Die Kölner Sechstagerennen

Renate Franz (Köln)

Kölner Sechstagerennen, 1985. (Roth-Foto)

1. Einleitung

„Viel Weh­mut be­glei­te­te das letz­te Sechs­ta­ge­ren­nen in der Köl­ner S­port­hal­le. Es wur­de auch viel ge­schrie­ben und dis­ku­tiert. Vie­len Ide­en wur­den ge­bo­ren, das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen nicht ster­ben zu las­sen. Doch es scheint ver­ge­bens. Die Chan­cen, daß das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen ir­gend­wann ir­gend­wo wie­der ge­star­tet wird, sind mi­ni­mal.“ Am letz­ten Wett­kampf­tag der 46. Köl­ner Six­days brach­te Hal­len­spre­cher Ja­kob „Kö­be­s“ Roth die gan­ze Si­tua­ti­on auf den Punkt: ‚Es ist al­les so trau­rig.‘“ So der Nach­ruf auf das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen in der Zeit­schrift „Rad­spor­t“ am 6.1.1998. Zwei Ta­ge zu­vor wa­ren für die tra­di­ti­ons­rei­che Ver­an­stal­tung, die 1928 erst­mals aus­ge­tra­gen wor­den war, in der Sport­hal­le in Köln-Deutz die Lich­ter end­gül­tig aus­ge­gan­gen. 1999 wur­de die Hal­le ge­sprengt: Das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen war da­mit Ge­schich­te.

2. Die Anfänge in England und den USA

Die His­to­rie des Ren­nens en­de­te 1998, be­gann aber streng ge­nom­men nicht erst 1928 und auch nicht in Köln, son­dern geht bis in das Jahr 1875 zu­rück. In je­nem Jahr fand in Bir­ming­ham das ver­mut­li­che ers­te Ren­nen statt, das als „Sechs­ta­ge­ren­nen“ be­zeich­net wer­den kann. Die­se Ver­an­stal­tung war ur­sprüng­lich als „Pro­dukt­tes­t“ für das neu­ar­ti­ge Fahr­zeug Hoch­rad ge­dacht. Am Start wa­ren ein­zel­ne Fah­rer, die mon­tags bis sams­tags zwölf Stun­den täg­lich um ei­ne Rad­renn­bahn fuh­ren. Wer in die­ser Zeit die meis­ten Mei­len ab­sol­vier­te, war der Sie­ger. Am sieb­ten Tag herrsch­te christ­li­che Sonn­tags­ru­he – so ent­stand der Zeit­raum von sechs Ta­gen. Den Test muss­ten na­tür­lich nicht nur die Rä­der be­ste­hen, son­dern auch die Men­schen, die auf ih­nen thron­ten. Die er­staun­ten Zu­schau­er wa­ren fas­zi­niert von de­ren schier un­mensch­li­chen Leis­tun­gen und ka­men in Scha­ren.

1879 wan­der­te die Idee des Sechs­ta­ge­ren­nens über den gro­ßen Teich in die USA, wo sie be­geis­tert auf­ge­nom­men wur­de, mit der Stei­ge­rung, dass die­se Lang­zeit­ren­nen nun von ein­zel­nen Fah­rern an sechs Ta­gen rund um die Uhr be­strit­ten wur­den. Schon zu die­ser Zeit ging man da­zu über, das Rad­ren­nen mit Mu­sik und an­de­ren un­ter­hal­ten­den Ein­la­gen zu um­rah­men. Ab 1899 wech­sel­ten sich im New Yor­ker Ma­di­son Squa­re Gar­den bei den dor­ti­gen Sechs­ta­ge­ren­nen zwei Fah­rer ab. Man hat­te er­kannt, dass die kör­per­li­chen Be­las­tun­gen für ei­nen ein­zi­gen Sport­ler zu groß und die Ren­nen für die Zu­schau­er lang­wei­lig wa­ren, nach­dem der Reiz des Neu­ar­ti­gen ver­flo­gen war. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich die Bahn­rad­sport-Dis­zi­plin „Zwei­er-Mann­schafts­fah­ren“, bis heu­te auch „Ma­di­son“ oder „Ame­ri­cai­ne“ ge­nannt und seit 1995 Teil des Welt­meis­ter­schafts­pro­gramms.

 

3. Die Anfänge in Deutschland

1909 fand in Ber­lin das ers­te Sechs­ta­ge­ren­nen in Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa statt, wo es schon bald „Kult­sta­tus“ hat­te. Die­se Mi­schung aus Sport und Un­ter­hal­tung, ei­ne Art Rie­sen­par­ty in ei­nem ab­ge­schlos­se­nen Kos­mos, bot vie­len Men­schen, auch sol­chen aus är­me­ren Schich­ten, die Mög­lich­keit, über meh­re­re Ta­ge aus dem All­tag aus­zu­sche­ren. In den Jah­ren zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen hat­ten Sechs­ta­ge­ren­nen ei­nen ers­ten Hö­he­punkt ih­rer Po­pu­la­ri­tät: Sie fan­den in Städ­ten Eu­ro­pas, Nord­ame­ri­kas und Aus­tra­li­ens statt, in Deutsch­land et­wa in Bres­lau, Dort­mund, Dres­den, Frank­furt und Leip­zig – aber nicht in Köln.

4. Die Sechstagerennen in Köln 1928-1933

In der Dom­stadt fehl­te es an ei­ner pas­sen­den Lo­ka­li­tät. Im Jah­re 1908 plan­te Re­gie­rungs­bau­meis­ter Carl Mo­ritz (1896-1944) ei­nen Sport­pa­last an der Ecke Kai­ser-Fried­rich-Ufer (heu­te Kon­rad-Ade­nau­er-Ufer) und Thürm­chens­wall, der ne­ben ei­ner Rad­renn­bahn auch ei­ne Eis­bahn be­her­ber­gen soll­te. Die­ser Plan schei­ter­te an feh­len­den „Fi­nan­cier­s“. An­fang 1928 gab es gleich zwei Plä­ne für den Bau von Hal­len mit ei­ner Rad­renn­bahn in Köln, das da­mals als „Rad­sport­hoch­bur­g“ galt und wo im Jahr zu­vor die Bahn­welt­meis­ter­schaf­ten statt­ge­fun­den hat­ten. Plan Num­mer eins be­inhal­te­te die Über­da­chung der schon exis­tie­ren­den Be­ton-Rad­renn­bahn in Köln-Riehl. Ob­wohl es so­gar schon ei­nen Renn­ter­min im März ge­ge­ben ha­ben soll, kam die­ses Pro­jekt nicht zu­stan­de.

Plan Num­mer zwei hin­ge­gen ge­lang­te zur Aus­füh­rung: Er stamm­te von dem Un­ter­neh­mer, Au­to­mo­bil- und Flug­pio­nier Ar­thur Del­fos­se (1883-1956), dem ehe­ma­li­gen In­ha­ber der 1927 ge­schlos­se­nen He­li­os-Wer­ke in Köln-Eh­ren­feld. Er ließ die gro­ße Ma­schi­nen­hal­le der Wer­ke in ei­ne Ver­an­stal­tungs­hal­le mit Rad­renn­bahn um­bau­en, tauf­te sie „Rhein­land­hal­le“ und ver­mie­te­te sie für 120.000 Reichs­mark an die Sport­hal­len-Be­triebs GmbH. Mit der Mie­te zahl­te er die Zin­sen für die Hy­po­thek, die er für den Um­bau auf­ge­nom­men hat­te. In den fol­gen­den Jah­ren fan­den in der Hal­le ne­ben Rad­ren­nen auch an­de­re Sport­ver­an­stal­tun­gen so­wie Kar­ne­vals­sit­zun­gen statt. Am 18.8.1930 hat­te Adolf Hit­ler (1889-1945) hier vor 10.000 Zu­schau­ern sei­nen ers­ten Auf­tritt in Köln. 

