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Die Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior

1. Einleitung
2. Quellenlage
3. Forschungsgeschichte
4. Kultplätze
5. Matronenkulte in den Städten des Hinterlandes
6. Zur Praxis der Matronenkulte
7. Zusammenfassung
Anmerkungen
Literatur

 

1. Einleitung
Als Caesar (100-44 v. Chr.) im Zuge des so genannten Gallischen Krieges den Stamm der Eburonen Keltischer Volksstamm, dessen Siedlungsgebiet zwischen Rhein, Maas, Nordardennen und Eifel lag. 57 v. Chr. beteiligten sie sich an Caesars Unterwerfung der Belgen, erhoben sich aber unter ihrem Anführer Ambiorix 54 v. Chr. und vernichteten zwei römische Legionen. Zwischen 53 v. Chr. und 51 v. Chr wurden sie durch Caesar unterworfen. bezwang, wurden große Teile der Bevölkerung getötet oder vertrieben. Ihre linksrheinischen Siedlungsplätze in der heutigen Voreifel blieben geplündert und zerstört zurück. Nur vereinzelt hielten Reste der Eburonen den Eindringlingen stand und verharrten in ihrer Heimat. Im Laufe der Jahre siedelten Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt mit Billigung der Römer aus rechtsrheinischen Gebieten vermutlich aus dem Bereich der Lahn  in die weitgehend freien Siedlungsgebiete. Dort trafen sie auf die Urbevölkerung und ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. auf römische Soldaten, Händler und Veteranen, die sich hier niederließen. Es entstand eine Mischbevölkerung, die zwar römisch dominiert war, aber Elemente aus verschiedenen Kulturkreisen enthielt. Kennzeichen dieser Mischkultur waren religiöse 'Neuschöpfungen', in denen Glaubensvorstellungen unterschiedlicher Kulturkreise kombiniert wurden.

Die für die Voreifel bedeutendste Göttergruppe waren die so genannten Matronen, deren Kulte keltisch, germanisch und römisch geprägt waren. Bildlichen Darstellungen zufolge handelte es sich hierbei um drei Göttinnen, die auf einer Bank innerhalb einer Nische beziehungsweise einem Heiligtum saßen. Gekleidet waren sie in ubischer Festtagstracht, wobei die beiden außen sitzenden Göttinnen durch ihre haubenartigen Kopfbedeckungen als ältere Frauen, die in der Mitte platzierte durch offenes Haar und Kopfschmuck als jüngere Frau gekennzeichnet waren. Neben den römischen Staatsgottheiten, wie Iupiter, Iuno, Minerva, Merkur usw. wurde in Niedergermanien Auch Germania Inferior, 85/90 n. Chr. eingerichtete römische Provinz mit der Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensum (Köln). Umfasste Gebiete westlich des Rheins, in den Niederlanden und Belgien. den drei ubischen Göttinnen am häufigsten gedacht.


Hier sollen in erster Linie Entstehung, Entwicklung und Praxis sowie die Anhänger der Matronenkulte vorgestellt werden. Im Zentrum stehen neben den bislang nachgewiesenen Heiligtümern vor allem die überlieferten Weihungen, aus denen sich Schlüsse zu den Kulten der Matronen ziehen lassen.

 

2. Quellenlage
In der antiken Literatur sucht man vergeblich nach Hinweisen auf die ubische Göttinnentrias. Zwar erwähnen Caesar und Tacitus (55-circa 120 n. Chr.) Details der Historie der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt , doch finden deren Götter und Göttinnen in ihren Ausführungen keinerlei Beachtung. Auch in späteren Quellen fehlen Beschreibungen dieser in der Germania inferior verbreiteten Kultgruppe. Zur Interpretation kultischer Funde und Befunde können höchstens allgemeine Beschreibungen wie beispielsweise die des Lucan (39-65 n. Chr.) oder Tacitus zu religiösen Handlungen sowie der Verehrung germanischer Gottheiten in heiligen Hainen herangezogen werden (1).

Für die Untersuchung der Matronenkulte sind wir daher in erster Linie auf Quellen angewiesen, die uns die Archäologie in den letzten 100 Jahren zur Verfügung gestellt hat. Zu nennen sind hier vor allem die Befunde mehrerer Tempelbezirke, wie diejenigen von Nettersheim, Nideggen-Abenden, Nöthen-Pesch, Eschweiler-Fronhoven oder Zingsheim, die in der Voreifel entdeckt wurden. Zudem brachten weitere Forschungen eine große Anzahl an Weihinschriften zutage, die sich an die drei weiblichen Gottheiten wandten. Neueren Zählungen zufolge stammen bislang ungefähr 1.600 Dedikationen aus dem Gebiet der ehemaligen niedergermanischen Provinz. Etwas mehr als die Hälfte davon wandten sich an die  Matronen (2). Dies unterstreicht zum einen die große Verbreitung und Beliebtheit der drei Göttinnen unter der Bevölkerung und liefert uns zum anderen eine breite Quellengrundlage für die Rekonstruktion religiöser Vorstellungen dieser Zeit. Zwar schränkt die Formelhaftigkeit dieser inschriftlichen Verehrung die Interpretationsmöglichkeiten ein, dennoch lassen sich konkrete Aussagen zu Datierungen, Kulthandlungen, Kultinhalten sowie zu den Verehrerkreisen treffen. Die Quellenlage macht es unerlässlich, dass eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema interdisziplinär erfolgen und sämtliche zur Verfügung stehenden Quellengattungen berücksichtigen muss.

