Die IHK Bonn/Rhein-Sieg

Barbara Hillen (Bonn)

Neubau der IHK Bonn/Rhein- Sieg am Bonner Talweg 17, undatiert. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

1. Gründung

 

1.1 Rahmenbedingungen

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg wur­de 1891 un­ter dem Na­men „IHK Bon­n“ ge­grün­det - ei­ne im Ver­gleich zu an­de­ren Kam­mern ver­gleichs­wei­se spä­te Grün­dung. Die Grün­de da­für lie­gen im spä­ten 18. Jahr­hun­dert, den po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen, der wirt­schaft­li­chen Struk­tur der Re­gi­on und nicht zu­letzt in der Men­ta­li­tät der Bon­ner Be­völ­ke­rung. Seit dem aus­ge­hen­den 16. Jahr­hun­dert war Bonn die Haupt- und Re­si­denz­stadt der Erz­bi­schö­fe und Kur­fürs­ten von Köln. Ent­spre­chend war die Bon­ner Wirt­schaft auf die Be­dürf­nis­se des Ho­fes aus­ge­rich­tet, in­dem in der Stadt und ih­rem nä­he­ren Um­feld vor al­lem Pro­duk­te des ge­ho­be­nen wie des Lu­xus­be­darfs her­ge­stellt wur­den. Die Stadt war im 18. Jahr­hun­dert ein Dienst­leis­tungs­zen­trum, ehe mit dem Ein­marsch der Fran­zo­sen 1794 ei­ne neue Zeit Ein­zug in die be­schau­li­che Re­si­denz­stadt am Rhein hielt und die­se die Funk­ti­on als Haupt- und Re­si­denz­stadt des Kur­fürs­ten­tums ver­lor. Da­mit ein­her gin­gen gro­ße Ver­än­de­run­gen der bis­he­ri­gen Wirt­schafts­struk­tur. Ähn­lich sah es in Sieg­burg aus, wo die Wirt­schaft in star­ker Ab­hän­gig­keit von der Be­ne­dik­ti­ner­ab­tei ge­stan­den hat­te, wäh­rend die um­lie­gen­den Ge­mein­den länd­lich ge­prägt wa­ren.

Nach der Sä­ku­la­ri­sa­ti­on eta­blier­ten sich zwar in auf­ge­lös­ten Bon­ner Klös­tern ei­ni­ge Fa­bri­ken, ein kräf­ti­ge­rer Wirt­schafts­auf­schwung setz­te je­doch erst Mit­te des 19. Jahr­hun­derts nach dem An­schluss an die Ei­sen­bahn ein. In Bonn wur­de je­doch statt „dre­cki­ger“ In­dus­trie­be­trie­be mit qual­men­den Schlo­ten eher der Zu­zug von wohl­ha­ben­den Fa­mi­li­en, Be­am­ten und Stu­den­ten be­vor­zugt. Bonn wur­de Gar­ni­son­stand­ort und 1818 Sitz ei­ner Uni­ver­si­tät, der ein­zi­gen in den preu­ßi­schen West­pro­vin­zen. Da­mit un­ter­schied sich Bonn deut­lich von an­de­ren Städ­ten an der Rhein­schie­ne wie et­wa Ko­blenz und Köln, wo­mit im 19. Jahr­hun­dert er­neut die Ent­wick­lung zu ei­nem Dienst­leis­tungs­zen­trum ein­her ging. Das ei­gent­li­che Wachs­tum der Bon­ner In­dus­trie setz­te in den Grün­der­jah­ren und den Jahr­zehn­ten ab 1871 an - die Be­bau­ung der Bon­ner Süd­stadt lässt das noch heu­te er­ken­nen. In die­ser Zeit ent­stan­den in Bonn und Um­ge­bung grö­ße­re Un­ter­neh­men, so die Stein­gut­fa­bri­ken F. A. Meh­lem am Rhein und Lud­wig Wes­sel so­wie die Fir­ma Fried­rich So­enne­cken in Pop­pels­dorf. In die­sen Jah­ren des in­dus­tri­el­len Auf­stiegs wur­de auch die Bon­ner In­fra­struk­tur wei­ter aus­ge­baut.

1.2 Konstituierung

Je kom­ple­xer die re­gio­na­le Wirt­schafts­struk­tur wur­de und je mehr sie über den Rhein hin­weg mit an­gren­zen­den Städ­ten und Ge­mein­den zu­sam­men­wuchs, des­to grö­ßer wur­de das Be­dürf­nis der Un­ter­neh­mer, ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on zur ge­mein­sa­men In­ter­es­sen­ver­tre­tung zu schaf­fen. Seit 1845 gab es den „Han­dels- und Ge­wer­be­ver­ein zu Bon­n“, der sich seit den 1870er Jah­ren pla­ne­risch an der Aus­wei­tung der städ­ti­schen Leis­tungs­ver­wal­tung be­tei­lig­te. Doch der Im­puls zur Grün­dung ei­ner Han­dels­kam­mer war letzt­lich dem Be­dürf­nis nach Re­prä­sen­tanz und Ein­fluss­nah­me ein­zel­ner In­dus­tri­el­ler im spä­te­ren Kam­mer­be­zirk ge­schul­det. Der Kam­mer­be­zirk selbst soll­te ei­gen­stän­dig und nicht mit der Köl­ner IHK ver­knüpft sein, weil die­se stär­ker frei­händ­le­risch aus­ge­rich­tet war. 

Der Be­zirk der Bon­ner IHK um­fass­te bei der Grün­dung am 28.12.1891 die da­ma­li­gen Krei­se Bonn-Stadt, Bonn-Land, Berg­heimEus­kir­chen, Rhein­bach, Sieg­burg und Wald­bröl. Da­mit war sie ei­ne Flä­chen­kam­mer mit ei­ner he­te­ro­ge­nen Wirt­schafts­struk­tur, mit recht stark aus­ge­präg­ten in­dus­tri­el­len Ge­bie­ten und fast aus­schlie­ß­lich länd­lich struk­tu­rier­ten. Der ers­te Sitz der Kam­mer war in der Rhein­werft 23a (heu­te Fritz-Schrö­der-Ufer), bis die IHK 1900 in ein grö­ße­res Haus in die Schu­mann­stra­ße 4-6 um­zog. En­de 1891 ge­hör­ten 740 Bei­trags­zah­ler zur neu­en Kam­mer, 1892 wa­ren es be­reits 1.209; al­ler­dings do­mi­nier­ten in den Gre­mi­en In­dus­tri­el­le. Von An­fang an ge­hör­ten die Un­ter­stüt­zung der Mit­glieds­un­ter­neh­men bei der Aus­bil­dung so­wie beim Um­gang mit Be­hör­den und die Be­ra­tung der Le­gis­la­ti­ven so­wie Stel­lung­nah­men zu Ge­set­zes­vor­ha­ben aus al­len Be­rei­chen des wirt­schaft­li­chen Le­bens zu den wich­tigs­ten Auf­ga­ben der Kam­mer.

2. Geschichte der Kammer bis zu ihrer Auflösung 1943

Gründungsurkunde der IHK Bonn aus dem Jahr 1891. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

 

2.1 Entwicklung der IHK bis 1918

Die IHK för­der­te in den ers­ten Jah­ren ih­res Be­ste­hens die wirt­schaft­li­che In­fra­struk­tur be­zie­hungs­wei­se ge­stal­te­te mit der Er­rich­tung ver­schie­de­ner In­sti­tu­tio­nen die wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen in der Stadt. Kon­kret wa­ren dies die Er­rich­tun­gen von Reichs­bank­ne­ben­stel­len 1892 in Bonn und 1902 in Eus­kir­chen so­wie ei­ner Pa­tent­schrif­ten­aus­le­ge­stel­le 1893. Ei­ne Ver­tre­tung für Han­dels­sa­chen am Land­ge­richt kam 1894 hin­zu und 1896 ei­ne Zoll­ab­fer­ti­gungs­stel­le am Bon­ner Gü­ter­bahn­hof. Mit der Grün­dung ei­ner kauf­män­ni­schen Fort­bil­dungs­schu­le 1895, die gleich im ers­ten Jahr 15 Schü­ler un­ter­rich­te­te, zeig­te die IHK schon zu Be­ginn ih­rer Tä­tig­keit, dass sie Aus- und Wei­ter­bil­dung ei­nen ho­hen Stel­len­wert bei­maß.