Radrennfahrer Thadäus Robl mit Kronprinz Wilhelm in Berlin, 1909. (Gemeinfrei)

 

Am 10.10.1928 wur­de die Rhein­land­hal­le er­öff­net, „[…] ei­ne Sport­stät­te, die al­len An­for­de­run­gen ge­nüg­t“, wie der „Il­lus­trier­te Rad­renn­spor­t“ („Il­lus“) an­ge­tan fest­stell­te. Die von Cle­mens Schür­mann (1888-1957) ge­plan­te Rad­renn­bahn war aus­bau­bar und 166 Me­ter lang, „ei­ne Haar­na­del oh­ne En­de, be­ste­hend aus zwei Längs­sei­ten und zwei be­ängs­ti­gend kur­zen Kur­ven“, wie ein bel­gi­scher Be­su­cher schrieb. We­ni­ge Wo­chen spä­ter, am 2. No­vem­ber um 22 Uhr, gab die Opern­sän­ge­rin Kä­the Her­wig (1891-1953) den Start­schuss für das ers­te Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen, das al­ler­dings zu­nächst un­ter ei­nem schlech­ten Stern zu ste­hen schien: Just in je­nem Jahr war pu­blik ge­wor­den war, dass der nie­der­län­di­sche Renn­fah­rer Piet van Kem­pen (1898-1985) mit Be­ste­chun­gen das 20. Ber­li­ner Sechs­ta­ge­ren­nen ma­ni­pu­liert hat­te. Van Kem­pen selbst, sein Ma­na­ger so­wie acht wei­te­re Renn­fah­rer wur­den dar­auf­hin ge­sperrt. Um sol­che Schie­be­rei­en künf­tig zu ver­hin­dern, er­ließ der Bund Deut­scher Rad­fah­rer schär­fe­re Re­geln und Kon­trol­len, und in Köln fan­den die­se neu­en Vor­schrif­ten erst­mals An­wen­dung.

Der „Il­lus“ be­rich­te­te von die­sem ers­ten Sechs­ta­ge­ren­nen – wie da­mals üb­lich – über meh­re­re Sei­ten und be­schrieb je­de ein­zel­ne Stun­de des Ren­nens. In der „78. Stun­de“ lag die Köl­ner Mann­schaft Vik­tor „Fib­be­s“ Rausch (1904-1985) und Gott­fried „Üh­m“ Hürt­gen (geb. 1905) ei­ne Run­de zu­rück hin­ter Erich Dorn (ge­bo­ren 1907, To­des­da­tum un­be­kannt) und Erich Mac­zyn­ski (ge­bo­ren 1904, To­des­da­tum un­be­kannt), hol­ten aber dann zum „gro­ßen Schla­ge“ aus. Nach­dem sie ei­ne Run­de ge­won­nen hat­ten, „bricht ein Ju­bel los, wie wir ihn in un­se­rer lan­gen Pra­xis noch nicht er­lebt ha­ben. Die Men­ge tobt mi­nu­ten­lang vor Be­geis­te­rung, und Rausch-Hürt­gen wer­den im­mer und im­mer wie­der ge­fei­er­t“, so der „Il­lus“. Bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den sol­len heim­keh­ren­de Be­su­cher in den Köl­ner Stra­ßen ge­sun­gen ha­ben.

Der Köl­ner Kom­po­nis­t Wil­li Os­ter­mann dich­te­te vol­ler Be­geis­te­rung: „Das war ein Spurt, das war ein Spürt­chen – es le­be Rausch, es le­be Hürt­gen“, der Köl­ner Volks­mund füg­te hin­zu: „Dann ka­men Damm und Dumm, die fuh­ren für das Pu­bli­kum, und Osz­mel­la/Schorn, die fuh­ren für ‚nen Dop­pel­korn.“ Wil­li Damm und Wil­ly Dumm wa­ren zwei we­nig er­folg­rei­che, aber bei den Zu­schau­ern be­lieb­te Fah­rer, wäh­rend der baum­lan­ge und bä­ren­star­ke Paul Osz­mel­la (1903-1967), der in den fol­gen­den Jah­ren im­mer am Start sein soll­te, ei­gent­lich ein Sprin­ter war und da­her von Haus aus mit we­nig Sieg­chan­cen. Aber wenn der be­lieb­te Köl­ner ei­nen Sprint an­zog, rief das Pu­bli­kum be­geis­tert: „Jetzt määt hä ne Pu­ckel.“

Das ers­te Sechs­ta­ge­ren­nen in Köln wur­de auch als ers­tes Sechs­ta­ge­ren­nen im Rund­funk über­tra­gen. Der Kom­men­ta­tor, Sport­jour­na­list Dr. Bern­hard Ernst, wur­de zu die­sem Zwe­cke un­ter An­feue­rungs­ru­fen der Zu­schau­er mit ei­nem Korb bis un­ter das Hal­len­dach ge­zo­gen, da­mit er ei­nen bes­se­ren Über­blick hat­te.

Die ma­xi­ma­le Zu­schau­er­ka­pa­zi­tät der Hal­le wur­de vom „Il­lus“ auf 7.000 ge­schätzt. Im bes­ten Jahr wur­den rund 104.000 Kar­ten ver­kauft: Das Ren­nen war für die Zu­schau­er in meh­re­re Ab­schnit­te auf­ge­teilt, für die je­weils neue Ti­ckets er­wor­ben wer­den muss­ten: Sechs Nach­mit­ta­ge und sie­ben Aben­de – da­zwi­schen wur­de die Hal­le ge­lüf­tet, die Fah­rer blie­ben je­doch auf der Bahn und fuh­ren wei­ter. 1932 wur­den Tun­nel ent­deckt, die vom Nach­bar­grund­stück ge­gra­ben wor­den wa­ren, um in die Hal­le zu ge­lan­gen, oh­ne Ein­tritt zu be­zah­len.

1929 nutz­ten die bel­gi­schen Fah­rer Pier­re Goos­sens (1899-1973) und Ro­ger De Neef (1906-2001) ent­ge­gen den un­ge­schrie­be­nen Re­geln ei­ne sol­che „Lüf­tungs­pau­se“, um über­fall­ar­tig die Spit­ze zu er­obern. Die­se ver­tei­dig­ten sie bis zum En­de, was auf viel Un­mut stieß und für Trä­nen bei Rausch und Hürt­gen so­wie ei­ni­gen Zu­schau­ern sorg­te. Die „schwar­zen Hu­sa­ren“ Rausch-Hürt­gen ge­wan­nen das Ren­nen aber 1930 ein zwei­tes Mal.

Das rei­ne Run­den­dre­hen wur­de durch Spurts auf­ge­lo­ckert, bei de­nen die Fah­rer – al­le Pro­fis - von Zu­schau­er oder Fir­men ge­stif­te­te Prei­se ge­win­nen konn­ten: Es gab Geld­prei­se von 20 bis 300 Reichs­mark, Al­ko­hol, Ta­bak­wa­ren, Kä­se, Ma­gen­bit­ter, Kar­tof­feln, Schu­he, An­zü­ge, Stof­fe, Gram­mo­pho­ne und Haar­trock­ner, oder auch grö­ße­re Prei­se wie Wa­ren­haus­gut­schei­ne, Er­ho­lungs­ku­ren, gol­de­ne Uh­ren, Bril­lant­rin­ge, Fahr- und Mo­tor­rä­der.

Auch wur­de in Köln nicht streng rund um die Uhr ge­fah­ren: Es gab ei­ne Neu­tra­li­täts­pha­se von 6 bis 12 Uhr, in der kein Renn­tem­po ge­fah­ren wur­de, und je­der Fah­rer drei Stun­den schla­fen konn­te. Aus die­ser Zeit gibt es die be­kann­ten Bil­der von Sechs­ta­ge­fah­rern, die warm an­ge­zo­gen auf dem Rad früh­stü­cken oder Zei­tung le­sen.

In ei­ni­gen Jah­ren gab es die un­ge­wöhn­li­che Idee, den Fah­rern der füh­ren­den Mann­schaf­ten ro­te Bas­ken­müt­zen auf­zu­set­zen, da­mit die Zu­schau­er auf An­hieb über den Stand des Ren­nens im Bil­de wa­ren. Be­en­det wur­den die Ren­nen im­mer mit drei Schüs­sen, ab­ge­ge­ben von „Knall­kün­nin­g“ Hein­rich Küh­ba­cher, ei­nem ehe­ma­li­gen Hoch­rad­fah­rer mit stol­zem Schnurr­bart.

Die Be­geis­te­rung in Köln für das Sechs­ta­ge­ren­nen hielt in den fol­gen­den Jah­ren an. In den Jah­ren 1932 und 1933 mach­ten sich aber die Fol­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se be­merk­bar. Auf­grund der po­li­ti­schen Ent­wick­lung in Deutsch­land so­wie der wach­sen­den Zahl von Sechs­ta­ge­ren­nen im ei­ge­nen Land ka­men auch we­ni­ger Zu­schau­er aus den Nie­der­lan­den nach Köln. We­gen der ho­hen Mie­te wech­sel­ten mehr­fach die Päch­ter der Rhein­land­hal­le; ein­zig das Sechs­ta­ge-Ren­nen warf Ge­winn ab.

