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Wikinger am Mittelrhein

 

Einleitung

1. Die Wikinger an Rhein und Mosel
2. Bonn
3. Prüm
4. Andernach und Koblenz
5. Trier
6. Die Schlacht bei Remich
7. Der Wikingereinfall des Jahres 892
8. Die Wikinger als Händler
9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel
Quellen/Literatur/Online

 

Einleitung

Als im Jahre 793 skandinavische Seeräuber die nordenglische Klosterinsel Lindisfarne überfielen, markierte dieses Ereignis nicht nur den Anfang einer Serie von Raubüberfällen in Europa, sondern auch den Beginn einer neuen Epoche. Nicht nur die Küsten Englands und des Frankenreichs wurden von der „Geißel der Christenheit“ heimgesucht, mit ihren schnellen, hochseetüchtigen Schiffen befuhren die skandinavischen Piraten beinahe alle größeren Gewässer der nördlichen Halbkugel. Innerhalb von gut 250 Jahren eroberten sie ganze Landstriche und errichteten neue Reiche (Capelle 1986, S. 1).

Auch an Rhein und Mosel lernten die Menschen die Wikinger vor allem als Krieger kennen. Der weitaus größere Teil der skandinavischen Bevölkerung lebte und arbeitete jedoch als Bauern, Handwerker, Fischer oder Händler. Die heimischen Kerngebiete bildeten weite Teile der heutigen Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen. Von diesen Siedlungsgebieten aus nahmen die Wikingerzüge ihren Ausgang. Die meisten der nordischen Räuber, die Ende des 9. Jahrhunderts die Orte am Mittelrhein angriffen, waren Dänen oder kamen aus Gegenden Südskandinaviens, die unter dänischer Oberherrschaft standen (Sawyer 2002, S. 134).

 

 1. Die Wikinger an Rhein und Mosel
Auch wenn es kaum archäologische Funde gibt, die auf eine rege Tätigkeit der Wikinger an Rhein und Mosel hinweisen, so belegen doch einige zeitgenössische Quellen, dass die nordischen Piraten diese Region unsicher machten und größere Handelsplätze wie Bonn, Andernach, Koblenz und Trier überraschend angriffen und mit reicher Beute weiter zogen.

Bereits seit Mitte der 830er Jahre waren die Wikinger über den Rhein bis ins Frankenreich vorgedrungen, wo sie wichtige Handelsplätze überfielen. Dorestad in den heutigen Niederlanden wurde bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens sechs Mal geplündert und bei einem erneuten Überfall im Jahr 863 komplett zerstört. 845 wurde Paris verwüstet und von den Wikingern das erste so genannte Danegeld in Höhe von 7.000 Pfund Silber erhoben; bis 926 gab es im Frankenreich insgesamt mindestens 13 solcher „Schutzgelderpressungen“ (Capelle 1986, S. 88).

Doch erst seit den 880er Jahren – und damit eher spät – suchten die Wikinger größere Handelsplätze an Mittelrhein und Mosel heim. Dies war jedoch kein Zufall, sondern eine Folge der zunehmenden Erfolge König Alfreds des Großen (Regierungszeit 871-899) gegen das so genannte Große Wikingerheer in England, der den Wikingern 878 bei Edington (Wiltshire) eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte.

Da die Wikinger häufig die direkte Konfrontation mit einem starken Gegner scheuten, zogen sie sich zunächst aus England zurück. Als hervorragend geeignet für neue Beutezüge erwies sich das Frankenreich, denn der Zerfall des Großen Heeres nach dem gescheiterten Versuch der Eroberung von Wessex fiel zeitlich mit neuerlichen Nachfolgestreitigkeiten im Frankenreich zusammen. Geteilt und durch politische Wirren erschüttert, war für die Wikinger hier nicht mit einer effektiv organisierten Gegenwehr zu rechnen.

