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Jakob Koenen war lokal, regional und auf Bundesebene ein Mitgestalter des politischen, gesellschaftlichen und sportlichen Wiederaufbaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg amtierte er über 25 Jahre lang als Bürgermeister von Lippstadt; zudem gehörte er von 1953 bis 1969 für die SPD dem Deutschen Bundestag als Parlamentarier an. Neben seinen Ämtern in Politik und Verwaltung wirkte Koenen als „Mann des Sports“. Nach dem Ende seiner Sportlerkarriere etablierte er sich als hoher Funktionär in verschiedenen regionalen und nationalen Sportverbänden, darunter als stellvertretender Vorsitzender des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen und als Präsidiumsmitglied des Deutschen Fußballbundes (DFB).
Jakob Koenen wurde am 5.6.1907 als Sohn der Eheleute Johann Gerhard (1882-1964) und Ida Koenen (geborene Mackenberg, 1890-1979) in Lippstadt geboren. Sein Vater war von Beruf Sattler und Polsterer. Die Ehe der Eltern wurde 1922 geschieden. Beide heirateten erneut. Koenen war katholischer Konfession. Er verließ um Ostern 1921 nach vier Jahren das Gymnasium in Lippstadt und wechselte an die Gewerbeschule in Bautzen/Sachsen. 1924 absolvierte er dort erfolgreich die Gesellenprüfung zum Tapezierer und kehrte anschließend nach Westfalen zurück. Im August 1930 erwarb Koenen seinen Meisterbrief im Polsterer-Handwerk in Dortmund. Am 10.3.1933 heiratete er Theresia (Thea) Kösters (1907-1974), Tochter eines Schlossers aus Lippstadt. Nachdem er 1932 aufgrund der Wirtschaftslage arbeitslos geworden war, machte Koenen sich 1933 mit einer eigenen Polsterei in seiner Geburtsstadt selbstständig. Bis Kriegsbeginn konnte dieser Handwerksbetrieb jedes Jahr seine Umsätze steigern.
Schon als Jugendlicher widmete sich Jakob Koenen dem Ringen. Im Süden von Lippstadt aufgewachsen, trat Koenen früh dem Turnverein Germania 1901 Lippstadt bei. Von der Germania zog es den jungen Sportler, der als Ringer lieber Schwer- als Leichtathletik betreiben wollte, zu einem örtlichen Arbeitersportverein, dessen Vorsitz er sogar übernahm. Noch für die Germania wurde Koenen 1926 Gaumeister im Mittelgewicht beim Bezirksturnfest des Ostwestfälischen Turngaus in Werl. 1934 errang er für die Kraftsportabteilung von Teutonia 08 Lippstadt den Bezirksmeistertitel im Halbschwergewicht in Gütersloh.[1]
Vor 1933 hatte Koenen mit der sozialistischen Arbeiterbewegung sympathisiert. Nach 1945 gab er an, bei den letzten Reichstagswahlen der Weimarer Republik für die SPD bzw. die KPD gestimmt zu haben. Um der Zerschlagung und der Beschlagnahme der Sportgeräte zu entgehen, schloss sich der Lippstädter Arbeitersportverein unter Koenens Führung nach Regierungsantritt der Nationalsozialisten Teutonia 08 Lippstadt als neue Abteilung an. Infolgedessen fungierte er für diesen Verein von 1933 bis 1945 als Fachwart im NS-Reichsbund für Leibesübungen. Ab 1940 wurde Koenen als Soldat (später Unteroffizier) überwiegend im Luftschutz eingesetzt. Von September 1944 bis Januar 1945 war er kurzzeitig im Fronteinsatz in Kurland (heute Lettland). Seine Einheit scheint Anfang 1945 aus dem sogenannten Kurland-Kessel evakuiert worden zu sein. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Koenen einstimmig in die Kategorie V (entlastet) eingestuft und als politisch gut tragbar klassifiziert.
Nach Kriegsende begann Jakob Koenens rasante politische Karriere, die ihn für fast 30 Jahre zum Mitentscheider auf kommunaler, bundes- und verbandspolitischer Ebene werden ließ. Ausgangspunkt war seine Wahl zum Bürgermeister der Stadt Lippstadt 1948. Eine damals ungewöhnliche Koalition aus Frei- und Sozialdemokraten (unter Tolerierung der Zentrumspartei) verhalf Koenen am 9.11.1948 ins Amt. Die Rolle des Bürgermeisters war unter der von den Briten 1946 revidierten Deutschen Gemeindeordnung geprägt durch die Trennung von Politik und Verwaltung in Form der kommunalen Doppelspitze. Der Bürgermeister war ehrenamtlich tätig und Vorsitzender des Stadtrats. Ein hauptamtlicher Stadtdirektor leitete die Verwaltungsgeschäfte. In Lippstadt waren das in Koenens Amtszeit Franz Harrenkamp (geboren 1894) und ab 1958 Friedrich Wilhelm Herhaus (1927-2014). Herhaus – wie sein Vorgänger parteilos – wurde von Koenen geschätzt. Als Bürgermeister gelang es Koenen, rhetorisch begabt und auf einnehmende Weise, die Stadtdirektoren wie auch die Kommunalpolitiker für seine Projekte zu gewinnen.