Auch die Ver­kehrs­po­li­tik nahm die IHK in den Blick. Mit dem Vor­an­trei­ben ei­nes Brü­cken­baus zwi­schen Bonn und Beu­el war sie er­folg­reich: die Rhein­brü­cke, an de­ren Bau sich die Kam­mer fi­nan­zi­ell be­tei­lig­te, wur­de 1898 er­öff­net. Al­ler­dings schei­ter­te die IHK vor dem Ers­ten Welt­krieg bei dem Ver­such, die Stadt für den Aus­bau der Ha­fen­an­la­ge und de­ren An­bin­dung durch ei­nen Gleis­an­schluss zu ge­win­nen. Wäh­rend der Kriegs­jah­re über­nahm die IHK ei­ne Rei­he von Son­der­auf­ga­ben zur Wäh­rungs­sta­bi­li­sie­rung, gab bei­spiels­wei­se Not­geld­schei­ne her­aus und un­ter­strich da­mit ih­re Dop­pel­rol­le als re­gio­na­ler Wirt­schafts­in­ter­es­sent und Steue­rungs­in­stru­ment staat­li­cher Po­li­tik.

Notgeldschein zu 50 Pfenning der IHK von 1916. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

 

2.2 Zwischenkriegszeit

Die wirt­schaft­li­chen Un­ru­hen der Nach­kriegs­zeit be­kam die IHK un­mit­tel­bar zu spü­ren, ein­mal durch die fort­schrei­ten­de In­fla­ti­on, dann durch die Rhein­land­be­set­zung, die nicht zu­letzt den Wa­ren­ver­kehr er­schwer­te. Im Kon­flikt zwi­schen der IHK und den eng­li­schen Be­sat­zungs­be­hör­den wur­den 1923 der Ge­schäfts­füh­rer der IHK, Dr. Uhlitzsch, und sein Stell­ver­tre­ter Dr. Cro­me mit­samt ih­ren Fa­mi­li­en aus der Be­sat­zungs­zo­ne aus­ge­wie­sen und ins Rechts­rhei­ni­sche ver­bracht. 

Um Ei­nig­keit zu de­mons­trie­ren, grün­de­ten 23 Kam­mern un­ter der Füh­rung der Köl­ner Kam­mer 1919 die „Ver­ei­ni­gung der Han­dels­kam­mern des be­setz­ten Ge­bie­tes“. 1926 ent­stand ein wei­te­rer Ver­band: Aa­chen, Bonn, Idar, Ko­blenz, Köln, Mön­chen­glad­bach, Stol­berg und Trier schlos­sen sich zum „Ver­band links­rhei­ni­scher In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern“ zu­sam­men. Um sich wei­te­ren Köl­ner Ein­flus­ses zu er­weh­ren, be­gann die Bon­ner IHK En­de der 1920er Jah­re ih­re Ei­gen­stän­dig­keit ge­gen­über dem Köl­ner Kam­mer­be­zirk zu be­to­nen und kom­mu­ni­zier­te, bei­spiels­wei­se un­ter Ver­weis auf die lo­ka­le Stein­gut­in­dus­trie, deut­li­cher als zu­vor Al­lein­stel­lungs­merk­ma­le.

2.3 Gleichschaltung und Verlust der Selbstständigkeit

De­mo­kra­ti­sche Er­run­gen­schaft der Wei­ma­rer Zeit, wie bei­spiels­wei­se das Wahl­recht für Frau­en, das nun auch für die Wah­len bei In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern galt, wur­den durch die Ein­füh­rung des Füh­rer­prin­zips bei den Kam­mern 1934 rück­gän­gig ge­macht. Freie IHK-Wah­len gab es nicht mehr, son­dern die je­wei­li­gen IHK-Prä­si­den­ten und Gau­wirt­schafts­be­ra­ter der NS­DAP be­rie­fen die neu­en Mit­glie­der in die IHK-Prä­si­di­en. Seit 1934 un­ter­stan­den die IHKs der Reichs­auf­sicht und wur­den 1935 der Reichs­wirt­schafts­kam­mer un­ter­ge­ord­net. Seit 1943 wa­ren die Un­ter­neh­men des ehe­ma­li­gen Kam­mer­be­zirks der IHK Bonn ei­ner neu ge­bil­de­ten Gau­wirt­schafts­kam­mer Köln-Aa­chen un­ter­ge­ord­net. Da­mit war die Selbst­ver­wal­tung der Wirt­schaft auf­ge­ho­ben. 1934 ver­schmol­zen zu­dem die IHK Bonn und die IHK Köln. In der Bon­ner Ge­schäfts­stel­le in der Schu­mann­stra­ße blieb nur noch ei­ne Ein­zel­han­dels­ver­tre­tung der IHK Köln üb­rig be­zie­hungs­wei­se ab 1943 ei­ne Zweig­stel­le der Gau­wirt­schafts­kam­mer. Die für den Bon­ner Kam­mer­be­zirk zu­stän­di­ge IHK Köln war auch für Ari­sie­rungs­ver­fah­ren wäh­rend der NS-Zeit mit­ver­ant­wort­lich. 1944 quar­tier­te sich die Ver­wal­tung der Gau­wirt­schafts­kam­mer nach dem Ver­lust des Ge­bäu­des in Köln im Ge­bäu­de der ehe­ma­li­gen IHK Bonn ein.

3. Wiederbegründung 1945

Nach En­de des Zwei­ten Welt­kriegs streb­te man in Bonn schnell wie­der nach Ei­gen­stän­dig­keit. Die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung be­trau­te im Mai 1945 Dr. Her­mann Alef (1889-1966) mit der haupt­amt­li­chen Ge­schäfts­füh­rung der neu­en Dienst­stel­le der IHK Bonn. Alef war 1933 als Lei­ter des Bon­ner Ein­zel­han­dels­ver­ban­des und als Stadt­ver­ord­ne­ter der Zen­trums­par­tei ab­ge­setzt wor­den, war 1944 von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zeit­wei­se ins Ge­fäng­nis ge­bracht wor­den be­zie­hungs­wei­se in­ter­niert ge­we­sen und galt als po­li­tisch nicht vor­be­las­tet. Nach ei­ni­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der IHK Köln grün­de­te sich am 14.7.1945 ei­ne selbst­stän­di­ge IHK für die Krei­se Bonn Land und Bonn Stadt, die we­nig spä­ter auch die Krei­se Eus­kir­chen und Sieg auf­nah­men. Der Kreis Berg­heim fiel an den Kam­mer­be­zirk Köln. Die ver­mö­gens­recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der bei­den Kam­mern zo­gen sich noch bis 1951 hin. Die IHK Bonn nahm ih­re Ar­beit im Sep­tem­ber 1945 wie­der in der Schu­mann­stra­ße 4-6 auf. Un­mit­tel­bar da­nach stell­te sie selbst­stän­dig so­ge­nann­te „Han­dels­kam­mer­per­mit­s“ für Klein­be­trie­be mit we­ni­ger als 25 Mit­ar­bei­tern und ge­rin­gem En­er­gie­ver­brauch auf, da­mit die­se mit Er­laub­nis der Be­sat­zungs­be­hör­den wie­der hand­lungs­fä­hig wur­den. Am 15.4.1947 schlie­ß­lich fan­den die ers­ten de­mo­kra­ti­schen Kam­mer­wah­len ge­mäß dem vor 1933 gel­ten­den Kam­mer­recht statt.

4. Wirtschaft der Hauptstadtregion und ihre Kammervertretung 1949-1991

4.1 Strukturveränderungen bis 1976

Bonn als Stadt von Ren­tiers und Uni­ver­si­tät knüpf­te nach der Ver­ab­schie­dung des Grund­ge­set­zes 1949 zu­min­dest his­to­risch be­trach­tet an Re­si­denz­zei­ten an. Nach dem Krieg lag ein Schwer­punkt des Bon­ner Ar­beits­mark­tes durch die An­for­de­run­gen von Uni­ver­si­tät und Mit­tel­be­hör­den auf Ar­beits­plät­zen mit kul­tu­rell-ad­mi­nis­tra­ti­ver Prä­gung. Die­ser Trend wur­de durch die An­sied­lung der Bun­des­re­gie­rung und zahl­rei­cher Ver­bän­de wei­ter ver­stärkt und wirk­te sich auch auf das Um­land aus, in­dem ganz neue Ge­wer­be­zwei­ge ent­stan­den, so auch der „Po­lit­tou­ris­mus“. Nach wie vor war der Kam­mer­be­zirk he­te­ro­gen mit haupt­säch­lich länd­li­cher Prä­gung im Sieg­kreis und In­dus­trie­zen­tren zwi­schen Bonn, Trois­dorf und Sieg­burg. 

