Die IHK Bonn/Rhein-Sieg
Neubau der IHK Bonn/Rhein- Sieg am Bonner Talweg 17, undatiert. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
Zu den Kapiteln
Schlagworte
1. Gründung
1.1 Rahmenbedingungen
Die IHK Bonn/Rhein-Sieg wurde 1891 unter dem Namen „IHK Bonn“ gegründet - eine im Vergleich zu anderen Kammern vergleichsweise späte Gründung. Die Gründe dafür liegen im späten 18. Jahrhundert, den politischen Rahmenbedingungen, der wirtschaftlichen Struktur der Region und nicht zuletzt in der Mentalität der Bonner Bevölkerung. Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert war Bonn die Haupt- und Residenzstadt der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln. Entsprechend war die Bonner Wirtschaft auf die Bedürfnisse des Hofes ausgerichtet, indem in der Stadt und ihrem näheren Umfeld vor allem Produkte des gehobenen wie des Luxusbedarfs hergestellt wurden. Die Stadt war im 18. Jahrhundert ein Dienstleistungszentrum, ehe mit dem Einmarsch der Franzosen 1794 eine neue Zeit Einzug in die beschauliche Residenzstadt am Rhein hielt und diese die Funktion als Haupt- und Residenzstadt des Kurfürstentums verlor. Damit einher gingen große Veränderungen der bisherigen Wirtschaftsstruktur. Ähnlich sah es in Siegburg aus, wo die Wirtschaft in starker Abhängigkeit von der Benediktinerabtei gestanden hatte, während die umliegenden Gemeinden ländlich geprägt waren.
Nach der Säkularisation etablierten sich zwar in aufgelösten Bonner Klöstern einige Fabriken, ein kräftigerer Wirtschaftsaufschwung setzte jedoch erst Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem Anschluss an die Eisenbahn ein. In Bonn wurde jedoch statt „dreckiger“ Industriebetriebe mit qualmenden Schloten eher der Zuzug von wohlhabenden Familien, Beamten und Studenten bevorzugt. Bonn wurde Garnisonstandort und 1818 Sitz einer Universität, der einzigen in den preußischen Westprovinzen. Damit unterschied sich Bonn deutlich von anderen Städten an der Rheinschiene wie etwa Koblenz und Köln, womit im 19. Jahrhundert erneut die Entwicklung zu einem Dienstleistungszentrum einher ging. Das eigentliche Wachstum der Bonner Industrie setzte in den Gründerjahren und den Jahrzehnten ab 1871 an - die Bebauung der Bonner Südstadt lässt das noch heute erkennen. In dieser Zeit entstanden in Bonn und Umgebung größere Unternehmen, so die Steingutfabriken F. A. Mehlem am Rhein und Ludwig Wessel sowie die Firma Friedrich Soennecken in Poppelsdorf. In diesen Jahren des industriellen Aufstiegs wurde auch die Bonner Infrastruktur weiter ausgebaut.
1.2 Konstituierung
Je komplexer die regionale Wirtschaftsstruktur wurde und je mehr sie über den Rhein hinweg mit angrenzenden Städten und Gemeinden zusammenwuchs, desto größer wurde das Bedürfnis der Unternehmer, eine Organisation zur gemeinsamen Interessenvertretung zu schaffen. Seit 1845 gab es den „Handels- und Gewerbeverein zu Bonn“, der sich seit den 1870er Jahren planerisch an der Ausweitung der städtischen Leistungsverwaltung beteiligte. Doch der Impuls zur Gründung einer Handelskammer war letztlich dem Bedürfnis nach Repräsentanz und Einflussnahme einzelner Industrieller im späteren Kammerbezirk geschuldet. Der Kammerbezirk selbst sollte eigenständig und nicht mit der Kölner IHK verknüpft sein, weil diese stärker freihändlerisch ausgerichtet war.
Der Bezirk der Bonner IHK umfasste bei der Gründung am 28.12.1891 die damaligen Kreise Bonn-Stadt, Bonn-Land, Bergheim, Euskirchen, Rheinbach, Siegburg und Waldbröl. Damit war sie eine Flächenkammer mit einer heterogenen Wirtschaftsstruktur, mit recht stark ausgeprägten industriellen Gebieten und fast ausschließlich ländlich strukturierten. Der erste Sitz der Kammer war in der Rheinwerft 23a (heute Fritz-Schröder-Ufer), bis die IHK 1900 in ein größeres Haus in die Schumannstraße 4-6 umzog. Ende 1891 gehörten 740 Beitragszahler zur neuen Kammer, 1892 waren es bereits 1.209; allerdings dominierten in den Gremien Industrielle. Von Anfang an gehörten die Unterstützung der Mitgliedsunternehmen bei der Ausbildung sowie beim Umgang mit Behörden und die Beratung der Legislativen sowie Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben aus allen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens zu den wichtigsten Aufgaben der Kammer.
2. Geschichte der Kammer bis zu ihrer Auflösung 1943
Gründungsurkunde der IHK Bonn aus dem Jahr 1891. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
2.1 Entwicklung der IHK bis 1918
Die IHK förderte in den ersten Jahren ihres Bestehens die wirtschaftliche Infrastruktur beziehungsweise gestaltete mit der Errichtung verschiedener Institutionen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Stadt. Konkret waren dies die Errichtungen von Reichsbanknebenstellen 1892 in Bonn und 1902 in Euskirchen sowie einer Patentschriftenauslegestelle 1893. Eine Vertretung für Handelssachen am Landgericht kam 1894 hinzu und 1896 eine Zollabfertigungsstelle am Bonner Güterbahnhof. Mit der Gründung einer kaufmännischen Fortbildungsschule 1895, die gleich im ersten Jahr 15 Schüler unterrichtete, zeigte die IHK schon zu Beginn ihrer Tätigkeit, dass sie Aus- und Weiterbildung einen hohen Stellenwert beimaß.
