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Franco war einer der bedeutendsten Bischöfe der Stadt und Diözese von Lüttich im frühen Mittelalter. Er fungierte zugleich als ein Förderer der Karolingischen Renaissance und als aktiver Teilnehmer an den Machtkämpfen der fränkischen Herrscher in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts sowie an den Abwehrkämpfen gegen die Normannen.
Wann Franco geboren wurde, ist unbekannt. Da er aber ausweislich verschiedener Berichte zwischen den Jahren 854 und 857 zum Bischof von Lütticher erhoben wurde und für die Bischofsweihe ein Mindestalter von 35 Jahren vorgesehen war, kann seine Geburt in das erste Drittel des 9. Jahrhunderts datiert werden. Der Schotte Sedulius Scottus (ca. 820-874), der als Gelehrter an der Bischofskirche St. Hubertus in Lüttich im Umfeld des Bischofs lebte und arbeitete, verwies innerhalb eines Gedichtes, das er für Franco verfasste, auf dessen karolingische Abkunft (pulchrum Karoliden). Wenngleich die Art der Herkunft, die vermutlich unehelicher Natur war, nicht bestimmbar ist, so gilt sie dennoch aufgrund der uneingeschränkten Loyalität Francos zu den Karolingern als wahrscheinlich. Eine späte Quelle des 12. Jahrhunderts bezeichnet ihn explizit als einen Verwandten (cognatus) von Kaiser Arnulf von Kärnten (887-899), was vielleicht ein Hinweis auf eine Herkunft aus diesem Zweig der Familie sein mag.
Ausweislich der Geschichte des Klosters Lobbes (heute Provinz Hennegau, Belgien) aus dem 12. Jahrhundert war Franco zunächst ein Mönch und Lehrer innerhalb der Gemeinde dieses Konvents, bevor er in späteren Jahren zum Bischof von Lüttich erhoben wurde. Dieser und andere spätere Berichte betonen in besonderem Maße die Gelehrsamkeit und Wissbegierde Francos, die er als junger Mönch gehabt habe, und heben diese lobend hervor. Laut der aus dem 10. Jahrhundert stammenden Taten der Äbte von Lobbes des Folcuin von Lobbes (um 935-990) war Franco zudem auch eine Zeit lang in der Palastschule des karolingischen Hofes ausgebildet worden (palatinis studiis instructus).
Verschiedene spätere Quellen des 10. bis 12. Jahrhunderts überliefern Francos Wahl zum Bischof von Lüttich, wobei die Angaben zwischen den Jahren 854 und 857 schwanken. Den sicheren Terminus ante quem bildet die Synode von Savonnières, die im Juni 859 stattfand, da Franco einer der Unterzeichner der Konzilsakten war. Bis zum Jahr 895 (Synode von Tribur) lässt sich der Bischof von Lüttich oftmals als Teilnehmer von Synoden nachweisen, wobei er zuweilen aktiv in Erscheinung trat. So im Jahr 871 auf der Synode von Douzy (heute im Département Ardennes, Frankreich): in einem (vermeintlich) wörtlich überlieferten Urteilsspruch Francos warf er dem Bischof von Laon bewaffneten Widerstand und Untreue gegenüber König Karl dem Kahlen (823-877) vor.