Aber Un­si­cher­heit und Kri­tik grif­fen in Fol­ge der wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me auch im Rad­sport um sich. 1932 schrieb der „Il­lus“ vom „reins­ten Sechs­ta­ge­tau­mel“ – „wenn das ei­ne auf­hört, fängt das nächs­te an“: „Man ging mit Angst und Ban­gen, we­nigs­tens in dem von po­li­ti­schen Wir­ren zer­setz­ten, un­ter den Nö­ten der Zeit am meis­ten lei­den­den und ver­arm­ten Deutsch­land, in die Sechs­ta­ge­sai­son.“ Den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wie­der­um wa­ren die Sechs­ta­ge­ren­nen ein Dorn im Au­ge, gal­ten sie doch als „ame­ri­ka­ni­sche“ oder gar „jü­di­sche“ Er­fin­dung, zu­dem lehn­te die NS-Ideo­lo­gie Pro­fi­sport ab.

Trotz­dem fand das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen 1933 auch nach der Macht­über­nah­me der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten noch­mals statt. Star­ter des Ren­nens war Pe­ter Rö­sen, ein ehe­ma­li­ger Stra­ßen­fah­rer, Ge­win­ner von „Rund um Köln“ im Jah­re 1924 und jet­zi­ger Di­rek­tor des Ren­nens. Nach­dem sich im Jahr zu­vor die Schau­spie­ler Kä­the von Na­gy (1904-1973) beim Start­schuss den Zei­ge­fin­ger ver­letzt und auf Schmer­zens­geld ge­klagt hat­te, woll­te man wei­te­re Vor­fäl­le die­ser Art of­fen­bar ver­mei­den.

Reichs­rad­sport­füh­rer Franz (Fer­ry) Ohrt­mann (1894-1969) war beim Start in der Rhein­land­hal­le an­we­send, der Ver­bands-Gau­lei­ter Fritz Tho­mas hielt ei­ne Re­de, man sang ge­mein­sam Deutsch­land- und Horst-Wes­sel-Lied. Al­le An­we­sen­den, auch die aus­län­di­schen Fah­rer, ent­bo­ten den „deut­schen Gru­ß“: „Ein sehr schö­ner Au­gen­blick, der in den An­na­len der Köl­ner Sechs­ta­ge-Ren­nen ver­ewigt wer­den wird.“ 

Trotz die­ses „sehr schö­nen Au­gen­blicks“ im Jahr 1933 wur­den im Jahr dar­auf auf Ge­heiß der neu­en Macht­ha­ber neue Re­geln für Sechs­ta­ge­ren­nen er­las­sen und auch „das wi­der­li­che Drum und Dran, das Ge­misch von Thea­ter und Pu­bli­kum­s­täu­schung kann weg­fal­len“, for­der­te der „West­deut­sche Be­ob­ach­ter“. So durf­ten un­ter an­de­rem kei­ne An­tritts­gel­der mehr ge­zahlt wer­den, wor­auf­hin die Stars der Sze­ne aus­blie­ben und die Zu­schau­er schlie­ß­lich auch. Die Sechs­ta­ge­ren­nen 1934 in Dort­mund und Ber­lin fan­den noch statt, fol­gen­de Ver­an­stal­tun­gen in Deutsch­land gab es erst wie­der 1949.

1930 war das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen von der „lieb­rei­zen­den Künst­le­rin“ Friedl Mün­zer (1892-1967) von Köl­ner Schau­spiel­haus an­ge­schos­sen wor­den. Als Jü­din muss­te sie ab 1937 in Köln un­ter­tau­chen. Auch für an­de­re Prot­ago­nis­ten hat­te die „Macht­er­grei­fung“ durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten furcht­ba­re Kon­se­quen­zen: Der jü­di­sche Jour­na­list Erich Kro­ner (um 1888-1937), der für den „Il­lus“ be­rich­tet hat­te, kam in Ge­sta­po-Haft und starb 1937 an den Fol­gen, der Sechs­ta­ge­fah­rer Gott­fried Hürt­gen war mit ei­ner Jü­din ver­hei­ra­tet und wan­der­te nach Ar­gen­ti­ni­en aus, der Sprin­ter Ma­thi­as En­gel (1905-1994), der 1932 im Vor­pro­gramm ge­star­tet war, ging mit sei­ner jü­di­schen Ehe­frau in die USA, und sein Geg­ner bei die­sem Wett­kampf, Al­bert Rich­ter, der in Rhein­land­hal­le mit dem Rad­sport be­gann und hier 1932 sei­nen ers­ten Start als Pro­fi hat­te, wur­de 1940 mut­ma­ß­lich von der Ge­sta­po er­mor­det. An ihn er­in­nert heu­te ei­ne Ge­denk­ta­fel an der Rhein­land­hal­le. Der Kom­po­nist des bei Sechs­ta­ge­ren­nen gän­gi­gen Sport­pa­last-Wal­zers, Sieg­fried Trans­la­teur (1875-1944), kam 1944 im Ghet­to The­re­si­en­stadt zu To­de.

Die Maschinenhalle der Helios-Werke vor ihrem Umbau in eine Veranstaltungshalle, ca. 1901. (Gemeinfrei)

 

5. Der Neubeginn in Köln ab 1957

Nach 1945 gab es zu­nächst Plä­ne, die Rhein­land­hal­le wie­der für sport­li­che Zwe­cke her­zu­rich­ten, was aber an „fi­nan­zi­el­len, bau­tech­ni­schen und ver­kehrs­tech­ni­schen Din­gen“ schei­ter­te. 1949 for­der­te der SPD-Rats­herr Hein­rich Hem­pel erst­mals ei­ne „Hal­len­sport­stät­te“, wie „je­de Groß­stadt und zu­mal ei­ne sport­trei­ben­de Stadt wie Köln sie ha­ben mü­ß­te“. 1953 gab es Plä­ne für ei­ne „Hal­le am Rhein“, als Ar­chi­tekt war Wil­helm Ri­phahn vor­ge­se­hen und als Hal­len­be­trei­ber Fer­ry Orth­mann, der ehe­ma­li­ge Reichs­rad­sport­füh­rer von 1933 bis 1935. Die Hal­le soll­te am Fu­ße der Zoo­brü­cke er­baut und an ei­ne rie­si­ge ge­deck­te Ter­ras­se ge­kop­pelt wer­den. Auch gab es Über­le­gun­gen, ei­ne Hal­le an der Ven­lo­er Stra­ße im Grün­gür­tel auf dem da­mals still­ge­leg­ten Hub­schrau­ber­platz bau­en zu las­sen.

1956 plä­dier­te die Köl­ner SPD für die Nut­zung ei­ner Hal­le der Köl­ner Mes­se zu Ver­an­stal­tungs­zwe­cken und konn­te sich mit die­sem Vor­ha­ben durch­set­zen, nach­dem ein von ihr fa­vo­ri­sier­tes Neu­bau­vor­ha­ben kei­ne Zu­stim­mung fand. Grund für die­ses En­ga­ge­ment war, dass die Kli­en­tel der Par­tei Ver­bin­dun­gen zur Rad­sport- und Bo­xer­sze­ne hat­te und vor­ran­gig Ver­an­stal­tun­gen aus die­sem Be­reich dort statt­fin­den soll­ten. 1957 be­schloss der Rat, die Mes­se­hal­le X in der „mes­se- und aus­stel­lungs­frei­en Zeit“ für „Sport und an­de­re Zwecke“ zu nut­zen. Für das Sechs­ta­ge­ren­nen wur­de ei­ne 166,6 Me­ter lan­ge mo­bi­le Bahn ein­ge­baut, ge­plant vom Müns­te­ra­ner Ar­chi­tek­tur­bü­ro Schür­mann, das auch schon für die Bahn in der Rhein­land­hal­le ver­ant­wort­lich ge­zeich­net hat­te.

