Helene Stöcker

Sexualreformerin und Pazifistin (1869-1943)

Kerstin Wolff (Kassel)

Helene Stöcker, Porträtfoto, um 1920, aus: Flora Zöllner (Hg.), Deutscher Frauengeist aus Dichtung und Wissenschaft, Bd. 2, Lahr 1927, S. 352a. (Archiv der deutschen Frauenbewegung/ A-D1-00372)

He­le­ne Stö­cker war ei­ne be­kann­te Ak­ti­vis­tin der Frau­en­be­we­gung, die sich vor al­lem für die Rech­te von un­ehe­li­chen Kin­dern und Müt­tern ein­setz­te. Im Ers­ten Welt­krieg wur­de sie zur über­zeug­ten Pa­zi­fis­tin und be­hielt die­ses En­ga­ge­ment auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik bei. 1933 muss­te sie Deutsch­land ver­las­sen; sie starb mit­tel­los 1943 im US-ame­ri­ka­ni­schen Exil.

He­le­ne Stö­cker wur­de am 13.11.1869 als äl­tes­tes Kind in ei­ne streng cal­vi­nis­ti­sche Fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Ihr Va­ter, Pe­ter Hein­rich Lud­wig Stö­cker (1839-1917) und sei­ne Ehe­frau Hul­da geb. Berg­mann (1849-1921), leb­ten zu die­ser Zeit in der Schwa­nen­stra­ße 5 in El­ber­feld (heu­te Wup­per­tal). He­le­ne Stö­cker hat­te sie­ben Ge­schwis­ter: Mar­tha Eli­sa­beth Stö­cker (ge­nannt Li­sa) (1873-1959); Ly­dia Stö­cker (1877-1942); Hul­da Jo­han­na Si­mons, geb. Stö­cker, ge­nannt Hän­ny (1879-1959); Mar­ga­re­the Schmidt, geb. Stö­cker, ge­nannt Mar­ga (1890-1978) und drei wei­te­re Ge­schwis­ter, die nicht das Er­wach­se­nen­al­ter er­reich­ten. Der Va­ter, ein streng gläu­bi­ger Mann, woll­te ur­sprüng­lich Mis­sio­nar wer­den, be­vor er dann aber auf Drän­gen sei­nes Va­ters die fa­mi­li­en­ei­ge­ne Tex­til­fa­brik über­nahm, in der Quas­ten, Bor­ten, Fran­sen und Hal­ter her­ge­stellt wur­den.

Ih­re Schul­zeit an der städ­ti­schen hö­he­ren Mäd­chen­schu­le an der Aue hat­te He­le­ne Stö­cker zeit­le­bens in gu­ter Er­in­ne­rung. Dies lag ver­mut­lich auch dar­an, dass die Schu­le da­mals von Ri­chard Schorn­stein (1817-1893) ge­lei­tet wur­de, der Vor­sit­zen­der im Deut­schen Ver­ein für das Hö­he­re Mäd­chen­schul­we­sen war und als För­de­rer weib­li­cher Bil­dung gel­ten kann. Schon früh – so er­in­ner­te sich Stö­cker – in­ter­es­sier­te sie sich für Li­te­ra­tur, Ge­schich­te und Geo­gra­fie und bil­de­te sich dank ei­nes selbst­ge­wähl­ten Li­te­ra­tur­stu­di­ums noch wäh­rend der Schul­zeit fort­lau­fend wei­ter. So muss ich noch heu­te der Buch­hand­lung von Mar­tin Hart­mann in El­ber­feld die dank­bars­te Er­in­ne­rung be­wah­ren, weil sie mir die Mög­lich­keit ge­bo­ten hat, mein Wis­sen zu er­wei­tern. Sie be­saß ei­ne gro­ße Leih­bi­blio­thek, de­ren eif­rigs­te Be­nut­ze­rin ich war.[1] 

Nach ih­rer Schul­zeit woll­te He­le­ne Stö­cker ei­ne Aus­bil­dung zur Leh­re­rin auf­neh­men, was ihr aber von ih­ren El­tern ver­wehrt wur­de. Erst als die zwei­te Toch­ter Li­sa die Schu­le ver­ließ und da­mit He­le­ne von der Un­ter­stüt­zung ih­rer Mut­ter frei­ge­stellt wer­den konn­te, war der Weg zum Leh­re­rin­nen­ex­amen in Ber­lin frei. Nach lan­gem Drän­geln ver­ließ sie 1892 ihr El­tern­haus. 