Das Tä­tig­keits­pro­fil der IHK Bonn ver­än­der­te sich nicht nur durch Funk­ti­on Bonns als Bun­des­haupt­stadt. Recht­lich wur­den die bun­des­deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern 1956 mit dem IHK-Ge­setz auf ei­ne si­che­re und erst­mals bun­des­weit ein­heit­li­che Ba­sis ge­stellt. Die ge­setz­lich fest­ge­leg­te Mit­glied­schaft der Un­ter­neh­men in der IHK wur­de 1962 vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­stä­tigt, wo­mit sich neue Be­tä­ti­gungs­fel­der er­öff­ne­ten. Das Aus­kunfts­we­sen wur­de um Be­ra­tungs­diens­te er­gänzt und die Zahl der staat­lich de­le­gier­ten Ver­wal­tungs­auf­ga­ben nahm zu. Bei­spiels­wei­se wur­den mit dem Be­rufs­bil­dungs­ge­setz von 1969 aus den bis da­hin von Kam­mern frei­wil­lig über­nom­me­nen Auf­ga­ben auf dem Ge­biet des Prü­fungs­we­sens ho­heit­li­che ge­macht. Mit wach­sen­der Auf­ga­ben­fül­le wuchs auch die Zahl der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der IHK Bonn, was schlie­ß­lich 1961 ei­nen Um­zug der IHK Bonn aus der Schu­mann­stra­ße an den Bon­ner Tal­weg 17/ Ecke Kö­nig­stra­ße nach sich zog.

Heinrich Crome, Porträtbild, undatiert. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

 

4.2 Neuordnung des Kammerbezirks 1977

Von 1956 bis 1977 ver­rin­ger­te sich die Zahl der bun­des­deut­schen Kam­mern von 81 auf 69, wo­mit auch die Dis­kus­si­on um ei­ne Ver­schmel­zung der Bon­ner mit der Köl­ner IHK neu be­lebt wur­de. Die Bon­ner wehr­ten sie mit Hin­weis auf die Haupt­stadt­funk­ti­on Bonns und den dar­aus re­sul­tie­ren­den Be­son­der­hei­ten ab. Per Mi­nis­te­ri­al­be­schluss ver­lor die IHK Bonn al­ler­dings 1977 den Kreis Eus­kir­chen, der, um die Grenz­re­gi­on zu stär­ken, der IHK Aa­chen zu­fiel. Mit die­ser Neu­ord­nung, bei der zu­gleich die durch die Kom­mu­na­le Ge­biets­re­form ent­stan­de­ne Stadt Erft­stadt der IHK Köln zu­ge­teilt wur­de, er­hielt der Kam­mer­be­zirk Bonn sei­ne heu­ti­ge Ge­stalt und Grö­ße mit ei­ner Aus­deh­nung von 1.300 Qua­drat­ki­lo­me­tern und den 19 Städ­ten und Ge­mein­den des Bonn um­ge­ben­den Rhein-Sieg-Krei­ses. Erst 1998 wur­de der geo­gra­phi­schen Si­tua­ti­on auch ver­bal Rech­nung ge­tra­gen und der Na­me der „IHK Bon­n“ um­ge­wan­delt in „IHK Bonn/Rhein-Sie­g“.

Die Ab­tren­nung des Krei­ses Eus­kir­chen 1977 be­deu­te­te ei­nen Ver­lust von zwölf Pro­zent des Bei­trags­auf­kom­mens, was ei­nen ent­spre­chen­den Stel­len­ab­bau in­ner­halb der IHK zur Fol­ge hat­te. Auch die Voll­ver­samm­lung re­du­zier­te sich vor­rü­ber­ge­hend. Zö­ger­li­cher hin­ge­gen re­agier­te die Selbst­ver­wal­tung der Wirt­schaft auf ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen: 1980 wur­de Ma­ri­an­ne Krings (1925-2012; Fritz Ku­chen­meis­ter AG Sieg­burg) als ers­te Frau Mit­glied der Voll­ver­samm­lung. 2015 war der An­teil der weib­li­chen Mit­glie­der der IHK-Voll­ver­samm­lung auf 16 Pro­zent ge­stie­gen.

4.3 Beginn des Strukturwandels am Ende der 1980er Jahre

In den 1970er Jah­ren er­griff ein Trend zur De­indus­tria­li­sie­rung die Re­gi­on, auch ei­ne Fol­ge der Haupt­stadt­funk­ti­on. Rhein­bach und Me­cken­heim wur­den im­mer mehr zu „Schlaf­städ­ten“ für Bon­ner Bun­des­be­diens­te­te. Ei­ne Aus­deh­nung von Be­trie­ben der ge­werb­li­chen Wirt­schaft wur­de im­mer schwie­ri­ger, zu­mal frei­wer­den­de ge­werb­lich ge­nutz­te Ge­län­de im Bon­ner Stadt­ge­biet häu­fig um­ge­wid­met und um­ge­nutzt wur­den. Die Stadt Bonn sah die­sen Trend mit zu­neh­men­der Sor­ge und ver­such­te seit En­de der 1970er Jah­re, mit der Er­schlie­ßung von neu­en Ge­wer­be­ge­bie­ten ent­spre­chend ge­gen­zu­steu­ern.

Gebietsenwicklung der Industrie- und Handelskammern im Rheinland von 1871-1980, aus dem geschichtlichen Atlas der Rheinlande, 2008. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)

 

Auch die IHK Bonn be­müh­te sich ver­stärkt um ei­nen Struk­tur­wan­del. In ei­nem in ih­rem Auf­trag 1986 vor­ge­leg­ten Gut­ach­ten über die Wirt­schafts­re­gi­on Bonn stell­ten die Wirt­schafts­wei­sen Horst Al­bach (ge­bo­ren 1931) und Her­bert Hax (1933-2005) vom In­sti­tut für Mit­tel­stands­for­schung in Bonn fest, dass sich die Wirt­schaft im Kam­mer­be­zirk im Ver­gleich zu Nord­rhein-West­fa­len und dem Bun­des­ge­biet in den ver­gan­ge­nen Jah­ren über­durch­schnitt­lich güns­tig ent­wi­ckelt hat­te. Die re­gie­rungs­be­ding­te star­ke Dienst­leis­tungs­ori­en­tie­rung der Re­gi­on so­wie gu­te Stand­ort­be­din­gun­gen er­mög­lich­ten al­len Wirt­schafts­ge­bie­ten ein Wachs­tum. Weil aber die Aus­gangs­po­si­ti­on für die wei­te­ren Jah­ren nicht güns­ti­ger war als an­dern­orts, ver­ab­schie­de­te die Voll­ver­samm­lung der IHK ei­nen Hand­lungs­rah­men – noch be­vor die Fra­ge des Haupt­stadt­wech­sels die ge­sell­schafts- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen be­stimm­ten. Der Struk­tur­wan­del nach dem Haupt­stadt­be­schluss ge­lang aber nicht zu­letzt des­halb, weil sich in der Re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg schon in der zwei­ten Hälf­te der 1980er Jah­re ein Be­wusst­sein für ei­nen ge­mein­sa­men Wirt­schafts­raum ent­wi­ckelt hat­te. Zu dem ver­ab­schie­de­ten Hand­lungs­rah­men, der sich aus dem Al­bach-Gut­ach­ten von 1986 er­gab, zähl­ten er­folg­rei­che Be­mü­hun­gen um ei­ne ge­mein­sa­me Wirt­schafts­för­de­rung für die Haupt­stadt und den um­lie­gen­den Kreis. Wich­ti­ge The­men wur­de die Be­rei­che Ge­wer­be­flä­chen und Um­welt­schutz­po­li­tik, In­for­ma­ti­ons- und Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men für Un­ter­neh­men und Ar­beits­kräf­te, re­gio­na­le Tech­no­lo­gie­trans­fers und In­no­va­ti­ons­för­de­rung, Ex­port­för­de­rung, Re­al­steu­er­po­li­tik so­wie Maß­nah­men zur För­de­rung der Ver­kehrs­in­fra­struk­tur und Ver­kehrs­an­bin­dung. Be­reits 1986 gab es Über­le­gun­gen, die Hoch­schul­land­schaft aus­zu­bau­en. Au­ßer­dem wur­de En­de der 1980er Jah­re mit der Ent­wick­lung der Mo­bil­funk­tech­nik und der Pri­va­ti­sie­rung von Post und Te­le­kom der Grund­stein für zu­künf­ti­ge Dax-Un­ter­neh­men in Bonn ge­legt. Da­mit ka­men zug­kräf­ti­ge Un­ter­neh­men aus dem Dienst­leis­tungs­sek­tor als neue Mit­glie­der zur IHK Bonn.

