoren, zwei Universitätsdozenten, elf Honorardozenten und zwei Privatdozenten. Unter den namhaften Lehrkräften dieser Zeit ragen aus der Landwirtschaftlichen Abteilung der Agrarökonom Theodor Brinkmann (1877-1951) und der bereits genannte Theodor Remy hervor. Beide hatten bereits ihre Studienzeit an der Poppelsdorfer Akademie verbracht. Auch August Richardsen (1873-1953), der zwischen 1910 und 1929 das Institut Tierzucht und Molkereiwesen leitete, war ein Eigengewächs der Hochschule. Unter den Geodäten gehörten Curtius Müller (1866-1944) und Paul Samel (1877-1962) zu den unumstrittenen Kapazitäten ihrer Zeit. Auch sie waren Absolventen der Poppelsdorfer Akademie, an der sie am Beginn ihrer akademischen Laufbahn auch als Assistenten tätig gewesen waren.

Hörsaal anlässlich der Verabschiedung Prof. U. Kreuslers in den Ruhestand (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 106KB))
Hörsaal anlässlich der Verabschiedung Professor Ulrich Kreuslers in den Ruhestand, 1918. (Universitätsarchiv Bonn)

Die Zahl der Agrarwissenschaftsstudierenden ging seit Mitte der 1920er Jahre kontinuierlich zurück. Die Übersättigung des Arbeitsmarktes mit akademisch gebildeten Landwirten zog seit 1923 einen reichsweiten dramatischen Rückgang der Studierendenzahlen nach sich, der auch nach dem Eintritt des Deutschen Reiches in die Diktatur 1933 anhielt. Auch Poppelsdorf war von dieser Entwicklung betroffen. Im Wintersemester 1923/1924 war die Zahl der Landwirtschaftsstudierenden auf unter 600 gesunken und lag 1926 mit weniger als 400 Studierenden bereits wieder unter dem Niveau der letzten Vorkriegssemester. Dagegen verzeichnete die Geodäsie seit Mitte der 1920er einen deutlichen Aufschwung, die Zahl der Studierenden stieg bis 1934 auf 248 an. Zum gleichen Zeitpunkt wurde der agrarwissenschaftliche Studiengang nur noch von 170 Studierenden belegt.

6. Eingliederung in die Universität Bonn

Die Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. der Nationalsozialisten am 30.1.1933 hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Hochschule. Der am 1.4.1932 ordnungsgemäß für zwei Jahre gewählte RektorLateinisch-mittellateinisch, (1) Leiter einer Hochschule, (2) Leiter einer Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschule, (3) katholischer Geistlicher an einer Filialkirche, einem Seminar oder ähnlichen Einrichtungen. Georg Rothes (1886-1960) wurde am 20.4.1933 zum Rücktritt gedrängt. Rothes, seit 1929 Direktor des Instituts für Tierzucht und Molkereiwesen, stand der nationalsozialistischen Ideologie distanziert gegenüber. An seine Stelle trat im Zuge eines umstrittenen Wahlvorgangs der Tierphysiologe Wilhelm Klein (1885-1955), Vorsteher der Abteilung Grund- und Hilfswissenschaften und Mitglied der NSDAP, der sich jedoch durch einen offiziellen Protest des Senats nicht im Amt halten konnte. Bei der erneuten Wahl am 13.6.1933 herrschte zwischen Klein und seinem Gegenkandidaten Paul Samel Stimmengleichheit, so dass die Entscheidung über die Besetzung des Amtes dem Landwirtschaftsminister angetragen wurde, der sich auf Grundlage der Poppelsdorfer Hochschulsatzung für Samel aussprach, der freilich ebenfalls ein linientreuer Verfechter der nationalsozialistischen Weltanschauung war.

Im Zuge der nationalsozialistischen Umstrukturierungsmaßnahmen im Bereich des höheren Bildungswesens wurde die Poppelsdorfer Hochschule als eigenständige Einrichtung aufgelöst und am 1.11.1934 als siebte Fakultät der Bonner Universität angegliedert. Der Verlust der Autonomie bedeutete aber weder für den Lehrkörper noch für die Studierenden eine schwere Zäsur. Es handelte sich auch nicht um eine oktroyierte Maßnahme, sondern um einen Schritt, der vom Senat ausdrücklich befürwortet und bereits zu Beginn der 1920er Jahre diskutiert worden war. Die 100 Jahre zuvor von Nees und Sturm favorisierte Einrichtung eines landwirtschaftlichen Universitätsinstituts konnte nun in die Tat umgesetzt werden.

Literatur

150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818-1968. Lützeler, Heinrich: Die Bonner Universität. Bauten und Bildwerke, Bonn 1968.

150 Jahre Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818-1968. Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn. Landwirtschaftswissenschaften, Bonn 1971.

Hagemann, Oskar, Die Landwirtschaftliche Hochschule Bonn-Poppelsdorf, Bonn 1924.

Hartstein, Eduard, Die höhere landwirthschaftliche Lehranstalt zu Poppelsdorf bei Bonn, Bonn 1854.

Hartstein, Eduard, Die landwirthschaftliche Akademie Poppelsdorf. Als Beitrag zur Geschichte und Beurtheilung der landwirthschaftlichen Akademien, Bonn 1864.

Hartstein, Eduard, Mittheilungen der Königlichen landwirthschaftlichen Akademie Poppelsdorf, Bonn 1868.

Künzel, Franz/Koll, Otto, Festschrift zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Königlich Preussischen landwirthschaftlichen Akademie Poppelsdorf, Bonn 1897.

Landwirtschaftliche Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (Hg.), 150 Jahre Lehre und Forschung in Poppelsdorf, Bonn 1997, S. 24-25.

Schnübbe, Walter (Hg.), Geschichte der Landsmannschaft Salia zu Bonn im CC 1847-1972, Bonn 1973.

Wagner, Wilhelm, Geschichtliche Entwicklung der Akademisch-Landwirtschaftlichen Verbindung Agraria-Bonn 1847-1910, Wiesbaden 1910.

Online
Landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bonn (Offizieller Internetauftritt der Landwirtschaftlichen Fakultät).

Poppelsdorfer Geschichte (Internetauftritt des Fördervereins Poppelsdorfer Geschichte).

14.11.2013

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Björn  Thomann  (Sankt Augustin) 
 

       
 

       
 
 Landwirtschaftliche Akademie Poppelsdorf 1868 (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 287KB)

Landwirtschaftliche Akademie Poppelsdorf, Farblithographie von 1868.