Els Vordemberge

Schauspielerin, Kinderfunkredakteurin, Verfolgte des NS-Regimes (1902-1999)

Birgit Bernard (Köln/Heidelberg)

Els Vordemberge, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv, 1426729, © WDR)

Els Vor­dem­ber­ge war lang­jäh­ri­ge Re­dak­teu­rin in Kin­der­funk und Kin­der­fern­se­hen beim West­deut­schen Rund­funk und in die­ser Ei­gen­schaft ma­ß­geb­lich an der Ent­wick­lung kind­ge­mä­ßer Sen­de­for­men be­tei­ligt. 1933 wur­de sie als Jü­din ent­las­sen. Ab 1933 be­schäf­ti­gungs­los, über­leb­te sie das NS-Re­gime in ei­ner „pri­vi­le­gier­ten Misch­ehe“ mit dem Künst­ler Fried­rich Vor­dem­ber­ge und ab 1944 im Un­ter­grund. Nach dem Krieg wur­de sie als Kin­der­funk­lei­te­rin an den Nord­west­deut­schen Rund­funk zu­rück­be­ru­fen.

El­sa („El­s“) Tint­ner kam am 5.7.1902 in Wien als Toch­ter des jü­di­schen Ehe­paa­res Ju­li­us Tint­ner und Ma­ria, ge­bo­re­ne Wa­len­te, zur Welt. Ein jün­ge­rer Bru­der Hein­rich (Heinz) wur­de 1907 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren. 1911 zog die Fa­mi­lie Tint­ner nach Düs­sel­dorf.

 

Am 1.12.1919 trat El­sa Tint­ner als Frei­schü­le­rin in die „Hoch­schu­le für Büh­nen­kunst“ am Schau­spiel­haus in Düs­sel­dorf ein. Be­reits zum 30.6.1921 be­en­de­te sie ih­re Aus­bil­dung in Düs­sel­dorf, da sie ein En­ga­ge­ment an die Rhei­ni­sche Lan­des­büh­ne Dü­ren er­hal­ten hat­te. Ver­mut­lich lern­te sie dort ih­ren spä­te­ren Mann, den 1897 in Os­na­brück ge­bo­re­nen Ma­ler und Büh­nen­bild­ner Fried­rich Vor­dem­ber­ge (1897-1981) ken­nen, der im sel­ben Jahr stell­ver­tre­ten­der Di­rek­tor an der Rhei­ni­schen Lan­des­büh­ne wur­de. Das Paar hei­ra­te­te 1926, und Els Vor­dem­ber­ge nahm die deut­sche Staats­bür­ger­schaft an. Die Ehe blieb kin­der­los.

Schick­sal­haft für ih­re wei­te­re Kar­rie­re war die Be­kannt­schaft mit ih­rem Schau­spiel­kol­le­gen Alex­an­der Maass (1902-1971). Maass, der um die Jah­res­wen­de 1926/1927 als An­sa­ger und Schau­spie­ler bei der West­deut­schen Rund­funk AG (WER­AG) in Köln en­ga­giert wur­de, er­mu­tig­te Vor­dem­ber­ge, die in der Zwi­schen­zeit mit ih­rem Mann nach Köln ge­zo­gen war, sich dort zu be­wer­ben. Els Vor­dem­ber­ge wur­de zum 1.7.1927 bei der WER­AG ein­ge­stellt, zu­nächst als Mit­wir­ken­de in Kin­der­funk­pro­duk­tio­nen wie der „Rei­se zu Knecht Ru­prechts Werk­statt“ oder „Beim Pup­pen­dok­tor“, je­doch auch für die „Klas­si­sche Hör­spiel­büh­ne“ en­ga­giert, die vom In­ten­dan­ten der WER­AG, dem Dich­ter und Thea­ter­in­ten­dan­ten Ernst Hardt, in­iti­iert wor­den war. Hier war sie et­wa als En­gel in Ger­harts Haupt­manns (1862-1942) Dra­ma „Han­neles Him­mel­fahr­t“ un­ter der Re­gie von Ernst Hardt zu hö­ren.

