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Frühchristliche Graffiti in Trier

Im Jahr 1949 entdeckte man bei Grabungen im Ostchor der Trierer Liebfrauenkirche Reste von zwei gemauerten Chorschranken, die man eindeutig einer spätantiken Kirchenanlage zuordnen konnte. Nach den neuesten Forschungen Winfried Webers bildete dieser Bau den südöstlichen Teil eines Komplexes, der aus insgesamt vier Basiliken bestand.

Alternativtext
Grundriss der Liebfrauenkirche mit eingezeichneten Schranken I und II. (Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Trier)

Ein besonderer Glücksfall war es, dass sich nicht nur Teile der Mauern, sondern auch Reste des Verputzes dieser Schranken im Abbruchschutt erhalten hatten, in die Graffiti eindeutig christlichen Inhalts eingeritzt waren. Eine besondere Bedeutung hat dieser Fund vor allem für die Forschungen zum frühchristlichen Kirchenbau. Durch die Graffiti lässt sich nicht nur die christliche Nutzung dieses Gebäudeteils eindeutig belegen; die im Abbruchschutt der Schrankenmauern gefundenen Münzen datieren diese zudem in die Mitte beziehungsweise die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts. Damit ist die Südostbasilika dieses Gebäudekomplexes die älteste sicher datierbare Kirchenanlage Deutschlands. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man auch eine Interpretation als Palastanlage oder Markthalle diskutiert. Die jüngere Diskussion um die Schwierigkeiten der Identifizierung und Datierung frühchristlicher Kirchenanlagen in den römischen Provinzen zeigt sehr deutlich, welche ein bedeutender und ungewöhnlicher Fund die Trierer Graffiti darstellen.

Die Chorschranken, in deren Verputz die Graffiti eingeritzt waren, gehörten zu einer Basilika, die im Verlauf der 330er Jahre errichtet wurde. Die Datierung der beiden Chorschranken stützt sich im Wesentlichen auf Münzfunde. Demnach ist die ältere Chorschranke entweder noch in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts oder kurz nach der Mitte des 4. Jahrhunderts errichtet worden. Einen terminus post quem zu Schranke I liefern die Münzen der Jahre 332/333 beziehungsweise 333/334, die unter dem ersten Estrich der Basilika gefunden wurden und die die erste Ausführung des Gebäudes in die 30er Jahre des 4. Jahrhunderts datieren. Schranke II ist dagegen wohl in den 60er Jahren des 4. Jahrhunderts entstanden, also zur Zeit der Herrschaft Kaiser Valentinians I. (364-375). Dafür sprechen zum einen die Entdeckung einer Münze des Valens (328-378) aus den Jahren 367-375 im Verputz der zweiten Mauer, zum anderen der Fund von Münzen des Constantius II. (317-361), des Valens und Valentinians I., die im Abbruchschutt der ersten Mauer gefunden wurden und die in die Jahre 354-356 und 364-367 datieren.

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Frühchristliche Graffiti in der Liebfrauenkirche in Trier; Foto: Rudolf Schneider. (Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Trier)

In die Verputzstücke waren lateinische und griechische Namen eingeritzt, wie zum Beispiel Flavia, Fausta, Felix, Lucius, Marcellianus, Martinus, Maura, Salutius, Silvio, Viktor, Artemius, Elpidios, Eusebius und Theodosius, sowie ein einzelner keltischer Name (Adnametus). Diese Namen standen entweder alleine oder waren mit Akklamationen der Form vivas, vivas in deo, vivas in Christo, vivas in deo Christo, vivas in deo Christo semper, vivas in domino, vivas in Christo domino oder mit einer Bitte um Hilfe (boéthei) verbunden. In einem Fall bezeichnete sich ein Schreiber demütig als peccator, als Sünder. Sowohl der Wunsch „du mögest leben!“ (vivas) als auch die Bitte um Hilfe waren zunächst keine typisch christlichen Wünsche. Beide Formeln wurden auch auf alltäglichen Gebrauchsgegenständen angebracht. Erst durch die Zusätze in deo, in deo Christo, in domino sowie durch die Christogramme wurden die Wünsche in einen eindeutig christlichen Kontext gesetzt. Die Christogramme konnten entweder als Abkürzung für ΧΡ(ιστος) in die Bitten eingebunden werden oder sie standen als Symbol für sich genommen – häufig in Verbindung mit den Buchstaben α und ω. Die christliche Form der vivas-Akklamation verwendete nicht nur häufig in Grabinschriften, der Wunsch nach einem Leben in Gott wurde auch an besonders verehrten Orten angebracht. So stellen die Graffiti, die Ende des 3., Anfang des 4. Jahrhunderts unmittelbarer Nähe zur Petrusmemoria am Vatikan angebracht worden waren, die engste Parallele zu den Trierer Graffiti dar. Auch hier erscheinen Namen in Verbindung mit vivas-Akklamationen und Christusmonogrammen. Möglicherweise erfüllte also auch dieser Gebäudeteil der Trierer Kirchenanlage eine memoriale Funktion. Zu denken wäre beispielsweise an eine Kreuzesreliquie. Bereits Theodor Kempf hatte im Zusammenhang mit den Graffiti an eine Herrenreliquie gedacht. Tatsächlich ist in der mittelalterlichen Überlieferung auch von Reliquien für Trier die Rede, wie zum Beispiel von dem Abendmahlsmesser, einem Kreuzesnagel oder von Reliquien des Apostels Matthias. Die antike Überlieferung – Ambrosius von Mailand, Rufinus von Aquileia (340-419) und Cyrill von Jerusalem (313-386) – weiß zu berichten, dass Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, in Jerusalem die Kreuze auf Golgotha gefunden habe. Auch wenn man die wundersamen Umstände der Kreuzesauffindung in Zweifel ziehen muss, Tatsache ist, dass Kreuzesreliquien im 4. Jahrhundert auch außerhalb der Hauptstädte im römischen Reiche zirkulierten. Zwar gibt die zeitgenössische Überlieferung keine Hinweise auf die Existenz einer Kreuzesreliquie in Trier, die Christogramme und die damit verbundenen Bitten vivas in deo könnten jedoch ein Hinweis auf die Existenz einer solchen Reliquie sein.

 

 

Literatur

Binsfeld, Andrea, Vivas in deo – Die Graffiti der frühchristlichen Kirchenanlage in Trier. Die Trierer Domgrabung, Band 5, Trier 2006.

Gauthier, Nancy, Receuil des inscriptions chrétiennes de la Gaule antérieure à la Renaissance carolingienne. I. Première Belgique, Paris 1975.

Kempf, Theodor Konrad/Reusch, Wilhelm, Frühchristliche Zeugnisse im Einzugsgebiet von Rhein und Mosel, Trier 1965.

Ristow, Sebastian, Frühes Christentum im Rheinland. Die Zeugnisse der archäologischen und historischen Quellen an Rhein, Maas und Mosel, Münster 2007.

Weber, Winfried, Archäologische Zeugnisse aus der Spätantike und dem frühen Mittelalter zur Geschichte der Kirche im Bistum Trier (3.-10. Jahrhundert), in: Heinen, Heinz/Anton, Hans Hubert/Weber, Winfried, Im Umbruch der Kulturen. Spätantike und Frühmittelalter (Geschichte des Bistums Trier 1), Trier 2003.

 

20.9.2016

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Andrea  Binsfeld (Luxemburg)