5. Die IHK - von der "Behörde" zur Dienstleisterin der Wirtschaft

5.1 Regierungsumzug und Ausgleichsmaßnahmen

Im Zu­ge der Wie­der­ver­ei­ni­gung von Bun­des­re­pu­blik und DDR 1990 wur­de kon­tro­vers und ins­be­son­de­re von Ver­tre­tern der Bon­ner Wirt­schaft auch emo­tio­nal die Fra­ge nach dem zu­künf­ti­gen Re­gie­rungs­sitz dis­ku­tiert. Die IHK Bonn stell­te sich hin­ter ei­ne Ge­mein­schafts­in­itia­ti­ve der Wirt­schaft in der Re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg und über­nahm die Ko­or­di­nie­rungs­funk­ti­on der Kam­pa­gne „Ja zu Bon­n“. Doch der Haupt­stadt­be­schluss fiel am 20.6.1991 zu­guns­ten von Ber­lin aus, wes­halb ein Struk­tur­wan­del für Bonn und die Re­gi­on zwin­gend wur­de. 

In die­se Zeit des Um­bruchs fiel im Ok­to­ber 1991 auch das 100-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der IHK, bei dem sich Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl (ge­bo­ren 1930, Bun­des­kanz­ler 1982-1998) für ein ei­ge­nes Bonn-Ber­lin-Ge­setz aus­sprach, um den Haupt­stadt­wech­sel ab­zu­si­chern. Ei­ne ech­te Struk­tur­kri­se, wie von der IHK 1991 pro­gnos­ti­ziert, setz­te nicht zu­letzt des­halb nie ein. Zu­dem pass­te sich die mit­tel­stän­di­sche Wirt­schaft im Kam­mer­be­zirk fle­xi­bel an die Struk­tur­ver­än­de­run­gen an, trieb In­no­va­tio­nen vor­an und schaff­te neue, kon­kur­renz­fä­hi­ge Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se. Nicht al­le IHK-Mit­glie­der hat­ten die Mei­nung ge­teilt, dass es bes­ser sei, wenn Bonn Haupt­stadt blie­be. 

Die IHK selbst grün­de­te meh­re­re Gre­mi­en oder war an neu­en In­sti­tu­tio­nen be­tei­ligt, wel­che zum Zwe­cke der re­gio­na­len Wirt­schafts­för­de­rung nach dem Haupt­stadt­be­schluss ent­stan­den. Als Bei­spie­le sei­en der IHK-Aus­schuss für Tou­ris­mus und Kul­tur ge­nannt oder die von 1992 bis 2003 exis­tie­ren­de Struk­tur­för­der­ge­sell­schaft für die Re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg/Ahr­wei­ler, in de­ren Auf­sichts­rat die IHK mit­wirk­te. Au­ßer­dem nahm die IHK Bonn im Rah­men des Wie­der­ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses auch Auf­ga­ben au­ßer­halb der Re­gi­on wahr, be­riet Un­ter­neh­men, die sich in den neu­en Bun­des­län­dern an­sie­deln woll­ten und un­ter­stütz­te den Auf­bau der un­ter­neh­me­ri­schen Selbst­ver­wal­tung in Pots­dam, Cott­bus und Frank­furt an der Oder.

Am 29.6.1994 wur­de die „Ver­ein­ba­rung über die Aus­gleichs­maß­nah­men für die Re­gi­on Bon­n“ be­schlos­sen; die Bun­des­re­gie­rung stell­te für die Jah­re 1995 bis 2004 ins­ge­samt 2,8 Mil­li­ar­den DM als Kom­pen­sa­ti­on für die Fol­gen des Ver­lus­tes des Sit­zes von Par­la­ment und Re­gie­rung zur Ver­fü­gung. Die IHK Bonn hielt sich zu­gu­te, in den Ver­hand­lun­gen für die In­ter­es­sen der ge­sam­ten Re­gi­on agiert zu ha­ben. Mit­hil­fe ei­nes „Fünf-Säu­len-Mo­dell­s“ be­sann sich die Re­gi­on auf ih­re Stär­ken und de­fi­nier­te, in wel­che fünf Be­rei­che die Aus­gleichs­zah­lun­gen flie­ßen soll­ten. Städ­te und Ge­mein­den und mit ih­nen ent­spre­chend auch die Wirt­schafts­för­de­run­gen mit der IHK de­fi­nier­ten fol­gen­de fünf Be­rei­che: Bonn als Bun­des­stadt und Erst­dienst­sitz von sechs Mi­nis­te­ri­en, Wis­sen­schaft, zu­kunfts­ori­en­tier­te Wirt­schafts­struk­tur, Re­gi­on als Kul­tur- und Tou­ris­mus­stand­ort so­wie In­ter­na­tio­na­li­tät.

Zur Kom­pen­sa­ti­on der Ver­lus­te von ins­ge­samt 22.700 weg­fal­len­den Ar­beits­plät­zen in den Mi­nis­te­ri­en, im Deut­schen Bun­des­tag, in den Frak­tio­nen, Be­hör­den, Ver­bän­den und Bot­schaf­ten wur­de 1994 die An­sied­lung von 25 neu­en Staats­ein­rich­tun­gen und Be­hör­den ver­ein­bart. Au­ßer­dem kon­zen­trier­te sich die Stadt dar­auf, städ­te­bau­li­che Ak­zen­te im ehe­ma­li­gen Re­gie­rungs­vier­tel und am Bon­ner Bo­gen zu set­zen. Es fehl­te al­ler­dings der po­li­ti­sche Kon­sens und Durch­set­zungs­wil­le, wei­te­re städ­te­bau­li­che Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und um­zu­set­zen, et­wa am Bahn­hofs­vor­platz, im Vik­to­ria­kar­ree oder beim The­ma Fest­spiel­haus. Des­halb war die IHK stets be­müht, im In­ter­es­se der Wirt­schaft im Ka­non der städ­ti­schen In­ter­es­sen ver­tre­ten zu sein und klar Po­si­ti­on zu be­zie­hen. Ei­nem mög­li­chen „Rutsch­bahn-Ef­fek­t“ ei­nes Kom­plett­um­zu­ges der Mi­nis­te­ri­en hält die Re­gi­on bis­her Stand. 2012 ent­wi­ckel­ten ins­ge­samt 60 Ver­tre­ter der Stadt­ge­sell­schaft, un­ter ih­nen die IHK, zwei Stra­te­gie­pa­pie­re für die zu­künf­ti­ge Aus­rich­tung der Wirt­schaft in der Re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg.