Auch nach seiner Erhebung zum Bischof und Zeit seines Lebens blieb Franco ein eifriger Förderer und Vertreter der sogenannten Karolingischen Renaissance, einer Zeit des kulturellen Aufschwungs und der Bildungsförderung, die zur Zeit Kaiser Karls des Großen ihren Anfang genommen hatte. So versammelten sich an seinem Bischofssitz zu Lüttich eine ganze Gruppe irischer und schottischer Geistlicher, die dort lehrten und arbeiteten. Der bekannteste unter ihnen, der bereits erwähnte Dichter, Grammatiker und Staatstheoretiker Sedulius Scottus, widmete seinem verehrten Bischof mehrfach Gedichte. Eine Vielzahl an Briefen, darunter eine Anfrage aus dem Kloster Fulda mit der Bitte, in Lüttich Bücher für das hessische Kloster anfertigen zu lassen, vermitteln einen lebendigen Eindruck von den geschäftigen Aktivitäten an der Domschule von Francos Kirche. Der Humanist Johannes Trithemius (1462-1516) nahm den Bischof daher Jahrhunderte später in sein Werk über die berühmten Männer Germaniens (Catalogus illustrium virorum Germaniae) auf, welches er ab dem Jahr 1492 anfertigte. Der für seine notorischen Übertreibungen und Erfindungen heute berühmt berüchtigte Johannes Trithemius schrieb darin, Franco sei in der Heiligen Schrift sehr bewandert, ein Philosoph, Rhetoriker, Poet, Musiker sowie ein hervorragender Prediger gewesen. Auch habe er selbst Werke verfasst, darunter Antiphonare, Heiligenlegenden und mathematische Werke. Dem Erzbischof Hermann I. von Köln (889/890-924) soll Franco gar ein Buch über die Quadratur des Kreises (de quadratura circuli lib. 1) und über die Berechnung des Kirchenkalenders (de computo ecclesiastico lib. 1) gewidmet haben. Keines dieser angeblichen Werke ist heute bekannt und es ist mehr als zweifelhaft, dass diese je existiert haben und es sich bei diesen angeblichen Abhandlungen Francos nicht eher um Erfindungen des schreibfreudigen Humanisten handelt. Dennoch zeugen diese Angaben von der langanhaltenden Erinnerung an jene Zeit im 9. Jahrhundert, als an der Bischofskirche in Lüttich unter Franco eine gelehrsame Atmosphäre herrschte.
Francos Beteiligung an der Reichspolitik war einerseits geprägt von seiner generell starken Loyalität gegenüber den Karolingern, die sich zugleich im Besonderen durch eine Positionierung zu jeweils dem Herrscher äußerte, der gerade jene Teile Lothringens beherrschte, in denen die Diözese von Lüttich lag. Folglich findet sich der Bischof zunächst im Gefolge Lothars II., den er im Jahr 862 auf der Synode zu Aachen explizit in seinem Ehestreit unterstützte.
Nach dem Tod Lothars II. im Jahr 869 schloss sich Franco umgehend Karl dem Kahlen an, der den westlichen Teil Lothringens für sich beanspruchen konnte. Franco gehörte dem zeitgenössischen Bericht der Annalen des Klosters Saint-Bertin zufolge als einziger der Kölner Suffragane, also der dem Kölner Erzbistum zugehörigen Bischöfe, zu den Teilnehmern an der Metzer Krönung Karls zum König von Lothringen. In der Folge blieb Franco eine wichtige Stütze Karls in den neu erworbenen Gebieten. So weihte er im Jahr 870 auf Befehl des Königs Abt Hilduin von St. Bertin in der Kaiserpfalz zu Aachen zum Erzbischof von Köln. Dieser konnte sich aber nicht gegen den vom Kölner Klerus auf Druck und mit Unterstützung des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen erhobenen Willibert durchsetzen. Trotz dieser offenkundigen Opposition gegen seinen Metropoliten geriet der Bischof von Lüttich nie in direkten Konflikt mit der Kölner Kirche. Obschon die Diözese von Lüttich mit dem Vertrag von Meerssen im August 870 territorial geteilt wurde, blieb der Bischof ein treuer Parteigänger Karls des Kahlen. Francos hohes Ansehen, das er bei diesem Herrscher genoss, zeigte sich auch im Jahr 876, als der nunmehr zum Kaiser aufgestiegene Karl dem Bischof den Schutz seiner schwangeren Frau Richildis (845-910) anvertraute, bevor er sich anschickte, das Ostfrankenreich zu erobern. Nach der Niederlage gegen seinen Neffen in der Schlacht bei Andernach im Oktober 876 floh Karl der Kahle überhastet nach Westen, wobei es Franco war, der den geschlagenen Kaiser in Lüttich als ersten aufnahm, Hilfe anbot und sich demonstrativ in dessen Gefolge stellte. Dieser unbedingten Loyalität war es wohl geschuldet, dass der Bischof im Folgejahr durch den Herrscher innerhalb des sogenannten Kapitulars von Quierzy, das man als Karls zentrales Testament bezeichnen kann, zu einem der Nachlassverwalter des Kaisers bestimmt wurde.