Als ei­gent­li­chen Glücks­griff für den Sen­der er­wies sich Vor­dem­ber­ge je­doch als Lei­te­rin des Kin­der­funks: Der Sen­der be­schäf­tig­te da­mals auch ei­ne jun­ge Frau, die ab und zu für die Kin­der Mär­chen las. Als ich plötz­lich er­fuhr, daß sie auf­hö­ren wol­le, bin ich zu Hardt ge­gan­gen und ha­be ihn ge­fragt, ob ich das nicht über­neh­men kön­ne. Er war so­fort ein­ver­stan­den. Da Vor­dem­ber­ge über kei­ne päd­ago­gi­sche Aus­bil­dung ver­füg­te, han­del­te sie in­tui­tiv. Sie nahm Kin­der ernst, re­spek­tier­te sie und schaff­te es so, dass die Kin­der ihr ver­trau­ten, so dass sie un­be­fan­gen vor dem Mi­kro­fon re­de­ten und spiel­ten. Ei­ne auf­ge­setz­te Kind­ge­mä­ßheit lehn­te Vor­dem­ber­ge ab, wor­in sie mit ih­rem In­ten­dan­ten über­ein­stimm­te. Sie er­mun­ter­te die Kin­der zum Spre­chen und zum Ein­brin­gen ih­rer Ge­dan­ken, gab An­wei­sun­gen bei Wech­sel­ge­sän­gen oder beim Rol­len­spiel und ver­stand es, die kind­li­che Phan­ta­sie an­zu­re­gen und Spie­le mit ein­fa­chen Mit­teln zu er­fin­den. Die Kin­der­stun­de der WER­AG wur­de täg­lich au­ßer sonn­tags nach dem Mit­tags­kon­zert über­tra­gen.

Els Vordemberge im Jahrbuch des Westdeutschen Rundfunks, 1929. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv, 1426625, © WDR)

 

Das Vor­le­sen von Mär­chen mit ver­teil­ten Rol­len bil­de­te den Nu­cleus zum Kin­der­hör­spiel. Ab­ge­se­hen da­von gab es Be­su­che im Köl­ner Zoo, beim Uhr­ma­cher, im Hän­neschen-Thea­ter oder auf ei­nem Bau­ern­hof, und es gab Kar­ne­vals­ver­an­stal­tun­gen für Kin­der im Funk­haus. 1932 ge­riet Els Vor­dem­ber­ge, die im sel­ben Jahr aus der jü­di­schen Glau­bens­ge­mein­schaft aus­ge­tre­ten war, in den Fo­kus der Agi­ta­ti­on der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­gen den West­deut­schen Rund­funk. Bis­her wa­ren die Kin­der­funk­sen­dun­gen in der Rund­funk­kri­tik der Köl­ner Gau­zei­tung „West­deut­scher Be­ob­ach­ter“ lo­bend er­wähnt wor­den, doch am 23.8.1932 er­folg­te ei­ne groß auf­ge­mach­te „Ent­tar­nun­g“ der Kin­der­funk­lei­te­rin als Jü­din: Aus­ge­rech­net ei­ne Jü­din soll deut­schen Kin­dern ein deut­sche Kin­der­stun­de im Rund­funk be­rei­ten! ... Dar­um muß es hei­ßen: Hin­weg mit den Fremd­blü­ti­gen! Hun­dert deut­sche Frau­en sind da, die an­ders als ‘Els Vor­dem­ber­ge’ un­se­rern Kin­dern ei­ne ech­te und wirk­lich deut­sche Kin­der­stun­de hal­ten kön­nen. An­fang März 1933 po­le­mi­sier­te der „West­deut­sche Be­ob­ach­ter“ an­läss­lich des Be­suchs der Kin­der­stun­de im Köl­ner Zoo: Die Jü­din Vor­dem­ber­ge be­sucht in der Kin­der­stun­de den Zoo­lo­gi­schen Gar­ten ..., hof­fent­lich lä­ßt man sie nicht wie­der her­aus.