1896 wur­den in Preu­ßen im Rah­men der Vor­be­rei­tung auf die Ober­leh­re­rin­nen­prü­fung Frau­en als Gast­hö­re­rin­nen an den Uni­ver­si­tä­ten zu­ge­las­sen und He­le­ne Stö­cker nutz­te die­se Chan­ce so­fort, um ih­rem Traum vom Stu­di­um nä­her zu kom­men. Al­ler­dings muss­te sie als Gast­hö­re­rin je­den ein­zel­nen Pro­fes­sor um sei­ne ex­pli­zi­te Er­laub­nis bit­ten, was nicht we­ni­ge da­zu nutz­ten, wei­ter­hin Frau­en aus­zu­schlie­ßen. Trotz­dem war Stö­cker be­geis­tert und schrieb im Rück­blick: Seit Herbst 1896 sah ich mei­ne jah­re­lan­ge Sehn­sucht, stu­die­ren zu dür­fen, nun end­lich er­füllt. Mei­ne Stu­di­en rich­te­ten sich im We­sent­li­chen auf Li­te­ra­tur­ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Na­tio­nal­öko­no­mie. Es war ei­ne gro­ße Freu­de, nun end­lich an den Quel­len mit­zu­schöp­fen und auch in den Se­mi­na­ren mit­ar­bei­ten zu dür­fen.[2] 

In die­ser Zeit kam Stö­cker in Ber­lin mit der Frau­en­be­we­gung in Kon­takt. Zu­erst lern­te sie Min­na Cau­er (1841-1922), Ani­ta Augspurg (1857-1943) und Li­da Gus­ta­va Heymann (1868-1943) ken­nen und en­ga­gier­te sich im ‚lin­ken‘ oder auch ‚ra­di­kal‘ ge­nann­ten Flü­gel der Frau­en­be­we­gung vor al­lem zur Fra­ge ei­ner mög­li­chen aka­de­mi­schen Bil­dung von Frau­en. Auch wäh­rend des Stu­di­ums en­ga­gier­te sich He­le­ne Stö­cker wei­ter für die Frau­en­be­we­gung. Zu­sam­men mit an­de­ren Stu­den­tin­nen grün­de­te sie im Win­ter­se­mes­ter 1896/97 den Ver­ein stu­die­ren­der Frau­en, der sich als stu­den­ti­sche Ver­tre­tung der bür­ger­li­chen Frau­en­be­we­gung an den Uni­ver­si­tä­ten ver­stand. Nach Ab­schluss ih­res Stu­di­ums und der Pro­mo­ti­on wur­de sie ab 1901 für den Ver­ein Frau­en­bil­dung-Frau­en­stu­di­um ak­tiv und trat als Red­ne­rin auf, grün­de­te Orts­ver­ei­ne mit und setz­te sich auf meh­re­ren Frau­en­kon­gres­sen für die Ko­edu­ka­ti­on ein. Ab spä­tes­tens 1903 wur­de sie dann für die The­men ak­tiv, für die sie bis heu­te be­kannt ist: Die „Neue Ethik“ und der Bund für Mut­ter­schutz.