Nach dem Tod Karls des Kahlen und vor allem ab den 880er Jahren wurde Franco ein Parteigänger der ostfränkischen/lothringischen Karolinger, ohne sich gänzlich von den westlichen Herrschern der Familie abzuwenden. Hiervon zeugen insbesondere eine ganze Reihe an Urkunden, die der Bischof von Lüttich zu Gunsten seiner Diözese und der dortigen Klöster und Menschen erwirkte. So erhielt er umfangreiche Schenkungen durch die Kaiser Karl III. (884-887) und Arnulf (887-899): Unter anderem wurde das Kloster Lobbes zu einem Besitz des Bistums Lüttich, wobei Franco diesem Kloster, wo er wohl auch seine Jugend verbracht hatte, bereits seit dem Jahr 881 auch als Abt vorstand. Auch der westfränkische König Karl III., genannt der Einfältige (893/98-923), beschenkte den Bischof und dessen Kirche. Gleiches gilt auch für den lothringischen Unterkönig Zwentibold (895-900), einen Sohn Kaiser Arnulfs, in dessen Gefolge Franco reiste und als dessen Notar er zuweilen selbst die Ausstellung königlicher Urkunden vornahm.
Francos Nachruhm beruht jedoch nicht allein auf seiner Tätigkeit als Bischof und Gelehrter, sondern begründet sich auch maßgeblich durch seine kriegerischen Taten. In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts mehrten sich die Raubzüge der Normannen auf das Frankenreich. Erste Einfälle über Schelde, Maas und Rhein ereigneten sich in den 860er und 870er Jahren, wobei sich Franco schon zu dieser Zeit an den Abwehrkämpfen beteiligte. Nachdem aber das sogenannte Große Heidnische Heer um das Jahr 878 England verlassen hatte und es bald darauf im heutigen Nordfrankreich und den Beneluxstaaten an den Mündungen der großen Flüsse landete, begannen die großen Wikingereinfälle im Rhein-Maasgebiet, den Ardennen und der Eifel, die von 881 bis 892/93 andauernd sollten. Diese Jahre waren auch für das Bistum Lüttich aufgrund der vermehrten Angriffe der Normannen eine besonders schwere Zeit. Anfang der 880er Jahre wurde die Stadt selbst gebrandschatzt und die Kathedrale verwüstet. In jener Zeit wurde Franco zusammen mit dem Grafen Reginar I. von Hennegau (850-915) durch den Herrscher beauftragt, die Normannen unter ihrem Anführer Gottfried (gestorben 885) zu bekämpfen, die das Gebiet von Brabant verheerten. Nach der siegreichen Schlacht gegen die Normannen schien Franco sein Gewissen zu plagen, da er wohl persönlich an den Kämpfen beteiligt gewesen war und wusste, wie es Folcuin später ausdrückte, dass es nicht erlaubt war, wenn die Hände eines Geistlichen Blut vergießen (sciens illicitum esse, quamquam sanguineis manibus sancta tractare). Aus diesem Grund schickte der Bischof einen Kleriker aus Lüttich mit Namen Berich und den Mönch Theuter aus Lobbes nach Rom, damit diese dort beteten und für sein Handeln um Vergebung bitten sollten. Die Annalen des Klosters Lobbes zeichneten diese Reise ebenfalls auf und vermerkten sogar, Franco habe seine beiden Untergebenen nicht bloß zum Beten in die Heilige Stadt entsandt, sondern zum Papst, um vom Heiligen Vater selbst Vergebung zu erlangen, weil er viele Kriege gegen die Normannen (ipse multa bella contra Nortmannos) geführt hatte.