Els Vor­dem­ber­ge ge­hör­te schlie­ß­lich zur ers­ten Wel­le der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, die nach dem Sys­tem­wech­sel im Jah­re 1933 beim West­deut­schen Rund­funk ent­las­sen wur­de. Sie er­hielt ih­re Kün­di­gung zum 18.4.1933 und war nun be­schäf­ti­gungs­los. Fried­rich Vor­dem­ber­ge ver­dien­te den Le­bens­un­ter­halt des Paa­res noch bis 1937 als Kunst­er­zie­her in Köln, dann wur­de er auf der Ba­sis des Ge­set­zes zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums vom April 1933 ent­las­sen. Trotz wie­der­hol­ter Re­pres­sa­li­en lehn­te er ei­ne Schei­dung ab. Els Vor­dem­ber­ge er­klär­te 1953 an­läss­lich ih­res Wie­der­gut­ma­chungs­ver­fah­rens im Rück­blick auf die­se Le­bens­pha­se: Von 1933 bis 1945 ha­be ich kei­nen Tag oh­ne Bit­ter­nis er­lebt. Ge­schützt vor dem Schlimms­ten wur­de ich durch mei­nen Mann, der sich von mir nicht schei­den las­sen woll­te, ob­wohl es ihm im­mer wie­der emp­foh­len wur­de. Bei der Mo­bil­ma­chung im Sep­tem­ber 1939 wur­de Fried­rich Vor­dem­ber­ge ein­ge­zo­gen, kurz dar­auf je­doch auf­grund sei­ner „Misch­ehe“ als „wehr­un­wür­di­g“ ent­las­sen.

Im Jah­re 1942 er­hielt Els Vor­dem­ber­ges Bru­der Heinz Tint­ner die An­wei­sung, sich zur De­por­ta­ti­on be­reit­zu­hal­ten. Die Schwes­ter er­mu­tig­te ihn un­ter­zu­tau­chen. Zu­nächst fand Heinz Tint­ner Un­ter­schlupf in ei­nem klei­nen Wald­haus in der Nä­he von Her­ken­rath bei Ber­gisch Glad­bach. Er über­leb­te den Ho­lo­caust wie sei­ne Schwes­ter im Un­ter­grund.

1942 wur­de die Woh­nung von Els und Fried­rich Vor­dem­ber­ge in Köln aus­ge­bombt. Das Ehe­paar fand Auf­nah­me bei der be­freun­de­ten Fa­mi­lie Kreym­borg, Haupt­stra­ße 32, in Hon­nef (heu­te Bad Hon­nef). Els Vor­dem­ber­ge wur­de je­doch er­kannt und beim Ras­se­po­li­ti­schen Amt an­ge­zeigt. Mein Mann führ­te die Ver­hand­lun­gen, im­mer wie­der wur­de ihm auf­ge­tra­gen, sich schei­den zu las­sen, und da er es nicht woll­te, wur­den wir stän­dig be­läs­tigt vom Orts­grup­pen­lei­ter, Zel­len­wart, Ar­beits­amt, Volks­sturm u.s.w. Zu die­sem Zeit­punkt war Els Vor­dem­ber­ge noch durch ih­ren Sta­tus als Ehe­frau in ei­ner „pri­vi­le­gier­ten Misch­ehe“ mit ei­nem Ari­er ge­schützt. Als die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten je­doch 1944 be­gan­nen, auch die jü­di­schen Part­ner aus „Misch­ehen“ zu de­por­tie­ren, ent­zog sich Els Vor­dem­ber­ge der De­por­ta­ti­on, in­dem sie un­ter­tauch­te. Im Sep­tem­ber oder Ok­to­ber 1944 war das Ehe­paar von Freun­den ge­warnt wor­den, dass ei­ne Ver­haf­tung Els Vor­dem­ber­ges un­mit­tel­bar be­vor­ste­he. Nach dem Be­richt von Heinz Tint­ner, der sich im His­to­ri­schen Ar­chiv der Stadt Köln be­fin­det, war es der Lei­ter des Hon­ne­fer Po­li­zei­am­tes – ein Bru­der des Köl­ner Gau­lei­ter­s Jo­sef Grohé -, der den Vor­dem­ber­ges und der Fa­mi­lie des Ma­ler Ju­li­us Bretz (1870-1953) den ent­schei­den­den Hin­weis gab. 