Auch die Verkehrspolitik nahm die IHK in den Blick. Mit dem Vorantreiben eines Brückenbaus zwischen Bonn und Beuel war sie erfolgreich: die Rheinbrücke, an deren Bau sich die Kammer finanziell beteiligte, wurde 1898 eröffnet. Allerdings scheiterte die IHK vor dem Ersten Weltkrieg bei dem Versuch, die Stadt für den Ausbau der Hafenanlage und deren Anbindung durch einen Gleisanschluss zu gewinnen. Während der Kriegsjahre übernahm die IHK eine Reihe von Sonderaufgaben zur Währungsstabilisierung, gab beispielsweise Notgeldscheine heraus und unterstrich damit ihre Doppelrolle als regionaler Wirtschaftsinteressent und Steuerungsinstrument staatlicher Politik.
Notgeldschein zu 50 Pfenning der IHK von 1916. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
2.2 Zwischenkriegszeit
Die wirtschaftlichen Unruhen der Nachkriegszeit bekam die IHK unmittelbar zu spüren, einmal durch die fortschreitende Inflation, dann durch die Rheinlandbesetzung, die nicht zuletzt den Warenverkehr erschwerte. Im Konflikt zwischen der IHK und den englischen Besatzungsbehörden wurden 1923 der Geschäftsführer der IHK, Dr. Uhlitzsch, und sein Stellvertreter Dr. Crome mitsamt ihren Familien aus der Besatzungszone ausgewiesen und ins Rechtsrheinische verbracht.
Um Einigkeit zu demonstrieren, gründeten 23 Kammern unter der Führung der Kölner Kammer 1919 die „Vereinigung der Handelskammern des besetzten Gebietes“. 1926 entstand ein weiterer Verband: Aachen, Bonn, Idar, Koblenz, Köln, Mönchengladbach, Stolberg und Trier schlossen sich zum „Verband linksrheinischer Industrie- und Handelskammern“ zusammen. Um sich weiteren Kölner Einflusses zu erwehren, begann die Bonner IHK Ende der 1920er Jahre ihre Eigenständigkeit gegenüber dem Kölner Kammerbezirk zu betonen und kommunizierte, beispielsweise unter Verweis auf die lokale Steingutindustrie, deutlicher als zuvor Alleinstellungsmerkmale.
2.3 Gleichschaltung und Verlust der Selbstständigkeit
Demokratische Errungenschaft der Weimarer Zeit, wie beispielsweise das Wahlrecht für Frauen, das nun auch für die Wahlen bei Industrie- und Handelskammern galt, wurden durch die Einführung des Führerprinzips bei den Kammern 1934 rückgängig gemacht. Freie IHK-Wahlen gab es nicht mehr, sondern die jeweiligen IHK-Präsidenten und Gauwirtschaftsberater der NSDAP beriefen die neuen Mitglieder in die IHK-Präsidien. Seit 1934 unterstanden die IHKs der Reichsaufsicht und wurden 1935 der Reichswirtschaftskammer untergeordnet. Seit 1943 waren die Unternehmen des ehemaligen Kammerbezirks der IHK Bonn einer neu gebildeten Gauwirtschaftskammer Köln-Aachen untergeordnet. Damit war die Selbstverwaltung der Wirtschaft aufgehoben. 1934 verschmolzen zudem die IHK Bonn und die IHK Köln. In der Bonner Geschäftsstelle in der Schumannstraße blieb nur noch eine Einzelhandelsvertretung der IHK Köln übrig beziehungsweise ab 1943 eine Zweigstelle der Gauwirtschaftskammer. Die für den Bonner Kammerbezirk zuständige IHK Köln war auch für Arisierungsverfahren während der NS-Zeit mitverantwortlich. 1944 quartierte sich die Verwaltung der Gauwirtschaftskammer nach dem Verlust des Gebäudes in Köln im Gebäude der ehemaligen IHK Bonn ein.
3. Wiederbegründung 1945
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs strebte man in Bonn schnell wieder nach Eigenständigkeit. Die britische Militärregierung betraute im Mai 1945 Dr. Hermann Alef (1889-1966) mit der hauptamtlichen Geschäftsführung der neuen Dienststelle der IHK Bonn. Alef war 1933 als Leiter des Bonner Einzelhandelsverbandes und als Stadtverordneter der Zentrumspartei abgesetzt worden, war 1944 von den Nationalsozialisten zeitweise ins Gefängnis gebracht worden beziehungsweise interniert gewesen und galt als politisch nicht vorbelastet. Nach einigen Auseinandersetzungen mit der IHK Köln gründete sich am 14.7.1945 eine selbstständige IHK für die Kreise Bonn Land und Bonn Stadt, die wenig später auch die Kreise Euskirchen und Sieg aufnahmen. Der Kreis Bergheim fiel an den Kammerbezirk Köln. Die vermögensrechtlichen Auseinandersetzungen der beiden Kammern zogen sich noch bis 1951 hin. Die IHK Bonn nahm ihre Arbeit im September 1945 wieder in der Schumannstraße 4-6 auf. Unmittelbar danach stellte sie selbstständig sogenannte „Handelskammerpermits“ für Kleinbetriebe mit weniger als 25 Mitarbeitern und geringem Energieverbrauch auf, damit diese mit Erlaubnis der Besatzungsbehörden wieder handlungsfähig wurden. Am 15.4.1947 schließlich fanden die ersten demokratischen Kammerwahlen gemäß dem vor 1933 geltenden Kammerrecht statt.
