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Hilduin war ernannter Erzbischof von Köln in den Jahren 842-848/849. Er ist eine rätselhafte Gestalt in einer von Gewalt geprägten Zeit. Sein Wirken in Köln steht im Zusammenhang mit dem sogenannten Brüderkrieg, einem Erbfolgekrieg, den die Söhne Kaiser Ludwigs des Frommen (778-840) Anfang der 840er-Jahre in Form eines blutigen, europäischen Konfliktes ausfochten. Seit Langem dreht sich eine wissenschaftliche Diskussion um die Frage seiner Identität. War der Kölner Hilduin dieselbe Person wie der bedeutende frühere Abt von Saint-Denis gleichen Namens, dessen Spur in den Quellen sich ungefähr zum Zeitpunkt der Ernennung Hilduins zum Kölner Erzbischof verliert?
Weder für Hilduin von Köln noch für Hilduin von Saint-Denis sind Geburts- oder Sterbedaten überliefert. Für den Kölner Hilduin lässt sich mit Michael Lapidge annehmen, dass er um 785 geboren ist. Gestorben ist er nach 855 vermutlich im Eifelkloster Prüm. Seine Karriere und die Schwierigkeit der Identifizierung mit Hilduin von Saint-Denis sind nur zu verstehen, wenn man die politischen Umstände um die Mitte des 9. Jahrhunderts im Frankenreich berücksichtigt. Hilduins Vorgänger Erzbischof Hadebald (vor 819-841) von Köln starb 841, inmitten des sogenannten karolingischen Brüderkrieges, den Lothar I. als ältester Sohn Ludwigs des Frommen gegen seine Brüder Karl den Kahlen (823-877) und Ludwig den Deutschen (um 806-876) führte. Gegenstand des Streits war die Verteilung der Macht innerhalb des Frankenreiches, die vom verstorbenen Kaiser nur unzureichend geregelt worden war. Welchem der streitenden Könige sich die Mitglieder der politischen und kirchlichen Elite anschlossen, war maßgeblich für ihr Schicksal während des bis 843 andauernden Krieges und danach. Nach Erzbischof Hadebalds Tod 841 sollte zunächst ein Mann namens Liutbert (vor 793-871), ein Neffe Hadebalds und ab 849 Bischof von Münster, dessen Nachfolger werden. Er ist als „gewählter“ (electus[1]) Erzbischof belegt, fand aber nicht die Unterstützung Lothars I. Vielmehr ernannte dieser eben einen Geistlichen namens Hilduin zum Kölner Erzbischof. Für die Ernennung genügte Lothar hierbei die militärische Kontrolle über Köln. In den folgenden Jahren erscheint dieser Hilduin mehrfach in Urkunden als vocatus[2], also wörtlich als „gerufener“ im Sinne von ernannter Erzbischof; eine kirchliche Bischofsweihe ist für ihn nicht belegt. Nach allem, was wir wissen, verblieb dieser Hilduin also im Status eines ernannten, aber nicht geweihten Erzbischofs von Köln, bis ab 850 mit Gunthar wieder ein regulär geweihter Kölner Erzbischof amtierte.
Hilduin von Saint-Denis, dessen genaue Lebensdaten nicht bekannt sind und von der Frage der Identifizierung mit dem Kölner Hilduin abhängen, ist eine ansonsten gut belegte und wichtige Person der geistlichen Elite des Karolingerreiches. Seit 814, dem Todesjahr Karls des Großen, stand er der eng mit der Herrscherfamilie verbundenen Abtei Saint-Denis bei Paris vor und amtierte zudem 819-831 als Erzkaplan, also geistlicher Vorsteher des Hofes Kaiser Ludwigs des Frommen. Zu diesen bedeutenden Ämtern kommt Hilduins Wirken als Gelehrter und Autor, der vor allem für Geschichtsschreibung und Heiligenleben bekannt ist; ebenso galt Hilduin als hervorragender Kenner der griechischen Sprache. Seine Nähe zu Lothar I. zeigte sich schon 830, als sich Hilduin von Saint-Denis einem Aufstand Lothars gegen dessen Vater Ludwig den Frommen anschloss. Der Aufstand scheiterte und Hilduin verlor seine Stellung als Erzkaplan, konnte jedoch nach kurzem Exil als Abt nach Saint-Denis zurückkehren.