Die nun fol­gen­den Mo­na­te auf der Flucht sind durch die An­ga­ben in Els’ Vor­dem­ber­ges Wie­der­gut­ma­chungs­ak­te do­ku­men­tiert. Grö­ße­re Un­stim­mig­kei­ten er­ge­ben sich le­dig­lich in Be­zug auf die ers­te Pha­se im Un­ter­grund. So gibt sie an, die ers­ten Ta­ge nach der Flucht bei Nacht und Ne­bel aus Hon­nef in Köln-Zoll­stock bei dem Arzt Dr. med. Si­gurd Lorck ver­bracht zu ha­ben, mit dem die Vor­dem­ber­ges be­freun­det wa­ren. Er ha­be sie in ei­nem Zim­mer in der Pra­xis wäh­rend des lau­fen­den Pra­xis­be­trie­bes ver­steckt. Die Haus­häl­te­rin ha­be je­doch von ih­rem Ver­steck nichts wis­sen dür­fen, nur nachts ha­be sie sich ei­ne Vier­tel­stun­de vor die Tür ge­wagt. Da der Hon­ne­fer Orts­grup­pen­lei­ter je­doch Frau Kreym­borg be­dräng­te und ihr zu ve­ste­hen gab, man kön­ne sich den­ken, wo Els Vor­dem­ber­ge sich in Köln ver­ste­cke, ließ Frau Kreym­borg ihr ei­ne War­nung zu­kom­men.

Els Vor­dem­ber­ge be­gab sich da­her nach Os­na­brück zur Fa­mi­lie ih­rer Schwä­ge­rin, der Schwes­ter ih­res Man­nes. Nach der ei­des­statt­li­chen Er­klä­rung von Hein­rich Hen­rich­vark hielt sie sich hier vom 8. Sep­tem­ber - al­so nicht erst ab Ok­to­ber - bis zum 30.11.1944 auf. Ihr Mann wur­de un­ter­des­sen von Dr. med. Mi­chen­fel­der, dem Lei­ter des Evan­ge­li­schen Kran­ken­hau­ses in Köln, auf­ge­nom­men, bis die Kli­nik Bom­ben­an­grif­fen zum Op­fer fiel und die Pa­ti­en­ten nach Hon­nef eva­ku­iert wur­den. Da das Ri­si­ko der Rück­kehr nach Hon­nef Fried­rich Vor­dem­ber­ge zu hoch er­schien, fand er Un­ter­schlupf bei Dr. Lorck in Zoll­stock. Lorck war es auch, der Vor­dem­ber­ges Bru­der Heinz mit Gift für den Fall ei­nes Sui­zids ver­sorg­te.

Un­ter­des­sen wur­de Els Vor­dem­ber­ge an­läss­lich ei­nes Flie­ger­alarms in ei­nem öf­fent­li­chen Bun­ker in Os­na­brück er­kannt. Sie floh dar­auf­hin am 1.12.1944 nach Bie­le­feld-Brack­we­de. Hier kam sie bei der Fa­mi­lie von Wil­helm Sto­diek un­ter, Be­kann­ten, die ab­seits in ei­nem klei­nen Ein­fa­mi­li­en­haus leb­ten. In Bie­le­feld hielt Els Vor­dem­ber­ge sich un­ter fal­schem Na­men bis zum 20. oder 22. De­zem­ber auf. Da ihr die Tren­nung von ih­rem Mann an­ge­sichts der Ge­fah­ren des Bom­ben­krie­ges un­er­träg­lich ge­wor­den war, kehr­te sie um den 23.12.1944 nach Köln zu­rück und be­gab sich wie­der zu Dr. Lorck, der sei­ne Pra­xis in der Zwi­schen­zeit in den Bun­ker in der Her­tha­stra­ße ver­legt hat­te. Lorck ging da­mit ein ho­hes Ri­si­ko ein, denn die Zoll­sto­cker Orts­grup­pen­lei­tung der NS­DAP war eben­falls in den Bun­ker ver­legt wor­den. Vor­dem­ber­ge be­rich­tet über die nun fol­gen­den drei Wo­chen im Bun­ker: Ich lag Tag und Nacht auf dem obe­ren Bun­ker­bett un­ter ei­ner De­cke ver­steckt.