Vom 26.12.1958 bis zum 1.1.1959 fand in Köln das ers­te Sechs­ta­ge­ren­nen nach dem Krieg statt. Den Start­schuss, der we­gen ei­ner de­fek­ten Pis­to­le drei­mal wie­der­holt wer­den muss­te, gab Ober­bür­ger­meis­ter Theo Burau­en (1906-1987, Ober­bür­ger­meis­ter 1956-1973) ab. Nach 145 Stun­den und 19.000 Run­den sieg­ten der Ber­li­ner Klaus Bug­dahl (ge­bo­ren 1934) und der Hoch­hei­mer Va­len­tin Pe­try (1928-2016). „De Aa­p“ Pe­ter Mül­ler (1927-1992) durf­te ei­ne Eh­ren­run­de fah­ren, fand aber kein En­de und muss­te von der Bahn ge­holt wer­den. Die Sän­ge­rin An­gè­le Du­rand (1925-2001) war an­ge­reist und fuhr bei ih­rem Schul­freund Rik Van Sten­ber­gen (1924-2003) auf dem Rad mit. Un­ter den pro­mi­nen­ten Gäs­ten be­fan­den sich die Mann­schaf­ten des FC Köln und des FC Kai­sers­lau­tern, der Leicht­ath­let Man­fred Ger­mar (ge­bo­ren 1935) und Opern­sän­ger Ken­neth Spen­cer (1913-1964).

Ab­ge­se­hen von der Pro­mi­nenz ka­men 60.000 Be­su­cher auf die „Schäl Si­ck“ und ge­nos­sen das sport­li­che Spek­ta­kel in ei­ner „blau­en Dunst­wol­ke aus Ta­bak­qualm, Mas­sa­ge­öl und Par­füm­dunst“. Die „Köl­ni­sche Rund­schau“ ti­tel­te: „Six-days wa­ren ein Er­fol­g“, wenn sich auch der Köl­ner Fah­rer Fried­helm Fi­sch­er­kel­ler (1935-2008) schon nach 14 Mi­nu­ten die Schul­ter ge­bro­chen hat­te. „Was aber ge­blie­ben ist, das ist die Er­in­ne­rung an die­se Ta­ge und Näch­te, die dar­über ent­schei­den soll­ten, ob Köln wie­der ein­mal Aus­sich­ten ha­ben kann, in die Rei­he der Rad­sport-Hoch­bur­gen ein­ge­reiht zu wer­den. Nun, die­se Fra­ge, die so­wohl die Freun­de der sur­ren­den Rä­der als auch die Stadt­vä­ter glei­cher­ma­ßen be­wegt, kann und muß man mit ei­nem ein­deu­ti­gen ‚Ja‘ be­ant­wor­ten.“ Den Zu­schau­ern ha­be man in­des an­mer­ken kön­nen, dass es ih­nen nach der lan­gen Sechs­ta­ge-Pau­se noch an Sach­kennt­nis feh­le.

Das Kon­kur­renz­blatt „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“ zeig­te sich ge­spal­ten. Ein Jour­na­list aus der Lo­kal­re­dak­ti­on zeig­te sich skep­tisch: „‘Wie‘, sag­te der Kol­le­ge vom Sport und mach­te Au­gen so groß wie Renn­rä­der, ‚du warst noch nie bei ei­nem Sechs­ta­ge­ren­nen?‘ Da schäm­ten wir uns aber sehr und gin­gen so­fort zur rechts­hei­ni­schen Ver­gnü­gungs­müh­le, um die Schan­de ab­zu­wa­schen.‘“ Sein nie­der­schmet­tern­des Fa­zit: „Schön ist ein Ve­lo­zi­ped, wenn es auf der Stel­le steht."

Be­geis­te­rung hin­ge­gen in der Sport­re­dak­ti­on: „So ein Sechs­ta­ge­ren­nen ist ei­ne wich­ti­ge Be­rei­che­rung des Köl­ner Nacht­le­bens. Man ist an die­sen Ta­gen nicht mehr nur auf The­ken und Bars an­ge­wie­sen, um sich ein paar spä­te Stun­den um die Oh­ren zu schla­gen, man kann nun auch sei­ne Zel­te auf ei­ner Holz­bank im Deut­zer Be­ton­pa­last auf­schla­gen und sich die läs­ti­ge Mü­dig­keit durch Spurts, Wer­tun­gen und Jag­den ver­trei­ben las­sen.“ Der Jour­na­list Burg­hard von Rez­nicek (1896-1971) schrieb: "Kin­der, es war was ge­fäl­lig in der schmu­cken Hal­le, die schier platz­te, so prall ge­füllt war sie. Wer nicht da­bei war, ist selbst schuld dar­an und ho­le das schleu­nigst nach."

6. 40 Jahre lang „Auf und Ab“

In den kom­men­den Jah­ren hat­te das Sechs­ta­ge­ren­nen im "kar­gen" Nach­kriegs­köln ei­ne Mo­no­pol­stel­lung un­ter den Ver­an­stal­tun­gen, bei der die Be­su­cher au­ßer den Rad­ren­nen auch Pro­mi­nen­te aus Sport, Po­li­tik und Kul­tur zu Ge­sicht be­ka­men. Die Zei­tun­gen ver­öf­fent­lich­ten in re­gel­mä­ßi­gen jähr­li­chen Ab­stän­den Re­por­ta­ge­se­ri­en un­ter Ti­teln wie "Die Bun­te Schlan­ge", "Ka­rus­sell der lan­gen Näch­te", oder "Sechs­ta­ge­zau­ber".

Zwar kün­dig­te der Ver­an­stal­ter West­fa­len­hal­len GmbH den Ver­trag nach ei­nem Jahr, es folg­te aber die Grün­dung der städ­ti­schen Köl­ner Sport­hal­len GmbH. Ihr Ge­schäfts­füh­rer war bis 1978 Hans Grün (1910-1990), der spä­ter auch Köl­ner Bür­ger­meis­ter war, und ge­mein­sam mit dem Ver­an­stal­ter Pe­ter Kan­ters (1916-1990) die Ge­schi­cke des Ren­nens lei­te­te. „Sei­ne ers­te Kas­se war ei­ne Zi­gar­ren­kis­te. Bü­ro­mö­bel lieh er sich bei der Mes­se GmbH und Bü­ro­pa­pier und Blei­stif­te hat­te er sich zu­vor ‚s­ti­bit­zen‘ müs­sen.“ Da die Sport­hal­le als sol­che nur im Win­ter ge­nutzt wur­de, stan­den die ho­hen Kos­ten für den Um­bau in kei­nem güns­ti­gen Ver­hält­nis, wes­halb 1962 be­schlos­sen wur­de, die Mes­se­hal­le X aus­schlie­ß­lich für Ver­an­stal­tun­gen zu nut­zen. Das lohn­te sich nun, da dort zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen in ver­schie­de­nen Sport­ar­ten statt­fan­den und sie auch als Trai­nings­stät­te für die Bahn­rad­sport­ler die­nen konn­te.

Auf die ers­te Aus­tra­gung folg­ten 40 Jah­re Sechs­ta­ge­ren­nen in Köln: Es be­gann im­mer kurz nach Weih­nach­ten, nach der Aus­tra­gung des „Gro­ßen Weih­nachts­prei­ses der Ste­her“ in den Dort­mun­der West­fal­len, en­de­te nach der Jah­res­wen­de und wur­de als als­bald als „sechs­te Jah­res­zeit“ be­zeich­net. In der Re­gel wa­ren zehn oder elf Mann­schaf­ten aus je zwei Fah­rern am Start. Das Ren­nen be­deu­te­te ei­ne will­kom­men­de Ab­wechs­lung in der be­sinn­li­chen Jah­res­zeit, und am 31. De­zem­ber wur­de ei­ne rie­si­ge Sil­ves­ter­par­ty ge­fei­ert. In den ers­ten Jah­ren wa­ren Kar­ten für das Sechs­ta­ge­ren­nen nicht ein­mal mehr auf dem Schwarz­markt zu er­hal­ten. 

Kölner Nacht, v.l.n.r. Sportlicher Leiter Kanters, Sieger Gert Frank (Dänemark), Josef Kirsten (Köln) und Hallenleiter Franz Wendland, 1983. (Roth-Foto)

 

Die zwei­te Aus­tra­gung 1959/1960 stieß auf gro­ßes Pu­bli­kums­in­ter­es­se, da es zum an­ge­kün­dig­ten ers­ten Pro­fis­tart des po­pu­lä­ren Ver­fol­gungs-Welt­meis­ter Ru­di Al­tig (1937-2016) kam. Al­tig war ei­gent­lich noch Ama­teur bis zum En­de Jah­res, aber zwei Ta­ge vor Be­ginn des Ren­nens be­kam er die not­wen­di­ge Start­erlaub­nis. Sil­ves­ter wur­de in der Sport­hal­le groß ge­fei­ert, und die Fah­rer „wa­ren um Mit­ter­nacht zu Scher­zen auf­ge­leg­t“, doch zwei Ta­ge spä­ter muss­te mit ei­ner „Run­de des Schwei­gen­s“ des am 2. Ja­nu­ar ge­stor­be­nen zwei­fa­chen Tour-de-Fran­ce-Sie­gers Faus­to Cop­pi (1919-1960) ge­dacht wer­den.