Über Francos Handeln gegen die Nordmänner gibt eine besondere zeitgenössische Quellen Auskunft. Sein ihm wohlgesinnter Freund Sedulius Scottus, der vor dem Jahr 874 verstarb, stellte innerhalb eines Gedichtes, welches den siegreichen Franco im Kampf mit den Normannen feierte, die – wohl rhetorische – Frage, ob der Bischof die normannischen Feinde nun gefürchtet habe (Hincque Nortmannus trepidabat hostis?), nur um daran anschließend in höhnischen Worten die Flucht der Nordmänner zu ihren Booten zu beschreiben, als diese die in weiß gekleideten Schlachtreihen erblickten, die Franco gegen sie ins Feld führte. Die heldenhaft-panegyrische Überhöhung seiner Person als Bischof und Krieger begann somit schon zu seinen Lebzeiten. Ob Franco auch an dem entscheidenden Sieg, den Kaiser Arnulf im Jahr 891 bei Löwen gegen die Normannen erstritt, beteiligt gewesen ist, lässt sich nicht sagen. Diesem Sieg war eine Niederlage der Franken im Tal der Göhl (französisch Guele) zwischen Aachen und Maastricht vorrausgegangen, wobei auch hier unklar ist, ob Bischof Franco in dieser Schlacht zugegen war. Laut einer etymologisch gut begründeten These des belgischen Historikers Jean-Louis Küpper könnte der Name der Burg Franchimont bei Theux (südöstlich von Lüttich), auf Bischof Franco zurückgehen, da der Name der Burg buchstäblich „Berg des Franco“ bedeutet. Bei Theux handelte es sich im 9. Jahrhundert um ein bedeutendes Fiskalgut der Karolinger. Aus diesem Grund schlussfolgert Kupper, Franco habe während der Jahre der Normanneneinfälle eine Fluchtburg errichten lassen, deren heute erhaltenen Reste zwar aus wesentlich späterer Zeit stammen, deren Name jedoch von ihrem ersten Erbauer, Bischof Franco von Lüttich, herrührt.
Gemäß verschiedener Berichte verstarb Franco zwischen 901 und 903 (vielleicht am 13. Januar) und wurde in der Kathedrale von Lüttich begraben. Mindestens 44 Jahre hatte er das Bischofsamt ausgeübt. Damit ist er bis heute derjenige, der dieses Amt wahrscheinlich am längsten innegehabt hat. Heute erinnert an der Fassade des Palais Provincial der Stadt Lüttich eine romantisierte Statuengruppe aus dem 19. Jahrhundert an die bedeutendsten Lütticher Bischöfe des frühen Mittelalters. Dargestellt sind unter anderem Rather (953-955) und Wazo (1042-1048), die beide klar als Geistliche erkennbar sind. Franco aber wird bezeichnenderweise als fränkischer Krieger mit Schwert und Umhang dargestellt. Lediglich seine Kopfbedeckung verrät beim genauen Hinsehen, dass er eigentlich und vor allem ein Bischof gewesen ist.
Quellen (Auswahl)
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Folcuini gesta abbatum Lobiensium a. 634-980, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: MGH Scriptorum 4, Hannover 1841, S. 52-74.
Sedulii Scotti Carmina, hg. von Ludwig Traube, in: MGH Poetae Latini medii aevi 3, Hannover 1896, S. 151-237.
Johannes Trithemius, Johannis Trithemii Spanheimensis Opera historica, Band 1-2, hg. von Martin Freher, Frankfurt am Main 1601.
Literatur (Auswahl)
Dümmler, Ernst, Geschichte des Ostfränkischen Reiches, Band 2-3, Berlin 1862-1885.
Kupper, Jean-Louis, Sur les incursions normandes dans le pays mosan: Le roi Arnoul, l’évêque Francon, le duc Henri, Franchimont, Limbourg et la porte hasseline de Liège, in: Bulletin de l’Institut Archéologique Liégeois 116 (2012), S. 5-24.
Le Roy, Alphonse, Artikel „Francon“, in: Nouvelle Biographie National, Band 7, Brüssel 1883, Sp. 263-267.
Parisot, Robert, Le royaume de la Lorraine sous les Carolingiens (843–923), Paris 1898.
Vogel, Walther, Die Normannen und das Fränkische Reich bis zur Gründung der Normandie (799-911), Heidelberg 1906, Neudruck 1973.
Todeseintrag des Bischofs Franco im Jahr 901 in den Annalen des Klosters Lobbes, Handschrift Chronicon Lobiense, Original in der Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Patr.62, f. 184v, 10. Jh..
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Strauch, Yanick, Franco von Lüttich, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franco-von-luettich/DE-2086/lido/69270595725d97.25734188 (abgerufen am 05.03.2026)
Veröffentlicht am 23.02.2026, zuletzt geändert am 04.03.2026