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Petronella (genannt Ella) Große-Wächter war eine deutsche Sportfunktionärin, deren Wirken die Organisations- und Strukturentwicklung des Sports in Nordrhein-Westfalen nach 1945 nachhaltig prägte. Sie spielte für die Konsolidierung des westdeutschen Sports nach 1945 sowie die zunehmende Professionalisierung ehrenamtlicher Verbandsstrukturen eine wichtige Rolle. Ihr Beitrag liegt insbesondere in der Stärkung der Jugendorganisation sowie im Auf- und Ausbau des Sports für Mädchen und junge Frauen. Zudem trug sie zur Einrichtung von „Arbeitsgemeinschaften“ im Landessportbund NRW (LSB NRW) und seiner Sportjugend bei und setzte sich für den Aufbau gesundheitsorientierter Sportprogramme auf Landesebene ein.
Ella Große-Wächter kam am 18.4.1924 in Oberforstbach (heute Aachen) zur Welt. Sie wurde katholisch getauft. Von 1930 bis 1938 besuchte sie die Volksschule St. Jakob in Aachen. Anschließend ging sie auf die Städtische Handelsschule, die sie 1940 mit der Mittleren Reife abschloss. In der Folgezeit lernte sie den Beruf der Bürogehilfin bei der Firma Leopold Philipp Hemmer. Die bereits 1856 gegründete Firma war auf die Herstellung von Maschinen für die Textilverarbeitung spezialisiert und spielte für die Aachener Tuchindustrie eine wichtige Rolle. Nach der 1942 bestandenen Prüfung zur Bürogehilfin arbeitete Ella Große-Wächter bis August 1944 als Buchhalterin für die Firma, ehe sie nach Wolfenbüttel evakuiert wurde. Dort konnte sie bei der Firma Welger bis März 1945 weiter als Buchhalterin arbeiten. Anschließend kehrte sie in das von den Alliierten befreite Aachen zurück und nahm im August 1945 ihre alte Arbeit bei der Firma Hemmer wieder auf. Dort stieg sie bis zur Prokuristin auf und verantwortete das Ressort Personal und Finanzen.
Neben ihrer beruflichen Karriere widmete sich Ella Große-Wächter vor allem dem Sport. Sie spielte Handball, betrieb Leichtathletik (Mehrkampf, Diskuswurf, Hochsprung) sowie Gymnastik und kämpfte im Jiu-Jitsu beziehungsweise Judo. In der NS-Zeit engagierte sie sich im Bund Deutscher Mädel (BDM) und das auch bereits im Jungmädelbund der 10-14-jährigen Mädchen. Im BDM spielte der Sport eine sehr große Rolle. Dabei ging es unter anderem darum, den Mädchen eine gesunde Lebensweise zu vermitteln und sie auf ihre Gesellschaftsfunktion als Ehefrau und Mutter im Sinne der NS-Ideologie vorzubereiten. Im Vordergrund standen Gymnastik, Leichtathletik und Sportspiele. Die Wirkung des Sports im BDM war ambivalent, denn „[o]bwohl das bis dahin für Mädchen nicht übliche Sporttreiben im Freien von älteren Teilnehmerinnen häufig als Moment der Emanzipation erlebt wurde, war gerade der Sport im BDM Mittel der Erziehung zu unbedingter Disziplin.“[1] Für den Aufbau der Sportarbeit im BDM griffen die Nationalsozialisten auf Lehrkräfte der Deutschen Hochschule für Leibesübungen zurück. Diese hatten vor allem die Aufgabe, „eine qualifizierte Führerinnenschaft auszubilden“.[2]
1943 trat Ella Große-Wächter der NSDAP bei. Möglicherweise steht dieser Schritt im Zusammenhang mit der Übernahme weiterer Funktionen im BDM, denn im selben Jahr wurde sie Jungmädel-Gruppenführerin und Fachwartin für den BDM-Handball des Gebietes Aachen-Köln. 1943 nahm sie zudem auf Kosten des BDM an einem Sportlehrgang in Luxemburg teil. 1944 zeichnete sie das NS-Regime mit dem Kriegsverdienstkreuz aus. Damit erhielt sie die höchste Kriegsauszeichnung für Zivilisten. In der Entnazifizierungsakte steht als Grund lapidar „Löscharbeiten“[3]. Da Aachen 1944 immer wieder massive Luftangriffe erlebte, könnte ihr Einsatz damit im Zusammenhang gestanden haben. Im 1946 durchgeführten Entnazifizierungsverfahren stufte der zuständige Ausschuss Ella Große-Wächter als „unbelastet“[4] in die Kategorie V ein. Sie durfte daher aus dessen Sicht wiedereingestellt werden.
Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft setzte Große-Wächter ihr Engagement für den weiblichen Sport und die damit zusammenhängende Tätigkeit im organisierten Sport fort. Seit 1947/48 fungierte sie zunächst als Mädelwartin des Westdeutschen Handballverbandes, bevor sie 1951 Jugendwartin im LSB NRW wurde. Dort war das Amt 1949 eingeführt worden, nachdem eine Jugendleitertagung am 7./8.5.1949 in Duisburg-Wedau die Forderung aufgestellt hatte, nicht nur einen männlichen Jugendwart zu benennen, sondern die gleiche Position auch für den Mädchensport zu besetzen. Erste Jugendwartin wurde die in Dresden geborene Helene (Leni) Tosca Andreas (1908-1982), die als Stenotypistin im Nahrungsmitteluntersuchungsamt der Stadt Oberhausen arbeitete. Leni Tosca Andreas hatte bereits zuvor als Mädelwartin in einem Ski-Club gewirkt und 1947 die Sportjugend NRW bei einer Jugendleitertagung der britischen Zone in Mürwik vertreten. Auf einer Tagung der Frauenvertreterinnen der Fachverbände des LSB NRW im November 1950 stellte sie bedauernd fest, dass es insbesondere zu wenig qualifizierte Jugendleiterinnen in den Sportorganisationen gäbe. Eine Jugendleiterin dürfe nicht nur Lehrerin sein, sondern müsse als ein Vorbild und eine Kameradin agieren, der die Jugendlichen nacheifern wollten. Nach ihrem Umzug nach Stuttgart im November 1951 konnte sie das Amt der Jugendwartin jedoch nicht mehr weiter ausüben, woraufhin Ella Große-Wächter die Position im LSB NRW übernahm. Diese hatte sie bis 1961 inne, blieb aber noch bis 1967 Mitglied im Jugendausschuss des LSB NRW und seiner Sportjugend.
Als Jugendwartin leitete Ella Große-Wächter auch die Arbeitsgemeinschaft der Mädelwartinnen der Sportverbände im LSB NRW. Das neue Strukturelement der „Arbeitsgemeinschaften“ sollte als Bindeglied zwischen dem Dachverband LSB NRW und seinen Sportfachverbänden und Bünden fungieren und diente dem Austausch über konkrete Maßnahmen und übergeordnete Ziele. Die Arbeitsgemeinschaft der Mädelwartinnen organisierte regelmäßig Fachtagungen. Zudem tauschten sich die Mitglieder über aktuelle Entwicklungen im Sport und überfachliche Inhalte aus. Dazu lud die Arbeitsgemeinschaft Expertinnen und Experten aus Disziplinen wie Sportwissenschaft, Psychologie, Kunst oder Ernährungswissenschaft zu Vorträgen ein. Das Programm der Tagungen und die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft insgesamt verdeutlichen ein zentrales Anliegen Große-Wächters, die rückblickend betonte, dass es gerade beim Aufbau der Jugendarbeit im LSB NRW Ziel gewesen sei, über den Sport hinaus allgemeine gesellschaftliche Werte zu vermitteln. Diese richteten sich oftmals gegen die als problematisch wahrgenommenen zeitgenössischen Einflüsse, etwa den wachsenden Einfluss der Massenmedien, die „Verführung” der Mädchen durch die Mode oder die zunehmende Technisierung der Welt. Der Mädchensport wurde demgegenüber als ein stabilisierendes „natürliches“ Feld verstanden, das Halt und Sicherheit geben und gegen die als negativ eingestuften Einflüsse der Zivilisation immunisieren sollte.
Ein wesentliches Anliegen Ella Große-Wächters bestand darin, die institutionelle Stellung der Jugendwartin zu stärken. Sie setzte sich erfolgreich dafür ein, dass diese Funktion auch im Präsidium des LSB NRW vertreten war. Parallel dazu forderte die Arbeitsgemeinschaft, die Mädelwartinnen auch in den Fachverbänden strukturell aufzuwerten. Dazu sollten sie analog zur Praxis im LSB NRW in die jeweiligen Präsidien integriert werden. Darüber hinaus organisierte die Arbeitsgemeinschaft auch Lehrgänge aus dem Bereich einer gymnastische, spielerische und elementare Bewegungsformen integrierenden „Grundausbildung“, die sich an Übungsleiterinnen aus den verschiedenen Verbänden und Vereinen richtete.