4. Wirtschaft der Hauptstadtregion und ihre Kammervertretung 1949-1991
4.1 Strukturveränderungen bis 1976
Bonn als Stadt von Rentiers und Universität knüpfte nach der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 zumindest historisch betrachtet an Residenzzeiten an. Nach dem Krieg lag ein Schwerpunkt des Bonner Arbeitsmarktes durch die Anforderungen von Universität und Mittelbehörden auf Arbeitsplätzen mit kulturell-administrativer Prägung. Dieser Trend wurde durch die Ansiedlung der Bundesregierung und zahlreicher Verbände weiter verstärkt und wirkte sich auch auf das Umland aus, indem ganz neue Gewerbezweige entstanden, so auch der „Polittourismus“. Nach wie vor war der Kammerbezirk heterogen mit hauptsächlich ländlicher Prägung im Siegkreis und Industriezentren zwischen Bonn, Troisdorf und Siegburg.
Das Tätigkeitsprofil der IHK Bonn veränderte sich nicht nur durch Funktion Bonns als Bundeshauptstadt. Rechtlich wurden die bundesdeutschen Industrie- und Handelskammern 1956 mit dem IHK-Gesetz auf eine sichere und erstmals bundesweit einheitliche Basis gestellt. Die gesetzlich festgelegte Mitgliedschaft der Unternehmen in der IHK wurde 1962 vom Bundesverfassungsgericht bestätigt, womit sich neue Betätigungsfelder eröffneten. Das Auskunftswesen wurde um Beratungsdienste ergänzt und die Zahl der staatlich delegierten Verwaltungsaufgaben nahm zu. Beispielsweise wurden mit dem Berufsbildungsgesetz von 1969 aus den bis dahin von Kammern freiwillig übernommenen Aufgaben auf dem Gebiet des Prüfungswesens hoheitliche gemacht. Mit wachsender Aufgabenfülle wuchs auch die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IHK Bonn, was schließlich 1961 einen Umzug der IHK Bonn aus der Schumannstraße an den Bonner Talweg 17/ Ecke Königstraße nach sich zog.
Heinrich Crome, Porträtbild, undatiert. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
4.2 Neuordnung des Kammerbezirks 1977
Von 1956 bis 1977 verringerte sich die Zahl der bundesdeutschen Kammern von 81 auf 69, womit auch die Diskussion um eine Verschmelzung der Bonner mit der Kölner IHK neu belebt wurde. Die Bonner wehrten sie mit Hinweis auf die Hauptstadtfunktion Bonns und den daraus resultierenden Besonderheiten ab. Per Ministerialbeschluss verlor die IHK Bonn allerdings 1977 den Kreis Euskirchen, der, um die Grenzregion zu stärken, der IHK Aachen zufiel. Mit dieser Neuordnung, bei der zugleich die durch die Kommunale Gebietsreform entstandene Stadt Erftstadt der IHK Köln zugeteilt wurde, erhielt der Kammerbezirk Bonn seine heutige Gestalt und Größe mit einer Ausdehnung von 1.300 Quadratkilometern und den 19 Städten und Gemeinden des Bonn umgebenden Rhein-Sieg-Kreises. Erst 1998 wurde der geographischen Situation auch verbal Rechnung getragen und der Name der „IHK Bonn“ umgewandelt in „IHK Bonn/Rhein-Sieg“.
Die Abtrennung des Kreises Euskirchen 1977 bedeutete einen Verlust von zwölf Prozent des Beitragsaufkommens, was einen entsprechenden Stellenabbau innerhalb der IHK zur Folge hatte. Auch die Vollversammlung reduzierte sich vorrübergehend. Zögerlicher hingegen reagierte die Selbstverwaltung der Wirtschaft auf gesellschaftliche Veränderungen: 1980 wurde Marianne Krings (1925-2012; Fritz Kuchenmeister AG Siegburg) als erste Frau Mitglied der Vollversammlung. 2015 war der Anteil der weiblichen Mitglieder der IHK-Vollversammlung auf 16 Prozent gestiegen.
4.3 Beginn des Strukturwandels am Ende der 1980er Jahre
In den 1970er Jahren ergriff ein Trend zur Deindustrialisierung die Region, auch eine Folge der Hauptstadtfunktion. Rheinbach und Meckenheim wurden immer mehr zu „Schlafstädten“ für Bonner Bundesbedienstete. Eine Ausdehnung von Betrieben der gewerblichen Wirtschaft wurde immer schwieriger, zumal freiwerdende gewerblich genutzte Gelände im Bonner Stadtgebiet häufig umgewidmet und umgenutzt wurden. Die Stadt Bonn sah diesen Trend mit zunehmender Sorge und versuchte seit Ende der 1970er Jahre, mit der Erschließung von neuen Gewerbegebieten entsprechend gegenzusteuern.
Gebietsenwicklung der Industrie- und Handelskammern im Rheinland von 1871-1980, aus dem geschichtlichen Atlas der Rheinlande, 2008. (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)
Auch die IHK Bonn bemühte sich verstärkt um einen Strukturwandel. In einem in ihrem Auftrag 1986 vorgelegten Gutachten über die Wirtschaftsregion Bonn stellten die Wirtschaftsweisen Horst Albach (geboren 1931) und Herbert Hax (1933-2005) vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn fest, dass sich die Wirtschaft im Kammerbezirk im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen und dem Bundesgebiet in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich günstig entwickelt hatte. Die regierungsbedingte starke Dienstleistungsorientierung der Region sowie gute Standortbedingungen ermöglichten allen Wirtschaftsgebieten ein Wachstum. Weil aber die Ausgangsposition für die weiteren Jahren nicht günstiger war als andernorts, verabschiedete die Vollversammlung der IHK einen Handlungsrahmen – noch bevor die Frage des Hauptstadtwechsels die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Diskussionen bestimmten. Der Strukturwandel nach dem Hauptstadtbeschluss gelang aber nicht zuletzt deshalb, weil sich in der Region Bonn/Rhein-Sieg schon in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ein Bewusstsein für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum entwickelt hatte. Zu dem verabschiedeten Handlungsrahmen, der sich aus dem Albach-Gutachten von 1986 ergab, zählten erfolgreiche Bemühungen um eine gemeinsame Wirtschaftsförderung für die Hauptstadt und den umliegenden Kreis. Wichtige Themen wurde die Bereiche Gewerbeflächen und Umweltschutzpolitik, Informations- und Qualifizierungsmaßnahmen für Unternehmen und Arbeitskräfte, regionale Technologietransfers und Innovationsförderung, Exportförderung, Realsteuerpolitik sowie Maßnahmen zur Förderung der Verkehrsinfrastruktur und Verkehrsanbindung. Bereits 1986 gab es Überlegungen, die Hochschullandschaft auszubauen. Außerdem wurde Ende der 1980er Jahre mit der Entwicklung der Mobilfunktechnik und der Privatisierung von Post und Telekom der Grundstein für zukünftige Dax-Unternehmen in Bonn gelegt. Damit kamen zugkräftige Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor als neue Mitglieder zur IHK Bonn.