 

3. Forschungsgeschichte
Als Ihm im Jahr 1887 seinen Artikel "Der Mütter- oder Matronenkultus und seine Denkmäler" veröffentlichte, fasste er erstmals alle zur damaligen Zeit bekannten Funde zu den Matronenkulten, insgesamt 552 Inschriften, zusammen (3). Ihm unterschied in seiner Aufstellung allerdings nicht zwischen Matronen, Matres, Iunones, Wegegöttinnen usw., sodass die Zahl der tatsächlichen Matroneninschriften deutlich darunter lag. Ein Jahr später widmete sich Siebourg dem "Matronenkultus" (4). Er sah in ihnen römische Göttinnen und setzte sie in Verbindung zu den Iunones, die er von der römischen Iuno ableitete.

In den ersten Jahrzehnten der 20. Jahrhunderts standen die Matronen vor allem durch Entdeckungen von Kultplätzen im Fokus. So wurde 1910 das Heiligtum auf der Görresburg bei Nettersheim und 1919/1921 der "Heidentempel" bei Nöthen/Pesch einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Hinzu gesellten sich Ende der 1920er Jahre die Untersuchungen unter dem Bonner Münster, die bedeutende Funde und Befunde für die Matronenforschung zutage brachten. Weitere Entdeckungen von Kultanlagen folgten dann in den 1960er und 1980er Jahren in Zingsheim, Eschweiler-Fronhoven und Nideggen-Abenden. Diese Untersuchungen lieferten neue Erkenntnisse zum Aufbau und zur Ausstattung der Heiligtümer sowie zu dem dort praktizierten Kult und förderten eine Reihe von neuen Funden ans Tageslicht, die unter verschiedenen wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgewertet wurden.

Als Höhepunkt der Matronenforschung kann bis heute das Ende der 1980er Jahre veranstaltete Kolloquium zu "Matronen und verwandte Gottheiten" gelten, in dem eine Reihe von Fachwissenschaftlern die ubischen Göttinnen unter archäologischen, stilgeschichtlichen, epigraphischen und sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtete (5). Die im Zuge des Kolloquiums angekündigte Sammlung aller bekannten Matroneninschriften ist allerdings bis zum heutigen Tag nicht erschienen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Desiderat Lateinisch, Mangel, Lücke. der Forschung möglichst bald publiziert wird, damit der Matronenforschung nach über 120 Jahren wieder eine umfassende Materialgrundlage zur Verfügung gestellt werden kann.
 

4. Kultplätze
In den vergangenen 100 Jahren konnten mehrere Kultplätze der Matronen durch archäologische Untersuchungen entdeckt werden. Hierbei handelte es sich in der Regel um kleinere Tempel oder Kultgebäude, die Bestandteile von heiligen Bezirken waren, in denen die Kultgemeinde ihre ‚Gottesdienste’ feierte. Das am besten erforschte und offensichtlich vollständig gefasste Heiligtum ist das auf dem so genannten Addig bei Nöthen-Pesch in der Nähe von Bad Münstereifel. Hier legte zu Beginn des 20. Jahrhunderts das damalige Provinzialmuseum Bonn (heute LVR-LandesMuseum Bonn) unter der Leitung von Lehner und Hagen die Reste einer mehrphasigen Kultplatzanlage frei. Die Fundstelle war bereits in der Gegend seit dem 19. Jahrhundert bekannt, seit hier Anwohner Gegenstände wie „Sandsteinplatten mit eingehauenen Figuren von Götzen“ entdeckt hatten (6).

Die Ausgräber unterschieden bei ihren Untersuchungen drei verschiedene Bauphasen, welche von der Mitte des 1. bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. reichten. In der letzten Ausbauphase umfasste die Anlage einen gallo-römischen Umgangstempel, einen Kulthof, eine so genannte Basilika sowie kleinere Nebengebäude. Dieses Ensemble war auf einem Areal errichtet worden, das offensichtlich an zwei Seiten durch eine Wandelhalle eingefriedet war. Zu den Befunden gehörte zudem ein gemauerter Brunnen, der das für den Kult benötigte Wasser lieferte. Die genaue Abgrenzung der einzelnen Bauphasen, wie Lehner sie in seinem Grabungsbericht vorschlägt, ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Sicher ist jedoch, dass bereits früh im 1. Jahrhundert n. Chr. die ersten Gebäude errichtet wurden. Hierzu gehörten zwei kleinere Kultgebäude, ein Kulthof sowie ein Getreidespeicher, die von einem Zaun umschlossen wurden. Auch der Brunnen scheint bereits existiert zu haben. Wie die aufgedeckten Weihinschriften zeigten, wurden auf dem ‚Addig’ die Matronae Vacallinehae verehrt. Es handelte sich hierbei um Gottheiten, die – nach Aussage der Inschriften – von einer einheimischen germanisch-keltischen Mischbevölkerung verehrt wurden. Die Dedikanten stammten vermutlich aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Tempelbezirks. Auch wenn bislang keine zusammenhängende Siedlung gefunden werden konnte, so sprechen einzelne Befunde sowie der auf einem Luftbild nachgewiesene Zugang zum Tempelbezirk dafür, dass die Anhänger der Vacallinehae im Westen beziehungsweise Südwesten des Kultplatzes lebten. Das Ende der Kulthandlungen wird aufgrund von Münzfunden in das 5. Jahrhundert n. Chr. gesetzt. Vermutlich wurden die Matronae Vacallinehae hier aber schon früher nicht mehr in ihrer ursprünglichen Art verehrt, da ihre Weihungen als Baumaterial für den Ausbau der letzten Bauphase dienten. Wie der spätantike Kult aussah, entzieht sich unserer Kenntnis, doch dürfte hier – wie auch in anderen Bezirken zu vermuten – eine modifizierte Verehrung der drei Muttergottheiten Einzug gehalten haben.