Mit Ausbruch des Brüderkrieges 840 stellte sich Hilduin von Saint-Denis erneut auf Lothars Seite und wurde abermals, diesmal endgültig, seiner Abtsfunktion enthoben, denn Karl der Kahle kontrollierte Saint-Denis. Zugleich geben die Quellen ab diesem Punkt keine Auskunft mehr über das weitere Schicksal Hilduins von Saint-Denis. Was man also immerhin weiß, ist, dass es Anfang der 840er-Jahre einen erfahrenen und profilierten Geistlichen Namens Hilduin gab, der Lothar I. nahestand und durch die Wirren des Krieges seines Amtes enthoben war. Zugleich kontrollierte Lothar I. Ende 841/Anfang 842 weite Teile des Rheinlandes inklusive Köln, wo er eigenmächtig einen gleichnamigen neuen Erzbischof einsetzte.
Die Schwierigkeit in der Diskussion um Hilduins Identität ergibt sich daraus, dass kein Quellenzeugnis explizit Hilduin von Saint-Denis mit dem 842 ernannten Erzbischof identifiziert. Was spricht also gegen, was für die Identifizierung des Erzbischofs mit dem früheren Abt? Wie oben angedeutet, war sich die Forschung in diesem Punkt nicht immer einig. Da es keine Quelle gibt, welche die Identität des Abtes mit dem ernannten Erzbischof eindeutig belegt oder widerlegt, handelt es sich um einen Indizienprozess – wenn auch einen mit einer recht klaren Tendenz zur Identität beider Männer. Bei diesem Indizienprozess kommt es natürlich auf die Quellenbelege an. Zunächst ist wichtig, dass es keine Nachricht über den Tod Hilduins von Saint-Denis gibt, was angesichts der sonstigen Quellenlage die einzige Möglichkeit wäre, die Identität der beiden Hilduine auszuschließen. Auch das Argument, man wisse aus den Quellen wenig über das Vorleben des ernannten Erzbischofs lässt sich recht leicht entkräften, denn die Belege für seine Ernennung sind vor allem urkundlich. In diesem Genre ist bei der Erwähnung einer Person nicht unbedingt eine ausführlichere Erläuterung ihres Vorlebens zu erwarten. Hinzu kommt, dass Hilduin von Saint-Denis in schriftkundigen Kreisen seiner Zeit bekannt war. Er brauchte also keine ausführliche Vorstellung, um als potentieller Erzbischof plausibel zu sein. Vieles spricht hingegen für die Identität.
Angesichts der Namensgleichheit und der Nähe zu Lothar I. ist eine Identität beider Hilduine deutlich wahrscheinlicher. Lothar I. stattete demnach seinen bewährten Anhänger, der Saint-Denis durch den Krieg verloren hatte, mit dem Kölner Erzstuhl neu aus und entschädigte ihn damit sozusagen. Bestreitet man die Gleichsetzung, hätte Lothar diesen ebenso verdienten wie für die Rolle qualifizierten Hilduin außen vor gelassen und einen bisher in den Quellen gänzlich unbekannten Mann, der zufällig den gleichen Namen trug, als Erzbischof installiert. Letzteres erscheint nicht plausibel, umso weniger in einer Zeit, in der die Loyalität von Anhängern der entscheidende Machtfaktor für die streitenden Erben Ludwigs des Frommen war. Und der ernannte Erzbischof nahm eine nicht unwichtige Position im Umfeld Lothars I. ein, indem er von 844 bis 855 als Erzkanzler, also Leiter von Lothars Kanzlei, belegt ist. 855 ist hierbei kein zufälliges Datum, sondern markiert das Sterbejahr Lothars I., welcher sich kurz vor seinem Tod in das Eifelkloster Prüm zurückzog und dort als Mönch starb. Wahrscheinlich hat Hilduin ihn nach Prüm begleitet, dort den Kaiser aber überlebt; Nachrichten über seinen Tod sind nicht überliefert. Ein weiteres Argument für die Gleichsetzung der beiden Hilduine stammt von dem Byzantinisten Werner Ohnsorge: Es ist bekannt, dass der ernannte Erzbischof Hilduin als Gesandter diplomatische Kontakte mit dem byzantinischen Kaiserhof unterhielt. Ohnsorge vermutet, dass sich diese Rolle für Hilduin als „Kirchenfürst“ besser ausfüllen ließ, weil ihm dieser Rang den diplomatischen Verkehr mit Byzanz erleichterte. Diese Überlegung erscheint plausibel. Berücksichtigt man zudem, dass für die Diplomatie mit Byzanz gute Griechischkenntnisse erforderlich waren, über die der vormalige Abt Hilduin von Saint-Denis verfügte, ergibt sich insgesamt ein stimmiges Bild. Von der Identität der beiden Hilduine geht auch der wichtigste jüngere Beitrag zum Leben Hilduins von Saint-Denis von Michael Lapidge aus. Ein überzeugendes Argument, das gegen diese Identifizierung spricht, geben die Quellen nicht her. Vielmehr sollte also davon ausgegangen werden, dass es sich um die gleiche Person handelt.