Al­tig muss­te das Ren­nen in der vor­letz­ten Nacht mit Sitz­be­schwer­den auf­ge­ben. 1961/1962 sorg­te sein Start ge­mein­sam mit dem Kre­fel­der Hen­nes Jun­ker­mann (ge­bo­ren 1934) für ei­nen neu­en Be­su­cher­re­kord, der „die kühns­ten Er­war­tun­gen über­traf“, Al­tig muss­te aber ein wei­te­res Mal auf­ge­ben, nun we­gen ei­nes Schlüs­sel­bein­bruchs. In den kom­men­den Jah­ren soll­te er das Ren­nen vier Mal ge­win­nen.

Zu ei­nem ers­ten Ein­bruch der Be­su­cher­zah­len kam es En­de der 1960er Jah­re, wenn auch im­mer wie­der Schnee und Eis oder Hoch­was­ser in man­chen Jah­ren ei­nen rück­läu­fi­gen Be­such be­scher­ten. Franz Wend­land, lang­jäh­ri­ger Di­rek­tor der Sport­hal­le: „Die köl­schen Six Days wa­ren ein stän­di­ges Auf und Ab.“ Die Zah­len schwank­ten zwi­schen 33.000 und 60.000 Zu­schau­ern. Die Rad­renn­bahn wur­de mit wei­te­ren Ver­an­stal­tun­gen aus­ge­las­tet, wie Ama­teur-Sechs­ta­ge­ren­nen, Win­ter­bahn­meis­ter­schaf­ten, deut­schen Meis­ter­schaf­ten, Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten und dem Ama­teur-Ren­nen „Sil­ber­ner Ad­ler“. Mit der Mög­lich­keit, auf der Bahn in der Sport­hal­le Ama­teur­ren­nen statt­fin­den zu las­sen, er­füll­ten die Sechs­ta­ge aus kom­mu­nal- und sport­po­li­ti­scher Sicht wich­ti­ge Auf­ga­ben: Sie gal­ten als Aus­hän­ge­schild der "Sport­stadt des Wes­tens" und tra­gen­de Kraft für den Brei­ten­rad­sport.

Zum Ge­lin­gen der Ver­an­stal­tung tru­gen rund 400 Mit­ar­bei­ter bei, von de­nen ei­ni­ge zum „In­ven­tar“ ge­hör­ten, dar­un­ter die be­lieb­te Klo­frau auf der Her­ren­toi­let­te, die für ih­ren gu­ten Kaf­fee ge­rühmt wur­de. Ne­ben Hans Grün und Pe­ter Kan­ters so­wie spä­ter des­sen Sohn Hans-Pe­ter (1942-1991) in der Lei­tung wa­ren dies et­wa die ehe­ma­li­gen Renn­fah­rer Jean Schorn (1912-1994), Paul Osz­mal­la und Hans Zims (1908-1980), die Band Har­dy van den Driesch und die Hal­len­spre­cher Sig­mund Durst (Si­du) (1904-1974) und Kö­bes Roth (1927-2010), de­nen man ei­nen „ova­len Bli­ck“ nach­sag­te.  "Die ver­trau­te Stim­me von Sieg­mund Durst ge­hört zu ei­nem Sechs­ta­ge­ren­nen wie das Salz in der Sup­pe", schrieb die Pres­se: Oh­ne sei­ne Hil­fe wüss­ten Zu­schau­er mit­un­ter nicht, wo beim Sechs­ta­ge­ka­rus­sell "vor­ne und hin­ten" sei. Auf Roth und Durst folg­ten der Schwei­zer Char­ly Schlott (geb. 1934), der den Renn­fah­rer ger­ne Spitz­na­men ver­pass­te (Si­gi Renz et­wa war der „Bay­ri­sche Lö­we“) so­wie der WDR-Jour­na­list Her­bert Wat­te­rott (ge­bo­ren 1941). Ab 1977/1978 lei­te­te Franz Wend­land (geb. 1933) das Sechs­ta­ge­ren­nen, Sport­li­cher Lei­ter wur­de nach dem frü­hen Tod von Hans-Pe­ter Kan­ters im Jah­re 1991 Wil­fried Peff­gen (ge­bo­ren 1942).

Rudi Altig auf einer Briefmarke aus dem Jahr 1969. (public domain)

 

7. Rasanter Sport und wildeste Party

Ab den 1970er Jah­ren wur­de das Renn­pro­gramm zu­neh­mend auf­ge­lo­ckert: Das letzt­lich we­nig er­eig­nis­lo­se Um­krei­sen der Bahn zog im­mer we­ni­ger Zu­schau­er in den Bann, die nun durch Film und Fern­se­hen an ab­wechs­lungs­rei­che An­ge­bo­te ge­wöhnt wa­ren. Schlie­ß­lich ei­nig­ten sich die Mit­glie­der des Ver­ban­des der Rad­renn­ver­an­stal­ter dar­auf, bei al­len Sechs­ta­ge­ren­nen die Fahrt­zeit der Fah­rer zu kür­zen; der Welt­rad­sport­ver­band UCI schrieb da­bei ei­ne Min­dest­fahr­zeit für die Zwei­er-Mann­schaf­ten vor. So re­du­zier­te sich et­wa von bis 1963 bis 1969 die rei­ne Fahr­stre­cke wäh­rend der 145 Stun­den von mehr als 4000 auf et­wa 2500 Ki­lo­me­ter.

Die Köl­ner Ver­an­stal­ter hat­ten sich zu­nächst ge­wei­gert: „Wir sind es un­se­ren Be­su­chern […] schul­dig, ein kom­plet­tes Pro­gramm zu bie­ten“, ver­kün­de­te Grün. Aber auch sie muss­ten schlie­ß­lich auf die sin­ken­den Zu­schau­er­zah­len re­agie­ren. Das ste­te Krei­seln der Zwei­er­mann­schaf­ten, bis­her nur durch ei­ne Neu­tra­li­sa­ti­on zwi­schen 6 und 12 Uhr un­ter­bro­chen, wur­de in ein­zel­ne Wett­be­wer­be wie Zwei­er-Mann­schafts- und Der­ny­ren­nen, Run­den­re­kord­fah­ren oder Aus­schei­dungs­fah­ren auf­ge­teilt, wei­te­re Dis­zi­pli­nen zwi­schen den Ren­nen aus­ge­tra­gen und das Show­pro­gramm aus­ge­wei­tet. Tags­über wur­de nicht mehr ge­fah­ren, das Pro­gramm be­gann erst abends. Fol­ge war, dass sich der Cha­rak­ter des Zwei­er-Mann­schafts­fah­ren grund­le­gend än­der­te, da es nicht mehr vie­le Stun­den am Stück aus­ge­tra­gen wur­de: Es spiel­te zwar wei­ter­hin ei­ne zen­tra­le Rol­le, wur­de aber nur noch zeit­lich be­grenzt zwei oder drei Mal am Abend be­strit­ten (et­wa die le­gen­dä­re „Gro­ße Kauf­hof­stun­de“ von elf Uhr abends bis Mit­ter­nacht), wo­durch sich die Tak­tik des Ren­nens grund­le­gend ver­än­der­te: Es wur­de zu­neh­mend schnel­ler, und dem ge­konn­ten „Schleu­der­grif­f“, der ei­nen dy­na­mi­schen Wech­sel zwi­schen den bei­den Fah­rern ei­ner Mann­schaft er­mög­lich­te, kam ei­ne wach­sen­de Be­deu­tung zu.