 

Ein weiterer, gut erforschter Tempelbezirk befindet sich auf der so genannten Görresburg bei Nettersheim. Bereits 1909 wurden hier ebenfalls durch Lehner und Hagen Grabungen durchgeführt, nachdem einige Jahre zuvor Bauern an dieser Stelle auf der Suche nach Baumaterialien fragmentierte Weihesteine gefunden hatten. Die Anlage bestand aus einem ummauerten Areal, in dem sich ein gallo-römischer Umgangstempel sowie zwei kleinere ‚Kapellen’ befanden. Außerhalb der Umfriedung fanden sich Reste eines weiteren Gebäudes, das nicht mit den übrigen Befunden fluchtete. Die Weihungen, die bei den Ausgrabungen teilweise noch verstürzt innerhalb des Tempelumgangs aufgedeckt wurden, wiesen den Kultplatz als einen heiligen Bezirk der Matronae Aufaniae aus. Neben Votivinschriften wurden auch Keramik und Kleindevotionalien, wie eine Statuette der Venus gefunden.

Im Jahr 1979 entdeckte ein Landwirt in unmittelbarer Nähe des Kultplatzes ein Merkurrelief, welches sicherlich dem Tempelbezirk zuzuordnen ist. Als Stifter der Inschriften tauchen neben einheimischen Dedikanten auffallend viele Beneficiarier der Legio I Minervia auf. Es wird vermutet, dass diese mit 'Polizeifunktionen' betrauten Militärangehörigen eine Station in der Nähe des Tempelbezirks unterhielten, von wo aus sie die wichtige Fernstraße von Köln nach Trier kontrollierten und die reibungslose Abgabe von Steuern oder Getreidelieferungen aus dem Hinterland der Provinz überwachten. Die Soldaten waren eigentlich in Bonn stationiert, wo die 1. Legion ihr Standlager hatte. Hier wurde in den 1920er Jahren unter dem heutigen Bonner Münster ein Tempel der aufanischen Matronen gefasst, was eine Verbindung zwischen dem Kultplatz auf der ‚Görresburg’ und dem Zentrum an der Rheinschiene nahe legt. Die Gebäude beim heutigen Nettersheim wurden vermutlich in der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. errichtet und nahmen Bezug auf eine Vorgängeranlage. Hierin ist mit einiger Sicherheit der ursprüngliche Kultplatz einer einheimischen Siedlungsgemeinschaft zu sehen, der von den in der Nähe stationierten Römern adaptiert wurde (7). Der Kontakt und kulturelle Austausch zwischen Römern und Einheimischen führte schließlich zur Umgestaltung des Tempels und dessen Dedikation an die Matronae Aufaniae. Hiervon zeugt eine Bauinschrift, die innerhalb des Tempelbezirks gefunden wurde. Sie weist die Bewohner eines vicus Lateinisch, (1) römische Siedlung ohne Stadtrecht, oftmals mit handwerklich-gewerblicher Prägung, (2) Dorf im Sinne eines Vororts von bescheidenem Rang beziehungsweise mit bestimmten Funktionen, (3) Bezeichnung für Quartiere innerhalb einer Stadt sowie (4) für einzelne Straßenzeilen. als Stifter aus. Leider ist der Name der Siedlung sehr stark verwittert, doch gibt es gute Argumente für die Annahme, dass hier die Bewohner von Marcomagus, einer auf der Tabula Peutingeriana verzeichneten Siedlung, gemeint sind. Unterstützung erhält diese These durch neue Ausgrabungen der Universität Köln, bei denen in der Nähe des Tempels sowie einige hundert Meter im Tal der Urft Reste einer ausgedehnten römischen Ansiedlung gefunden wurden. Ob es sich hierbei um den vicus Marcomagus handelt, werden hoffentlich die zukünftigen Forschungen zeigen.

 

Zwischen den Tempelbezirken von Nöthen/Pesch und Nettersheim liegt ein weiteres Matronenheiligtum, das in den 1960er Jahren freigelegt wurde. Es handelt sich um den gallo-römischen Umgangstempel von Zingsheim. Der Kultplatz war in der Antike den Matronae Fachinehae geweiht, einer Matronendreiheit, die bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in dieser Gegend bekannt war. Bewohner hatten damals ein fränkisches Gräberfeld entdeckt, in dem Weihesteine der Fachinehae als Grabwandungen benutzt worden waren. Der Umgangstempel, der wie die Anlagen in Nöthen/Pesch und Nettersheim heute teilweise rekonstruiert und für Besucher zugänglich ist, gehörte offensichtlich zu einem größeren Tempelbezirk. Dies lassen weitere bauliche Strukturen in der Umgebung vermuten, in denen ebenfalls Votivdenkmäler gefunden wurden. Unter den Funden befinden sich unter anderem die Darstellung eines Mädchens aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., das ursprünglich zusammen mit einer Muttergöttin abgebildet war, sowie der Torso eines Orts-Genius, der aufgrund seines schlechten Erhaltungszustandes zeitlich nicht näher bestimmt werden kann. Für die Matronenforschung ist besonders das Fragment einer lebensgroßen linken Hand aus Sandstein interessant. Finger und Daumen sind weitgehend abgeschlagen, jedoch hat sich in der Handinnenfläche der Ansatz eines waagerecht gehaltenen Gegenstandes erhalten. Es dürfte sich hierbei um die Reste eines Fruchtkorbes oder einer Votivgabe handeln, wie wir sie von den Abbildungen auf Matronendenkmälern her kennen. Das Fundstück wird Teil eines rundplastischen Kultbildes der ubischen Göttinnen gewesen sein, das innerhalb des Tempels aufgestellt war. Vergleichbare Funde aus dem Tempelbezirk von Nöthen/Pesch unterstützen diese Interpretation (8). Die in Zingsheim geborgenen Weihinschriften weisen den Kultplatz als Heiligtum der fachinehischen Matronen aus. Der Name der Dreiheit ist bis heute nicht geklärt. Die Interpretationen reichen von einer Ableitung des germanischen Namens Fahena, was so viel wie ‚froh’ bedeutet, über einen Gewässernamen bis hin zur Bezeichnung einer nicht näher bestimmbaren Ortschaft namens ‚Faciniacum’. Unbestreitbar ist jedoch, dass wir es hier mit einem germanischen Beinamen zu tun haben. Dies wird auch durch die Tatsache gestützt, dass einige Inschriften einen Buchstaben enthalten, der nicht dem lateinischen Alphabet entstammt. Es handelt sich hierbei um den so genannten aspirierten Velar, ein belgisch-germanisches Sonderzeichen, das für einen Chi-Kratzlaut steht, welcher offensichtlich durch die zur Verfügung stehenden Buchstaben anders nicht umschrieben werden konnte. Dieses ‚halbe H’ findet sich in den Zingsheimer Inschriften sowohl in den Matronenbeinamen als auch in den Namen einiger Dedikanten, was den Göttinnen einen bodenständigen Charakter verleiht.

