Die Bergverwaltung in der Rheinprovinz

Joachim Lilla (Krefeld)

Ansicht des 1903 fertiggestellten neuen Oberbergamts an der Konviktstraße 11 (seit 1970: Institut für Geschichtswissenschaft). (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn, Fotograf: Josef Schröder)

Schlagworte

1. Einleitung

Die staat­li­che Ver­wal­tung des Berg-, Hüt­ten- und Sa­li­nen­we­sens bil­de­te in Preu­ßen seit je­her ei­nen ei­gen­stän­di­gen Ge­schäfts­be­reich jen­seits der all­ge­mei­nen und in­ne­ren Ver­wal­tung, die bei den Re­gie­run­gen ge­bün­delt war. Die Rhein­pro­vinz war an­ge­sichts ih­rer be­deu­ten­den Vor­kom­men an Bo­den­schät­zen und de­ren Er­schlie­ßung, na­ment­lich im west­li­chen Ruhr­ge­biet, im Aa­che­ner Re­vier und im Saar­re­vier, ei­ner der Schwer­punk­te der preu­ßi­schen Berg­ver­wal­tung. Das Berg-, Hüt­ten- und Sa­li­nen­we­sens galt als Re­gal der Lan­des­ho­heit, al­so Ei­gen­tum- und Ab­bau­rech­te stan­den dem Staat als Re­gal­in­ha­ber zu; die Nut­zung selbst konn­te in der Re­gel ge­gen jähr­li­che Kon­zes­si­ons­gel­der an Pri­va­te über­las­sen wer­den.

2. Die Bergbehörden

Zu­stän­di­ge Zen­tral­be­hör­de für das Berg­we­sen in Preu­ßen war zu­nächst das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um, ab 1848 das Mi­nis­te­ri­um für Han­del, Ge­wer­be und öf­fent­li­che Ar­bei­ten, ab 1879 das Mi­nis­te­ri­um für Han­del und Ge­wer­be (1932 Mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ar­beit). 1934/1935 ging das Berg­we­sen auf das Reichs- und Preu­ßi­sche Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um über, blieb aber in des­sen preu­ßi­schem Ge­schäfts­be­reich. Der Lei­ter der für das Berg­we­sen zu­stän­di­gen Mi­nis­te­ri­al­ab­tei­lung führ­te die Amts­be­zeich­nung Ober­berg­haupt­mann. Die Berg­be­hör­den in den seit 1935 dem Reich ein­ge­glie­der­ten Ge­bie­ten, al­so des Saar­lands, Ös­ter­reichs und des Su­de­ten­lan­des, wur­den be­reits un­mit­tel­bar Reichs­berg­be­hör­den. Zum 1.4.1943 gin­gen auch die bis­he­ri­gen Lan­des­berg­be­hör­den auf das Reich über. Nach 1945 wur­de das Berg­we­sen wie­der ei­ne An­ge­le­gen­heit der Län­der.

 

Berg­be­hör­den der Mit­tel­in­stanz, al­so ver­gleich­bar den Re­gie­run­gen, wa­ren die Ober­ber­gäm­ter. Die Rhein­pro­vinz ge­hör­te seit 1816 durch­gän­gig zu den Be­zir­ken von zwei Ober­ber­gäm­tern (die an­fangs zu­nächst Ober­berg­amts­kom­mis­sio­nen hie­ßen), de­nen in Bonn und Dort­mund. Vor­stand des Ober­berg­amts war der Berg­haupt­mann. Der Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn um­fass­te zu­nächst die Rhein­pro­vinz mit Aus­nah­me der (Stand et­wa 1910) Krei­se Rees, Ruhr­ort, Mül­heim a.d. Ruhr, Es­sen (Stadt und Land­kreis), Duis­burg und der nörd­lich der Düs­sel­dorf-Schwel­mer Staats­stra­ße ge­le­ge­nen Tei­le der Krei­se Düs­sel­dorf (Stadt- und Land­kreis), Mett­mann, El­ber­feld und Bar­men, die zum Be­zirk des Ober­berg­amts Dort­mund ge­hör­ten. Zum Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn ge­hör­ten fer­ner der süd­li­che (sau­er­län­di­sche) Teil der Pro­vinz West­fa­len, ab 1852 auch die Ho­hen­zol­lern­schen Lan­de und seit 1867 auch der west­li­che Teil der Pro­vinz Hes­sen-Nas­sau ein­schlie­ß­lich der Stadt Frank­furt am Main. En­de 1933 gin­gen die bis­her zum Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn ge­hö­ren­den links­rhei­ni­schen Krei­se Kle­ve, Gel­dern, Mo­ers, Kem­pen-Kre­feld (teil­wei­se) und die Stadt Kre­feld-Uer­din­gen a.Rh. auf den Be­zirk des Ober­berg­amts Dort­mund über, wo­durch auch der links­rhei­ni­sche Stein­koh­len­berg­bau or­ga­ni­sa­to­risch mit dem ei­gent­li­chen Ruhr­re­vier un­ter ei­ne ein­heit­li­che Lei­tung ge­stellt wur­de. Ab 1943 kam noch das Land Hes­sen zum Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn, des­sen Sitz ge­gen Kriegs­en­de zeit­wei­se nach Lü­den­scheid ver­legt wur­de.