5. Die IHK - von der "Behörde" zur Dienstleisterin der Wirtschaft
5.1 Regierungsumzug und Ausgleichsmaßnahmen
Im Zuge der Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR 1990 wurde kontrovers und insbesondere von Vertretern der Bonner Wirtschaft auch emotional die Frage nach dem zukünftigen Regierungssitz diskutiert. Die IHK Bonn stellte sich hinter eine Gemeinschaftsinitiative der Wirtschaft in der Region Bonn/Rhein-Sieg und übernahm die Koordinierungsfunktion der Kampagne „Ja zu Bonn“. Doch der Hauptstadtbeschluss fiel am 20.6.1991 zugunsten von Berlin aus, weshalb ein Strukturwandel für Bonn und die Region zwingend wurde.
In diese Zeit des Umbruchs fiel im Oktober 1991 auch das 100-jährige Jubiläum der IHK, bei dem sich Bundeskanzler Helmut Kohl (geboren 1930, Bundeskanzler 1982-1998) für ein eigenes Bonn-Berlin-Gesetz aussprach, um den Hauptstadtwechsel abzusichern. Eine echte Strukturkrise, wie von der IHK 1991 prognostiziert, setzte nicht zuletzt deshalb nie ein. Zudem passte sich die mittelständische Wirtschaft im Kammerbezirk flexibel an die Strukturveränderungen an, trieb Innovationen voran und schaffte neue, konkurrenzfähige Beschäftigungsverhältnisse. Nicht alle IHK-Mitglieder hatten die Meinung geteilt, dass es besser sei, wenn Bonn Hauptstadt bliebe.
Die IHK selbst gründete mehrere Gremien oder war an neuen Institutionen beteiligt, welche zum Zwecke der regionalen Wirtschaftsförderung nach dem Hauptstadtbeschluss entstanden. Als Beispiele seien der IHK-Ausschuss für Tourismus und Kultur genannt oder die von 1992 bis 2003 existierende Strukturfördergesellschaft für die Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler, in deren Aufsichtsrat die IHK mitwirkte. Außerdem nahm die IHK Bonn im Rahmen des Wiedervereinigungsprozesses auch Aufgaben außerhalb der Region wahr, beriet Unternehmen, die sich in den neuen Bundesländern ansiedeln wollten und unterstützte den Aufbau der unternehmerischen Selbstverwaltung in Potsdam, Cottbus und Frankfurt an der Oder.
Am 29.6.1994 wurde die „Vereinbarung über die Ausgleichsmaßnahmen für die Region Bonn“ beschlossen; die Bundesregierung stellte für die Jahre 1995 bis 2004 insgesamt 2,8 Milliarden DM als Kompensation für die Folgen des Verlustes des Sitzes von Parlament und Regierung zur Verfügung. Die IHK Bonn hielt sich zugute, in den Verhandlungen für die Interessen der gesamten Region agiert zu haben. Mithilfe eines „Fünf-Säulen-Modells“ besann sich die Region auf ihre Stärken und definierte, in welche fünf Bereiche die Ausgleichszahlungen fließen sollten. Städte und Gemeinden und mit ihnen entsprechend auch die Wirtschaftsförderungen mit der IHK definierten folgende fünf Bereiche: Bonn als Bundesstadt und Erstdienstsitz von sechs Ministerien, Wissenschaft, zukunftsorientierte Wirtschaftsstruktur, Region als Kultur- und Tourismusstandort sowie Internationalität.
Zur Kompensation der Verluste von insgesamt 22.700 wegfallenden Arbeitsplätzen in den Ministerien, im Deutschen Bundestag, in den Fraktionen, Behörden, Verbänden und Botschaften wurde 1994 die Ansiedlung von 25 neuen Staatseinrichtungen und Behörden vereinbart. Außerdem konzentrierte sich die Stadt darauf, städtebauliche Akzente im ehemaligen Regierungsviertel und am Bonner Bogen zu setzen. Es fehlte allerdings der politische Konsens und Durchsetzungswille, weitere städtebauliche Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, etwa am Bahnhofsvorplatz, im Viktoriakarree oder beim Thema Festspielhaus. Deshalb war die IHK stets bemüht, im Interesse der Wirtschaft im Kanon der städtischen Interessen vertreten zu sein und klar Position zu beziehen. Einem möglichen „Rutschbahn-Effekt“ eines Komplettumzuges der Ministerien hält die Region bisher Stand. 2012 entwickelten insgesamt 60 Vertreter der Stadtgesellschaft, unter ihnen die IHK, zwei Strategiepapiere für die zukünftige Ausrichtung der Wirtschaft in der Region Bonn/Rhein-Sieg.