Mit der Idee der „Neu­en Ethi­k“ be­grün­de­te He­le­ne Stö­cker ein ei­gen­stän­di­ges phi­lo­so­phi­sches Ge­dan­ken­ge­bäu­de, wel­ches die Au­to­rin und Phi­lo­so­phin An­ne­gret Stop­c­zyk-Pfund­stein als „Lie­bes­phi­lo­so­phie“ in­ter­pre­tiert. In­ner­halb der „Neu­en Ethi­k“ nahm die Lie­be den höchs­ten Stel­len­wert ein, wo­bei Stö­cker die Lie­be nicht von ih­rer kör­per­li­chen Sei­te trenn­te, son­dern die­se be­wusst mit­dach­te. Für Stö­cker stand fest, dass ei­ne freie Se­xua­li­tät – die nicht nur dem Zweck der Schaf­fung ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on die­nen soll­te – auch der Frau zu­stand und dass der sitt­li­che Wert ei­ner ge­schlecht­li­chen Be­zie­hung von der Tie­fe und Dau­er­haf­tig­keit der Ge­füh­le ab­hängt und nicht von der Exis­tenz ei­ner ge­sell­schaft­lich ak­zep­tier­ten Ehe. Da­mit rück­te sie die in­ne­re Ver­bun­den­heit zwi­schen Mann und Frau in das Zen­trum ih­res Den­kens und plä­dier­te stark für ei­ne sich ge­gen­sei­tig ach­ten­de Lie­be. Sol­che Ge­füh­le konn­te es auch in­ner­halb ei­ner Ehe ge­ben – wie He­le­ne Stö­cker im­mer wie­der be­ton­te. Al­ler­dings wa­ren sie ih­rer Mei­nung nach nicht nur auf die Ehe be­schränkt, son­dern konn­ten auch in frei­en Le­bens­ge­mein­schaf­ten mög­lich sein. Pro­pa­gier­te man in Zei­ten von un­si­che­ren Ver­hü­tungs­mit­teln ei­ne sol­che Idee, muss­te au­to­ma­tisch die le­di­ge Mut­ter­schaft und das va­ter­lo­se Kind mit be­dacht wer­den. Die­se galt es – so Stö­cker – von der ge­sell­schaft­li­chen Ta­bui­sie­rung zu be­frei­en und dem va­ter­lo­sen Kind so­wohl ei­ne fi­nan­zi­el­le als auch emo­tio­na­le Ei­gen­e­xis­tenz zu si­chern. 

 

Die Hoch­pha­se der von Stö­cker ent­wi­ckel­ten und pro­pa­gier­ten „Neu­en Ethi­k“ er­streck­te sich von der Grün­dung des Bun­des für Mut­ter­schutz (1905) bis zum Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges. Um ih­re Ide­en be­kannt zu ma­chen, grün­de­te sie 1905 ei­ne ei­ge­ne Zeit­schrift „Mut­ter­schut­z“ – spä­ter um­be­nannt in „Die Neue Ge­ne­ra­ti­on“.

In­ner­halb ih­rer Ethik fin­den sich im­mer wie­der Pas­sa­gen, die auf ein eu­ge­ni­sches Ge­dan­ken­ge­bäu­de und Men­schen­bild hin­wei­sen, das sich al­ler­dings von der spä­te­ren na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Aus­le­gung von Eu­ge­nik un­ter­schied. 1905 for­mu­lier­te sie, dass man Mit­tel fin­den müs­se; um un­heil­bar Kran­ke oder Ent­ar­te­te an der Fort­pflan­zung zu ver­hin­dern.[3] In all ih­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen be­kann­te sich Stö­cker zu den Prin­zi­pi­en des so­ge­nann­ten Neu­mal­t­hu­sia­nis­mus, wor­un­ter ei­ne Be­schrän­kung der Be­völ­ke­rungs­ver­meh­rung durch Me­tho­den der Ge­bur­ten­kon­trol­le zu ver­ste­hen ist. Für Stö­cker be­deu­te­te dies die For­de­rung nach ei­nem straf­frei­en Schwan­ger­schafts­ab­bruch, Ver­hü­tungs­auf­klä­rung so­wie die Frei­ga­be von Wer­bung und Ver­trieb von Ver­hü­tungs­mit­teln. Sie for­der­te je­doch in kei­nem ih­rer Ar­ti­kel ei­ne „Eli­mi­nie­run­g“ oder „Aus­mer­zun­g“, al­so das, was die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Po­li­tik un­ter Eu­ge­nik ver­stand. Hin­zu kommt, wie Car­men Ham­mer rich­tig be­merkt, dass sich das Den­ken He­le­ne Stö­ckers „an der in der Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung ste­hen­den op­ti­mis­ti­schen Idee ei­ner ganz­heit­li­chen Kör­per, Geist und Sitt­lich­keit um­fas­sen­den Hö­her­ent­wick­lung der Mensch­heit durch das ver­ant­wort­li­che Han­deln der Ein­zel­nen“[4] ori­en­tiert und eben nicht an Über­le­gun­gen von Ras­se­hy­gie­ni­kern, so­ge­nann­tes „un­wer­tes“ Le­ben „aus­zu­mer­zen“.