Die nächs­te Etap­pe der Flucht ist wie­der­um zeit­lich nicht ge­nau be­legt. Els Vor­dem­ber­ge gibt an, sich noch zu­sam­men mit ih­rem Mann im Haus von Dr. Hans Pe­ters in Hon­nef ver­steckt zu ha­ben. Ob­wohl die­ses von ei­nem gro­ßen Park um­ge­ben war, hät­ten bei­de stän­dig in Angst und Sor­gen ge­lebt, wie­der­er­kannt und de­nun­ziert zu wer­den, so dass sie sich ent­schlos­sen, das Quar­tier zu wech­seln. Die letz­te Etap­pe ih­rer Flucht führ­te sie in das süd­lich von Hon­nef ge­le­ge­ne Rhein­breit­bach. Hier wur­den sie von Hein­rich und Ger­lin­de Zech auf­ge­nom­men. Nach An­ga­ben von Frau Zech war es der 16.1.1945. Sie be­wohn­ten al­lein ein ein­sam ge­le­ge­nes Haus, schrieb Vor­dem­ber­ge im Rah­men ih­rer Wie­der­gut­ma­chung, und wei­ter: Nach kur­zer Zeit zo­gen wir in ei­nen klei­nen Wald­bun­ker, die Näs­se tropf­te von den Stei­nen. Dort er­war­te­ten wir die Ame­ri­ka­ner und stell­ten uns un­ter ih­ren Schutz. Der Kon­takt zu den Zechs war nach Aus­sa­ge von Els‘ Bru­der Heinz ge­knüpft wor­den, der eben­falls dort Un­ter­schlupf ge­fun­den hat­te. Auf ei­nen Ver­folg­ten mehr oder we­ni­ger kom­me es nicht mehr an, ha­be Frau Zech la­pi­dar ge­äu­ßert. Nach der Be­frei­ung durch die Ame­ri­ka­ner kehr­ten die Vor­dem­ber­ges nach Hon­nef zu­rück, wo Els Vor­dem­ber­ge als Ver­folg­te des NS-Re­gimes an­er­kannt wur­de. Wie­der­um ka­men sie bei Frau Kreym­borg un­ter.

Kinderkarneval im Großen Sendesaal im Funkhaus Dagobertstraße, links von der Mitte im gestreiften Kleid steht Els Vordemberge, 1929. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv, 1445663, © WDR)

 

Els Vor­dem­ber­ge hat­te zu die­sem Zeit­punkt ei­gent­lich mit ih­rer Rund­funk­kar­rie­re ab­ge­schlos­sen, nie­mals wie­der ha­be sie zum West­deut­schen Rund­funk zu­rück­keh­ren wol­len. Ei­nen Sin­nes­wan­del be­wirk­te Alex­an­der Maass, der nach sei­ner Emi­gra­ti­on 1933 und ei­ner aben­teu­er­li­chen Flucht 1945 in der Funk­ti­on ei­nes bri­ti­schen Zi­vil­be­diens­te­ten nach Deutsch­land zu­rück­ge­kehrt war. In Ham­burg, bei der Zen­tra­le des „Nord­west­deut­schen Rund­funks“, das hei­ßt dem Rund­funk in der Bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne mit der Zen­tra­le in Ham­burg und der Ne­ben­stel­le in Köln, nahm er beim Wie­der­auf­bau ma­ß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Per­so­nal­po­li­tik der bei­den Sen­der. Vor­dem­ber­ge ließ sich von Maass über­re­den, ih­re al­te Funk­ti­on als Lei­te­rin des Kin­der­funks wie­der­auf­zu­neh­men, und Max Burg­hardt (1893-1977), der ers­te Nach­kriegs­in­ten­dant im Köl­ner Funk­haus, wür­dig­te sie in sei­nen Me­moi­ren als ei­ne „star­ke Stüt­ze“ bei der de­mo­kra­ti­schen Re­or­ga­ni­sa­ti­on des Köl­ner Sen­ders. Am 15.5.1946 er­folg­te ih­re Wie­der­ein­stel­lung. Die ers­te Nach­kriegs­sen­dung des Köl­ner Kin­der­funks ging am Nach­mit­tag des 20.6.1946, dem Fron­leich­nams­tag, in den Äther.