Die internen Konflikte, die zu den Teilungen des fränkischen Reiches führten, hatten ernsthafte Folgen für die Verteidigung gegen Eindringlinge von außen. Zwar hatten Karl der Große (Regierungszeit 786/771-814) und Ludwig der Fromme (Regierungszeit 814-840) durch die Errichtung von Befestigungsanlagen die Küsten zu sichern versucht, aber spätestens nach dem Ausbruch der Konflikte zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen im Jahr 830 brach diese Verteidigung zusammen (Capelle 1986, S. 89). Die politische Schwäche des Frankenreichs, insbesondere nach dem Tode Ludwigs im Jahr 840 und der anschließenden Teilung des Reichs im Vertrag von Verdun 843, schuf eine günstige Voraussetzung für die Wikinger. Karl der Kahle (Regierungszeit 843-877) erhielt den Westen des fränkischen Reichs, Ludwig der Deutsche (Regierungszeit 840-876) den Osten, Lothar I. (Regierungszeit 843-855) sicherte sich das Mittelreich, zu dem auch der Mittelrhein gehörte. Damit waren die Konflikte allerdings nicht beendet. Die Brüder und ihre Nachkommen bekämpften sich weiterhin, was immer neue Reichsteilungen zur Folge hatte. Mit dem Vertrag von Meersen 870 fiel der östliche Teil des Mittelreichs – und damit die Gegend um Koblenz und Trier – an das Ostfrankenreich Ludwigs des Deutschen (Anton/Haverkamp 1996, S. 76).

Die Bevölkerung am Rhein wird den Wikingern weitgehend wehrlos ausgeliefert gewesen sein, da diese meist schnell und überraschend angriffen, obwohl sie auf dem Rhein und der Mosel von den Ufern her wesentlich gefährdeter und leichter angreifbar waren als an den Küsten. Waren die Maßnahmen der fränkischen Könige zur Abwehr der Wikinger, wie zum Beispiel die Errichtung einer Flotte zum Küstenschutz, die Instandsetzung ehemaliger römischer Stadtbefestigungen, die christliche Mission oder auch die Überlassung von Küstengebieten an Wikinger oder deren Anheuerung als Söldner nicht sonderlich wirksam, so gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Bewohner an Rhein und Mosel irgendwelche präventiven Maßnahmen gegen die Wikinger ergriffen hätten (Eickhoff 2004, S. 56). Auch von Seiten der jeweiligen Herrscher scheint es in diesem Raum keine koordinierten und systematischen Vorbereitungen auf eventuelle Wikingerattacken gegeben zu haben.

Möglicherweise wurden, wie in Mainz, die vorhandenen Befestigungsanlagen beim Heranrücken einer Schar Wikinger eilig in Stand gesetzt oder verstärkt, ansonsten scheint der einfachen Bevölkerung ebenso wie Mönchen und Klerikern aber nur die eilige Flucht ins Hinterland oder der direkte Kampf geblieben zu sein. Wie groß die Schar der Plünderer am Mittelrhein war, lässt sich nicht genau rekonstruieren, normalerweise operierten die Wikinger bei ihren Blitzüberfällen aber in kleineren Gruppen, die eher Hunderte denn Tausende zählten. Die Notwendigkeit einer ausreichenden Versorgung war ein entscheidender Faktor bei der Begrenzung der zahlenmäßigen Stärke (Sawyer 2002, S. 141).

Zwischen 879 und 891 waren mehrere Wikingerheere, die ihre Kräfte gelegentlich bündelten, auf dem Festland aktiv. Zuerst konzentrierten sie sich auf das Gebiet nördlich der Seine einschließlich Flanderns. Im November 881 setzten sich zwei dänische Anführer, Godefrid und Sigfrid, mit ihrem Gefolge in Elsloo an der Maas fest, wo sie nördlich von Roermond geschützt den Winter verbringen und von hier aus auf Raubzüge gehen konnten. Zuerst verwüsteten sie die Orte in der Nachbarschaft und brandschatzen Lüttich, Maastricht und Tongern (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 881). Ende 881 zogen sie dann rheinaufwärts in Richtung Jülich, Neuss, Köln, Zülpich und Bonn. Mit Bonn erreichten sie das Tor zum Mittelrhein.