Der durch Stö­cker ge­lei­te­te Bund für Mut­ter­schutz be­stand zwi­schen 1905 und 1933, wo­bei sei­ne Hoch­pha­se in der Zeit bis 1914 lag. 1907 exis­tier­ten in zehn Städ­ten Orts­grup­pen, in Ber­lin (hier war auch der Sitz des Dach­ver­ban­des bis 1910), Bres­lau, Dres­den, Frank­furt am Main, Ham­burg, Kö­nigs­berg, Leip­zig, Lie­gnitz, Mann­heim und Po­sen. Es wa­ren dann auch die Orts­grup­pen, die die prak­ti­sche Ar­beit leis­te­ten und or­ga­ni­sier­ten. Dar­über hin­aus ver­such­te der Bund mit Ar­beits- und Stel­len­nach­wei­sen da­für zu sor­gen, dass sich un­ver­hei­ra­te­te Müt­ter auch al­lein er­näh­ren konn­ten. In­ner­halb des Bun­des wa­ren ein Drit­tel der Mit­glie­der Män­ner. 1911 kam es zur Grün­dung der In­ter­na­tio­na­len Ver­ei­ni­gung für Mut­ter­schutz und Se­xu­al­re­form, der der ers­te In­ter­na­tio­na­le Kon­gress für Mut­ter­schutz und Se­xu­al­re­form vor­aus­ging. Die­ser Auf­wärts­trend wur­de durch den 1914 be­gon­ne­nen Ers­ten Welt­krieg un­ter­bro­chen und auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik konn­te der Bund nicht zu sei­ner al­ten Mit­glieds­stär­ke zu­rück­fin­den.

Cover "Die neue Generation", herausgegeben von Helene Stöcker, Berlin 1911. (Archiv der deutschen Frauenbewegung)

 

Der Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges stürz­te die über­zeug­te Pa­zi­fis­tin He­le­ne Stö­cker, die seit cir­ca 1900 Mit­glied in der Deut­schen Frie­dens­ge­sell­schaft war, in ei­ne tie­fe Le­bens­kri­se. In ih­rem Ta­ge­buch no­tier­te sie be­reits im Ju­li 1914: Wer so spricht, will den Krieg! Wie kann man so et­was Un­ge­heu­er­li­ches ‚wol­len‘! Wer darf so et­was wol­len?[5] Ih­re Über­zeu­gung, dass Krieg dem er­reich­ten Grad mensch­li­cher Zi­vi­li­sa­ti­on wi­der­spre­che, be­wirk­te ih­re Hin­wen­dung zum or­ga­ni­sier­ten Pa­zi­fis­mus. Sie wur­de in meh­re­ren Frie­dens­ver­bän­den ak­tiv: ne­ben der Deut­schen Frie­dens­ge­sell­schaft im Ver­band für in­ter­na­tio­na­le Ver­stän­di­gung, im Bund „Neu­es Va­ter­lan­d“, in der Zen­tral­stel­le „Völ­ker­rech­t“ (Mit­glied im Vor­stand) so­wie in der „In­ter­na­tio­na­len Frau­en­li­ga für Frie­den und Frei­heit“ (Deut­scher Zweig). Au­ßer­dem nahm sie an Ta­gun­gen der in­ter­na­tio­nal ver­netz­ten Pa­zi­fis­tin­nen und Pa­zi­fis­ten im neu­tra­len Aus­land teil und öff­ne­te ih­re Zeit­schrift für pa­zi­fis­ti­sche Hal­tun­gen.