Durch den Hauptstadtbeschluss nahm auch die Dichte und Dynamik der Entwicklung von Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen deutlich zu. Vor allem die Errichtung der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS), die von der Wirtschaftsförderung des Rhein-Sieg-Kreises schon 1986 befürwortet worden war, hielt auch die IHK für ein wichtiges Signal, weil sie hierin einen engen Zusammenhang mit einer zukunftsorientierten Wirtschaftsstruktur sah. Schon in den 1980er Jahren hatte die IHK begonnen, Kooperationsverträge mit Hochschule nicht nur im eigenen Kammerbezirk zu schließen, beispielsweise bereits 1985 mit der RWTH Aachen, 1987 auch mit der Universität Bonn, die sukzessive erneuert und verlängert wurden. Ziel war es, vorhandene Technologie- und Weiterbildungspotenziale für die Wirtschaft zu nutzen und den Institutionen Zugang zur anwendungsorientierten Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Industrie zu erleichtern. Seit 2011 pflegt die IHK Bonn/Rhein-Sieg die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen (Universität, H-BRS, Internationale Hochschule Bad Honnef, Alanus Hochschule) noch kontinuierlicher. Sie hat dazu ein eigenes Internetportal „Wirtschaft trifft Wissenschaft“ aufgebaut, organisiert Veranstaltungen und Netzwerkabende, legte 2015 erstmals eine „Innovations- und Wissensbilanz“ für die Region vor und hat die Kooperation von Wirtschaft und Wissenschaft fest in ihren wirtschaftspolitischen Positionen verankert. Gründe dafür sind nicht zuletzt, dem Fachkräftemangel der Wirtschaft entgegenzuwirken sowie die Innovationsfähigkeit der Region zu stärken.
Die IHK konzentrierte sich seit 1991 auch auf den dritten Aspekt des Fünf-Säulen-Modells, auf die zukunftsorientierte Wirtschaftsstruktur und damit auf eines ihrer Kernthemen. Das Problem zu geringer Gewerbeflächen war durch den Hauptstadtbeschluss nicht gelöst, die Kooperationen innerhalb des Kammergebietes waren jedoch verbessert worden. Die IHK begann Ende der 1990er Jahre in größeren Kooperationseinheiten zu denken, nicht nur innerhalb des eigenen Kammerbezirks. So schlossen sich 2008 die IHKs Aachen, Bonn/Rhein-Sieg, Düsseldorf, Köln, Mittlerer Niederrhein und Solingen-Remscheid zur „IHK-Initiative Rheinland“ zusammen mit dem Ziel, die Wirtschaft zu stärken und die Wirtschaftsregion weiterzuentwickeln. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg und unterstützt auch die Idee einer „Metropolregion Rheinland“, um Industriezweige über Stadt- und Kammerbezirksgrenzen hinweg zu stärken. Bonn/Rhein-Sieg bezeichnete sich dabei beispielsweise als historisch gewachsenes Kunststoffkompetenzzentrum mit mehr als 200 Unternehmen innerhalb dieser Industriesparte. Traditionell stark war auch die Lebensmittelindustrie der Region. Außerdem kam dem Quartärsektor, unter dem beratende Berufe ebenso wie IT-Dienstleistungen, Hoch- und Kommunikationstechnologie gefasst werden, eine immer größere Bedeutung zu. Vor allem die Ansiedlung von DAX-Unternehmen Telekom, Post und Postbank war für die IHK von außerordentlicher Bedeutung. Positiv entwickelte sich in den vergangenen 25 Jahren auch der Gesundheitssektor als eigener Wirtschaftszweig.
Das Hotel- und Gaststättengewerbe als ein besonders ausgeprägter Teil des Tertiärsektors zu Hauptstadtzeiten bekam die Auswirkungen des Regierungsumzuges besonders deutlich zu spüren. Der „Polittourismus“ brach innerhalb kürzester Zeit weg und musste durch die Gewinnung neuer Kundenkreise kompensiert werden. Das gelang, nicht zuletzt aufgrund der relativ hohen Kaufkraft in der Region, vor allem aber, weil die Stadt Bonn zu einem internationalen Zentrum und als Veranstaltungsort für Kongresse sowie den Städte- und Kulturtourismus kräftig ausgebaut wurde. Um die Tourismusregion Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler zu stärken, gründete sich 1996 im Rahmen der Ausgleichsmaßnahmen die Tourismus & Congress GmbH Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler (T&C). Die IHK ist seither anteilig als Gesellschafterin vertreten und nimmt durch ihre Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der T&C Einfluss auf Struktur, Finanzausstattung und inhaltliche Aufgabenstellung dieser zentralen Vermarktungsgesellschaft. Nicht nur der Tourismus spielt eine Rolle im Wirtschaftsleben. Auch die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickelte mit über 5.500 Unternehmen eine Sogwirkung. Die Branche stand damit im Jahr 2015 für fast zehn Prozent der circa 57.000 Mitgliedsunternehmen der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Aus kultur- und tourismuspolitischen Gründen unterstützte die IHK intensiv das Vorhaben eines Festspielhauses, das als Projekt 2015 scheiterte, und versteht sich nach wie vor als Förderin der „Marke Beethoven“ zugunsten von Stadt und Region.
Fünftens schließlich wurde der Gedanke verfolgt, Bonn zu einer internationalen Stadt auszubauen, da sich die Stadt als geeigneter und erfahrener Standort internationaler Zusammenarbeit erwiesen hatte. Seit sich Bonn offiziell UN-Stadt nennen darf - seit 1996 -, haben sich zahlreiche NGOs (non-governmental organsisation = Nichtregierungsorganisationen) und UN-Institutionen angesiedelt. Das Bewusstsein dafür, dass die Vereinten Nationen nicht nur mit Begriffen wie Weltfrieden und Menschenrechte gleichzusetzen sind, sondern auch als Veranstalter, Auftraggeber und Geschäftspartner eine Fülle von Möglichkeiten für die deutsche und regionale Wirtschaft bieten, entwickelt sich seitdem. Auslandshandelskammern bieten Seminare an, um interessierte Unternehmen mit UN-Ausschreibungen vertraut zu machen. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg unterstützt dabei als Kammer vor Ort und vermittelt neue Ansatzpunkte zur Erweiterung von Außenhandelsgeschäften. Sie kooperiert beispielsweise mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), wenn es um die Markterschließung in Entwicklungs- und Schwellenländern geht.