Durch den Haupt­stadt­be­schluss nahm auch die Dich­te und Dy­na­mik der Ent­wick­lung von Wis­sen­schafts- und For­schungs­ein­rich­tun­gen deut­lich zu. Vor al­lem die Er­rich­tung der Hoch­schu­le Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS), die von der Wirt­schafts­för­de­rung des Rhein-Sieg-Krei­ses schon 1986 be­für­wor­tet wor­den war, hielt auch die IHK für ein wich­ti­ges Si­gnal, weil sie hier­in ei­nen en­gen Zu­sam­men­hang mit ei­ner zu­kunfts­ori­en­tier­ten Wirt­schafts­struk­tur sah. Schon in den 1980er Jah­ren hat­te die IHK be­gon­nen, Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trä­ge mit Hoch­schu­le nicht nur im ei­ge­nen Kam­mer­be­zirk zu schlie­ßen, bei­spiels­wei­se be­reits 1985 mit der RWTH Aa­chen, 1987 auch mit der Uni­ver­si­tät Bonn, die suk­zes­si­ve er­neu­ert und ver­län­gert wur­den. Ziel war es, vor­han­de­ne Tech­no­lo­gie- und Wei­ter­bil­dungs­po­ten­zia­le für die Wirt­schaft zu nut­zen und den In­sti­tu­tio­nen Zu­gang zur an­wen­dungs­ori­en­tier­ten Um­set­zung wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis­se in der In­dus­trie zu er­leich­tern. Seit 2011 pflegt die IHK Bonn/Rhein-Sieg die Zu­sam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen (Uni­ver­si­tät, H-BRS, In­ter­na­tio­na­le Hoch­schu­le Bad Hon­nef, Ala­nus Hoch­schu­le) noch kon­ti­nu­ier­li­cher. Sie hat da­zu ein ei­ge­nes In­ter­net­por­tal „Wirt­schaft trifft Wis­sen­schaf­t“ auf­ge­baut, or­ga­ni­siert Ver­an­stal­tun­gen und Netz­werkaben­de, leg­te 2015 erst­mals ei­ne „In­no­va­tions- und Wis­sens­bi­lan­z“ für die Re­gi­on vor und hat die Ko­ope­ra­ti­on von Wirt­schaft und Wis­sen­schaft fest in ih­ren wirt­schafts­po­li­ti­schen Po­si­tio­nen ver­an­kert. Grün­de da­für sind nicht zu­letzt, dem Fach­kräf­te­man­gel der Wirt­schaft ent­ge­gen­zu­wir­ken so­wie die In­no­va­ti­ons­fä­hig­keit der Re­gi­on zu stär­ken.

Die IHK kon­zen­trier­te sich seit 1991 auch auf den drit­ten As­pekt des Fünf-Säu­len-Mo­dells, auf die zu­kunfts­ori­en­tier­te Wirt­schafts­struk­tur und da­mit auf ei­nes ih­rer Kern­the­men. Das Pro­blem zu ge­rin­ger Ge­wer­be­flä­chen war durch den Haupt­stadt­be­schluss nicht ge­löst, die Ko­ope­ra­tio­nen in­ner­halb des Kam­mer­ge­bie­tes wa­ren je­doch ver­bes­sert wor­den. Die IHK be­gann En­de der 1990er Jah­re in grö­ße­ren Ko­ope­ra­ti­ons­ein­hei­ten zu den­ken, nicht nur in­ner­halb des ei­ge­nen Kam­mer­be­zirks. So schlos­sen sich 2008 die IHKs Aa­chen, Bonn/Rhein-Sieg, Düs­sel­dorf, Köln, Mitt­le­rer Nie­der­rhein und So­lin­gen-Rem­scheid zur „IHK-In­itia­ti­ve Rhein­lan­d“ zu­sam­men mit dem Ziel, die Wirt­schaft zu stär­ken und die Wirt­schafts­re­gi­on wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg und un­ter­stützt auch die Idee ei­ner „Me­tro­pol­re­gi­on Rhein­lan­d“, um In­dus­trie­zwei­ge über Stadt- und Kam­mer­be­zirks­gren­zen hin­weg zu stär­ken. Bonn/Rhein-Sieg be­zeich­ne­te sich da­bei bei­spiels­wei­se als his­to­risch ge­wach­se­nes Kunst­stoff­kom­pe­tenz­zen­trum mit mehr als 200 Un­ter­neh­men in­ner­halb die­ser In­dus­trie­spar­te. Tra­di­tio­nell stark war auch die Le­bens­mit­tel­in­dus­trie der Re­gi­on. Au­ßer­dem kam dem Quar­t­är­sek­tor, un­ter dem be­ra­ten­de Be­ru­fe eben­so wie IT-Dienst­leis­tun­gen, Hoch- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie ge­fasst wer­den, ei­ne im­mer grö­ße­re Be­deu­tung zu. Vor al­lem die An­sied­lung von DAX-Un­ter­neh­men Te­le­kom, Post und Post­bank war für die IHK von au­ßer­or­dent­li­cher Be­deu­tung. Po­si­tiv ent­wi­ckel­te sich in den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren auch der Ge­sund­heits­sek­tor als ei­ge­ner Wirt­schafts­zweig.

Das Ho­tel- und Gast­stät­ten­ge­wer­be als ein be­son­ders aus­ge­präg­ter Teil des Ter­ti­är­sek­tors zu Haupt­stadt­zei­ten be­kam die Aus­wir­kun­gen des Re­gie­rungs­um­zu­ges be­son­ders deut­lich zu spü­ren. Der „Po­lit­tou­ris­mus“ brach in­ner­halb kür­zes­ter Zeit weg und muss­te durch die Ge­win­nung neu­er Kun­den­krei­se kom­pen­siert wer­den. Das ge­lang, nicht zu­letzt auf­grund der re­la­tiv ho­hen Kauf­kraft in der Re­gi­on, vor al­lem aber, weil die Stadt Bonn zu ei­nem in­ter­na­tio­na­len Zen­trum und als Ver­an­stal­tungs­ort für Kon­gres­se so­wie den Städ­te- und Kul­tur­tou­ris­mus kräf­tig aus­ge­baut wur­de. Um die Tou­ris­mus­re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg/Ahr­wei­ler zu stär­ken, grün­de­te sich 1996 im Rah­men der Aus­gleichs­maß­nah­men die Tou­ris­mus & Con­gress GmbH Re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg/Ahr­wei­ler (T&C). Die IHK ist seit­her an­tei­lig als Ge­sell­schaf­te­rin ver­tre­ten und nimmt durch ih­re Mit­glied­schaft im Auf­sichts­rat der T&C Ein­fluss auf Struk­tur, Fi­nanz­aus­stat­tung und in­halt­li­che Auf­ga­ben­stel­lung die­ser zen­tra­len Ver­mark­tungs­ge­sell­schaft. Nicht nur der Tou­ris­mus spielt ei­ne Rol­le im Wirt­schafts­le­ben. Auch die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft ent­wi­ckel­te mit über 5.500 Un­ter­neh­men ei­ne Sog­wir­kung. Die Bran­che stand da­mit im Jahr 2015 für fast zehn Pro­zent der cir­ca 57.000 Mit­glieds­un­ter­neh­men der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Aus kul­tur- und tou­ris­mus­po­li­ti­schen Grün­den un­ter­stütz­te die IHK in­ten­siv das Vor­ha­ben ei­nes Fest­spiel­hau­ses, das als Pro­jekt 2015 schei­ter­te, und ver­steht sich nach wie vor als För­de­rin der „Mar­ke Beet­ho­ven“ zu­guns­ten von Stadt und Re­gi­on.

Fünf­tens schlie­ß­lich wur­de der Ge­dan­ke ver­folgt, Bonn zu ei­ner in­ter­na­tio­na­len Stadt aus­zu­bau­en, da sich die Stadt als ge­eig­ne­ter und er­fah­re­ner Stand­ort in­ter­na­tio­na­ler Zu­sam­men­ar­beit er­wie­sen hat­te. Seit sich Bonn of­fi­zi­ell UN-Stadt nen­nen darf - seit 1996 -, ha­ben sich zahl­rei­che NGOs (non-go­vern­men­tal or­gan­si­sa­ti­on = Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen) und UN-In­sti­tu­tio­nen an­ge­sie­delt. Das Be­wusst­sein da­für, dass die Ver­ein­ten Na­tio­nen nicht nur mit Be­grif­fen wie Welt­frie­den und Men­schen­rech­te gleich­zu­set­zen sind, son­dern auch als Ver­an­stal­ter, Auf­trag­ge­ber und Ge­schäfts­part­ner ei­ne Fül­le von Mög­lich­kei­ten für die deut­sche und re­gio­na­le Wirt­schaft bie­ten, ent­wi­ckelt sich seit­dem. Aus­lands­han­dels­kam­mern bie­ten Se­mi­na­re an, um in­ter­es­sier­te Un­ter­neh­men mit UN-Aus­schrei­bun­gen ver­traut zu ma­chen. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg un­ter­stützt da­bei als Kam­mer vor Ort und ver­mit­telt neue An­satz­punk­te zur Er­wei­te­rung von Au­ßen­han­dels­ge­schäf­ten. Sie ko­ope­riert bei­spiels­wei­se mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ), wenn es um die Markt­er­schlie­ßung in Ent­wick­lungs- und Schwel­len­län­dern geht.