Be­son­ders wich­tig war ihr die Teil­nah­me am gro­ßen in­ter­na­tio­na­len Frau­en­frie­dens­kon­gress 1915 in Den Haag. Ei­ne un­schätz­ba­re geis­ti­ge Stär­kung sei es ge­we­sen, mit ei­ner so gro­ßen An­zahl von Ge­sin­nungs­freun­den zu­sam­men­zu­tref­fen und zu wis­sen, dass es sie über­haupt gab. Es wur­den Be­zie­hun­gen an­ge­knüpft mit Men­schen der ver­schie­dens­ten Län­der, die vie­le Jah­re hin­durch be­ste­hen blie­ben.[6] 

Schnell stieg He­le­ne Stö­cker in­ner­halb der Frie­dens­be­we­gung auf ─ so­wohl auf na­tio­na­ler Büh­ne als auch auf in­ter­na­tio­na­lem Par­kett. Da­bei brach­te sie ih­re or­ga­ni­sa­to­ri­schen Er­fah­run­gen aus der Frau­en­be­we­gung und als Her­aus­ge­be­rin mit. Nach dem Krieg blieb Stö­cker der Frie­dens­ar­beit treu – ih­re se­xu­al­po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten ge­rie­ten zu­neh­mend an den Rand.

1929 be­ging Stö­cker ih­ren 60. Ge­burts­tag. Aus die­sem An­lass wur­de sie in fast 400 Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten des In- und Aus­lan­des in Bei­trä­gen oder No­ti­zen zum Teil über­schwäng­lich als her­aus­ra­gen­de Pa­zi­fis­tin und Frau­en­recht­le­rin ge­wür­digt. Selbst „der nach links hin bis­her noch so sprö­de Rund­fun­k“[7] in Ber­lin, Ham­burg und Leip­zig räum­te für sie Sen­de­zeit ein. Ih­re Weg­ge­fähr­ten und Freun­din­nen or­ga­ni­sier­ten Fest­ver­an­stal­tun­gen in Ber­lin. He­le­ne Stö­cker konn­te die­se Eh­run­gen zu Recht als Krö­nung ih­res bis­he­ri­gen po­li­ti­schen Wir­kens emp­fin­den. Al­ler­dings zeig­te sich durch die per­so­nel­len Um­be­set­zun­gen im Prä­si­di­um der Deut­schen Frie­dens­ge­sell­schaft im Fe­bru­ar 1929 ─ ge­folgt vom Zer­fall des Deut­schen Frie­den­s­kar­tells noch im sel­ben Jahr ─, dass Stö­cker zu­neh­mend ih­re ent­schei­den­de Ak­ti­ons­ba­sis ver­lor. Dar­über hin­aus kam es zu pri­va­ten, wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Pro­ble­men. 1931 ver­starb ihr Part­ner Bru­no Sprin­ger (1873-1931), den sie 1905 ken­nen­ge­lernt und der sie auch fi­nan­zi­ell un­ter­stützt hat­te – ihr wirt­schaft­li­ches Über­le­ben wur­de da­her im­mer pre­kä­rer.

