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Franz Anton Meisterburg verfasste als Missionar im kolonialen Brasilien ein Wörterbuch der indigenen Verkehrssprache des Amazonasgebiets.
Er wurde am 17.1.1719 in Bernkastel an der Mosel als zweiter Sohn der Eheleute Friedrich Franz Meisterburg (um 1692-1724) und Susanna geborene Heintz (1692-1779) geboren. Der Vater, dessen Beruf nicht belegt ist, verfügte über einen Studienabschluss als Baccalaureus der Universität Trier. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Neben Franz Anton erreichte nur die Tochter Maria Barbara das Erwachsenenalter. In zweiter Ehe heiratete die Witwe Meisterburg den Bernkasteler Schöffen Nikolaus Friderici (1686-1761).
Franz Anton Meisterburg besuchte vermutlich die Lateinschule des örtlichen Kapuzinerklosters, könnte aber auch Internatsschüler am Trierer Jesuitenkolleg gewesen sein. An der von Jesuiten geleiteten Universität Trier studierte der junge Mann zunächst zwei Jahre Philosophie, bevor er am 21.10.1737 in Trier als Magister Artium in die Gesellschaft Jesu eintrat.
Die jesuitische Ordensausbildung folgte einem festen Ablauf. In zwei Jahren des Noviziats machten sich die Kandidaten mit der regulierten religiösen Lebensweise vertraut. Wer seine persönliche Eignung unter Beweis gestellt hatte, durfte dann die „einfachen Gelübde“ ablegen, die eine vorläufige Mitgliedschaft im Orden begründeten. Anschließend war eigentlich ein Philosophiestudium vorgesehen. Da Meisterburg, der im Orden nur Anton beziehungsweise Antonius hieß, bereits den für Jesuiten obligatorischen Magistergrad mitbrachte, betraute man ihn dagegen sofort mit Lehrtätigkeiten. Von 1740 bis 1745 unterrichtete er im Trierer Kolleg lateinische Sprache, Literatur und Rhetorik.
1746 wechselte er an das ordenseigene Kolleg Büren im Paderborner Land, um das vorgeschriebene vierjährige Theologiestudium aufzunehmen. Wie in der Gesellschaft Jesu üblich, empfing er im letzten Jahr seines Studiums, am 6.10.1748 in Paderborn, die Priesterweihe. Im folgenden Jahr schloss er am Kölner Jesuitenkolleg sein theologisches Studium ab. Aus frommen Beweggründen, aber gewiss auch abenteuerlustig, verließ Anton Meisterburg 1750 Europa, um als Missionar im portugiesisch beherrschten Brasilien zu wirken.
Nach katholischer Überzeugung galt der Missionsbefehl Christi, das Evangelium allen Völkern zu verkündigen. Am Nikolausaltar der Bernkasteler Pfarrkirche St. Michael erinnert bis heute eine von Meisterburgs Mutter 1753 gestiftete Darstellung des Jesuitenheiligen Franz Xaver (1506-1552) bei der Taufe eines „Schwarzen“ und eines „Indianers“ an die Missionstätigkeit des moselländischen Jesuiten in der Kolonialzeit.
Die weltumspannende Gesellschaft Jesu zählt zu den frühen Akteuren der Globalisierung. Im 18. Jahrhundert betätigten sich Jesuiten in den Kolonien zumeist als Seelsorger für die Kolonisten und leiteten Bildungseinrichtungen. Eine kleine Gruppe trieb zudem die Ausbreitung des christlichen Glaubens weiter voran. Nach Übersee wurden nur Männer entsandt, die sich beim Ordensgeneral in Rom um einen solchen Einsatz persönlich beworben hatten, vorausgesetzt, sie waren körperlich leistungsfähig und sprachbegabt.