Auf­grund des Wohn­raum­man­gels und der Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on in Köln blieb Vor­dem­ber­ge of­fen­bar zu­nächst in Hon­nef woh­nen. Ih­re Ab­mel­dung nach Köln er­folg­te erst im Au­gust 1949. Bis zu ih­rem To­de leb­ten sie und ihr Mann am Han­sa­ring.

An­ge­sichts ei­nes qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Kin­der­funk­pro­gramms aus Ham­burg plä­dier­te Vor­dem­ber­ge für ei­nen lang­sa­men und sys­te­ma­ti­schen Auf­bau des Köl­ner Pro­gramms. Bis auf Wei­te­res sol­le Köln des­halb nur ei­ne Sen­dung pro Wo­che pro­du­zie­ren. Kon­zep­tio­nell knüpf­te sie an ih­re Ar­beit in der Wei­ma­rer Re­pu­blik an. Es gab ein nach Al­ters­grup­pen dif­fe­ren­zier­tes Pro­gramm, Er­zäh­lun­gen und Kin­der­hör­spie­le, da­zu Mär­chen- und Spiel­stun­den, nur Bas­tel­stun­den wa­ren we­gen Ma­te­ri­al­man­gels zu­nächst ge­stri­chen. Vor­dem­ber­ge grün­de­te ei­ne neue „Funk­kin­der­schar“, die aus sie­ben bis acht Kin­dern un­ter­schied­li­cher Al­ters­grup­pen be­stand, und die sie zum frei­en Spre­chen vor dem Mi­kro­phon ani­mier­te.

Im Lauf der nächs­ten Jah­re fä­cher­te sich das An­ge­bot im­mer wei­ter auf, es gab Zau­ber­stun­den, Bas­tel­stun­den, Ma­len und Zeich­nen, Sin­gen, Mu­si­zie­ren, Spie­le, Kin­der­tur­nen, Ge­dichtre­zi­ta­tio­nen, Ge­burts­tags­fei­ern, Kas­per­le­thea­ter usw. Be­lieb­te Sen­de­rei­hen wa­ren et­wa „Der klei­ne Sand­mann bin ich“, „Hier ist der Sen­der Ger­ne­gro­ß“, „Wir le­sen vor“, „Fra­ge und Ant­wort im Köl­ner Kin­der­brief­kas­ten“, „Für kran­ke Kin­der“ oder „Kas­per­le ist wie­der da“. An je­dem ers­ten Frei­tag im Mo­nat gab es zu­dem den „Kin­der­kon­gres­s“, bei dem Kin­der über The­men dis­ku­tier­ten, die sie selbst ge­wählt hat­ten.

Bis zu ih­rer Pen­sio­nie­rung ar­bei­te­te sie mit re­nom­mier­ten Au­to­rin­nen und Au­to­ren wie Lui­se Rin­ser (1911-2002), Eva Rech­lin (1928-2011) oder Ja­mes Krüss (1926-1997) zu­sam­men. Von Ot­fried Preu­ß­ler (1923-2013) stamm­te die Pro­duk­ti­on „Die klei­ne He­xe“ (Erst­sen­de­da­tum 1.7.1960), von El­lis Kaut (1920-2015) die „Ge­schich­ten vom Ka­ter Mu­sch“ oder die er­folg­rei­che Sen­de­rei­he „Im­mer die­ser Fiz­zi­bit­z“ aus dem Jah­re 1963.