Di­rekt nach der Macht­über­ga­be an Hit­ler ver­ließ Stö­cker im Fe­bru­ar 1933 Deutsch­land. Nach meh­re­ren Sta­tio­nen blieb sie zu­nächst ei­ni­ge Jah­re in der Schweiz, an­fangs noch mit un­ge­si­cher­tem Sta­tus oh­ne An­er­ken­nung als po­li­ti­scher Flücht­ling. Im­mer­hin konn­te sie in den ers­ten Exil­jah­ren auf das Er­be ih­res ver­stor­be­nen Le­bens­ge­fähr­ten zu­rück­grei­fen, bis die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten den De­vi­sen­ab­fluss aus dem Reich weit­ge­hend stopp­ten und sie auf Un­ter­stüt­zungs­fonds aus der Frau­en- und Frie­dens­be­we­gung an­ge­wie­sen war. Am 9.3.1938 wur­de sie aus­ge­bür­gert. Da sie sich in der Schweiz nicht si­cher fühl­te, be­müh­te sie sich ver­stärkt um ein Vi­sum für Groß­bri­tan­ni­en. Im De­zem­ber 1938 konn­te sie von Zü­rich nach Lon­don über­sie­deln. Als sie von dort aus im Au­gust 1939 zum In­ter­na­tio­na­len P.E.N.-Kon­gress nach Stock­holm auf­ge­bro­chen war, wur­de sie vom Be­ginn des Zwei­ten Welt­krie­ges durch Hit­ler-Deutsch­land über­rascht. Sie ent­schied sich, im neu­tra­len Schwe­den zu blei­ben, auch wenn sie über nichts Wei­te­res ver­füg­te als über die Hab­se­lig­kei­ten, die sie für ih­re Rei­se ge­packt hat­te. Die in­zwi­schen Sieb­zig­jäh­ri­ge war auf fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zun­gen an­ge­wie­sen. Zu­wen­dun­gen aus Lon­don, dem Flücht­lings­ko­mi­tee der In­ter­na­tio­na­len Frau­en­li­ga für Frie­den und Frei­heit in der Schweiz und der Birth-Con­trol-Be­we­gung er­mög­lich­ten ihr im­mer­hin ei­ne sehr be­schei­de­ne Exis­tenz. 1941 ge­lang es ihr schlie­ß­lich, ein Vi­sum für die USA zu er­hal­ten. Be­reits tod­krank ver­ließ He­le­ne Stö­cker am 23.2.1941 Stock­holm, flog über Ri­ga nach Mos­kau, von dort fuhr sie mit der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn nach Wla­di­wos­tok, setz­te nach Tsuru­ga über, kam auf dem Land­weg nach To­kio und schlie­ß­lich von Yo­ko­ha­ma über Ho­no­lu­lu / Ha­waii nach San Fran­cis­co, wo sie am 1.4.1941, kör­per­lich sehr ge­schwächt, ein­traf.

Am 9.11.1941 sie­del­te sie nach New York über und wohn­te in ei­ner klei­nen Pen­si­on in der Ri­ver­si­de Dri­ve 360, voll­kom­men ab­hän­gig von Spen­den aus der Frau­en­be­we­gung. Dort starb sie am 23.2.1943, ver­armt, in Eu­ro­pa na­he­zu ver­ges­sen. In Wup­per­tal er­in­nern heu­te das He­le­ne Stö­cker-Ufer so­wie ein Denk­mal in der Au­er Schul­stra­ße an sie. Auch die Wup­per­ta­ler He­le­ne-Stö­cker-Schu­le wur­de nach ihr be­nannt.

Schriften (Auswahl)

Zur Kunst­an­schau­ung des XVIII. Jahr­hun­derts. Von Winckel­mann bis zu Wa­cken­ro­der, Ber­lin 1904.

Bund für Mut­ter­schutz, Ber­lin 1905.

Die Lie­be und die Frau­en, Min­den in Westf. 1908.

Kri­sen­ma­che. Ei­ne Ab­fer­ti­gung, Haag 1910.

Zehn Jah­re Mut­ter­schutz, Ber­lin 1915.

Mo­der­ne Be­völ­ke­rungs­po­li­tik. Kriegs­hef­te des Bun­des für Mut­ter­schutz, Ber­lin [ca. 1916].

Die Lie­be der Zu­kunft, Leip­zig 1921.

Ero­tik und Al­tru­is­mus, Leip­zig/Ol­den­burg 1924.

Lie­be, Ber­lin 1925.

Ver­kün­der und Ver­wirk­li­cher. Bei­trä­ge zum Ge­walt­pro­blem nebst ei­nem zum ers­ten Ma­le in deut­scher Spra­che ver­öf­fent­lich­ten Brie­fe Tol­stois, Ber­lin-Ni­ko­las­see 1928. 

Nachlass

Ein Teil­nach­lass be­fin­det sich in den He­le­ne Stö­cker Pa­pers (DG 035), Swarth­mo­re Col­le­ge Peace Collec­tion.

Gedruckte Quellen

Ar­ti­kel und Re­den zu He­le­ne Stö­ckers 60. Ge­burts­tag, 13. No­vem­ber 1929, Ber­lin 1929.

He­le­ne Stö­cker, Le­bens­er­in­ne­run­gen. Die un­voll­ende­te Au­to­bio­gra­phie ei­ner frau­en­be­weg­ten Pa­zi­fis­tin, hrsg. von Rein­hold Lü­te­ge­mei­er-Da­vin und Kers­tin Wolff, Köln [u.a.] 2015. 