Luftaufnahme der Abtei Prüm, 2015. (CC BY-SA 4.0 / Wolkenkratzer)
Aber welche Quellen erzählen eigentlich vom Kölner Hilduin? Von späteren Fälschungen und Verfälschungen, wie sie vor allem bei den Urkunden häufig vorkamen, abgesehen, kennen wir Hilduin als Erzbischof nur aus drei Königsurkunden, einem Annaleneintrag und einer isoliert stehenden Federprobe, die nur seinen Namen nennt (siehe Abbildung). Keine dieser Quellen erzählt etwas über Hilduins Herkunft oder sein Handeln als Erzbischof. In den Annales Colonienses brevissimi, den „sehr kurzen Kölner Annalen“, heißt es unter dem Jahr 842: Hilduinus accepit episcopatum Coloniae[3], also „Hilduin nahm das Kölner Bischofsamt an“. In den Urkunden erscheint Hilduin in verschiedenen Funktionen, aber diese Textgattung ist nicht der Ort, um seine Lebensgeschichte zu erzählen. In zwei der drei Urkunden wird sein Titel als Erzbischof mit dem Zusatz vocatus[4], also „gerufen“ oder „ernannt“ versehen, was auf die fehlende Bischofsweihe hinweist. Die Quellenbasis ist also auch für diese Zeit sehr dünn, und vor allem macht keiner der Texte eine Angabe zum Vorleben des ernannten Erzbischofs.
Geistliche Handlungen als ernannter Erzbischof sind für Hilduin nicht belegt. Auch seine fehlende Weihe ist in der Forschung plausibel erklärt worden: Die Weihe des Erzbischofs hätte unter Beteiligung der Suffragane, also der seiner Diözese zugehörigen Bischöfe, vorgenommen werden müssen, doch nur ein Teil der betreffenden Bistümer lag während des Krieges in Lothars Einflussgewalt, sodass die Weihe nicht zustande kam. Ab 850 ist mit Gunthar wieder ein regulär geweihter Erzbischof von Köln belegt. Die Welt der karolingischen Elite war allerdings klein: Gunthar war ein Verwandter, gemäß Friedrich Wilhelm Oediger ein Neffe Hilduins. Ohnsorge nimmt an, dass Hilduin zugunsten seines Verwandten freiwillig auf den Kölner Erzstuhl verzichtet hat. Abschließend kann zusätzlich angemerkt werden, dass man ausschließen kann, dass es sich bei der Person namens Hilduin, die Karl der Kahle 869 erfolglos als Kölner Erzbischof zu installieren versuchte, um denselben Hilduin handelte, der vor 850 als ernannter Erzbischof in Köln amtierte: Dieser wäre zu diesem Zeitpunkt zwischen 80 und 90 Jahren alt gewesen und hatte als treuer Parteigänger Lothars I. nie in der Gunst Karls des Kahlen gestanden.