Bis 1975 ge­hör­ten die beim Pu­bli­kum be­lieb­ten Ste­her­ren­nen hin­ter don­nern­den Mo­to­ren zum Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen. Am 5.12.1976 kam es bei ei­nem Ste­her­wett­be­werb vor dem Sechs­ta­ge­ren­nen zu ei­nem ver­häng­nis­vol­len Sturz des Dort­mun­der Fah­rers Die­ter Kem­per (1938-2018), der an­schlie­ßend neun Ta­ge lang im Ko­ma lag. Noch im Ja­nu­ar des Jah­res hat­te er das Sechs­ta­ge­ren­nen ge­mein­sam mit Wil­fried Peff­gen ge­won­nen. Dar­auf­hin wur­de be­schlos­sen, auch beim Sechs­ta­ge­ren­nen selbst aus Si­cher­heits­grün­den kei­ne Ste­her­ren­nen mehr auf der klei­nen Deut­zer Bahn aus­zu­tra­gen – statt­des­sen kurv­ten von nun an die Fah­rer hin­ter Der­nys (ei­ne Art Mo­ped) um die Bahn. Auch die­se Ren­nen ent­wi­ckel­ten sich – ins­be­son­de­re auf­grund der ker­ni­gen Schritt­ma­cher-Ty­pen – zu Pu­bli­kums­ren­nern. Nach der Wen­de, als po­pu­lä­re DDR-Sprin­ter wie der bä­ren­star­ke Chem­nit­zer Mi­cha­el Hüb­ner (ge­bo­ren 1959) und der eben­falls aus Sach­sen stam­men­de Jens Fied­ler (ge­bo­ren 1970) im Pro­fi-Bahn­rad­sport auf­tauch­ten, wur­de ein Wett­be­werb für die Sprin­ter aus­ge­rich­tet. Die Män­ner mit den di­cken Ober­schen­keln und ih­re Sechs­ta­ge-Kol­le­gen üb­ten ei­ne star­ke An­zie­hungs­kraft auf das weib­li­che Pu­bli­kum aus, das im­mer reich­li­cher in die Köl­ner Hal­le ström­te und die bis­he­ri­ge „Män­ner­ver­an­stal­tun­g“ ver­än­der­te.

Ne­ben die­sem sport­li­chen An­ge­bot gab es ab Mit­te der 1980er Jah­re in der Köl­ner Sport­hal­le wäh­rend des Ren­nens wei­te­re Un­ter­hal­tung, so et­wa ei­ne klei­ne Kir­mes in ei­nem be­nach­bar­ten rie­si­gen Zelt mit „Hau den Lu­kas“, Spiel­au­to­ma­ten, Schieß­bu­den und Ver­pfle­gungs­stän­den. 

Bis in die frü­hen Mor­gen­stun­den konn­te ge­trun­ken und ge­ges­sen wer­den. Der Sport­jour­na­list Jupp Mül­ler (1923-2008) rech­ne­te 1971 im „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“ zu­sam­men: „Die wäh­rend des Sechs­ta­ge­ren­nens ver­speis­ten 30.000 Bock­würs­te wür­den an­ein­an­der­ge­reiht ei­ne Schlan­ge von 7,5 Ki­lo­me­ter Län­ge er­ge­ben. Die An­ge­stell­ten […] ver­kauf­ten 200 000 Glas Bier, 90 000 Fla­schen al­ko­hol­freie Ge­trän­ke, Eis­bein von 420 Schwei­nen, 20.000 Mett­bröt­chen, 10.000 Speck­schnit­ten und 2.000 Fla­schen Sekt.“

Auch wur­de ein „Wett­be­wer­b“ für Frau­en un­ter dem Ti­tel "Miss Kur­ve" aus­ge­rich­tet, der an­fangs auf ei­nem Klapp­rad aus­ge­tra­gen wur­de, und, nach­dem es zu ei­nem Sturz ge­kom­men war, auf ei­nem fes­t­in­stal­lier­ten Trimm­rad – ein Pro­gramm­punkt, der al­ler­dings von den vor­ran­gig männ­li­chen Be­su­chern be­lä­chelt wur­de und wohl eher de­ren Voy­eu­ris­mus be­dien­te.

Die Sil­ves­ter­näch­te wur­den ge­mein­sam von Franz Wend­land und Rolf Diet­mar Schus­ter (geb. 1944), Prä­si­dent der Kar­ne­vals­ge­sell­schaft "Gro­ße Mül­hei­mer", or­ga­ni­siert. Es gab ein Feu­er­werk, leicht­ge­schürz­te Sam­ba­da­men, Glo­cken­klän­ge und Trom­pe­ten­so­li. In den ers­ten Jah­ren stie­gen die Fah­rer um Mit­ter­nacht nur für we­ni­ge Mi­nu­ten vom Rad, zu­letzt wur­den die Ren­nen um 23.30 Uhr be­en­det, da­mit die Fah­rer du­schen, sich um­zie­hen und mit­fei­ern konn­ten, und dann „Ju­bel, Tru­bel, Hei­ter­keit“ und die ei­ne oder an­de­re Po­lo­nai­se durch den In­nen­raum. In man­chen Jah­ren tauch­te kurz nach Mit­ter­nacht das Köl­ner Drei­ge­stirn in der Hal­le auf, um naht­los die sechs­te Jah­res­zeit wie­der in die fünf­te über­ge­hen zu las­sen.

Kölner Sechstagerennen, geschmückte Kojen zu Silvester und Neujahr, 1978. (Roth-Foto)

 

Re­kord­teil­neh­mer in Köln war der Ber­li­ner Klaus Bug­dahl mit 20 Starts, Re­kord­sie­ger hin­ge­gen der Stutt­gar­ter Al­bert Fritz (ge­bo­ren 1947) mit sie­ben Er­fol­gen, ge­folgt von dem bel­gi­schen „Sechs­ta­ge­kai­ser“ Pa­trick Ser­cu (1944-2019) mit sechs Sie­gen. Je­weils vier Sie­ge konn­ten die Fah­rer Ru­di Al­tig, der in Köln be­son­ders po­pu­lä­re Bel­gi­er Eti­en­ne De Wil­de (ge­bo­ren 1958), sein Lands­mann Re­né Pi­j­nen (ge­bo­ren 1946), der Nie­der­län­der Pe­ter Post (1933-2011) und der Köl­ner Wil­fried Peff­gen ver­bu­chen – in Köln hat­ten Rhein­län­der, Bel­gi­er und Nie­der­län­der die Na­se vorn.

Nicht nur über die sport­li­chen Er­eig­nis­se wur­de be­rich­tet. So fand 1965 ein Got­tes­dienst im In­nen­raum der Rad­renn­bahn statt. 1973 – Al­tig, der 1971 sei­ne Kar­rie­re be­en­det hat­te, gab den Start­schuss – wä­re um ein Haar die frei­täg­li­che „Gol­de­ne Nach­t“ aus­ge­fal­len: Zur Lüf­tung und Säu­be­rung war ein Bahn­stück hoch­ge­klappt wor­den war, dass sich dann nicht wie­der her­ab­senk­te, weil die Hy­drau­lik streik­te, was aber auf die Schnel­le re­pa­riert wer­den konn­te.

1993/1994 muss­te der Frank­fur­ter Diet­rich Thurau (ge­bo­ren 1954) ei­ne Geld­stra­fe be­zah­len, weil er trotz Ver­bots ei­nen Sil­ves­ter­knal­ler in der Hal­le ge­zün­det hat­te. 1996 be­stritt der Aus­tra­li­er Dan­ny Clark (ge­bo­ren 1951), der als „sin­gen­der Cow­boy“ in den Renn­pau­sen auf­trat, sein letz­tes Ren­nen in Köln und wein­te Trä­nen beim Ab­schied. In ei­nem Jahr sti­bitz­te der dä­ni­sche Fah­rer Gert Frank (1956-2019) die Start­glo­cke, die spä­ter in ei­ner Kühl­tru­he in ei­ner Fah­rer­ko­je wie­der­ge­fun­den wur­de.

1978 fand beim 25. Sechs­ta­ge­ren­nen die „wil­des­te Par­ty“ statt, da dem An­lass ge­mäß Kölsch und Korn zu den Prei­sen von 1928 für 30 Pfen­ning und Würst­chen für 60 Pfen­nig ver­kauft wur­den. Den Start­schuss zu die­ser Aus­tra­gung gab „Fib­be­s“ Rausch, Sie­ger der Jah­re 1928 und 1930. 1984 ka­men die Köl­ner Sän­ge­rin Ma­rie-Lui­se Ni­ku­ta (geb. 1938) und Franz Wend­land auf Ele­fan­ten in die Hal­le ge­rit­ten, um Wer­bung für ei­nen klei­nen Zir­kus zu ma­chen, der mit Tie­ren in der Nä­he kam­pier­te und kein Geld mehr für Fut­ter hat­te.