 

Abgesehen von diesen drei Kultplätzen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ein Doppelheiligtum bei Eschweiler-Fronhoven für die Matronae Alaferchuiae und die Amfratninae sowie der heilige Bezirk bei Nideggen-Abenden für die Matronae Veteranehae archäologisch erforscht. Daneben wissen wir von einer Reihe von Fundplätzen, an denen aufgrund von Weihesteinfunden, von einem oder mehreren bislang nicht gefassten Kultplätzen ausgegangen werden kann. Zu nennen sind hier unter anderem Funde aus einem fränkischen Gräberfeld bei Rödingen und Bettenhoven, eine Weihesteinansammlung für die Matronae Austriahenae aus Morken-Harff sowie Dedikationen aus der Umgebung von Inden-Pier, die ein Heiligtum der Matronae Alusneihae in der näheren Umgebung vermuten lassen. Hinzu kommen eine Reihe kleinerer Fundkomplexe sowie bislang nur durch Prospektionen gefasste Umrisse von gallo-römischen Umgangstempeln, die noch nicht eindeutig einer Matronendreiheit zugeordnet werden können.

 

Dem lokalen Schutz diente offensichtlich eine Kapelle der Diana an den so genannten Katzensteinen bei Mechernich-Katzvey, die der Autor in den Jahren 2000 und 2001 in Zusammenarbeit mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege freilegen konnte (9). Weihesteinfunde aus den 1960er Jahren legten bereits die Vermutung nahe, dass in der Nähe der römischen Eifelwasserleitung ein Heiligtum bestanden hatte. Die nach umfangreichen Prospektionen durchgeführten Grabungen konnten schließlich Teile dieses Bauwerks, Kleinfunde ‒ wie Keramik und Münzen ‒ sowie weitere Fragmente von Weihesteinen fassen. Nach Auswertung der Funde und Befunde ergab sich folgendes Bild: Oberhalb der Buntsandsteinformationen war gegen Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. ein kleiner Tempel errichtet worden, vor dem auf einem künstlich errichtetet Platz Weihungen aufgestellt und kultische Handlungen durchgeführt worden waren. Das Heiligtum war in erster Linie der Diana, der römischen Göttin der Jagd geweiht und wurde nach Aussage der Inschriften von einer Kultgemeinde unterhalten. Neben Diana fand hier auch eine Matronendreiheit Verehrung. Leider ist das erhaltene Zeugnis hierzu so stark fragmentiert, dass sich nicht sagen lässt, um welche Trias es sich handelte. Nach den ersten Germaneneinfällen der Jahre 259/260 n. Chr. dürfte der Kultplatz aufgegeben und langsam verfallen sein. Wohl im ausgehenden 4. Jahrhundert n. Chr. wurde die Stelle noch einmal aufgesucht, als vermutlich Anwohner der Umgebung in unruhigen Zeiten hier ihr Hab und Gut vergruben, um es vor Plünderern zu schützen. Insgesamt 84 Münzen sowie Fragmente einer Glasperlenkette und eines feinen Glasgefäßes wurden in hoher Konzentration nördlich des Gebäudes entdeckt. Möglicherweise hängt diese Deponierung mit dem Einfall fränkischer Stämme ins rheinische Hinterland im Jahr 388 n. Chr. zusammen, wofür die Schlussmünze des Schatzfundes aus den Jahren 383-388 n. Chr. ein Anhaltspunkt sein könnte. Erst in der Neuzeit wurde das Gebäude dann vollkommen zerstört, als die Eifelwasserleitung dem Steinraub zum Opfer fiel und im Zuge dessen wohl auch Teile des Gebäudes abgetragen wurden. Drei in einer ehemaligen Feuerstelle gefundene neuzeitliche Scherben dürften dieses Ereignis ins 18. beziehungsweise 19. Jahrhundert datieren.