Seite aus dem Wörterbuch Portugiesisch-Tupi von Franz Anton Meisterburg, vermutlich zwischen 1750-1757 entstanden. (Stadtbibliothek Trier/ Handschrift 1136 / 2048 4°, fol. 45r)
Brasilien bildete das erfolgreichste Missionsgebiet der Jesuiten im portugiesischen Reich. Im Zuge der verwaltungsmäßigen Anbindung der Kolonie an das Königreich Portugal gelangten 1549, wenige Jahre nach der Ordensgründung, die ersten Jesuiten ins Land. Sie unterstützten die Politik der Krone, indem die Christianisierung der indigenen Gemeinschaften die koloniale Inbesitznahme des Landes förderte. Bereits 1553 entstand die Brasilianische Provinz des Jesuitenordens, die erste in Amerika. Nach der Teilung der Kolonie in zwei staatliche Verwaltungseinheiten, den Estado do Brasil mit der Hauptstadt Salvador de Bahia und den Estado do Maranhão mit der Hauptstadt Belém do Pará errichtete der Orden für die Mission des Amazonasgebiets die Vizeprovinz Maranhão, der Anton Meisterburg zugeteilt war.
Brasilien war Portugals wirtschaftlich bedeutendste Kolonie, deren Reichtum auf Großgrundbesitz, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und der Ausbeutung afrikanischer Sklaven fußte. Die Jesuiten finanzierten ihre Aktivitäten in Brasilien damals teils aus Subventionen der Krone und Spenden, in erster Linie aber durch eine ertragreiche Landwirtschaft und Viehzucht auf ordenseigenen Ländereien. Selbst auf Sklavenarbeit wirtschaftlich angewiesen, akzeptierte der Orden die Sklaverei und besaß im 18. Jahrhundert in Brasilien durchgängig zwischen 1.000 und 2.000 schwarze Sklaven. Seine Missionstätigkeit zielte auf die indigene Bevölkerung. Tausende Menschen wurden in Missionsdörfern („aldeias“) zur Sesshaftigkeit gezwungen, in denen europäische Wert- und Sozialvorstellungen galten und das Leben katholisch geprägt war. Getaufte Indios fanden in diesen jesuitischen Siedlungen, wo sie unter vergleichsweise besseren Bedingungen arbeiteten, einen gewissen Schutz vor Sklavenjägern und Ausbeutung durch weltliche Plantagenbesitzer. Es versteht sich von selbst, dass die Jesuiten damit immer wieder in Konflikte mit Kolonisten gerieten. Antijesuitische Propaganda unterstellte dem Orden, aus ökonomischen Interessen die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie zu behindern und nach politischer Macht zu streben.
Karte von Brasilien, aus: Bowen, Emanuel, A complete atlas, or distinct view of the known world, in which the latitudes and longitudes of the principal places in different countries are laid down according to the latest discoveries, London 1752. (Biblioteca Nacional de Portugal/ C.A. 319 A.)
Anton Meisterburg widmete sich ab 1750 mit wechselnden Gefährten in verschiedenen Missionsgebieten der Vizeprovinz Maranhão der Evangelisierung. Er befand sich zugleich weiterhin in der insgesamt 16 Jahre währenden Ordensausbildung. Erst am 28.10.1753 legte er im Hauptkolleg Santo Alexandre in der Stadt Belém seine vier feierlichen Gelübde ab. Neben Armut, Keuschheit und Gehorsam, die in katholischen Orden üblich sind, gehörte dazu das besondere vierte Gelübde der Jesuiten, der Gehorsam gegenüber dem Papst. Vorausgegangen war das sogenannte Tertiat, ein neuerliches Jahr der intensiven Prüfung. Nunmehr wurde er Vollmitglied des Jesuitenordens. Seine mit „Antonius Meisterburg“ unterzeichnete, eigenhändige Professurkunde ist im Archiv der Gesellschaft Jesu in Rom erhalten.