Kölner Sechstagerennen, Sieger Rene Pijnen (Niederlande, links) mit Didi Thurau (Deutschland), 1987. (Roth-Foto)

 

Der Be­su­cher­re­kord von 1978 in Köln konn­te in­des nicht da­von ab­len­ken, dass sich die Sechs­ta­ge­ren­nen all­ge­mein in ei­nem Ab­wärts­trend be­fan­den. Speis­ten sich in den 1960er Jah­ren Ver­an­stal­tun­gen die­ser Art ver­mut­lich noch von der Fas­zi­na­ti­on und Be­geis­te­rung der An­fangs­jah­re, zeig­ten die stei­gen­den Kos­ten durch die Öl­kri­se und ei­ne zu­neh­men­de Ar­beits­lo­sig­keit ih­re Fol­gen. Hin­zu kam der wach­sen­de Kon­kur­renz­kampf von neu­ar­ti­gen Ver­gnü­gungs­ver­an­stal­tun­gen. Auch die ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che hat­ten ih­re Aus­wir­kun­gen: Die spä­ten 1960er und die 1970er Jah­re wa­ren ge­prägt von Brü­chen mit Kon­ven­tio­nen und Ta­bus. „Ein Sechs­ta­ge­ren­nen, das einst als Sym­bol für das sich stän­dig dre­hen­de Mühl­rad ei­ner Ar­bei­ter-Ge­sell­schaft galt, wirk­te nun auf Tei­le der Be­völ­ke­rung mög­li­cher­wei­se ver­al­tet und zu ein­sei­tig.“ (San­dra Schmitz) 

8. Eine neue Halle, aber keine Radrennbahn

Be­son­ders in den 1980er Jah­ren sank das In­ter­es­se in Köln; so wa­ren am Neu­jahrs­tag 1985 ge­ra­de­mal 1.200 Be­su­cher in der Hal­le, der Ver­lust be­trug letzt­lich rund 70.000 Mark, so dass das Sechs­tag­ren­nen ab 1986 auf fünf Ta­ge re­du­ziert wur­de. An­fang der 1990er Jah­re gab es je­doch ei­ne Wen­de: So ka­men Neu­jahr 1994 rund 6.500 Zu­schau­er, und 1996/1997 war an al­len Ta­gen na­he­zu vol­les Haus. Le­dig­lich ein Win­ter­ein­bruch ver­hin­der­te den Be­su­cher­re­kord.

Das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen war nicht im­mer un­um­strit­ten, ne­ben An­hän­gern gab es auch Geg­ner. Das lag nicht zu­letzt an den Kos­ten: Am En­de stan­den nicht sel­ten ro­te Zah­len, doch wur­de die­se stets ge­schickt in die Ge­samt­kal­ku­la­ti­on der Sport­stät­ten ein­ge­rech­net. Ei­ne Ab­schaf­fung aus Kos­ten­grün­den stand je­doch nie ernst­haft zur De­bat­te. Al­ler­dings setz­ten Grö­ße und Aus­stat­tung des „Al­ter­tüm­chen­s“ Sport­hal­le auf Dau­er der Ver­an­stal­tung spek­ta­ku­lä­rer Events na­tür­li­che Gren­zen. Der Auf­wand für den Auf­bau der Rad­renn­bahn lohn­te fi­nan­zi­ell kaum noch. Au­ßer­dem plan­te die Köl­ner Mes­se, zu ex­pan­die­ren, und da­bei stand die Sport­hal­le im We­ge.

Ers­te Pla­nun­gen für den Neu­bau ei­nes „Eu­ro­Pa­last­s“ en­de­ten 1989 mit dem Rück­zug des ös­ter­rei­chi­schen Bau­un­ter­neh­mens Stra­bag SE aus dem Vor­ha­ben. 1995 fiel nach lang­jäh­ri­ger Pla­nung die Ent­schei­dung zum Bau der „Köln­Aren­a“ durch die Phil­ipp Holz­mann AG. Bei ih­rer Er­öff­nung 1998 war sie die grö­ß­te Ver­an­stal­tungs­hal­le Eu­ro­pas, nach dem Vor­bild gro­ßer Mehr­zweck­hal­len in den USA. 2008 er­hielt sie den Na­men „Lan­xess Aren­a“; auf­grund der bo­gen­för­mi­gen Trä­ger­kon­struk­ti­on für ihr Dach wur­de sie von den Köl­nern „Hen­kel­männ­chen“ ge­tauft.

Die Rad­sport­freun­de freu­ten sich zu­nächst auf die Aus­sicht ei­ner neu­en Hal­le, und die Bau­her­rin prüf­te die bau­li­chen Mög­lich­kei­ten – aber, so Wend­land, „die woll­ten ei­ne vier­ecki­ge Hal­le“, da die­se ein­fa­cher zu nut­zen war. Statt auf Bahn­rad­sport wur­de auf Eis­ho­ckey ge­setzt, das über Mo­na­te Pu­bli­kum an­zieht und nicht nur ein­mal im Jahr. Im Lau­fe des Jah­res 1996 sprach sich her­um, dass es in die­ser neu­en Are­na kei­ne Rad­renn­bahn ge­ben wer­de, und die Freu­de in Rad­sport­krei­sen wan­del­te sich in „un­gläu­bi­ges Ent­set­zen“. Lang­sam wuchs die Er­kennt­nis, dass es mit dem Ab­riss der Sport­hal­le in Köln auch kein Sechs­ta­ge­ren­nen mehr ge­ben wer­de. Wend­land: „Da ha­ben die Funk­tio­nä­re ge­schla­fen.“ Im „Köl­ner Stadt-An­zei­ger“ be­fand man, dass die pri­va­ten Geld­ge­ber der Köln­Are­na vor al­lem auf Pro­fit aus sei­en und we­nig Sinn für Sen­ti­men­ta­li­tä­ten hät­ten. Jah­re­lang ha­be das Köl­ner Ren­nen oh­ne­hin ein "Mau­er­blüm­chen-Da­sein" ne­ben Bre­men und Dort­mund ge­führt, jah­re­lang sei klag­los ein „ver­staub­tes Kon­zept" hin­ge­nom­men wor­den, jetzt sei man „von der Zeit über­run­det wor­den“. In der „Köl­ni­schen Rund­schau“ hieß es: „In der Köln­are­na [...] ist für den Rum­mel rund um die toll­küh­nen Män­ner im Sat­tel kein Platz. Aben­teu­er­li­che Über­le­gun­gen, im Rad­sta­di­on Mün­gers­dorf ein Aus­weich­quar­tier zu schaf­fen, ver­schwan­den schnell wie­der im Pa­pier­korb. Tra­di­ti­on hat in Köln kei­ne Zu­kunft." 

Kölner Sechstagerennen, Politiker Hans-Jürgen Wischnewski (SPD) während eines Konzerts einer Bayernkapelle. (Roth-Foto)

 

9. Ein Rennen mit Herz - Kölner Sporthalle – Tschüss

Beim Start des Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen am 30.12.1997 in der Sport­hal­le, an­ge­schos­sen von Re­kord­sie­ger Al­bert Fritz, war ge­wiss: Die­ses wür­de nicht nur das 46., son­dern auch das letz­te Sechs­ta­ge­ren­nen in Köln sein, zu­min­dest an die­ser Stel­le. Es stan­den T-Shirts für 15 Mark zum Ver­kauf mit dem Auf­druck „Ein Ren­nen mit Herz - Köl­ner Sport­hal­le – Tschüs­s“, die so­fort aus­ver­kauft wa­ren. Ins­ge­samt ka­men 38.000 Be­su­cher („der Köl­sche geht eben ger­ne auf Be­er­di­gun­gen“). Der Köl­ner An­dy Kap­pes (1965-2018) ge­wann das letz­te Ren­nen mit dem Ita­lie­ner Adria­no Baf­fi (noch bis No­vem­ber war Kap­pes we­gen Do­pings für drei Mo­na­te ge­sperrt ge­we­sen) (geb. 1962), und die Sprin­ter Jens Fied­ler und Eyk Po­kor­ny (ge­bo­ren 1969) ver­ab­schie­de­ten sich mit ei­nem spek­ta­ku­lä­ren fünf­mi­nü­ti­gen Steh­ver­such aus Köln. Und ein letz­tes Mal fei­er­ten die Fans Sil­ves­ter in der Köl­ner Sport­hal­le in das neue Jahr hin­ein.