5.2 Die IHK als Dienstleistungs- und Informationsquelle für Mitglieder
Die IHK verstand sich ab den 1990er Jahren zunehmend als Dienstleistungsinstitution für ihre Mitglieder, insbesondere nachdem im Dezember 2001 das Bundesverfassungsgericht, wie schon 1968 und 1992, die gesetzliche Mitgliedschaft der Unternehmen in der IHK und deren Verfassungskonformität bestätigt hatte. Hauptgeschäftsführer Michael Swoboda (1998-2011) war offen für eine moderate Modernisierung der Kammer; unter seiner Führung begann eine neue Ära. 1998 änderte die IHK Bonn zunächst ihren Namen um in IHK Bonn/Rhein-Sieg. In Folge des Umzugsbeschlusses war es zu einem neuen, interkommunalen „Wir-Gefühl“ gekommen, dem die IHK mit der Namensänderung Ausdruck verlieh.
Nach einer Bedarfsanalyse errichtete sie 1999 außerdem erstmals ein Service-Center im Eingangsbereich der Kammer ein. Schwerpunkte im Dienstleistungsangebot des Service-Centers waren und sind noch heute Firmenauskünfte sowie Anfragen aus dem Bereich der Außenwirtschaft. Von besonderer Bedeutung für die regionale Wirtschaft waren seit den 1990er Jahren auch die jährlichen Gespräche mit den Kämmerern der Stadt Bonn und der kreisangehörigen Gemeinden und Städten sowie die Stellungnahmen zu kommunalen Haushalten, die häufig zu einer Reduzierung der Gewerbesteuer-Hebesätze beitrugen.
Moderner und intensiver wurde seit den 1990er Jahren auch die Kommunikation zwischen IHK, ihren Mitgliedern und der Öffentlichkeit. Seit 1946 erschienen erste „Rundschreiben“. Die erste „moderne“ Ausgabe der Kammerzeitschrift „Die Wirtschaft“, die sich inhaltlich und äußerlich von dieser vorherigen Form eines Amtsblattes emanzipierte, erschien 1981 und erfuhr seither mehrere Relaunches. Sie wird mit einer Auflage von circa 43.000 Exemplaren zehnmal jährlich kostenfrei an Mitglieder ausgeliefert. Mit Informationsveranstaltungen, circa 200 PR-Mitteilungen im Jahr und einem breiten online-Angebot seit 1998, beispielsweise einem in der IHK-Landschaft einzigartigen Unternehmensportal oder einer Existenzgründerbörse, hat sich die IHK den Lebens- und Informationsgewohnheiten der Verbraucher angepasst. Stärker kommuniziert wird auch seitens der IHK-angeschlossenen Netzwerken, des 1982 gegründeten Industrie- und Handelsclubs sowie der Wirtschaftsjunioren. Hierin werden gesellschaftliche und berufliche Kontakte gepflegt und über wirtschaftliche Zusammenhänge informiert. Akzente setzt die IHK insbesondere beim Thema Existenzgründung, Unternehmensnachfolge und Ausbildung mit Angeboten für Mitglieder und die große Zahl der in der IHK ehrenamtlich Tätigen. Netzwerkveranstaltungen wie die „Ideenbörse“, der „Ideenmarkt“, das Netzwerk „40 plus“ für ältere Existenzgründer präsentieren ein kreatives Potential und sind zugleich ein Anzeichen für den demografischen Wandel, der auch die Wirtschaft betrifft. In Zusammenarbeit mit anderen IHKs entstand 2014 ein „IHK-Notfall-Handbuch“, nachdem laut einer Umfrage die Hälfte der Unternehmen nicht auf Notfälle in der Unternehmensführung, beispielsweise bei einem Todesfall, vorbereitet waren.
2006 war für die IHK ein wichtiges Jahr: Sie wechselte von der Kameralistik zur Doppelten Buchführung und konnte durch diesen Schritt in der Verwaltungsmodernisierung erstmals eine Bilanz vorlegen.
Abseits dieser öffentlich sichtbaren und frei zu gestaltenden Themen übernahm die IHK auch Kernaufgaben in der Rubrik Recht und Steuern, wo der Beratungsbedarf im Laufe der Jahre durch die wachsende Zahl der Gesetze kontinuierlich gestiegen ist. Die gesetzlich vorgeschriebene Unterstützung der Handelsregistergerichte bei der Beurteilung von Firmengründungen erfordert einen engen Kontakt zu Firmengründern, Notaren und Registergerichten. Über Jahrzehnte hinweg waren die Veröffentlichungen der Eintragungen ins Handelsregister wichtiger Bestandteil der Monatszeitschrift „Die Wirtschaft“. Seit Februar 2009 werden die Handelsregistereinträge ausschließlich auf der Internetseite der Kammer publiziert. Ein weiteres Aufgabengebiet der Rechtsabteilung ist die Prüfung, Zulassung und Bestellung von Sachverständigen sowie Stellungnahmen der IHK bei Gewerbeunterlassungen.
Durch die frühzeitige gegenseitige Information und Beschäftigung mit aktuellen Rechtsänderungen besteht seit vielen Jahren ein enger persönlicher Kontakt zu der regionalen Finanzverwaltung, den Ordnungsämtern der Kommunen, der Justiz sowie zu den Steuerberatern und deren Verbänden. Die IHK versteht sich deshalb als Vermittlerin zwischen Unternehmen und Experten. Ausdruck dieses Austausches sind zahlreiche Kooperationen der IHK mit Bonner Verbänden und Institutionen. 2008 wurde die IHK beispielsweise Mitglied im Bonner Rat für Kriminalprävention, einem kommunalen Bündnis für Sicherheit. Außerdem tragen zahlreiche Schlichtungsstellen dazu bei, dass Unternehmen Streitigkeiten mit Kunden, Mitgesellschaftern und Mitbewerbern außergerichtlich und kostengünstig beilegen können.