 

5. Matronenkulte in den Städten des Hinterlandes
Ebenso wie auf dem Lande wurden die Matronen auch in den städtischen Siedlungen der Germania inferior verehrt. Zwei Beispiele mögen dies belegen: Im vicus Iuliacum/Jülich konnten die archäologischen Forschungen bislang keinen Tempel fassen. Dennoch sind aufgrund von Weihesteinfunden insgesamt fünf verschiedene Matronengruppen und die ansonsten unbekannte germanische Göttin Uncia belegt. Zudem sticht die große Anzahl an Iupitermonumenten aus dem vicus-Areal hervor. Diese, sich über einen Sockel erhebenden Säulen, die in der Regel von einem thronenden Iupiter bisweilen in Begleitung seiner göttlichen Gemahlin Iuno bekrönt wurden, waren einerseits dem stadtrömischen Gott geweiht, repräsentierten andererseits aber auch einheimische Glaubensströmungen. Es ist denkbar, dass in Jülich ein zentraler Kultplatz des Iupiters existierte, in dem die Iupitersäulen aufgestellt waren. Das Heiligtum wird 'ökumenisch' genutzt worden sein und Platz für weitere Weihungen, wie beispielsweise die der Matronen, geboten haben. Ob diese zudem ein eigenes Heiligtum besaßen, ist beim derzeitigen Stand der Forschung unklar. Gegen die Annahme eines solchen Kultplatzes sprechen die Vielfalt der Matronengruppen, die in Jülich belegt sind, sowie das ungewöhnlich dichte Netz von Matronentempeln in der Umgebung. Dieses wird dazu geführt haben, dass die Bewohner des Umlandes den Kultplatz in Jülich kaum frequentierten, sondern ihren Göttinnen eher 'vor Ort' huldigten. Das Heiligtum in Jülich wäre demnach in erster Linie für die vicani, die unter anderem eine qualitätvolle Iupitersäule stifteten, und Durchreisende, die wohl heute nicht mehr fassbare Kleindevotionalien darbrachten, von besonderer Bedeutung gewesen.

 

Im vicus Tolbiacum/Zülpich können beim jetzigen Stand der Forschungen zwei Kultplätze angenommen werden. Einer befand sich an der Kreuzung der nach Süden führenden Ausfallstraßen und war den aufanischen Matronen dediziert. Hier wurden zudem Dedikationen an die Iunones Domesticae sowie die Quadrubiae entdeckt. Der genaue Platz eines zweiten Heiligtums konnte bislang noch nicht gefasst werden. Allerdings weisen Matronensteinfunde aus dem Bereich des heutigen Marktplatzes sowie eine große Zahl fragmentierter Iupitermonumente auf einen weiteren heiligen Bezirk hin, der vermutlich ähnlich kultoffen ausgerichtet war wie derjenige innerhalb des vicus Iuliacum. Insgesamt lassen sich mit den aufanischen Matronen fünf Matronengruppen in Zülpich nachweisen. Hierzu zählen auch zwei Weihesteine der Matronae Saitchamiae, die im 1 Kilometer südwestlich von Zülpich gelegenen Hoven im Chor der dortigen ehemaligen Klosterkirche verbaut wurden. Hier findet sich auch die Bauinschrift eines Tempels der Göttin Sunuxsal aus dem Jahr 239 n. Chr. eingemauert, bei der unklar bleiben muss, ob sie zu einem Heiligtum in Tolbiacum gehört hat oder in späteren Zeiten eventuell aus den westlich gelegenen Siedlungsgebieten der Sunucer verschleppt worden ist.

 

6. Zur Praxis der Matronenkulte
Aus den kultischen Funden und Befunden der südlichen Germania inferior lassen sich für die Matronenkulte folgende Erkenntnisse ziehen:
Es zeigt sich deutlich, dass den so genannten Matronenkulten innerhalb der Germania inferior ein Großteil der religiösen Aktivitäten galt. Nicht nur, dass den bislang entdeckten Tempeln lokaler wie stadtrömischer Gottheiten innerhalb des Untersuchungsgebietes ebenso viele Anlagen der ubischen Göttertrias gegenüberstehen, auch auf dem Gebiet der Epigraphik Griechisch-neulateinisch, Inschriftenkunde. offenbart sich die herausragende Präsenz dieser Göttinnen innerhalb des provinzialen Pantheons. Neuesten Zählungen zufolge wurden bis heute etwa 850 Matronenweihungen innerhalb des Provinzgebietes gefunden, was etwa 49 Prozent aller bislang entdeckten Dedikationen entspricht. Der Rest verteilt sich auf stadtrömische wie lokale provinziale Gottheiten (10). Die Matronen waren eng mit der Glaubenswelt der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt verhaftet, die in den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts v. Chr. wohl aus dem Neuwieder Becken und der Lahn in linksrheinische Gebiete umsiedelten. Die Göttinnen wurden zum einen als Ahnengottheiten, zum anderen als Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrt. Ihre Beinamen, die in der Regel aus den germanischen beziehungsweise keltischen Sprachfamilien stammen, legen Zeugnis von den ihnen zugeschriebenen Funktionen ab. Bis heute können wir etwa 80 Matronenepiklesen (11) nachweisen, die sich in drei große Bedeutungsgruppen einteilen lassen:
Es finden sich qualifizierende Bezeichnungen, die auf das Wesen der Göttinnen verweisen. Ein Beispiel hierfür sind die Matronae Gabiae, die als die „freigiebigen Matronen“ übersetzt werden können. Daneben gibt es Beinamen, die sich auf Gelände- beziehungsweise Flurbezeichnungen oder aber auf Baumnamen beziehen. Beispielhaft seien die Matronae Alusneihae angeführt, germanische Gottheiten, deren Beiname auf die „Erle“ zurückgeführt wird. Darüber hinaus existieren  Bezeichnungen, wie die Austriahenae aus Morken-Harff, die auf einen Personalverband, in diesem Fall die Volksgruppe der Austriates, hinweisen.