Un­te­re Berg­be­hör­den wa­ren die Berg­re­vie­re. Vor dem Ers­ten Welt­krieg be­stan­den im Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn die im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts suk­zes­si­ve er­rich­te­ten Berg­re­vie­re Aa­chen, Daa­den-Kir­chen, Deutz-Rün­de­roth, Dü­ren, Ko­blenz, Ko­blenz-Wies­ba­den, Köln-Ost und Köln-West, Kre­feld, Neun­kir­chen, Saar­brü­cken-Ost und Saar­brü­cken-West, Wetz­lar und Wied. Rhei­ni­sche Berg­re­vie­re im Be­zirk des Ober­berg­amts Dort­mund wa­ren Duis­burg, Es­sen-Ost, Es­sen-Süd, Es­sen-West, Ober­hau­sen und Wer­den. Nach dem Ers­ten Welt­krieg schie­den die drei für das Saar­ge­biet zu­stän­di­gen Berg­re­vie­re Neun­kir­chen, Saar­brü­cken-Ost und Saar­brü­cken-West, für die be­reits zu­vor ei­ne ei­ge­ne Berg­werks­di­rek­ti­on Saar­brü­cken be­stan­den hat­te, aus dem Be­zirk des Ober­berg­amts Bonn aus. Für die Berg­werks­di­rek­ti­on Saar­brü­cken wur­de in Bad Kreuz­nach, spä­ter in Bonn, ei­ne Ab­wick­lungs­stel­le be­zie­hungs­wei­se Über­lei­tungs­stel­le er­rich­tet, die erst En­de 1939 ih­ren Be­trieb ein­stell­te. Im Zu­ge der Um­or­ga­ni­sa­ti­on En­de 1933 ging das Berg­re­vier Kre­feld auf den Be­zirk des Ober­berg­amts Dort­mund über. 1939 gab es teil­wei­se ei­ne Neu- be­zie­hungs­wei­se Um­or­ga­ni­sa­ti­on der Berg­re­vie­re durch Auf­he­bung be­zie­hungs­wei­se Um­be­nen­nung. Die Berg­re­vie­re führ­ten ab 1942 die Be­zeich­nung Ber­gäm­ter.

3. Zuständigkeiten der Bergbehörden

Die Berg­be­hör­den hat­ten die Auf­sicht über die Berg­wer­ke, Sa­li­nen, un­ter­ir­disch be­trie­be­ne Gru­ben und Brü­che, Auf­be­rei­tungs­an­stal­ten und Trieb­wer­ke, in den links­rhei­ni­schen Lan­des­tei­len auch über die Dach­schie­fer­brü­che, Trass­brü­che und Ba­salt­la­va­b­rü­che. Die Berg­re­vie­re (1942 Ber­gäm­ter) bil­de­ten für ih­ren Be­zirk die ers­te In­stanz in al­len den Berg­be­hör­den über­wie­se­nen Auf­ga­ben. Hier­zu ge­hör­te ins­be­son­de­re auch die Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben der Berg­po­li­zei im Hin­blick auf die Ge­währ­leis­tung der Be­triebs­si­cher­heit in den Gru­ben. Die Ober­ber­gäm­ter wa­ren Auf­sichts- und Re­kurs­in­stanz für die Re­vier­be­am­ten und führ­ten die Auf­sicht über die Mark­schei­der, wa­ren fer­ner zu­stän­dig un­ter an­de­rem für die Aus­bil­dung der Berg­be­flis­se­nen und Berg­re­fe­ren­da­re, für die Er­tei­lung der amt­li­chen Schür­fer­mäch­ti­gung, für die Ge­neh­mi­gung der Be­triebs­an­la­gen, für die An­er­ken­nung von Fach­schu­len, für die Ge­neh­mi­gung der Sat­zun­gen der Ge­werk­schaf­ten, in Ent­schä­di­gungs­sa­chen. Die Ober­ber­gäm­ter konn­ten auch berg­po­li­zei­li­che Vor­schrif­ten und An­ord­nun­gen über die Ar­beits­zeit er­las­sen. Bei je­dem Ober­berg­amt be­stan­den ein Ber­g­aus­schuss und ein Ge­sund­heits­bei­rat. Der Ber­g­aus­schuss ent­schied im Ver­wal­tungs­streit­ver­fah­ren bei Kla­gen, die ein Berg­werks­be­sit­zer et­wa im Ein­zel­fall ge­gen An­ord­nun­gen in Ar­beits­zeit­fra­gen er­hob oder ge­gen An­ord­nung der Berg­re­vier­be­am­ten. Ge­gen Ent­schei­dun­gen des Ber­g­aus­schus­ses war nur das Rechts­mit­tel der Re­vi­si­on beim preu­ßi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu­läs­sig. Für je­de Pro­vinz, für die das Ober­berg­amt zu­stän­dig war, be­stand ei­ne ei­ge­ne Ab­tei­lung des Ber­g­aus­schus­ses. Der zu­stän­di­ge Mi­nis­ter schlie­ß­lich war Re­kurs­in­stanz für die Ent­schei­dun­gen und Be­schlüs­se der Ober­ber­gäm­ter und Lan­des­zen­tral­be­hör­de oder obers­te Ver­wal­tungs­be­hör­de für die der Berg­ver­wal­tung un­ter­stell­ten Be­trie­be.