Dank dieses Dokuments gelang es dem Wissenschaftler Jean-Claude Muller, mittels Schriftvergleichs Anton Meisterburg sicher als Urheber einer anonymen Handschrift zu identifizieren, die sich im Besitz der Stadtbibliothek Trier befindet. Das Bändchen enthält ein Wörterbuch Portugiesisch-Tupi, also der indigenen Verkehrssprache Amazoniens („Língua Geral“). Wer den Glauben vermitteln und als Seelsorger wirken wollte, musste sich mit Einheimischen verständigen können. Daher lernte auch Pater Meisterburg anfangs das regionale Tupi, das sowohl von den missionierten und akkulturierten Indios als auch von den Portugiesen und ihren Nachkommen aus Verbindungen mit indigenen Frauen gesprochen wurde. Gegen die Anordnung der portugiesischen Regierung, dass die Katechese in der Sprache der Kolonialherren erfolgen sollte, hielten die Jesuiten am bewährten Grundsatz ihres Ordens fest, die Sprache ihrer Adressaten als Missionssprache zu verwenden. In aller Regel tauften sie nur dann, wenn eine ernsthafte Bekehrung erkennbar war, fassten sie Mission doch als umfassende Erziehung zur christlichen Persönlichkeit auf. Über den notwendigen Spracherwerb kam Anton Meisterburg, wie einige andere Missionare, zur systematischen Beschäftigung mit der fremden Sprache, der „Missionarslinguistik“. Sein Wörterbuch, das für die sprachhistorische Forschung zu Brasilien heute eine wichtige Quelle ist, zeugt davon, welchen bedeutenden Beitrag Jesuitenmissionare zur Verschriftlichung und Systematisierung indigener Sprachen leisteten. Zweckgebunden an die Missionsarbeit ist die Aneignung fremder Sprachen gleichzeitig als Instrument der kolonialen Unterwerfung indigener Kulturen zu betrachten.
Professurkunde von Franz Anton Meisterburg, 28.10.1753. (ARSI - Archivum Romanum Societatis Iesu /Lus 17, f. 89)
Veränderte politische Verhältnisse in Portugal beendeten Meisterburgs Einsatz schon nach wenigen Jahren, es folgte eine langjährige Gefangenschaft. Der Jesuitenorden war unter dem Vorzeichen des aufgeklärten Absolutismus mehr und mehr in Bedrängnis geraten. Schließlich wurden 1759 sämtliche Jesuiten aus dem Königreich ausgewiesen und der Besitz des Ordens eingezogen. Treibende Kraft der Kampagne war Sebastião José de Carvalho e Melo (1699-1782), bekannt unter seinem späteren Titel Marquis von Pombal, der leitende Minister Portugals. Sein Bruder Francisco Xavier de Mendonça Furtado (1701-1769) wirkte seit 1751 als Generalgouverneur im nordbrasilianischen Maranhão, wo die Zurückdrängung der Jesuiten nach dem Tod der Maria Anna von Habsburg (1683-1754) einsetzte. Sie hatte als Witwe König Joãos V. (1689-1750) ihre schützende Hand über die Jesuitenmission in Brasilien gehalten.
Pater Meisterburg, den man seit 1756 der Staatsfeindlichkeit beschuldigte, möglicherweise sogar wegen seines Interesses an der indigenen Landessprache, wurde am 28.11.1757 mit weiteren Jesuiten nach Portugal deportiert. Das besagte Wörterbuch führte er wohl mit sich. Am 12.2.1758 erreichte das Schiff Lissabon, die Männer wurden eingesperrt. Anton Meisterburg verlegte man 1762 in die Festung São Julião da Barra nahe Lissabon. Die elende Lage der Häftlinge in diesem unterirdischen Kerker dokumentiert seine lateinische Elegie an die Madonna Suspiria Captivorum Patrum S.J. in arce S. Juliani ad ostia Tagi. In Natali B. Virginis Mariae. 1762, in deutscher Übersetzung betitelt als Seufzer der gefangenen Patres der Gesellschaft Jesu […].
In Bernkastel war Meisterburgs Mutter über die Verschleppung ihres Sohnes nach Lissabon informiert, indes wusste sie nicht, wo er sich aufhielt und ob er am Leben bleiben würde. 1763 stiftete sie dem Trierer Jesuitenkolleg ihr Wohnhaus und mehrere Weinberge, vorbehaltlich der lebenslangen Nutzung des Hauses und einer Unterhaltszahlung. Zugunsten ihres Sohnes legte sie fest, dass das Kolleg für die Reisekosten aufkommen müsste, falls er erst nach ihrem Tod zurückkehren sollte, und ihm im Falle der Heimkunft jährlich 20 Reichstaler auszuzahlen hätte. Sie konnte nicht ahnen, dass in der Zwischenzeit der Jesuitenorden von Papst Clemens XIV. am 21.7.1773 aufgehoben werden würde.