Ihre Ursprünge haben die Matronen in den religiösen Vorstellungen der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt . Wie Darstellungen auf Matronenaltären, die Verbindung zwischen Matronenepitheta und Baumnamen sowie archäologische Funde und Befunde, wie eine Baumplastik in Pesch oder der Nachweis eines Kultbaumes in der Nähe von Krefeld nahelegen, dürften im Ritus zunächst heilige Bäume eine große Rolle gespielt haben. Zudem stützen Überlieferungen antiker Autoren zu kultischen Feiern der Germanen in heiligen Hainen diese These (12).

Bislang wurde in der Forschung bis auf wenige Ausnahmen das Jahr 161 n. Chr. als Beginn der Matronenkulte allgemein anerkannt. Rüger hatte dieses Datum, in dem er das Gründungsjahr eines Heiligtums der Matronae Aufaniae unter dem heutigen Bonner Münster sieht, als 'Geburtsstunde' der Matronenverehrung bestimmt (13). Seiner Ansicht nach wandten sich Angehörige der Bonner legio I Minervia als Reaktion auf die Mobilmachung zum Orient-Feldzug Marc Aurels (121-180 n. Chr.) an die lokalen Schutzgottheiten, die in Form eines Ziegenkultes verehrt wurden, und dedizierten ihnen ein Heiligtum. Dieses lag vermutlich noch innerhalb der canabae legionis und wurde bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. vor allem von Soldaten und Offizieren, aber auch von städtischen Führungsschichten frequentiert. Der 164 n. Chr. gestiftete Aufanienaltar des Q. Vettius Severus, eines Quästors der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, gilt Rüger als Prototyp aller Matronensteine. In seinem Bildfeld erscheint das neu geschaffene Kultbild der drei Göttinnen, welches quasi fortan als Vorbild für alle weiteren Weihungen an die Matronen galt.

Die Untersuchung der relevanten Funde und Befunde aus Niedergermanien ergab, dass die Datierung Rügers sowie die Annahme der 'Erfindung' eines neuen Kultes durch das Bonner Militär nicht aufrecht erhalten werden können. Einerseits ist das ganze Wesen des Kultes auf die Bedürfnisse einer landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung ausgelegt und nicht auf die Hoffnungen und Ängste von Soldaten. Andererseits weisen archäologische wie epigraphische Funde aus den ländlichen Gebieten der Germania inferior eindeutig darauf hin, dass die Kulte bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. in Tempelbezirken ausgeübt wurden und das Setzen von lateinischen Weihinschriften für die Matronen bereits zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. in Mode war. Stellvertretend hierfür sei auf zwei Weihungen von Angehörigen der legio IV an die Matronae Rumanehae aus Trier beziehungsweise Jülich hingewiesen, die während der Stationierung der Einheit in Niedergermanien in der Zeit zwischen 70 und 122 n. Chr. gestiftet worden sein müssen. Im Falle der Jülicher Weihung weisen gute Gründe auf eine Dedikation am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. hin. Die Errichtung des heiligen Bezirks unter dem Bonner Münster dürfte in der Regierungszeit des Antoninus Pius erfolgt sein (138-161 n. Chr.), vermutlich am Ende der 50er Jahre unter dem Statthalter Tiberius Claudius Iulianus, wie Spickermann vermutet (14). Die Stifter waren Militärangehörige, die einen lokalen Kult, der bereits im Hinterland Verehrung fand, weiter 'romanisierten'. Man kann Rüger folgen, wenn man annimmt, dass durch die Rolle des Militärs der Kult römische Züge bekam, die sich unter anderem in der religiösen Praxis, dem Errichten fester Kultbauten, der Schaffung von Kultbildern sowie der Stiftung von Weihesteinen mit lateinischen Dedikationsformeln manifestierten. Allerdings lagen die Ursprünge der Verehrung bereits Jahrzehnte zurück und die Synthese religiöser Vorstellungen hatte bis zur Errichtung des Bonner Heiligtums beziehungsweise der Dedikation des 'Vettius-Steines' bereits mehrere Phasen durchlaufen.

 

Die Träger der Matronenkulte stammten aus allen Schichten der Provinzgesellschaft. In den großen Siedlungszentren am Rhein, vor allem in Bonn, zeichneten sich die Dedikanten durch gesellschaftliche Exklusivität aus. Sie gehörten hauptsächlich den gehobenen militärischen Kreisen beziehungsweise der oberen Provinzverwaltung an. Je mehr die inschriftlichen Weihesteinfunde im Landesinneren liegen, umso mehr nimmt die Prominenz der Dedikanten ab. Es finden sich dort überwiegend bodenständige Siedler keltischer oder germanischer Abstammung, die durch das Tragen römischer Namen einen gewissen Romanisationsgrad erkennen lassen.

 

Die Organisation der Rituale oblag den so genannten curiae, die ursprünglich auf Sippenverbände zurückgingen, die gesellschaftlich unterhalb der Stammesebene der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt rangierten. Im Verlauf des 2. und 3. Jahrhunderts n.Chr. wurden diese Personengruppen durch Heirat oder Zuzug von Siedlern aufgebrochen. Die Kurien hatten nun die Aufgabe, die hinzugekommenen Gemeindemitglieder in die Kultgemeinschaft zu integrieren. Dies führte zu einer veränderten Ausrichtung der Kulte: Waren sie zunächst gentilizisch geprägt, so wirkten sie nun auf territorialer Ebene bereichsbildend und für die Gläubigen bereichsbindend.