In der Re­gel han­del­te es sich bei den Kin­der­funk­sen­dun­gen nicht um Li­ve-, son­dern um Vor­pro­duk­tio­nen, die sich ge­ge­be­nen­falls auch als Wie­der­ho­lun­gen eig­ne­ten. In die­sem Kon­text be­ton­te die Kin­der­funk­lei­te­rin al­ler­dings: Wir schnei­den nichts her­aus, kei­nen Ver­spre­cher, kei­nen Hus­ter, kein Stot­tern. Wir neh­men nur auf Band auf, um net­te Sen­dun­gen wie­der­ho­len zu kön­nen. Sie ach­te­te ins­be­son­de­re auf die Al­ters­ge­mä­ßheit der Be­set­zun­gen. Zum ei­nen, weil sie 1946/1947 Kri­tik von den bri­ti­schen Kon­troll­of­fi­zie­ren hat­te ein­ste­cken müs­sen, zum an­de­ren, weil sie sich mit über­am­bi­tio­nier­ten Fa­mi­li­en kon­fron­tiert sah, die schon Drei­jäh­ri­ge für Pro­duk­tio­nen an­bo­ten.

An­fang der 1960er Jah­re wur­de Els Vor­dem­ber­ge in Per­so­naln­uni­on Lei­te­rin im noch jun­gen Kin­der­fern­se­hen, das sich zu ei­nem be­son­de­ren Aus­hän­ge­schild des West­deut­schen Rund­funks ent­wi­ckeln soll­te. Ob­wohl sie die Al­ters­gren­ze be­reits am 1.8.1962 er­reicht hat­te, blieb Els Vor­dem­ber­ge noch bis En­de Ju­li 1964 im Sen­der, um am Auf­bau des neu­en Me­di­ums mit­zu­wir­ken. Im Kin­der­fern­se­hen ar­bei­te­te sie mit der jun­gen Re­dak­teu­rin In­ge­borg Oeh­me-Trönd­le (ge­bo­ren 1938) zu­sam­men und för­der­te das Ta­lent ei­nes Köl­ner Mäd­chens na­mens Lot­ti Krekel (ge­bo­ren 1941). Ab­ge­se­hen da­von en­ga­gier­te sich Els Vor­dem­ber­ge für die Wie­der­grün­dung der 1929 in­iti­ier­ten GE­DOK, der „Ge­mein­schaft der Künst­le­rin­nen und Kunst­för­de­rer e. V.“ Dort re­zi­tier­te sie bei­spiels­wei­se Ly­rik oder wur­de 1955 Fach­bei­rä­tin der Grup­pe „Sprech­kunst“.

Nach ih­rer Pen­sio­nie­rung blieb Els Vor­dem­ber­ge bis ins ho­he Al­ter kul­tu­rell in­ter­es­siert. Au­ßer­dem be­glei­te­te sie ih­ren Mann Fried­rich Vor­dem­ber­ge, der ab 1947 an den Köl­ner Werk­schu­len be­schäf­tigt war, zu Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen im In- und Aus­land. Fried­rich Vor­dem­ber­ge starb am 8.4.1981 in Köln.