5.2 Die IHK als Dienstleistungs- und Informationsquelle für Mitglieder

Die IHK ver­stand sich ab den 1990er Jah­ren zu­neh­mend als Dienst­leis­tungs­in­sti­tu­ti­on für ih­re Mit­glie­der, ins­be­son­de­re nach­dem im De­zem­ber 2001 das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, wie schon 1968 und 1992, die ge­setz­li­che Mit­glied­schaft der Un­ter­neh­men in der IHK und de­ren Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät be­stä­tigt hat­te. Haupt­ge­schäfts­füh­rer Mi­cha­el Swo­bo­da (1998-2011) war of­fen für ei­ne mo­dera­te Mo­der­ni­sie­rung der Kam­mer; un­ter sei­ner Füh­rung be­gann ei­ne neue Ära. 1998 än­der­te die IHK Bonn zu­nächst ih­ren Na­men um in IHK Bonn/Rhein-Sieg. In Fol­ge des Um­zugs­be­schlus­ses war es zu ei­nem neu­en, in­ter­kom­mu­na­len „Wir-Ge­fühl“ ge­kom­men, dem die IHK mit der Na­mens­än­de­rung Aus­druck ver­lieh. 

Nach ei­ner Be­darfs­ana­ly­se er­rich­te­te sie 1999 au­ßer­dem erst­mals ein Ser­vice-Cen­ter im Ein­gangs­be­reich der Kam­mer ein. Schwer­punk­te im Dienst­leis­tungs­an­ge­bot des Ser­vice-Cen­ters wa­ren und sind noch heu­te Fir­men­aus­künf­te so­wie An­fra­gen aus dem Be­reich der Au­ßen­wirt­schaft. Von be­son­de­rer Be­deu­tung für die re­gio­na­le Wirt­schaft wa­ren seit den 1990er Jah­ren auch die jähr­li­chen Ge­sprä­che mit den Käm­me­rern der Stadt Bonn und der kreis­an­ge­hö­ri­gen Ge­mein­den und Städ­ten so­wie die Stel­lung­nah­men zu kom­mu­na­len Haus­hal­ten, die häu­fig zu ei­ner Re­du­zie­rung der Ge­wer­be­steu­er-He­be­sät­ze bei­tru­gen.

Mo­der­ner und in­ten­si­ver wur­de seit den 1990er Jah­ren auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen IHK, ih­ren Mit­glie­dern und der Öf­fent­lich­keit. Seit 1946 er­schie­nen ers­te „Rund­schrei­ben“. Die ers­te „mo­der­ne“ Aus­ga­be der Kam­mer­zeit­schrift „Die Wirt­schaf­t“, die sich in­halt­lich und äu­ßer­lich von die­ser vor­he­ri­gen Form ei­nes Amts­blat­tes eman­zi­pier­te, er­schien 1981 und er­fuhr seit­her meh­re­re Re­laun­ches. Sie wird mit ei­ner Auf­la­ge von cir­ca 43.000 Ex­em­pla­ren zehn­mal jähr­lich kos­ten­frei an Mit­glie­der aus­ge­lie­fert. Mit In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, cir­ca 200 PR-Mit­tei­lun­gen im Jahr und ei­nem brei­ten on­line-An­ge­bot seit 1998, bei­spiels­wei­se ei­nem in der IHK-Land­schaft ein­zig­ar­ti­gen Un­ter­neh­men­spor­tal oder ei­ner Exis­tenz­grün­der­bör­se, hat sich die IHK den Le­bens- und In­for­ma­ti­ons­ge­wohn­hei­ten der Ver­brau­cher an­ge­passt. Stär­ker kom­mu­ni­ziert wird auch sei­tens der IHK-an­ge­schlos­se­nen Netz­wer­ken, des 1982 ge­grün­de­ten In­dus­trie- und Han­del­s­clubs so­wie der Wirt­schafts­ju­nio­ren. Hier­in wer­den ge­sell­schaft­li­che und be­ruf­li­che Kon­tak­te ge­pflegt und über wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge in­for­miert. Ak­zen­te setzt die IHK ins­be­son­de­re beim The­ma Exis­tenz­grün­dung, Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge und Aus­bil­dung mit An­ge­bo­ten für Mit­glie­der und die gro­ße Zahl der in der IHK eh­ren­amt­lich Tä­ti­gen. Netz­werk­ver­an­stal­tun­gen wie die „Ide­en­bör­se“, der „Ide­en­mark­t“, das Netz­werk „40 plus“ für äl­te­re Exis­tenz­grün­der prä­sen­tie­ren ein krea­ti­ves Po­ten­ti­al und sind zu­gleich ein An­zei­chen für den de­mo­gra­fi­schen Wan­del, der auch die Wirt­schaft be­trifft. In Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren IHKs ent­stand 2014 ein „IHK-Not­fall-Hand­buch“, nach­dem laut ei­ner Um­fra­ge die Hälf­te der Un­ter­neh­men nicht auf Not­fäl­le in der Un­ter­neh­mens­füh­rung, bei­spiels­wei­se bei ei­nem To­des­fall, vor­be­rei­tet wa­ren.

2006 war für die IHK ein wich­ti­ges Jahr: Sie wech­sel­te von der Ka­me­ra­lis­tik zur Dop­pel­ten Buch­füh­rung und konn­te durch die­sen Schritt in der Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung erst­mals ei­ne Bi­lanz vor­le­gen.

Ab­seits die­ser öf­fent­lich sicht­ba­ren und frei zu ge­stal­ten­den The­men über­nahm die IHK auch Kern­auf­ga­ben in der Ru­brik Recht und Steu­ern, wo der Be­ra­tungs­be­darf im Lau­fe der Jah­re durch die wach­sen­de Zahl der Ge­set­ze kon­ti­nu­ier­lich ge­stie­gen ist. Die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Un­ter­stüt­zung der Han­dels­re­gis­ter­ge­rich­te bei der Be­ur­tei­lung von Fir­men­grün­dun­gen er­for­dert ei­nen en­gen Kon­takt zu Fir­men­grün­dern, No­ta­ren und Re­gis­ter­ge­rich­ten. Über Jahr­zehn­te hin­weg wa­ren die Ver­öf­fent­li­chun­gen der Ein­tra­gun­gen ins Han­dels­re­gis­ter wich­ti­ger Be­stand­teil der Mo­nats­zeit­schrift „Die Wirt­schaf­t“. Seit Fe­bru­ar 2009 wer­den die Han­dels­re­gis­ter­ein­trä­ge aus­schlie­ß­lich auf der In­ter­net­sei­te der Kam­mer pu­bli­ziert. Ein wei­te­res Auf­ga­ben­ge­biet der Rechts­ab­tei­lung ist die Prü­fung, Zu­las­sung und Be­stel­lung von Sach­ver­stän­di­gen so­wie Stel­lung­nah­men der IHK bei Ge­wer­be­un­ter­las­sun­gen. 

Durch die früh­zei­ti­ge ge­gen­sei­ti­ge In­for­ma­ti­on und Be­schäf­ti­gung mit ak­tu­el­len Rechts­än­de­run­gen be­steht seit vie­len Jah­ren ein en­ger per­sön­li­cher Kon­takt zu der re­gio­na­len Fi­nanz­ver­wal­tung, den Ord­nungs­äm­tern der Kom­mu­nen, der Jus­tiz so­wie zu den Steu­er­be­ra­tern und de­ren Ver­bän­den. Die IHK ver­steht sich des­halb als Ver­mitt­le­rin zwi­schen Un­ter­neh­men und Ex­per­ten. Aus­druck die­ses Aus­tau­sches sind zahl­rei­che Ko­ope­ra­tio­nen der IHK mit Bon­ner Ver­bän­den und In­sti­tu­tio­nen. 2008 wur­de die IHK bei­spiels­wei­se Mit­glied im Bon­ner Rat für Kri­mi­nal­prä­ven­ti­on, ei­nem kom­mu­na­len Bünd­nis für Si­cher­heit. Au­ßer­dem tra­gen zahl­rei­che Schlich­tungs­stel­len da­zu bei, dass Un­ter­neh­men Strei­tig­kei­ten mit Kun­den, Mit­ge­sell­schaf­tern und Mit­be­wer­bern au­ßer­ge­richt­lich und kos­ten­güns­tig bei­le­gen kön­nen. 