Anton Meisterburg und die anderen in Lissabon eingekerkerten Jesuiten kamen erst nach dem Regierungsantritt Königin Marias I. von Portugal (1734-1816) und der Entmachtung Pombals im März 1777 aus der politischen Gefangenschaft frei. Meisterburg reiste wenig später auf dem Seeweg nach Amsterdam und von dort über Köln heimwärts an die Mosel. Am 1.9.1777 traf er in Bernkastel ein, wo seine alte Mutter noch lebte. Der ehemalige Jesuit arbeitete fortan als Weltpriester. Seine letzte Wohnung hatte er im örtlichen Kapuzinerkloster, in dem er am 24.10.1799 im Alter von 82 Jahren starb.
Quellen
Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 661,022, Nr. 381.
Stadtbibliothek Trier, Handschrift 1136 / 2048 4°, ediert in: Muller, Jean-Claude u.a. (Hg.), Dicionário de língua geral amazônica / Primeira transcrição por Gabriel Prudente. Manuscrito anônimo e sem título, Ms. no 1136 / 2048 4° da Biblioteca Municipal de Trier, Alemanha, Missão de Piraguiri, Baixo Xingu, antes de 1756, Potsdam 2019. [Online]
Antonius Meisterburg, Suspiria Captivorum Patrum S.J. in arce S. Juliani ad ostia Tagi. In Natali B. Virginis Mariae. 1762, abgedruckt in: von Murr, Christoph Gottlieb, Journal zur Kunstgeschichte und zur allgemeinen Literatur, Band 13, Nürnberg 1784, S. 149-162.
Literatur
Braun, Jörg Matthias, Die Einwohner der Stadt Bernkastel von 1500 bis 1900, Band 1: A-Gi, Köln 2021, S. 895f., Nr. 1247; Band 3: Ma-Sp, Köln 2021, S. 2080f., Nr. 2899.
Friedrich, Markus, Die Jesuiten. Aufstieg. Niedergang. Neubeginn, 2. Auflage, München 2020.
Horst, Thomas u.a., O „global player“ Anselm Eckart SJ (1721–1809) e sua contribuição à História Natural e Etnografia da Amazônia no Século XVIII, in: Hendrich, Yvonne u.a. (Hg.), Beiträge zur Geschichte der deutsch-portugiesischen Beziehungen. Transkontinentale Kontakte und kultureller Austausch (15.–19. Jahrhundert), Kulturwissenschaftliche Studien 18, Berlin 2021, S. 181–215.
Meier, Johannes (Hg.), Jesuiten aus Zentraleuropa in Portugiesisch- und Spanisch-Amerika. Ein bio-bibliographisches Handbuch mit einem Überblick über das außereuropäische Wirken der Gesellschaft Jesu in der frühen Neuzeit, Band 1: Brasilien: (1618 - 1760), bearb. von Fernando Amado Aymoré, Münster 2005.
Muller, Jean-Claude, Die Identifizierung eines Sprachschatzes in der Trierer Stadtbibliothek – das jesuitische Wörterbuch Alt-Tupí/Portugiesisch, in: Kurtrierisches Jahrbuch 52 (2012), S. 371-387.
Sebastião José de Carvalho e Melo, 1st Marquis of Pombal, Ölgemälde von Louis-Michel van Loo und Joseph Vernet, 1766, Original im Museo de Lisboa. (gemeinfrei)
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Ostrowitzki, Anja, Franz Anton Meisterburg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-anton-meisterburg/DE-2086/lido/68aed8d6ed5b12.93666758 (abgerufen am 12.12.2025)
Veröffentlicht am 01.09.2025, zuletzt geändert am 24.09.2025