 

2. Bonn
In Bonn waren zur Zeit der Wikingerangriffe nur noch die Südwestecke des ehemaligen Römerlagers unweit der spätantiken Dietkirche und die Umgebung der Märtyrerkirche Cassius und Florentius besiedelt. Zu dieser „villa basilica“ um die Stiftskirche gehörte auch der sogenannte „vicus Lateinisch, (1) römische Siedlung ohne Stadtrecht, oftmals mit handwerklich-gewerblicher Prägung, (2) Dorf im Sinne eines Vororts von bescheidenem Rang beziehungsweise mit bestimmten Funktionen, (3) Bezeichnung für Quartiere innerhalb einer Stadt sowie (4) für einzelne Straßenzeilen. “, eine kleine Händlersiedlung, die beim Angriff 882 schwer beschädigt worden sein dürfte (Ennen/Höroldt 1976, S. 30). Zwar berichten die Fuldaer Annalen, die Städte Köln und Bonn seien mit ihren Kirchen und Gebäuden während des verheerenden Überfalls 882 in Flammen aufgegangen, es gibt jedoch weder in Köln noch in Bonn archäologische Hinweise auf eine derart umfassende Zerstörung. Bei den Ausgrabungen am Bonner Münster wurde über den karolingischen Böden kein Brandschutt gefunden (Päffgen 2004, S. 102). Daraus lässt sich schließen, dass die Kirche 882 nicht abgebrannt ist. Laut dem Prümer Chronisten Regino gelang vielen Klerikern die Flucht nach Mainz, wo sie einen großen Teil der Kirchenschätze und Heiligenreliquien in Sicherheit bringen konnten.

Neben der Aachener Pfalz überfielen die Wikinger anschließend auch die Klöster Kornelimünster, Stablo und Malmedy. Besonders hart dürfte die geistlichen Chronisten getroffen haben, dass die Wikinger bei ihren Raubzügen auch vor Kirchen und Klöstern nicht halt machten. So erwies sich die Nachricht, die barbarischen Heiden aus dem Norden hätten die ehrwürdige Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen als Pferdestall benutzt, als besonders demütigend für die Franken (Krause 2006, S. 97).

 

3. Prüm
Im Rheinland bewiesen die Wikinger, dass sie nicht auf ihre Schiffe angewiesen waren. Zu Pferde, die auf den Schiffen mitgeführt werden konnten, nutzen sie die alten Römerstraßen, um die Eifel und die Ardennen zu überwinden. Den Wikingerplünderungen der Jahre 881/882 fielen so nicht nur die Residenzen in Köln und Aachen zum Opfer, sondern auch die Sankt Salvator-Abtei Prüm in der Eifel.
Was diesem bedeutenden Kloster geschah, schildert der Mönch und spätere Abt Regino in seiner Chronik (Regino, Chronik, ad a. 882):

Sie drangen auf einem Streifzug durch die Ardennen am Tag der Erscheinung des Herrn, also am 6. Januar, in das Kloster ein, in dem sie sich drei Tage aufhielten und die ganze Gegend ausplünderten. Daraufhin sammelte sich viel Fußvolk von den Äckern und Landgütern und rückte gegen die Nordmänner vor. Aber diese beherzten Männer hatten offensichtlich keine Krieger unter sich; sie waren kampfungewohnte Bauern. Dementsprechend bereiteten sie den Wikingern keine Probleme. Denn als diese ihre mangelnde Bewaffnung und die fehlende militärische Disziplin wahrnahmen, fielen sie mit Geschrei über sie her. Und sie metzelten die Franken derart nieder, dass unvernünftiges Vieh und nicht Menschen geschlachtet zu werden schienen. Danach kehrten sie mit reicher Beute beladen ins Lager zurück. Als sie das Kloster verließen, soll kein Mensch mehr gelebt haben, der die gelegten Feuer löschen konnte. So brannte das Kloster Prüm nieder.

 

4. Andernach und Koblenz
Nach dem Massaker an der sich zur Wehr setzenden Prümer Bevölkerung zogen die Wikinger weiter gen Süden. Ein von dem schwer erkrankten Ludwig den Jüngeren (Regierungszeit 876-882) aufgestelltes Heer hatte sich nach dessen Tod am 20.1.882 kampflos wieder zurück gezogen. In Erwartung eines Angriffs wurden daher die römischen Stadtmauern von Mainz eilig in Stand gesetzt; die mittlerweile bis nach Andernach und Koblenz vorgedrungenen Skandinavier wichen jedoch auf die Mosel aus und zogen in Richtung Trier (Heinen/Anton 2003, S. 273).