Els Vor­dem­ber­ges Aver­si­on, über ihr Schick­sal wäh­rend der NS-Zeit zu spre­chen, stei­ger­te sich ge­gen En­de ih­res Le­bens zur völ­li­gen Ab­leh­nung. Im Rah­men ih­rer Wie­der­gut­ma­chungs­an­ge­le­gen­heit hat­te sie 1953 an den Nord­rhein-West­fä­li­schen In­nen­mi­nis­ter ge­schrie­ben, es schei­ne ihr, dass be­reits sie­ben Jah­re nach Kriegs­en­de vie­les ver­ges­sen ist oder von ei­nem Stand­punkt be­trach­tet ist, der die Ver­gan­gen­heit ba­ga­tel­li­sie­ren möch­te. Ver­bit­tert war sie zu­dem über den schlep­pen­den Fort­gang ih­rer Wie­der­gut­ma­chung, die erst 1960 mit der An­er­ken­nung des Scha­dens in ih­rem be­ruf­li­chen Fort­kom­men ab­schlie­ßend ge­re­gelt wur­de. Die Fra­ge ih­rer Il­le­ga­li­tät wäh­rend der letz­ten Mo­na­te des NS-Re­gimes wur­de 1950 und 1951 vom Kreis­son­der­hilfs­aus­schuss der Stadt Köln und dem Aus­schuss für die Ent­schä­di­gung für Frei­heits­ent­zug be­jaht und ihr ei­ne Ent­schä­di­gung für die Zeit ih­res „il­le­ga­len Le­bens“ zu­ge­stan­den. Ge­gen die­sen Be­schluss leg­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um Ein­spruch ein, weil von ei­nem „il­le­ga­len Le­ben“ nur un­ter „haftähn­li­chen Be­din­gun­gen“ ge­spro­chen wer­den kön­ne und die ei­des­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen der Hel­fe­rin­nen und Hel­fer nicht aus­reich­ten. Da­ge­gen ver­wahr­te sich Vor­dem­ber­ge in ei­nem Schrei­ben vom 2.2.1953: Ich weiss nicht, was schlim­mer ist, in ei­ner Zel­le zu sit­zen und sei­nem Ur­teils­spruch und sei­nem Schick­sal ent­ge­gen­zu­se­hen, oder ge­hetzt und ver­folgt zu wer­den, stän­dig in Angst und Sor­gen le­ben zu müs­sen, in sei­ner Zeit, wo auf An­zei­ge und Ver­rat ei­ne Prä­mie stand. En­de Sep­tem­ber 1953 er­kann­te die Kam­mer für Haft­ent­schä­di­gung beim In­nen­mi­nis­ter NRW schlie­ß­lich auf ei­nen „be­son­ders schwe­ren Ein­grif­f“ in Vor­dem­ber­ges per­sön­li­che In­te­gri­tät, die in Art und Wir­kung ei­nem haftähn­li­chen Zu­stand gleich­kom­me.

Els Vor­dem­ber­ge starb am 25.2.1999 in Köln. Das Dop­pel­grab von Els und Fried­rich Vor­dem­ber­ge be­fin­det sich auf dem Köl­ner Me­la­ten­fried­hof.

Literatur

Be­cker-Ják­li, Bar­ba­ra, Jü­di­sches Schick­sal in Köln 1918-1945, Aus­stel­lungs­ka­ta­log His­to­ri­sches Ar­chiv der Stadt Köln – NS-Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum, Köln 1988.
Ber­nard, Bir­git, Els Vor­dem­ber­ge (1902-1999), in: Rund­funk und Ge­schich­te 25 (1999), Nr. 2/3, S. 152-153.
Ber­nard, Bir­git, „ ... und wie das Ge­socks al­les hei­ßt.“ Der West­deut­sche Be­ob­ach­ter und die Kri­tik am Mu­sik­pro­gramm des West­deut­schen Rund­funks (1930-1933), in: Me­di­en und Mu­sik­jour­na­lis­tik in Köln um 1933, hg. v. Ro­bert von Zahn, Ber­lin 2005, S. 7-61.
Burg­hardt, Max, Ich war nicht nur Schau­spie­ler. Er­in­ne­run­gen ei­nes Thea­ter­man­nes, Ber­lin/Wei­mar 1973.
Schnei­der, Chris­tof, Els Vor­dem­ber­ge zum 90, in: FI Be­rufs­bio­gra­fi­en Nr. 17 / Sep­tem­ber 1992, S. 519-520. 

Online

Ein­trag zu Els Vor­dem­ber­ge im "Frau­en­Geschichts­Wi­ki". [on­line]

Els Vordemberge, undatiert. (Westdeutscher Rundfunk, Historisches Archiv, 1535555, © WDR)

 
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Els Vordemberge, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/els-vordemberge/DE-2086/lido/5e37f71aeb99f1.19667000 (abgerufen am 03.07.2020)