5.3 Die IHK als Bildungsträgerin

Schon in den 1980er Jah­ren be­klag­ten Be­trie­be im Kam­mer­be­zirk ei­nen Fach­kräf­te­man­gel, der für die Un­ter­neh­men zwar ei­ner­seits ne­ga­tiv war, an­de­rer­seits aber auch auf ei­ne aus­ge­präg­te Wachs­tums- und po­si­ti­ve Zu­kunfts­ori­en­tie­rung hin­deu­te­te. Auch die ho­he Aus­bil­dungs­quo­te im Kam­mer­be­zirk war ein Qua­li­täts­merk­mal. Drei Bil­dungs­ein­rich­tun­gen der IHK Bonn/Rhein-Sieg ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten als un­ver­zicht­ba­re Be­stand­tei­le der bei den Kam­mern tra­di­tio­nell und ge­setz­lich ver­an­ker­ten Aus- und Wei­ter­bil­dung eta­bliert: Die In­dus­trie­meis­ter­schu­le (IMS), die 1964 in Trois­dorf als Zweck­ver­band ge­grün­det wur­de und für gro­ße In­dus­trie­be­trie­be im Städ­te­drei­eck Bonn, Trois­dorf und Sieg­burg seit die­ser Zeit an ei­ne un­ver­zicht­ba­re Schmie­de für Fach­kräf­te mit ei­nem über den Kam­mer­be­zirk hin­aus­ge­hen­den Ruf dar­stell­te. Der Ab­schluss des In­dus­trie­meis­ters ist mit dem Ab­schluss des Ba­che­lors gleich­wer­tig, so­dass sich In­dus­trie­meis­ter und Hoch­schul­ab­sol­ven­ten auf Au­gen­hö­he be­geg­nen.

Zwei­tens ge­hört seit 1964 die Ge­mein­schafts­lehr­werk­statt (GLW) zu den von der IHK ge­tra­ge­nen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen, ei­ne Ein­rich­tung zur über­be­trieb­li­chen Aus­bil­dung in me­tall- und elek­tro­tech­ni­schen Be­ru­fen, die als ge­mein­nüt­zi­ger Ver­ein von meh­re­ren Un­ter­neh­men so­wie der IHK ge­tra­gen wird. Die stei­gen­de Nach­fra­ge nach über­be­trieb­li­chen Aus­bil­dungs­plät­zen in ge­werb­lich-tech­ni­schen Be­reich führ­te in den Jah­ren 1984 bis 1986 zu ei­ner Er­wei­te­rung der Ge­mein­schafts­lehr­werk­statt in Sieg­burg, wo er­heb­lich in den Ma­schi­nen­park in­ves­tiert wur­de, zu­letzt in den Jah­ren 2010 bis 2012. 

(Wei­ter-)Bil­dung wur­de für die IHK zu ei­nem im­mer wich­ti­ge­ren Stand­ort­fak­tor. Des­halb ent­schloss sich die IHK 1987 zur Ein­rich­tung ei­ner ei­ge­nen IHK-Wei­ter­bil­dungs­ge­sell­schaft (WBG), die zu­nächst im Brü­cken­fo­rum in Beu­el un­ter dem Na­men „IHK-Bil­dungs-Zen­trum“ ih­ren Be­trieb auf­nahm. Bot die WBG 1988 noch 97 Lehr­gän­ge und Se­mi­na­re an, so wa­ren es 2002 schon 152. 1991 wur­de das Spek­trum des bis da­hin haupt­säch­li­chen kauf­män­ni­schen Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bots durch ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit der Dr. Reinold Ha­gen Stif­tung im ge­werb­lich-tech­ni­schen Be­reich er­wei­tert. Seit dem Jahr 2000 ist die Dr. Reinold Ha­gen Stif­tung Mehr­heits­ge­sell­schaf­te­rin der WBG und bie­tet ihr seit 2006 auch ei­ne räum­li­che Hei­mat in Bonn-Holz­lar. 

5.4 Wirtschaft und Umweltschutz

Die Öko-Be­we­gung der 1980er Jah­re führ­te zu ei­ner Viel­zahl an um­welt­po­li­ti­schen Ge­setz­ge­bun­gen auf Bun­des­ebe­ne, spä­ter auch auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne, so­dass die The­men Um­welt­schutz und Nach­hal­tig­keit zu­neh­mend das Wirt­schafts­le­ben be­tra­fen. In den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren in­for­mier­te die Kam­mer die Un­ter­neh­men kon­ti­nu­ier­lich über die ver­schie­de­nen Ge­set­zes- und Ver­ord­nungs­än­de­run­gen im Be­reich des Um­welt­schut­zes. Vor-Ort-Be­ra­tun­gen, In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, Work­shops und In­fo­bro­schü­ren, spä­ter auch Web-An­ge­bo­te, wa­ren die Haupt­be­stand­tei­le der stark nach­ge­frag­ten Um­welt­be­ra­tung der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Die The­men­viel­falt reich­te da­bei von der De­ka­de des Re­cy­clings, die 1992 mit der „Ver­ord­nung zur Ver­mei­dung von Ver­pa­ckungs­ab­fäl­len“ für den Ein­zel­han­del be­gann, das Kreis­lauf­wirt­schafts- und Ab­fall­ge­setz 1996 über die Ein­füh­rung des Ein­weg­pfands 2003 bis hin zur EU-Che­mi­ka­li­en­ver­ord­nung REACH (Re­gis­tra­ti­on, Eva­lua­ti­on, Aut­ho­ri­sa­ti­on und Re­stric­tion of Che­mi­cals) 2007 und Maß­nah­men zur CO2-Ein­spa­rung.

Dar­über hin­aus wirk­te sich die Li­be­ra­li­sie­rung des Elek­tri­zi­täts­mark­tes 1998 auf die Be­ra­tungs­tä­tig­keit der IHK aus, die sich ins­be­son­de­re an klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men wen­de­te. In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen und Er­fah­rungs­aus­tausch zwi­schen den Un­ter­neh­men so­wie Ver­mitt­lung zwi­schen den An­bie­tern und Nut­zern wa­ren da­bei die gro­ßen Säu­len der IHK-En­er­gie­be­ra­tung. 

5.5 Technik im Informationszeitalter

Die Ein­füh­rung des In­ter­nets in den 1990er Jah­ren hat­te den grö­ß­ten Wan­del in­ner­halb der Ar­beits­welt und der Wirt­schaft zur Fol­ge. Auch hier lag der Schwer­punkt der IHK-Ar­beit auf der Be­ra­tung der Mit­glie­der. Am En­de des 20. Jahr­hun­derts kam auf die IT-Be­ra­tung die ers­te gro­ße Prü­fung zu: „Das-Jahr-2000-Pro­ble­m“ - kein an­de­res The­ma be­nö­tig­te bis­lang ei­ne solch in­ten­si­ve Be­ra­tung mit ei­ner groß an­ge­leg­te In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne, Sprech­zei­ten vor Ort und Mit­tei­lun­gen in der Kam­mer­zeit­schrift.  