Andernach
Andernach ging erst verhältnismäßig spät in den Besitz der Franken über, die hier einen Königshof Lateinisch curia regis, bezeichnet (1) den sozialen und institutionellen Haushalt des Königs mit seinem Personal (Hofstaat) und den ihn umgebenden Personen, sowie die zugehörigen Institutionen (Hofkapelle, Hofgericht, Hoftag). Der Hof reiste mit dem König, Versammlungen des Gerichtshofes oder der allgemeinen Verwaltung tagten am jeweiligen Aufenthaltsort, (2) seit dem 9. Jahrhundert im Sinne von palatium (Königspfalz) auf den Krongütern angelegte Gutshöfe zur Unterkunft des reisenden Königs und seines Gefolges. errichteten, der von den merowingischen Königen häufig besucht wurde. Auch in karolingischer Zeit behielt Andernach als königliches Fiskalgut und Grenzstadt seine wirtschaftliche und militärisch-strategische Bedeutung (Flach 1988, S. 44). Ähnlich wie in Koblenz und Mainz scheinen auch in Andernach die Mauern des ehemaligen römischen Kastells den Vorstoß der Wikinger verhindert zu haben. Nach dem Überfall 882 wird jedoch die Vorstadtsiedlung, die während des Angriffs mit ihren von Handwerkern, Kaufleuten und Fischern besiedelten kleineren Häusern wohl stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, aufgegeben worden sein (Krüger 1988, S. 87). Wirtschaftliche Auswirkungen auf das Fiskalgut sind allerdings auszuschließen, denn bereits im Jahre 885 war die Wirtschaftsverwaltung des Andernacher Fiskus Lateinisch, (1) im Mittelalter Verwaltungseinheit des Reichsguts, (2) bezeichnet den Staat als Wirtschaftssubjekt, oft verengt für Finanzverwaltung gebraucht. wieder hergestellt.

Koblenz
In Koblenz scheint die ehemalige römische Befestigung mit einer starken Mauer und 19 mächtigen Rundtürmen in einem guten Zustand gewesen zu sein und leistete entsprechenden Dienst bei der Abwehr der Wikinger. Vor den Mauern des ehemaligen Kastells hatten sich Bauern und Gewerbetreibende angesiedelt, deren Häuser ebenso wie die Basilika St. Kastor bei dem Angriff der Wikinger 882 im Gegensatz zu den hinter den Mauern liegenden Gebäuden möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurden (Flach 1988, S. 80).

 

5. Trier
Nachdem die Wikinger die Mosel entlang gezogen waren, erreichten sie Trier. Hier überfielen sie zunächst in der Karwoche die extra muros Lateinisch, außer- beziehungsweise innerhalb der Stadtmauern. gelegenen Kirchen und Gehöfte. Die Stadt selbst wurde nach dem Bericht Reginos von Prüm an Gründonnerstag (5. April) eingenommen und tagelang ausgeplündert. Nach Regino gab es zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung; allerdings gelang Erzbischof Berthold von Trier mit wenigen Gefolgsleuten die Flucht. Wie groß die Zerstörungen tatsächlich waren, ist nur annähernd zu ermitteln. Nachgewiesen sind anders als in Bonn Beschädigungen im Dombereich (Brandschichten über den karolingischen Estrichen der Kathedrale, Hubert/Haverkamp 1996, S. 125). Ferner waren die Klöster St. Maximin, St. Eucharius, St. Martin und St. Symphorian nördlich der antiken Stadtmauer betroffen, wobei letzteres nicht wieder aufgebaut wurde. Hingegen berichtet Regino, dass das Kloster St. Paulin von den Nordmännern nicht eingenommen werden konnte. Aber nicht nur die Klöster, auch deren Bibliotheken und Archive fielen den Überfällen zum Opfer. Was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, verbrannte. Mit der Zerstörung der Stadt durch die Wikinger sind wesentliche antike Strukturen des städtischen Siedlungsgefüges untergegangen und der Überfall bedeutete einen tiefen Einschnitt in der frühmittelalterlichen Geschichte der Stadt (Clemens 2001, S. 70).