Zudem initiierte Ella Große-Wächter in der Verbandszeitschrift des LSB NRW die Einrichtung einer eigenen Rubrik „Für die Jugendwartin“. Diese diente der Dokumentation der Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft sowie der Vorstellung einschlägiger Literatur. Zugleich äußerten die Frauen auch Kritik an der männlich dominierten Perspektive vieler Diskussionen im LSB NRW, etwa bei dem Thema „Jugend und Freizeit“. Große-Wächter nutzte die Rubrik auch, um von ihren Erfahrungen aus internationalen Sportkontakten zu berichten. So reiste sie Ende 1960 gemeinsam mit einer Delegation des LSB NRW im Rahmen einer vom Landesjugendring NRW organisierten Fahrt nach Israel. Diese Reise beeindruckte Ella Große-Wächter so sehr, dass sie 1962 gemeinsam mit dem stellvertretenden Jugendwart Adolf Severing und dem Jugendsekretär Adalbert Hoffmeier eine erste Reise der Sportjugend NRW nach Israel organisierte. Bereits 1956 war Ella Große-Wächter mit einer Delegation der Deutschen Sportjugend in Japan gewesen. Den Gegenbesuch 1957 bereitete sie mit vor und betreute die japanische Delegation auf ihren Stationen in Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel beim Besuch der Sportschule Duisburg-Wedau.
Auf Bundesebene war sie von 1955 bis 1958 als Jugendwartin des Deutschen Sportbundes tätig. 1973 kehrte Ella Große-Wächter dann wieder ins Präsidium des LSB NRW zurück, nunmehr als Beisitzerin. Parallel übernahm sie leitende Funktionen im Gesundheitsausschuss des Dachverbandes und arbeitete im Finanz- und Wirtschaftsausschuss mit, wobei sie ihre berufliche Erfahrung als Prokuristin einbringen konnte. Im Zuge der Hinwendung des organisierten Sports zum Breitensport und den gesundheitlichen Funktionen eines „Sports für alle“, wie sie im LSB NRW dann ab 1978 im gemeinsam mit der Landesregierung aufgelegten „Aktionsprogramm Breitensport“ ihren Ausdruck fanden, verlagerte sich das ehrenamtliche Engagement Große-Wächters zunehmend auf gesundheitspolitische Fragestellungen des Sports. Sie war Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft für kardiologische Prävention und Rehabilitation in Nordrhein-Westfalen, leitete die Projektgruppe „Sport und Diabetes“ sowie die Arbeitsgemeinschaft „Sport in der Krebsnachsorge“, die sie bis 2001 führte.
Ella Große-Wächter in Israel, Diskussion über den Sabbat, 1961. (Landessportbund Nordrhein-Westfalen)
Ella Große-Wächter wurde für ihre Verdienste vielfach geehrt. Bereits 1966 zeichnete sie die Deutsche Sportjugend mit dem „Diskus“ aus, der höchsten Ehrung für ehrenamtliches Engagement innerhalb des Jugend-Dachverbands. 1975 folgte die Sportplakette des Landes Nordrhein-Westfalen als bedeutende Anerkennung ihres Einsatzes für den Sport. Eine besondere Würdigung erfuhr sie 1993, als die Mitgliederversammlung des LSB NRW sie zum Ehrenmitglied ernannte. Damit war sie nach der langjährigen Vizepräsidentin Grete Busch und der ehemaligen Vorsitzenden des Ausschusses Freizeit und Breitensport Cilly Knaust (1930-2024) die dritte Frau, die der LSB NRW auf diese Weise ehrte. Am 3.3.1995 erhielt sie aus den Händen von Ministerpräsident Johannes Rau den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihre letzte Ehrung bekam sie in hohem Alter 2010, als ihr Landessportministerin Ute Schäfer und der Präsident des LSB NRW Walter Schneeloch den „Ehrenfelix“ für besondere Leistungen im Bereich des Sports verliehen. Am 3.6.2017 starb Ella Große-Wächter mit 93 Jahren in ihrem Heimatort Aachen.
Quellen
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (LAV NRW), Abteilung R, Bestand NW 1079, Nr. 7393 (Entnazifizierungsakte).
Literatur
Buhren, Jochen, Textilmaschinen für den Weltmarkt, in: Industriekultur 28 (2022), Heft 3, S. 42-44.
Hauk, Gerhard, „Im Sport ist mehr drin.“ Die Geschichte der Sportjugend Nordrhein-Westfalen 1945–1990, Essen 1992.
Mevert, Friedrich, 50 Jahre Deutscher Sportbund. Geschichte – Entwicklung – Persönlichkeiten (Schriftenreihe des niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte 15), Hoya 2000, S. 183f.
Miller-Kipp, Gisela (Hg.), „Auch Du gehörst dem Führer.“ Die Geschichte des Bundes Deutscher Mädel (BDM) in Quellen und Dokumenten, Weinheim/München 2001.
Ella Große-Wächter auf der Baustelle des heutigen LSB Sport- und Tagungszentrums Hachen, Foto: Heinz Windmann. (Landessportbund Nordrhein-Westfalen)
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Türk, Henning, Ella Große-Wächter, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ella-grosse-waechter/DE-2086/lido/6a33c6960905b5.81974061 (abgerufen am 09.08.2026)
Veröffentlicht am 15.07.2026, zuletzt geändert am 16.07.2026