End­gül­tig Schluss war am ers­ten Sonn­tag des neu­en Jah­res, am 4.1.1998, um 21 Uhr. Es war das letz­te Sechs­ta­ge­ren­nen an die­ser Stel­le – und das mut­ma­ß­lich letz­te in Köln über­haupt. Der „Ex­pres­s“ zeig­te Bil­der von wei­nen­den Zu­schau­ern beim Ver­las­sen der Sport­hal­le. Ein Jour­na­list des „Köl­ner Stadt-An­zei­ger­s“ stell­te die Fra­ge, „mit wel­chem Sin­n“ man künf­tig die Zeit zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr fül­len sol­le und ver­stieg sich – in of­fen­sicht­li­cher Ver­bit­te­rung – zu der Aus­sa­ge, dass das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen schon ein­mal ab­ge­schafft wor­den sei, näm­lich 1934 von „den Na­zis“. 

Spä­ter ka­men die Um­stän­de des Baus der 1998 er­öff­ne­ten Are­na so­wie des be­nach­bar­ten gleich­zei­tig er­stell­ten Tech­ni­schen Rat­hau­ses un­ter Klün­gel­ver­dacht: Die Be­din­gun­gen für den fi­nan­zie­ren­den Op­pen­heim-Esch-Fonds wie et­wa das von der Stadt be­reit­ge­stell­te Grund­stück wa­ren un­ge­wöhn­lich güns­tig, die Mie­te, die die Stadt in den kom­men­den Jah­ren ent­rich­ten muss, un­ge­wöhn­lich hoch, und kurz nach Ab­schluss der Ver­trä­ge zwi­schen Stadt und Fonds wech­sel­te der ma­ß­geb­li­che Ober­stadt­di­rek­tor Lo­thar Ru­schmei­er (1945-2012, Ober­stadt­di­rek­tor 1990-1998) zu bes­ten Be­din­gun­gen von der Stadt zum Fonds. 

Der Holz­mann-Kon­zern trat beim Are­na/Rat­haus-Pro­jekt zu­nächst auch als Be­trei­ber auf. Die Toch­ter­fir­ma Are­na Ma­nage­ment GmbH mie­te­te die Are­na für zwölf Mil­lio­nen auf 20 Jah­re an, ei­ne Ver­pflich­tung von 240 Mil­lio­nen Eu­ro. Wie sich beim Bei­na­he-Kon­kurs des Kon­zerns im De­zem­ber 1999 her­aus­stell­te, war dies ei­ner der gro­ßen Ver­lust­pos­ten. Aus den Mit­teln, den Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der (ge­bo­ren 1944, Bun­des­kanz­ler 1998-2005) für die Ret­tung von Holz­mann-Ar­beits­plät­zen be­reit­stell­te, ka­men 55 Mil­lio­nen Eu­ro, mit de­nen sich Holz­mann aus dem Ver­trag her­aus­kau­fen konn­te.

Die „alt­ehr­wür­di­ge“ Köl­ner Sport­hal­le wur­de am 13.3.1999 un­ter den Au­gen zahl­rei­cher Schau­lus­ti­ger ge­sprengt, die sich je­doch zu­nächst „wie in ei­nem letz­ten ver­zwei­fel­ten Kraft­ak­t“ da­ge­gen zu weh­ren schien: Die Spren­gung ge­lang erst beim zwei­ten Ver­such. Heu­te be­fin­den sich neue­re Mes­se­bau­ten auf dem zwi­schen dem Mes­se­krei­sel und dem Tanz­brun­nen am Rhein ge­le­ge­nen Ge­län­de. Er­in­ne­rungs­stü­cke aus der Sport­hal­le kann man im Deut­schen Sport- und Olym­pia­mu­se­um in Köln be­sich­ti­gen. Ei­ne der höl­zer­nen Ko­jen ziert das Foy­er des Rad­sta­di­ons in Köln-Mün­gers­dorf, des­sen Bahn nach Al­bert Rich­ter be­nannt ist. Die Lat­ten der Rad­renn­bahn wur­den nach Li­tau­en ver­kauft, wo sie je­doch nie­mals auf­ge­baut wur­den.

Schon ab 1998 ver­such­ten Rad­sport­freun­de, an die Tra­di­ti­on der Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen an­zu­knüp­fen und ver­an­stal­te­ten mehr­fach das ein­tä­gi­ge Ren­nen „Die Frei­tag Nach­t“ nach Sechs­ta­ge­mus­ter im Köl­ner Rad­sta­di­on. Die Köl­ner lie­ßen sich je­doch nur mä­ßig für die­se Frei­luft­ver­an­stal­tung er­wär­men, so dass die Renn­se­rie 2001 ein­ge­stellt wur­de. Ab 2012 gab es zwei wei­te­re Ver­su­che, auf ei­ner mo­bi­len Rad­renn­bahn in ei­ner der Köl­ner Mes­se­hal­len das „Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen“ wie­der­zu­be­le­ben. Die­se Plä­ne ka­men je­doch nie zur Aus­füh­rung.

In der Win­ter­sai­son 2018/2019 wur­den nur noch zwei Sechs­ta­ge­ren­nen in Deutsch­land aus­ge­tra­gen. Die Ver­an­stal­tung in Bre­men hält sich wa­cker und hat ein treu­es Par­ty-Pu­bli­kum. Das Ber­li­ner Sechs­ta­ge­ren­nen wur­de von ei­ner bri­ti­schen Fir­ma ge­kauft und für mo­der­ne Be­dürf­nis­se und Seh­ge­wohn­hei­ten auf­ge­peppt. Es ist Teil ei­ner Renn­se­rie von meh­re­ren eu­ro­päi­schen Sechs­ta­ge­ren­nen, un­ter an­de­rem in Lon­don und Ko­pen­ha­gen. Das Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen bleibt in­des ei­ne Er­in­ne­rung an ei­ne „gu­te al­te Zeit“ – mit wel­cher Be­rech­ti­gung auch im­mer.

Quellen

In­ter­view mit Franz Wend­land, 5.2.2018.
Zahl­rei­che Ar­ti­kel in: Köl­ner Stadt-An­zei­ger, Köl­ni­sche Rund­schau, Ill­lus­trier­ter Rad­renn-Sport (Ber­lin), Rad­sport (Bie­le­feld).

Literatur

Eh­lert, Flo­ri­an, Die Ent­wick­lung der Köl­ner 6-Ta­ge-Ren­nen von 1928-1934. Di­plom­ar­beit Deut­sche Sport­hoch­schu­le Köln 2012 (DA14978).
Franz, Re­na­te, Fre­dy Bud­zin­ski. Rad­sport-Jour­na­list-Samm­ler–Chro­nist, Köln 2007.
Franz, Re­na­te/Schwar­zer, Jan Eric , Ver­bot – ja oder nein? Das En­de der Sechs­ta­ge­ren­nen im Drit­ten Reich, in: Der Kno­chen­schütt­ler. Zeit­schrift für Lieb­ha­ber his­to­ri­scher Fahr­rä­der und Mit­glie­der­jour­nal des „His­to­ri­sche Fahr­rä­der e.V.“ Nr. 46, 2009, S. 4–9.
Lan­gen, Ga­bi, Ge­liebt–Ver­ehrt–Ver­göt­tert. Die Ido­le des Köl­ner Sports, Köln 2000.
Lan­gen, Ga­bi, Sport- und Frei­zeit­po­li­tik in Köln 1945-1975, Sankt Au­gus­tin 2007.
Schmitz, San­dra, Zur Ent­wick­lung des Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nens 1958-1998. Di­plom­ar­beit Deut­sche Sport­hoch­schu­le Köln 2012 (DA 15112).
Köl­ner Sport­stät­ten GmbH, 20 Jah­re Köl­ner Sport­hal­le 1958 – 1978. 20 Jah­re Sport, 20 Jah­re Un­ter­hal­tung, 20 Jah­re Stät­te der Be­geg­nung, 1978.

Online

Rhei­ni­sche In­dus­trie­kul­tur [On­line]  
WDR-Re­por­ta­ge "Das letz­te Köl­ner Sechs­ta­ge­ren­nen", (ab­ge­ru­fen am 21. Mai 2018). [On­line
Ku­La­Dig Ob­jekt­an­sicht der Sport­hal­le auf dem Mes­se­ge­län­de in Deutz (ab­ge­ru­fen am 21.5.2018). [On­line
Welt-Ar­ti­kel "Jetzt rückt auch die Köln-Are­na ins Vi­sier der Klün­gel-Fahn­der" (ab­ge­ru­fen am 21.5.2018). [On­line]

Kölner Sechstagerennen, Übersicht der Kölner Sporthalle auf dem Messegelände in Köln-Deutz, 1993. (Roth-Foto)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Franz, Renate, Die Kölner Sechstagerennen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-koelner-sechstagerennen/DE-2086/lido/5d31b7fdddfd36.32550260 (abgerufen am 19.04.2021)