 

6. Die Schlacht bei Remich
Nach der Verwüstung Triers zogen die Wikinger die Mosel flussaufwärts Richtung Metz. Bei Remich kam es zum Kampf zwischen den Eindringlingen und einem mosellanischen Aufgebot unter der Führung des Metzer Bischofs Wala (Episkopat 876-882), unterstützt von seinem Trierer Amtsbruder und Graf Adalhard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wikinger siegten, Wala fiel in der Schlacht, Berthold und Graf Adalhard gelang noch einmal die Flucht. Dennoch zogen sich die Wikinger anschließend – wohl aufgrund des zunehmenden Widerstandes – aus der Region zurück und kehrten mit reicher Beute zu ihrem Lager nach Elsloo zurück (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 882).

Ein weiterer Grund für den Rückzug der Wikinger aus dem Rhein-Mosel-Raum mag auch die Rückkehr des am 12.2.882 in Rom zum Kaiser gekrönten Karls III. (der Dicke, Regierungszeit Ostfrankenreich: 876-887, Westfrankenreich: 884-888) gewesen sein. Nach dem Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags. von Worms im Mai 882 zog dieser mit einem starken Heeresaufgebot vor das normannische Lager in Elsloo, verzichtete jedoch auf militärische Aktionen und nahm nach zwölf Tagen Belagerung Verhandlungen mit den Wikingern auf. Das Ergebnis war ein mit Kirchengut erkaufter Abzug, bei dem Godefrid unter der Bedingung, dass er sich taufen lasse, Friesland als Lehen übertragen wurde. Sigfrid und die in Elsloo zurück gebliebenen Wikinger wurden zunächst durch reiche Zahlungen von weiteren Raubüberfällen abgehalten  (Runde 2003, S. 229).

Der Friede währte jedoch nur ein halbes Jahr. Während Karl der Dicke nach Italien zog, verwüsteten die Wikinger im November 882 die niederländische Region Deventer. Da Godefrid zudem in dem einzigen Sohn Lothars II., Hugo, aus seiner nicht anerkannten Verbindung mit Waldrada, einen Bündnispartner gefunden und dessen Schwester Gisela geheiratet hatte, konnten 883 aus Dänemark nachgerückte Truppen die Plünderzüge, wie es in den Annales Fuldenses heißt „mit Bestimmung Godefrids“ erneut rheinaufwärts ausdehnen.

Besonders betroffen war diesmal der Xantener Raum. Nur wenige Kilometer rheinaufwärts in Duisburg schlugen die Wikinger ihr Lager auf. Dass die Wikinger dieses Mal nicht den Rhein hinab bis an den Mittelrhein vorstießen, lag einzig daran, dass ihnen der Mainzer Erzbischof Liutbert (Episkopat 863-889) und Graf Heinrich von Babenberg (vor 860-886) entgegentraten. Der Niederrhein nördlich der Ruhr konnte erst im Frühjahr 884 aufatmen, als es Heinrich gelang, Duisburg zurück zu erobern und den Niederrhein von den Wikingern freizukaufen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 884). Da Godefrid jedoch zusammen mit seinem Schwager Hugo im Frühjahr 885 die Übergabe von Sinzig, Andernach, Koblenz und anderer weintragender Güter forderte, entschloss sich Karl der Dicke, gegen den Skandinavier vorzugehen. Er ließ Godefrid und Hugo durch Graf Heinrich in eine Falle locken. Der Wikinger und seine Gefolgsleute wurden getötet, Hugo gefangen genommen und geblendet (Boyer 1994, S. 147). In den nächsten Jahren blieben die Wikingerüberfälle am Rhein aus.