 

Die überlieferten Kultpraktiken ähnelten denen der Römer: Darstellungen auf Weihesteinen zeigen private Kultzeremonien, wobei der Stifter im Kreis seiner Familie das Opfer darbringt. Des Weiteren finden sich Abbildungen von Prozessionen der Gläubigen sowie kultischen Mahlzeiten. Letztere wurden durch das Kultpersonal vorbereitet und von den Kultteilnehmern vermutlich in Basilika-ähnlichen Gebäuden eingenommen. Darüber hinaus existierten Kultbilder in den Umgangstempeln, wie durch Einzelfunde nachgewiesen. Schließlich können durch die Entdeckung zepterähnlicher Aufsätze mit Matronenbüsten Priester im Kult der drei ubischen Gottheiten angenommen werden, auch wenn uns ansonsten hierzu epigraphische sowie bildliche Darstellungen fehlen. Sie werden vermutlich die gemeinschaftlichen Kulthandlungen durchgeführt haben und für die Pflege sowie den Schutz der Anlagen verantwortlich gewesen sein.

 

Das Ende der Matronenkulte wird in der Wissenschaft in die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. gesetzt, da der letzte überlieferte datierbare Weihestein aus dem Jahr 252 n. Chr. stammt. Demgegenüber zeigen Funde und Befunde aus Tempelbezirken, dass hier kultische Handlungen bis weit ins 4. Jahrhundert n. Chr. stattfanden. Es muss demnach davon ausgegangen werden, dass die Riten nicht verschwanden, sondern dass sich die Form der Verehrung der drei Göttinnen wandelte. Es ist denkbar, dass wieder Weihegeschenke aus vergänglichem Material dediziert wurden, die für uns heute nicht mehr nachzuweisen sind.
Im Verlauf des 3. Jahrhunderts n.Chr. ließ die Praxis der Inschriftensetzung im Römischen Reich stark nach. Wir kennen aus Niedergermanien nur noch 14 Inschriften, die eindeutig in die Zeit nach 250 n. Chr. datieren. Gründe hierfür waren einerseits die beginnende wirtschaftliche Krise des Reiches, andererseits die seit 260 n. Chr. erfolgten ständigen germanischen Einfälle in die linksrheinischen Gebiete. Das Ausbleiben späterer Inschriften im Kult der Matronen ist also nicht mit einem vorzeitigen Ende der Religion zu erklären, sondern repräsentiert eine provinzweit zu beobachtende Entwicklung.

 

7. Zusammenfassung
Es bleibt festzuhalten, dass innerhalb des Siedlungsgebietes der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt die Matronenkulte eine exponierte Stellung einnahmen. Die mit ihnen verbundenen religiösen Vorstellungen, Verehrungsformen, Kultplätze sowie die im gesamten Siedlungsgebiet präsenten Altäre dominierten das Kultgeschehen innerhalb der ubischen Enklave. Die Kulte wurden vom 1. Jahrhundert bis weit in das 4. Jahrhundert n. Chr. praktiziert, auch wenn über die genaue Form der Verehrung in späterer Zeit aufgrund fehlender Dedikationen keine Aussagen getroffen werden können.
Die Dedikanten, ubische Neusiedler, Eburonen sowie ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. zunehmend Römer, wandten sich an einheimische Ahnen- und Fruchtbarkeitsgöttinnen, deren Bedeutung als lokale Schutzgottheiten im Laufe der Zeit an Gewicht gewann. Ihr Kult entwickelte sich durch das Aufeinandertreffen germanischer, keltischer und römischer Kulturgruppen zu einer Mischform, die Elemente aller drei Bevölkerungsgruppen vereinte. Wohl aufgrund des weit verbreiteten Willens einheimischer Bevölkerungsschichten, die römische Kultur zu adaptieren, entstand eine synkretistische Religion, die in ihrem ideologischen Überbau bodenständig, in ihrer Umsetzung stark römisch geprägt war. Der Bau fester Gebäude für den Göttinnendienst, das Stiften von Weihesteinen, das Opfer an einem Altar sowie das Kultmahl, mögen dies als einige Beispiele von vielen untermauern.

 

Anmerkungen
(1) Vergleiche zum Beispiel die Beschreibungen des Tacitus vom heiligen Hain der Nerthus, in dem ein ihr geweihter Wagen verborgen wird, auf dem sie ihre Untertanen besucht (Tacitus, Germania 40) oder die Ausführungen desselben Autors, in denen er einen heiligen Hain der Sueben erwähnt: Der ganze Aberglaube geht darauf zurück, daß hier [im heiligen Hain] der Ursprung des Stammes sei, hier der alles beherrschende Gott wohne, dem alles übrige unterworfen sei und gehorchen müsse, Tacitus, Germania 39; zitiert nach: Cornelius Tacitus, Agricula ‒ Germania, hg. und übersetzt. von Alfons Städele, München 1991.
(2) Die Zahlenangaben beruhen auf der Untersuchung von Spickermann 2008, S. 314.
(3) Ihm 1887.
(4) Siebourg 1888.
(5) Bauchhenß/Neumann 1987.
(6) Pohl, Linz, Römer-Canal, in: Bonner Jahrbücher 72 (1882), S. 135.
(7) Bei Grabungen des Jahres 2010 im Matronenheiligtum auf der 'Görresburg' stießen Wissenschaftler der Universität Köln unterhalb der modernen Tempelrekonstruktionen auf frühkaiserzeitliche Opfergruben, die auf eine ältere Nutzungsphase des Heiligtums hinweisen. Vgl. http://archaeologie.uni-koeln.de/projektmeldung/295 (02.08.2011).
(8) Kürzlich hat Matijević Fragmente eines weiteren Kultbildes vorgestellt. Diese stammen aus einem Matronenheiligtum außerhalb des Siedlungsgebietes der Ubier lateinisch ubii, Westgermanischer Volksstamm, der ursprünglich sein Siedlungsgebiet rechtsrheinisch zwischen Lahn und Taunus hatte, nach 38 v. Chr. vom römischen Statthalter Marcus Vipsanius Agrippa über den Rhein geführt und auf dem Gebiet des heutigen Köln umgesiedelt in Kottenheim bei Mayen. Nachgewiesen wurden dort das Fragment einer überlebensgroßen Hand mit Resten eines Fruchtkorbes, ein heute verschollener Torso einer größeren Sandsteinfigur sowie eine als Delphin gestaltete Armlehne. Matijević rekonstruiert hier sicherlich zu Recht das Kultbild des Kottenheimer Umgangstempels (vgl. Matijević 2009, S. 65f.). Dass es sich bei der Darstellung um eine einzelne Matrone handelt führt er auf eine Besonderheit des Moselraumes zurück, "da auch die Terrakotten im Mayener Raum und die Kultbilder für die Muttergottheiten in Trier/Augusta Treverorum grundsätzlich nur eine einzige Göttin darstellen." (Matijević 2009, S. 67).
(9) Vgl. hierzu auch Biller/Wagner 2009; Biller 2005.
(10) Vgl. hierzu unter anderem Spickermann 2009, S. 359, 364.
(11) Vgl. Spickermann 2010, S. 216.
(12) Vgl. Spickermann 2010, 217f.