IT-Si­cher­heit blieb ein Schwer­punkt­the­ma der IHK-IT-Be­ra­tung mit all ih­ren neu­en Ent­wick­lun­gen, vom ers­ten On­line-Shop bis zur mo­bi­len Re­vo­lu­ti­on des E-Com­mer­ce. Um ih­re Mit­glie­der auf den E-Com­mer­ce-Markt vor­zu­be­rei­ten, be­tei­lig­te sich die IHK an der För­der­initia­ti­ve „Netz­werk elek­tro­ni­sche Ge­schäfts­ver­keh­re“ (NEG) des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft. Im Rah­men der Aus­schrei­bung wur­de dar­auf­hin 1998 das „Kom­pe­tenz­zen­trum Elek­tro­ni­scher Ge­schäfts­ver­kehr“ (Kom­pEC) bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg ein­ge­rich­tet. Da­mit kam die Kam­mer über vie­le Jah­re der ho­hen Nach­fra­ge an Schu­lungs- und In­for­ma­ti­ons­an­ge­bo­ten aus dem Mit­tel­stand nach. Ab dem Jahr 2005 bot Kom­pEC bei­spiels­wei­se ei­nen Web­site-Check an, bei dem die Un­ter­neh­men in Ko­ope­ra­ti­on mit An­wäl­ten der Re­gi­on ih­re Web-In­hal­te auf recht­li­che Fra­gen prü­fen las­sen konn­ten.

Zu­sam­men mit dem Land NRW stell­te sich die IHK ab 2003 dem The­ma Da­ten­si­cher­heit. Die Agen­tur „Se­cu­re-IT.NRW“ wur­de in die­sem Jahr bei der Kam­mer an­ge­sie­delt und bis 2009 mit Lan­des­mit­teln ge­för­dert. Die Auf­ga­be der Agen­tur lag nicht nur in der Stär­kung des Si­cher­heits­ge­dan­kens in der Da­ten­welt, son­dern soll­te zu­dem die Un­ter­neh­men der Re­gi­on zu in­no­va­ti­ven Ide­en im Be­reich der Da­ten­si­cher­heit an­re­gen. In die­sem Zu­sam­men­hang war die Bon­ner IHK 2002 ei­ne der ers­ten, die ei­ne di­gi­ta­le Si­gna­tur ein­führ­te.

Der IT-Stand­ort Bonn ist ge­prägt von der Ge­schich­te der Deut­schen Te­le­kom in der Re­gi­on und da­mit auch vom Struk­tur­wan­del nach dem Weg­zug der Bun­des­re­gie­rung. Die IHK un­ter­stützt die IT-Bran­che der Re­gi­on Bonn-Rhein-Sieg seit 2000 durch das „IT-Fo­rum“, ei­ne Dis­kus­si­ons- und In­for­ma­ti­ons­platt­form für re­gio­na­le IT-Un­ter­neh­men. Über den ITK-Aus­schuss, ei­ne durch die IHK-Voll­ver­samm­lung be­ru­fe­ne In­ter­es­sen­ver­tre­tung der In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che der Re­gi­on, hat die IT-Bran­che die Mög­lich­keit den Wil­lens­bil­dungs­pro­zess in­ner­halb der IHK zu be­ein­flus­sen. Der ITK-Aus­schuss wur­de 2007 von Wolf­gang Grie­ßl (Prä­si­dent seit 2011) in­iti­iert, als die­ser ins Prä­si­di­um be­ru­fen wur­de.

Die IHK be­tä­tig­te sich auch im Be­reich der Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en mit­hil­fe ei­ner In­for­ma­ti­ons­bör­se, der vor al­lem in Zei­ten vor dem In­ter­net ei­ne wich­ti­ge Be­deu­tung zu­kam. 1992 bei­spiels­wei­se ent­hielt die­se Bör­se et­wa 1.700 Tech­no­lo­gie­an­ge­bo­te- und nach­fra­gen, zu­nächst ab­ge­druckt per An­non­ce in der Kam­mer­zeit­schrift, spä­ter über ei­ne Da­ten­bank ab­ruf­bar. Über die Tech­no­lo­gie­bör­se such­ten Pa­tent­in­ha­ber bei­spiels­wei­se nach Li­zenz­neh­mern und Part­nern und aus­län­di­sche Fir­men ver­such­ten, auf dem deut­schen Markt Fuß zu fas­sen. Aus tech­ni­schen Grün­den und auf­grund ge­rin­ger ge­wor­de­ner Nach­fra­ge wur­de die IHK-Tech­no­lo­gie­bör­se al­ler­dings En­de 2013 ein­ge­stellt.

Das Präsidium der IHK Bonn/Rhein- Sieg, März 1986. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

 

Ein wei­te­res Bei­spiel der neue­ren In­no­va­ti­ons­för­de­rung der IHK Bonn/Rhein-Sieg ist auch ih­re 2004 ge­mein­sam mit der Wirt­schafts­för­de­rung der Stadt Bonn ge­grün­de­te „Geo­in­for­ma­ti­ons-In­itia­ti­ve Re­gi­on Bon­n“ (auch: „Geo­busi­ness Re­gi­on Bon­n“). Zweck der In­itia­ti­ve ist es, die re­gio­na­le Wirt­schaft über Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Geo­in­for­ma­tio­nen zu in­for­mie­ren und ein Netz­werk un­ter den Un­ter­neh­men der Bran­che in der Re­gi­on auf­zu­bau­en.

5.6 Agieren in der globalen Wirtschaft

Um neue Wirt­schafts­räu­me zu er­schlie­ßen und deut­schen Un­ter­neh­men die Kon­takt­an­bah­nung in an­de­re Län­der zu er­mög­li­chen, ha­ben sich In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern in Nord­rhein-West­fa­len auf ei­ne Ar­beits­tei­lung ver­stän­digt, die je­der Kam­mer be­stimm­te Län­der zu­ord­net und dort Ex­per­ten­wis­sen bün­delt. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg ist seit 1995 be­zie­hungs­wei­se 1998 „Schwer­punkt­kam­mer“ für das Land Belarus so­wie seit 2013 ge­mein­sam mit der IHK Aa­chen für den In­sel­staat In­do­ne­si­en. Die IHK un­ter­stützt ih­re Mit­glie­der bei Ge­schäfts­an­bah­nun­gen durch Kon­tak­te, klärt im Be­reich Recht und Steu­ern der bei­den Län­der auf, ver­mit­telt bei Be­darf An­wäl­te und Dol­met­scher und gibt ei­nen Über­blick über die je­wei­li­gen Märk­te und ak­tu­el­le Ge­schäfts­chan­cen der dor­ti­gen In­dus­tri­en. Dem Ge­dan­ken der Sel­ber­ver­wal­tung der Wirt­schaft, der al­len IHKs zu­grun­de liegt, wird so­mit auch im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung Rech­nung ge­tra­gen.

Literatur

Al­bach, Horst/Hax, Her­bert (Hg.), Die Wirt­schafts­re­gi­on Bonn: Struk­tur­pro­ble­me und Ent­wick­lungs­chan­cen, Stutt­gart 1986.

Bran­chen­re­por­te zu ver­schie­de­nen The­men, hg. von der IHK Bonn/Rhein-Sieg, bei­spiel­haft: Bran­chen­re­port ITK, Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft (2014), Bran­chen­re­port Kunst­stoff (2016), Bran­chen­re­port Tou­ris­mus und Ho­tel­le­rie Bonn/Rhein-Sieg (2014).

Hil­len, Bar­ba­ra, 125 Jah­re In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer Bonn/Rhein-Sieg, Bonn 2016.

Jah­res­be­rich­te der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Möl­ler, Franz, Der Be­schluss. Bonn/Ber­lin-Ent­schei­dun­gen 1990 bis 1994, Bonn 2002.

Soé­ni­us, Ul­rich/Wei­se, Jür­gen, Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Wirt­schaft seit dem 19. Jahr­hun­dert (Ge­schicht­li­cher At­las der Rhein­lan­de, Bei­heft VII/19-21), Bonn 2008.

Vogt, Hel­mut, Die Wirt­schafts­re­gi­on Bonn/Rhein-Sieg im In­dus­trie­zeit­al­ter. Fest­schrift zum 100-jäh­ri­gen Be­ste­hen der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer Bonn, Bonn 1991.

Die Wirt­schaft, hg. von der IHK Bonn (bis 1998) be­zie­hungs­wei­se der IHK Bonn/Rhein-Sieg (ab 1999).

Das Gebäude der IHK Bonn/Rhein- Sieg, 2021. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Hillen, Barbara, Die IHK Bonn/Rhein-Sieg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-ihk-bonnrhein-sieg/DE-2086/lido/63d91134936d06.56947249 (abgerufen am 17.01.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 21.08.2025, zuletzt geändert am 26.08.2025