5.3 Die IHK als Bildungsträgerin
Schon in den 1980er Jahren beklagten Betriebe im Kammerbezirk einen Fachkräftemangel, der für die Unternehmen zwar einerseits negativ war, andererseits aber auch auf eine ausgeprägte Wachstums- und positive Zukunftsorientierung hindeutete. Auch die hohe Ausbildungsquote im Kammerbezirk war ein Qualitätsmerkmal. Drei Bildungseinrichtungen der IHK Bonn/Rhein-Sieg haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als unverzichtbare Bestandteile der bei den Kammern traditionell und gesetzlich verankerten Aus- und Weiterbildung etabliert: Die Industriemeisterschule (IMS), die 1964 in Troisdorf als Zweckverband gegründet wurde und für große Industriebetriebe im Städtedreieck Bonn, Troisdorf und Siegburg seit dieser Zeit an eine unverzichtbare Schmiede für Fachkräfte mit einem über den Kammerbezirk hinausgehenden Ruf darstellte. Der Abschluss des Industriemeisters ist mit dem Abschluss des Bachelors gleichwertig, sodass sich Industriemeister und Hochschulabsolventen auf Augenhöhe begegnen.
Zweitens gehört seit 1964 die Gemeinschaftslehrwerkstatt (GLW) zu den von der IHK getragenen Bildungseinrichtungen, eine Einrichtung zur überbetrieblichen Ausbildung in metall- und elektrotechnischen Berufen, die als gemeinnütziger Verein von mehreren Unternehmen sowie der IHK getragen wird. Die steigende Nachfrage nach überbetrieblichen Ausbildungsplätzen in gewerblich-technischen Bereich führte in den Jahren 1984 bis 1986 zu einer Erweiterung der Gemeinschaftslehrwerkstatt in Siegburg, wo erheblich in den Maschinenpark investiert wurde, zuletzt in den Jahren 2010 bis 2012.
(Weiter-)Bildung wurde für die IHK zu einem immer wichtigeren Standortfaktor. Deshalb entschloss sich die IHK 1987 zur Einrichtung einer eigenen IHK-Weiterbildungsgesellschaft (WBG), die zunächst im Brückenforum in Beuel unter dem Namen „IHK-Bildungs-Zentrum“ ihren Betrieb aufnahm. Bot die WBG 1988 noch 97 Lehrgänge und Seminare an, so waren es 2002 schon 152. 1991 wurde das Spektrum des bis dahin hauptsächlichen kaufmännischen Weiterbildungsangebots durch eine Kooperation mit der Dr. Reinold Hagen Stiftung im gewerblich-technischen Bereich erweitert. Seit dem Jahr 2000 ist die Dr. Reinold Hagen Stiftung Mehrheitsgesellschafterin der WBG und bietet ihr seit 2006 auch eine räumliche Heimat in Bonn-Holzlar.
5.4 Wirtschaft und Umweltschutz
Die Öko-Bewegung der 1980er Jahre führte zu einer Vielzahl an umweltpolitischen Gesetzgebungen auf Bundesebene, später auch auf europäischer Ebene, sodass die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit zunehmend das Wirtschaftsleben betrafen. In den vergangenen 25 Jahren informierte die Kammer die Unternehmen kontinuierlich über die verschiedenen Gesetzes- und Verordnungsänderungen im Bereich des Umweltschutzes. Vor-Ort-Beratungen, Informationsveranstaltungen, Workshops und Infobroschüren, später auch Web-Angebote, waren die Hauptbestandteile der stark nachgefragten Umweltberatung der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Die Themenvielfalt reichte dabei von der Dekade des Recyclings, die 1992 mit der „Verordnung zur Vermeidung von Verpackungsabfällen“ für den Einzelhandel begann, das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz 1996 über die Einführung des Einwegpfands 2003 bis hin zur EU-Chemikalienverordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation und Restriction of Chemicals) 2007 und Maßnahmen zur CO2-Einsparung.
Darüber hinaus wirkte sich die Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes 1998 auf die Beratungstätigkeit der IHK aus, die sich insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen wendete. Informationsveranstaltungen und Erfahrungsaustausch zwischen den Unternehmen sowie Vermittlung zwischen den Anbietern und Nutzern waren dabei die großen Säulen der IHK-Energieberatung.
5.5 Technik im Informationszeitalter
Die Einführung des Internets in den 1990er Jahren hatte den größten Wandel innerhalb der Arbeitswelt und der Wirtschaft zur Folge. Auch hier lag der Schwerpunkt der IHK-Arbeit auf der Beratung der Mitglieder. Am Ende des 20. Jahrhunderts kam auf die IT-Beratung die erste große Prüfung zu: „Das-Jahr-2000-Problem“ - kein anderes Thema benötigte bislang eine solch intensive Beratung mit einer groß angelegte Informationskampagne, Sprechzeiten vor Ort und Mitteilungen in der Kammerzeitschrift.
IT-Sicherheit blieb ein Schwerpunktthema der IHK-IT-Beratung mit all ihren neuen Entwicklungen, vom ersten Online-Shop bis zur mobilen Revolution des E-Commerce. Um ihre Mitglieder auf den E-Commerce-Markt vorzubereiten, beteiligte sich die IHK an der Förderinitiative „Netzwerk elektronische Geschäftsverkehre“ (NEG) des Bundesministeriums für Wirtschaft. Im Rahmen der Ausschreibung wurde daraufhin 1998 das „Kompetenzzentrum Elektronischer Geschäftsverkehr“ (KompEC) bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg eingerichtet. Damit kam die Kammer über viele Jahre der hohen Nachfrage an Schulungs- und Informationsangeboten aus dem Mittelstand nach. Ab dem Jahr 2005 bot KompEC beispielsweise einen Website-Check an, bei dem die Unternehmen in Kooperation mit Anwälten der Region ihre Web-Inhalte auf rechtliche Fragen prüfen lassen konnten.