Nach 1945 wur­de die Berg­ver­wal­tung wie­der ei­ne An­ge­le­gen­heit der Län­der, die Ober­ber­gäm­ter Bonn und Dort­mund wur­den Lan­des­mit­tel­be­hör­den un­ter dem für Wirt­schafts­fra­gen zu­stän­di­gen Lan­des­mi­nis­ter in Nord­rhein-West­fa­len und nur noch in­ner­halb die­ses Bun­des­lan­des zu­stän­dig. Die Ober­ber­gäm­ter und die ih­nen un­ter­ste­hen­den Ber­gäm­ter wa­ren Teil der staat­li­chen Wirt­schafts­ver­wal­tung und hat­ten im We­sent­li­chen die tech­ni­schen Ab­läu­fe in den Berg­wer­ken zu über­wa­chen. Die zu­vor be­ste­hen­de Grenz­li­nie zwi­schen den Ober­ber­gäm­tern Bonn und Dort­mund blieb er­hal­ten. Im Lau­fe der Jah­re, be­dingt durch die Än­de­rung der wirt­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten im Berg­bau (Ze­chen­still­le­gun­gen), wur­de die Zahl der Ber­gäm­ter kon­ti­nu­ier­lich re­du­ziert.

Am 1.1.1970 wur­den die Ober­ber­gäm­ter in Bonn und in Dort­mund zum Lan­des­ober­berg­amt Nord­rhein-West­fa­len mit Sitz in Dort­mund zu­sam­men­ge­legt. Der wei­te­re Rück­gang im Berg­bau so­wie die Ver­wal­tungs­re­form in Nord­rhein-West­fa­len führ­ten zur Auf­lö­sung des Lan­des­ober­berg­amts NRW als ei­gen­stän­di­ger Lan­des­ober­be­hör­de zum 31.12.2000. Prak­tisch al­le sei­ne Auf­ga­ben und Be­fug­nis­se wur­den ge­mäß dem 2. NRW-Mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz der Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg und dort der neu ge­schaf­fe­nen Ab­tei­lung 8 „Berg­bau und En­er­gie in NRW“ über­tra­gen. Zum 1.1.2008 wur­de mit der Ver­wal­tungs­struk­tur­re­form des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len die Berg­be­hör­de er­neut um­struk­tu­riert. Die er­wähn­te Ab­tei­lung 8 wur­de in die neue Ab­tei­lung 6 „Berg­bau und En­er­gie in NRW“ der Be­zirks­re­gie­rung Arns­berg um­ge­wan­delt. Hier­bei blie­ben die Auf­ga­ben und Be­fug­nis­se der neu­en Ab­tei­lung im We­sent­li­chen gleich.

Literatur

Bär, Max, Die Be­hör­den­ver­fas­sung der Rhein­pro­vinz seit 1815, Bonn 1919, Nach­druck Düs­sel­dorf 1998, bes. S. 447-452.

[Ar­ti­kel] Berg­be­hör­den, in: Bit­ter, [Ru­dolf von], Hand­wör­ter­buch der Preu­ßi­schen Ver­wal­tung, 3., voll­stän­dig um­ge­ar­bei­te­te Auf­la­ge, hg. v. Bill Drews u. Franz Hoff­mann, Band 1, Ber­lin/Leip­zig 1928, S. 231-233.

Ro­meyk, Horst, Klei­ne Ver­wal­tungs­ge­schich­te des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, Sieg­burg 1988.

Ro­meyk, Horst, Ver­wal­tungs- und Be­hör­den­ge­schich­te der Rhein­pro­vinz 1914–1945, Düs­sel­dorf 1985.

Fotografie des Staatsministeriums Preußens, welches die Zentralbehörde der Bergverwaltung beinhaltete. (Architekturmuseum der TU Berlin/Gemeinfrei)

 
Zitationshinweis

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Lilla, Joachim, Die Bergverwaltung in der Rheinprovinz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-bergverwaltung-in-der-rheinprovinz-/DE-2086/lido/605da781562178.58409437 (abgerufen am 26.06.2022)