 

7. Der Wikingereinfall des Jahres 892
Nach zehn Jahren der Ruhe wurden Rhein und Mosel im Jahr 892 erneut von den Wikingern heimgesucht. Hintergrund war, dass der ostfränkische Herrscher Arnulf von Kärnten (Regierungszeit 887-899) den Wikingern in der Schlacht von Löwen an der Dyle (Belgien) 891 eine empfindliche Niederlage bereitet hatte, die sie erneut dazu zwang, ins Rheinland auszuweichen. Im Februar 892 zog daher noch einmal ein Heer entlang der Mosel über Trier, das erneut geplündert wurde, bis nach Bonn. Bei Lannesdorf trat ihnen ein Aufgebot der örtlichen Bevölkerung entgegen. Dieses Mal scheinen sich die Wikinger ihrer Schlagkraft jedoch nicht sicher gewesen zu sein, denn sie scheuten den Kampf und zogen im Eilmarsch erneut durch die Eifel bis zum Kloster Prüm. Wie zehn Jahre zuvor plünderten sie es, töteten und verschleppten zahlreiche Menschen, nur der Abt des Klosters und einige Mönche konnten fliehen (Regino von Prüm, Chronik, ad a. 892).


Der Sieg Arnulfs von Kärnten bei Löwen 891 hatte jedoch eine Wende markiert: Die große Zeit der Wikingerheere auf dem Festland und damit auch im Rheinland war vorbei. Die fränkischen Herrscher zeigten mehr Widerstand gegen die nordischen Eindringlinge, zudem vermelden die zeitgenössischen Chroniken eine Hungersnot. Für die Wikinger bedeutete dies, dass weniger Beute mit größerem Risiko verbunden war. Deshalb zogen sich die meisten Wikingertrupps aus dem Rheinland nach England ins so genannte Danelag, ein dänisch besiedeltes Gebiet, zurück. Auch nach 900 versuchten die Wikinger Raubzüge zu unternehmen, aber insgesamt blieben dies vereinzelte Aktionen, die die Nordleute nicht mehr an Rhein und Mosel führen sollten.

 

8. Die Wikinger als Händler
In den zeitgenössischen, meist aus Sicht von Geistlichen verfassten Quellen, werden die Wikinger als erbitterte Feinde des Christentums, blutrünstige Räuber und „Geißel Gottes“ dargestellt. Tatsächlich waren häufig Klöster und Kirchen von den Plünderungen betroffen, da sich hier auf relativ ungeschütztem Raum Reichtümer befanden und Lösegelder für Bischöfe und Äbte sehr hoch ausfallen konnten, was das Bild der Wikinger bis heute maßgeblich beeinflusst. Gleichwohl waren die Wikinger der mittelalterlichen Welt aber nicht nur als Piraten bekannt, sondern auch als friedliche Händler.
Die Reisen der Wikinger nach Osten und Westen ließen Skandinavien zu einem Teil des weit verzweigten Fernhandelsnetzes werden, das neben dem Mittelmeerraum und Teilen Asiens auch den Mittelrhein und die Mosel umfasste. Der saisonweise betriebene Handel verlief auf mehr oder weniger feststehenden Routen über die großen europäischen Flüsse sowie die Küstenbereiche von Nord- und Ostsee (Duisburg und die Wikinger, 1983, S. 6).
Innerhalb des Fränkischen Reiches gehörten die Rheinlande zu den bedeutendsten Handelszentren und so bestanden auch mit den Orten am Mittelrhein weit verzweigte Handelsbeziehungen.

Handelsplätze wie Bonn oder Koblenz gehörten wie Kaupang in Norwegen, Birka in Schweden, Ribe und Haithabu in Dänemark, Quentowic in Frankreich, York und London in England zu einem großen Handelsnetz. Damit umspannte dieses Geflecht aus Handelsplätzen sowohl die Wikingerwelt als auch das Fränkische Reich (Willemsen 2004, S. 99).
Die Raubüberfälle der Jahre 881 und 882 waren nicht die ersten Kontakte der Wikinger mit dem Rheinland. Bereits seit der Merowingerzeit (circa 5. – 7. Jahrhundert) sind intensive Handelskontakte bis in das Gebiet des Mittelrheins nachgewiesen. Stoffe, Glas, Keramik, hochwertige Klingen aus den Schwertmanufakturen am Rhein, Mayener Basalt oder Wein aus der Gegend um Koblenz fanden den Weg nach Skandinavien (Verwers 1998, S. 110).
 