Zusammen mit dem Land NRW stellte sich die IHK ab 2003 dem Thema Datensicherheit. Die Agentur „Secure-IT.NRW“ wurde in diesem Jahr bei der Kammer angesiedelt und bis 2009 mit Landesmitteln gefördert. Die Aufgabe der Agentur lag nicht nur in der Stärkung des Sicherheitsgedankens in der Datenwelt, sondern sollte zudem die Unternehmen der Region zu innovativen Ideen im Bereich der Datensicherheit anregen. In diesem Zusammenhang war die Bonner IHK 2002 eine der ersten, die eine digitale Signatur einführte.
Der IT-Standort Bonn ist geprägt von der Geschichte der Deutschen Telekom in der Region und damit auch vom Strukturwandel nach dem Wegzug der Bundesregierung. Die IHK unterstützt die IT-Branche der Region Bonn-Rhein-Sieg seit 2000 durch das „IT-Forum“, eine Diskussions- und Informationsplattform für regionale IT-Unternehmen. Über den ITK-Ausschuss, eine durch die IHK-Vollversammlung berufene Interessenvertretung der Informations- und Kommunikationsbranche der Region, hat die IT-Branche die Möglichkeit den Willensbildungsprozess innerhalb der IHK zu beeinflussen. Der ITK-Ausschuss wurde 2007 von Wolfgang Grießl (Präsident seit 2011) initiiert, als dieser ins Präsidium berufen wurde.
Die IHK betätigte sich auch im Bereich der Entwicklung neuer Technologien mithilfe einer Informationsbörse, der vor allem in Zeiten vor dem Internet eine wichtige Bedeutung zukam. 1992 beispielsweise enthielt diese Börse etwa 1.700 Technologieangebote- und nachfragen, zunächst abgedruckt per Annonce in der Kammerzeitschrift, später über eine Datenbank abrufbar. Über die Technologiebörse suchten Patentinhaber beispielsweise nach Lizenznehmern und Partnern und ausländische Firmen versuchten, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Aus technischen Gründen und aufgrund geringer gewordener Nachfrage wurde die IHK-Technologiebörse allerdings Ende 2013 eingestellt.
Das Präsidium der IHK Bonn/Rhein- Sieg, März 1986. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
Ein weiteres Beispiel der neueren Innovationsförderung der IHK Bonn/Rhein-Sieg ist auch ihre 2004 gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Bonn gegründete „Geoinformations-Initiative Region Bonn“ (auch: „Geobusiness Region Bonn“). Zweck der Initiative ist es, die regionale Wirtschaft über Einsatzmöglichkeiten von Geoinformationen zu informieren und ein Netzwerk unter den Unternehmen der Branche in der Region aufzubauen.
5.6 Agieren in der globalen Wirtschaft
Um neue Wirtschaftsräume zu erschließen und deutschen Unternehmen die Kontaktanbahnung in andere Länder zu ermöglichen, haben sich Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen auf eine Arbeitsteilung verständigt, die jeder Kammer bestimmte Länder zuordnet und dort Expertenwissen bündelt. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg ist seit 1995 beziehungsweise 1998 „Schwerpunktkammer“ für das Land Belarus sowie seit 2013 gemeinsam mit der IHK Aachen für den Inselstaat Indonesien. Die IHK unterstützt ihre Mitglieder bei Geschäftsanbahnungen durch Kontakte, klärt im Bereich Recht und Steuern der beiden Länder auf, vermittelt bei Bedarf Anwälte und Dolmetscher und gibt einen Überblick über die jeweiligen Märkte und aktuelle Geschäftschancen der dortigen Industrien. Dem Gedanken der Selberverwaltung der Wirtschaft, der allen IHKs zugrunde liegt, wird somit auch im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung Rechnung getragen.
Literatur
Albach, Horst/Hax, Herbert (Hg.), Die Wirtschaftsregion Bonn: Strukturprobleme und Entwicklungschancen, Stuttgart 1986.
Branchenreporte zu verschiedenen Themen, hg. von der IHK Bonn/Rhein-Sieg, beispielhaft: Branchenreport ITK, Kultur- und Kreativwirtschaft (2014), Branchenreport Kunststoff (2016), Branchenreport Tourismus und Hotellerie Bonn/Rhein-Sieg (2014).
Hillen, Barbara, 125 Jahre Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, Bonn 2016.
Jahresberichte der IHK Bonn/Rhein-Sieg.
Möller, Franz, Der Beschluss. Bonn/Berlin-Entscheidungen 1990 bis 1994, Bonn 2002.
Soénius, Ulrich/Weise, Jürgen, Selbstverwaltungsorganisationen der Wirtschaft seit dem 19. Jahrhundert (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, Beiheft VII/19-21), Bonn 2008.
Vogt, Helmut, Die Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg im Industriezeitalter. Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Industrie- und Handelskammer Bonn, Bonn 1991.
Die Wirtschaft, hg. von der IHK Bonn (bis 1998) beziehungsweise der IHK Bonn/Rhein-Sieg (ab 1999).
Das Gebäude der IHK Bonn/Rhein- Sieg, 2021. (IHK Bonn/Rhein-Sieg)
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Hillen, Barbara, Die IHK Bonn/Rhein-Sieg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-ihk-bonnrhein-sieg/DE-2086/lido/63d91134936d06.56947249 (abgerufen am 17.01.2026)
Veröffentlicht am 21.08.2025, zuletzt geändert am 26.08.2025