Literatur (Auswahl)

Bo­ckel, Rolf von, Phi­lo­so­phin ei­ner „neu­en Ethi­k“: He­le­ne Stö­cker (1869-1943), Ham­burg 1991.

Do­nat, Hel­mut, Die ra­di­kal­pa­zi­fis­ti­sche Rich­tung in der Deut­schen Frie­dens­ge­sell­schaft (1918-1933), in: Holl, Karl/Wet­te, Wolf­ram (Hg.), Pa­zi­fis­mus in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, Pa­der­born 1981, S. 27-45.

Ha­mel­mann, Gu­drun, He­le­ne Stö­cker, der „Bund für Mut­ter­schut­z“ und „Die Neue Ge­ne­ra­ti­on“, Frank­furt am Main 1992.

Ham­mer, Car­men, Se­xua­li­tät und Re­pro­duk­ti­on im eman­zi­pa­to­ri­schen Dis­kurs aus­ge­wähl­ter Se­xu­al­re­for­me­rin­nen. Ma­gis­ter­ar­beit Uni­ver­si­tät Frank­furt am Main 2010.

Hein, Mar­ti­na, Die Ver­knüp­fung von eman­zi­pa­to­ri­schen und eu­ge­ni­schem Ge­dan­ken­gut bei He­le­ne Stö­cker (1869-1943), Dis­ser­ta­ti­on, Bre­men 1998.

No­wa­cki, Bernd, Der Bund für Mut­ter­schutz (1905-1933), Hu­sum 1983. 

Rantzsch, Pe­tra, He­le­ne Stö­cker (1869-1943). Zwi­schen Pa­zi­fis­mus und Re­vo­lu­ti­on, Ber­lin [Ost] 1984.

Rei­nert, Kirs­ten, Frau­en und Se­xu­al­re­form 1897-1933, Her­bolz­heim 2000.

Schu­mann, Ro­se­ma­rie, He­le­ne Stö­cker. Ver­kün­de­rin und Ver­wirk­li­che­rin, in: Gro­eh­ler, Olaf (Hg.), Al­ter­na­ti­ven. Schick­sa­le deut­scher Bür­ger, Ber­lin [Ost] 1987, S. 163-195.

Si­gusch, Volk­mar, Ge­schich­te der Se­xu­al­wis­sen­schaft, Frank­furt am Main u.a. 2008.

Stop­c­zyk-Pfund­stein, An­ne­gret, Phi­lo­so­phin der Lie­be. He­le­ne Stö­cker. Die „Neue Ethi­k“ um 1900 in Deutsch­land und ihr phi­lo­so­phi­sches Um­feld bis heu­te, Stutt­gart 2003.

Wi­ckert, Chris­tel, He­le­ne Stö­cker, Frau­en­recht­le­rin, Se­xu­al­re­for­me­rin und Pa­zi­fis­tin. Ei­ne Bio­gra­phie, Bonn 1991.

Wi­scher­mann, Ul­la, Frau­en­be­we­gung und Öf­fent­lich­kei­ten. Netz­wer­ke – Ge­gen­öf­fent­lich­kei­ten – Pro­tes­t­in­sze­nie­run­gen, Kö­nig­stein im Tau­nus 2003.

Wolff, Kers­tin, „…für die Sa­che der Wahr­heit“. Die Pres­se und der Skan­dal im Bund für Mut­ter­schutz, in: Ari­ad­ne 62 (2012), S. 14-21. 

Helene Stöcker mit von links nach rechts Georg Friedrich Nicolai, Hellmuth Gerlach und Ludwig Quidde, 8. Deutscher Pazifistenkongress am 13.6.1919. (Bayrische Staatsbibliothek/ Fotoarchiv Hoffmann D 3b/ hoff-5536)

 
Zitationshinweis

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Wolff, Kerstin, Helene Stöcker, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/helene-stoecker/DE-2086/lido/69ba75e2e82a29.86205148 (abgerufen am 12.05.2026)

Veröffentlichung

Veröffentlicht am 24.03.2026