9. Die Auswirkungen der Wikingerüberfälle an Mittelrhein und Mosel
Die zeitgenössischen Berichterstatter haben das Ausmaß der von den Wikingern angerichteten Zerstörungen an Mittelrhein und Mosel vermutlich übertrieben. Umfassende Verwüstungen durch die Plünderungen waren eher selten. Viele Schätze, Reliquien und Bücher wurden gerettet, da sich die Mönche häufig vorübergehend in die Sicherheit ihrer Besitzungen auf dem Lande zurückzogen. Auch die kirchlichen Strukturen scheinen durch die Angriffe nicht gestört worden zu sein. (Sawyer 2002, S. 141). Sieht man daher einmal von den Plünderungen ab, die für die jeweiligen Klöster und Kirchen sicherlich verlustreich waren, dürfte sich der materielle Schaden insgesamt in Grenzen gehalten haben. Die Quellen suggerieren anderes, was zum einen der Perspektive von Kirchenmännern geschuldet ist, die Verfasser der wichtigsten Quellen waren, zum anderen ihrer moralisch-didaktischen Intention, denn die Wikingerüberfälle sollten häufig auch als Strafe Gottes wahrgenommen werden.

 

Quellen
Annales Fuldenses sive Annales regni Francorum Orientalis (MGH SS rer. Germ. 7), hg. von Friedrich Kurze, Hannover 1978 (1891).
Rau, Reinhold (Hg.), Regino, Chronik, unveränderte Neuedition der Ausgabe von F. Kurze (1890) in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte 3, Darmstadt 1960, S. 179–319.

 

Literatur
Anton, Hans Hubert/ Haverkamp, Alfred (Hg.), Trier im Mittelalter (2000 Jahre Trier 2), Trier 1996.

Boyer, Régis, Die Wikinger, Stuttgart 1994.
Capelle, Thorsten, Nicht nur Nacht- und Nebelaktionen, in: Löber, Ulrich (Hg.), Die Wikinger. Begleitpublikation zur Sonderausstellung „Die Wikinger“ des Landesmuseums Koblenz und des Statens Historiska Museums Stockholm, Koblenz 1998, S. 87-94.
Capelle, Torsten, Die Wikinger. Kultur und Kunstgeschichte, Darmstadt 1986.
Clemens, Gabriele/Clemens, Lukas, Geschichte der Stadt Trier, München 2001.
Duisburg und die Wikinger, 1100 Jahre Duisburg 883–983. Begleitheft zur Ausstellung vom 16. Januar bis 10. April 1983, Duisburg 1983.
Eickhoff, Ekkehard, Maritime Defence of the Carolingian Empire, in: Simek, Rudolf/Engel, Ulrike (Hg.), Vikings on the Rhine. Recent Research on Early Medieval Relations between the Rhinelands and Scandinavia, Wien 2004, S. 50-64.
Ennen, Edith/Höroldt, Dietrich, Vom Römerkastell zur Bundeshauptstadt. Kleine Geschichte der Stadt Bonn, 3. Auflage, Bonn 1976.
Flach, Dietmar, Königshof Lateinisch curia regis, bezeichnet (1) den sozialen und institutionellen Haushalt des Königs mit seinem Personal (Hofstaat) und den ihn umgebenden Personen, sowie die zugehörigen Institutionen (Hofkapelle, Hofgericht, Hoftag). Der Hof reiste mit dem König, Versammlungen des Gerichtshofes oder der allgemeinen Verwaltung tagten am jeweiligen Aufenthaltsort, (2) seit dem 9. Jahrhundert im Sinne von palatium (Königspfalz) auf den Krongütern angelegte Gutshöfe zur Unterkunft des reisenden Königs und seines Gefolges. und Fiskus Andernach, in: Heyen, Franz-Josef (Hg.), Andernach. Geschichte  einer rheinischen Stadt, Andernach 1988.
Flach, Dietmar, Herrscheraufenthalte bis zum hohen Mittelalter, in: Geschichte der Stadt Koblenz, Band 1, Stuttgart 1992, S. 87-120.
Heinen, Heinz/Anton Hans Hubert (Hg.), Geschichte des Bistums Trier. Im Umbruch der Kulturen, Spätantike und Frühmittelalter (Geschichte des Bistums Trier 1), Trier 2003.
Huiskes, Manfred, Andernach im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 14. Jahrhunderts, Bonn 1980.
Krause, Arnulf, Die Welt der Wikinger, Frankfurt 2006.
Krüger, Hans-Jürgen, Andernachs Stadtmauer: Steine die reden, in: Heyen, Franz-Josef (Hg.), Andernach. Geschichte  einer rheinischen Stadt, Andernach 1988, S. 87-96.
Päffgen, Bernd, Urban Settlements and Sacral Topography in the Rhineland at the time of the Viking Raids, in: Simek, Rudolf/Engel, Ulrike (Hg.), Vikings on the Rhine. Recent Research on Early Medieval Relations between the Rhinelands and Scandinavia, Wien 2004, S. 83-109.
Runde, Ingo, Xanten im frühen und hohen Mittelalter. Sagentradition - Stiftsgeschichte – Stadtwerdung, Köln/Weimar/Wien 2003.
Sawyer, Birgit/Sawyer, Peter H., Die Welt der Wikinger, Berlin 2002.
Schröter, Harm G., Geschichte Skandinaviens, München 2007.
Simek, Rudolf, Die Wikinger, München 2002.
Verwers, W. J. H., Dorestad und der Handel der Wikinger, in: Löber, Ulrich (Hg.), Die Wikinger. Begleitpublikation zur Sonderausstellung „Die Wikinger“ des Landesmuseums Koblenz und des Statens Historiska Museums Stockholm, Koblenz 1998, S. 107-115.
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Willemsen, Annemarieke (Hg.), Wikinger am Rhein. Begleitpublikation zur Sonderausstellung des LVR-Landesmuseum Bonn, Bonn 2004.