Die Verwirrung um Hilduins Identität, seine Stellung als „ernannter“ Erzbischof von Köln und die Umstände seines Eintritts und Ausscheidens aus diesem Amt sind Symptome einer Zeit, in der politisch vieles chaotisch verlief. Die übergeordnete Geschichte des Karolingerreiches bildete sich in diesen Wirren im Kleinen in Köln ab. Auf die Phase des Reichsaufbaus durch Karl den Großen war politisch keine Konsolidierung gefolgt, sondern eine unruhige Phase unter Ludwig dem Frommen. Die unter Ludwig angestauten Konflikte brachen sich nach dessen Tod Bahn und stürzten das Reich in einen blutigen Konflikt, der die Verhältnisse in vielerlei Hinsicht nachhaltig durcheinanderbrachte. Das betrifft nicht zuletzt die geistliche Elite, von der eine Reihe mit Hilduin vergleichbarer Fälle bekannt sind, in denen exponierte kirchliche Positionen zum Spielball der streitenden Könige wurden. Hilduin hat keinen nachhaltigen Einfluss auf das Erzbistum Köln genommen und weder in der Stadt noch in der Überlieferung weitere Spuren hinterlassen. Vielmehr ist sein Auftreten der spezifische Kölner Ausdruck des karolingischen Brüderkrieges von 840 bis 843.
Ungedruckte Quellen
Köln, Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek, Codex 165, fol. 118v.
Gedruckte Quellen (Auswahl)
Annales Colonienses brevissimi, hg. von Georg Heinrich Pertz, in: MGH SS 1, Hannover 1826, S. 97.
Die Urkunden Lothars I. und Lothars II., hg. von Theodor Schieffer (MGH DD Lo I. / DD Lo II.), Berlin/Zürich 1966.
Die Urkunden Ludwigs II., hg. von Konrad Wanner (MGH DD Lu II.), München 1994.
Die Regesten der Erzbischöfe von Köln, Band 1: 313-1099, bearbeitet von Friedrich Wilhelm Oediger, Bonn 1954-1961, Nachdruck Düsseldorf 1978.
Rheinisches Urkundenbuch, Bd. 1, hg. von Erich Wisplinghoff, Bonn 1972.
Literatur (Auswahl)
Heinzle, Georg Friedrich, Flammen der Zwietracht. Deutungen des karolingischen Brüderkrieges im 9. Jahrhundert, Köln 2020.
Heinzle, Georg Friedrich, Zweimal Hilduin? Überlegungen zur Identität des 842 ernannten Kölner Erzbischofs, in: Geschichte in Köln 67 (2020), S. 37-58.
Lapidge, Michael, Hilduin of Saint-Denis. The Passio S. Dionysii in Prose and Verse, Leiden/Boston 2017.
Oediger, Friedrich Wilhelm, Geschichte des Erzbistums Köln bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, Band 1, 2. Auflage, Köln 1972.
Ohnsorge, Werner, Das Kaiserbündnis von 842-844 gegen die Sarazenen. Inhalt und politische Bedeutung des „Kaiserbriefes aus St. Denis“, in: Archiv für Diplomatik 1 (1955), S. 88-131.
Parisot, Robert, Le royaume de Lorraine sous les Carolingiens (843-923), Paris 1898.
Pöschl, Arnold, Der „vocatus episcopus“ der Karolingerzeit, in: Archiv für katholisches Kirchenrecht 97 (1917), S. 3-43.
Schrör, Matthias, Aufstieg und Fall des Erzbischofs Ebo von Reims, in: Becher, Matthias/Plassmann, Alheydis (Hg.), Streit am Hof im frühen Mittelalter, Göttingen 2011, S. 203-222.
Erwähnung Hilduins ("hilduinus") als Bischof ("episcopus") in einer Federprobe des 9. Jahrhunderts, umgedrehte Federprobe mit Markierung der Erwähnung, Codex 165, fol. 118v. (Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln)
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Heinzle, Georg Friedrich, Hilduin, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hilduin/DE-2086/lido/6a16a58d9834d4.88846635 (abgerufen am 20.07.2026)
Veröffentlicht am 17.06.2026