(13) Vgl. hierzu Rüger 1987.
(14) Vgl. Spickermann 2010, S. 223.


Literatur (Auswahl)
Bauchhenß/Neumann 1987: Bauchhenß, Gerhard  ‒ Neumann, Günter (Red.), Matronen und verwandte Gottheiten. Ergebnisse eines Kolloquiums veranstaltet von der Göttinger Akademiekommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas, Köln/Bonn 1987.
Biller/Wagner 2000: Biller, Frank/ Wagner, Paul, Ein römischer Tempel an den Katzensteinen bei Katzvey? In: Archäologie im Rheinland 2000, S. 82-85.
Biller 2005: Biller, Frank, Die sogenannten Katzensteine bei Mechernich-Katzvey. Zeugnisse römischer Präsenz am Rand der Nordeifel, in: Spickermann, Wolfgang (Hg.), Rom, Germanien und das Reich. Festschrift zu Ehren von Rainer Wiegels anlässlich seines 65. Geburtstages, St. Katharinen 2005, S. 271-276.
Biller 2010: Biller, Frank, Kultische Zentren und Matronenverehrung in der südlichen Germania inferior, Rahden/Westfalen 2010.
Derks, Ton, Gods Temples and Ritual Practices. The transformation of religious ideas and values in Roman Gaul, Amsterdam 1998.
Eck, Werner, Votivaltäre in den Matronenheiligtümern in Niedergermanien:>Herz, Peter, Matronenkult und kultische Mahlzeiten, in: Noelke, Peter  (Hg.), Romanisation und Resistenz in Plastik, Architektur und Inschriften der Provinzen des Imperium Romanum. Neue Funde und Forschungen. Akten des VII. Internationalen Colloquiums über Probleme des provinzialrömischen Kunstschaffens, Köln 1. bis 6. Mai 2001, Mainz 2003, S. 139-148.
Ihm 1887: Ihm, Max, Der Mütter- oder Matronenkultus und seine Denkmäler, in: Bonner Jahrbücher (83) 1887, S. 1-200.
Lange, Sophie, Wo Göttinnen das Land beschützen. Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein, Bad Münstereifel, 2. Auflage 1995.
Matijević 2009: Matijević, Krešimir, Religion im unteren Moselraum, Mayen und Kottenheim, in: Auffarth, Christoph (Hg.), Religion auf dem Lande. Entstehung und Veränderung von Sakrallandschaften unter römischer Herrschaft, Stuttgart 2009, S. 41-72.
Rüger 1987: Rüger, Christoph B., Beobachtungen zu den epigraphischen Belegen der Muttergottheiten in den lateinischen Provinzen des Imperium Romanum, in: Bauchhenß/Neumann 1987, S. 1-30.
Siebourg 1888: Siebourg, Max, Zum Matronenkultus, in: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst 7 (1888), S. 99-116.
Spickermann, Wolfgang, Germania inferior. Religionsgeschichte des römischen Germanien II, Tübingen 2008.
Spickermann 2008: Spickermann, Wolfgang,  Romanisierung und Romanisation am Beispiel der germanischen Provinzen Roms, in: Häussler, Ralph (Hg.), Romanisation et  épigraphie. Études interdisciplinaires sur l'acculturation et l'identité dans l'Empire romain, Archéologie et histoire romaine 17 (Montagnac 2008) 307-320.
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1.10.2012

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Frank Biller (Telgte) 
 

       
 

       
 

 Matronenaltar in Nöthen-Pesch (Bildvergößerung öffnet in neuem Fenster, 361KB)

Matronenaltar in Nöthen-Pesch, Foto: Frank Biller.

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Umgangstempel von Nöthen-Pesch, Foto: Frank Biller.

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Tempelbezirk in Nettersheim, Foto: Frank Biller.

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Beneficiarieraltar in Nettersheim, Foto: Frank Biller.

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Tempel von Zingsheim, Foto: Frank Biller.

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Dianakopf von den Katzensteinen bei Mechernich-Katzvey, Foto: Frank Biller.

 Iupitersäulensockel aus dem <span class=keinglossar>vicus</span> Iuliacum (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 225KB)

Iupitersäulensockel aus dem vicus Iuliacum (Jülich), Foto: Frank Biller.

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Altäre in Nettersheim, Foto: Frank Biller.

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Rumanehae-Inschrift in Jülich, Foto: Frank Biller.

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Altar mit Opfer in Rödingen, Foto: Frank Biller.