 

Online
Annales Fuldenses (MGH SS rer. Germ. 7)

 

25.2.2013

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Jennifer Striewski (Bonn) 
 

       
 

       
 

Ruinen des Klosters Lindisfarne (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 161KB)

Die Ruinen des durch die Wikinger zerstörten Klosters Lindisfarne, Gemälde von Thomas Girtin (1775-1802), 1797.

 

 

 Alfred der Große (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 181KB)

Münze mit dem Abbild Alfreds des Großen, um 880, Original im British Museum, London.

 Karl der Große und Ludwig der Fromme (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 361KB)

Karl der Große und Ludwig der Fromme, Miniatur aus einer Handschrift der Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert, Original in der Bibliothèque nationale de France, Paris.

 

 Karte der historischen Stätten in Bonn (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 174KB)

Historische Stätten in Bonn, 2010. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

 

 Pferde auf einem schiff (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 659KB)

Auf einem Wikingerschiff transportierte Pferde, Ausschnitt aus dem Bildteppich von Bayeux, Stickerei auf Leinen, um 1070, Original im Centre Guillaume le Conquérant, Bayeux.

 

 Dänische Wikinger (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 85KB)

Angriff dänischer Wikinger, Illustration aus  dem Manuskript „Miscellany on the life of St. Edmund”, 12. Jahrhundert, Original in der Pierpont Morgan Library, New York.

 Wikingerschwert (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 128KB)

Schwert mit der Inschrift „Ulfberht“, gefunden in der Maas bei Lith, Niederlande, 950-1000 n.Chr. Die Inschrift „Ulfberht“ verweist auf den fränkischen Schmied, der die Waffe fertigte. Fränkische Schwerter waren wegen ihrer Qualität bei den Wikingern sehr begehrt. (Rijksmuseum van Oudheden, Leiden, Niederlande)

 Karl III. (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 64KB)

Karl III., genannt "der Dicke", Konterfei auf einer Münze.

 Wikingerschiffe (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 428KB)

Rekonstruierte Wikingerschiffe im Hafen des Schiffsmuseums von Roskilde, 2006, Foto: Antony.

 Havhingsten fra Glendalough (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 61KB)

Die „Havhingsten fra Glendalough“, ein Nachbau des Mitte des 11. Jahrhunderts gebauten Handelsschiffs „Skuldelev 2“ auf hoher See, Foto: Werner Karrasch. (The Viking Ship Museum Roskilde)