Koenen wurde bei den Bürgermeisterwahlen von 1952 bis 1969 jeweils im Amt bestätigt. Mit dem Erringen der absoluten Mehrheit für die SPD bei den Kommunalwahlen 1964 mit ihm als Spitzenkandidat hatte Koenen den Höhepunkt seines kommunalpolitischen Wirkens erreicht. Bereits 1956 wurden die Sozialdemokraten stärkste Kraft im Stadtrat. Koenen galt vielen in Lippstadt als Protagonist der Wiederaufbaujahrzehnte, dem eine „Renaissance der Selbstverwaltung“ gelungen war. Der erfolgreiche demokratische Neubeginn vor Ort war verbunden mit einem Ausbau der städtischen Infrastruktur. Zunächst ging es jedoch auch in Lippstadt um die Bewältigung der Kriegsfolgen, insbesondere der Wohnungsnot. Auch um den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen zu bewältigen, gründete die Stadt 1951 die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Lippstadt als Ergänzung zum privaten und genossenschaftlichen Angebot. Der wirtschaftliche Aufschwung in den 1950er Jahren bot hierfür gute Voraussetzungen. So profitierten etwa die ortsansässigen Leuchtstoffhersteller, die insbesondere der Automobilindustrie als Zulieferer dienten. Unter Koenen erlebte die Kreisstadt eine „nachholende Urbanisierung“: Verbunden mit persönlichem Engagement und unter Einsatz seiner Popularität konnte er mehrere Großprojekte umsetzen (Hallenbad 1958, Stadttheater 1973 des Bonatz-Schülers Gerhard Graubner (1899-1970)). In Koenens Amtszeit fiel auch die Ansiedlung der Bundeswehr in der Lipperland-Kaserne (1957).
Jakob Koenen gehörte von 1953 bis 1969 über die Reserveliste der Landespartei dem Deutschen Bundestag an. Anhand der Fraktionsprotokolle der SPD-Bundestagsfraktion aus der 2. bis 5. Wahlperiode lässt sich Koenen nicht als aktiver Bundespolitiker beschreiben. Er vertrat die SPD zwar in einigen Parlamentsausschüssen, ist aber als „Hinterbänkler“ zu kennzeichnen. Die Übernahme von Ämtern war durch sein kommunal- und sportpolitisches Profil bestimmt: So war Koenen in seiner letzten Legislaturperiode Mitglied des Ausschusses für Kommunalpolitik, Raumordnung, Städtebau und Wohnungswesen sowie des Ausschusses für Familien- und Jugendfragen. Einen Sportausschuss gab es erst nach Koenens Ausscheiden aus dem Bundestag. Die Kontakte, die der Lippstädter Abgeordnete in die Bundesregierung und die Bonner Ministerien knüpfte, konnte er zum Vorteil seiner Stadt einsetzen (etwa beim Bau der Ortsumgehung der Bundesstraße B55). Innerhalb der Fraktion nahm Koenen während der Regierungskrise 1966 frühzeitig Stellung für ein Bündnis mit der FDP.[2] Von Beginn an trat Koenen im Deutschen Bundestag als Sportpolitiker auf; etwa in den Haushaltsdebatten.
Eng verbunden mit seinen politischen Ämtern ist Jakob Koenens Engagement im Sport. Der Sport, vor allem die Mannschaftswettbewerbe, hatten für ihn als Sportpolitiker und -funktionär einen staatspolitischen Wert. Neben dem Leistungs- und Gesundheitsaspekt besaß der Sport für Koenen im Hinblick auf ein positives Zusammenleben in der Gesellschaft eine erzieherische Funktion.[3] Am 22.9.1945 übernahm er den Vorsitz des Lippstädter Spielvereins Teutonia 08 (bis 1950). In den früheren 1970er Jahren ließ er sich erneut in dieses Amt wählen. Öffentliche Beachtung fand Koenen mit seinem Vorschlag vom 19.7.1973, die rivalisierenden Fußballabteilungen der Sportvereine Borussia und Teutonia zu fusionieren. Koenen erblickte in der Vereinigung zum einen eine langfristige Perspektive für die Professionalisierung des Fußballs in Lippstadt und zum anderen für die Stammvereine die Chance, sich auf den Breitensport und die Jugendarbeit zu konzentrieren.
Aufbauend auf seinen Ämtern in Politik und Vereinssport entfaltete Jakob Koenen ebenfalls eine Karriere als Sportfunktionär im Land und im Bund. 1947 wurde er in den Vorstand des Fußballverbands Westfalen gewählt, vermutlich über den im November 1945 gegründeten Volkssportverband Westfalen, dessen Vereine sich kurz darauf dem Fußballverband Westfalen anschlossen. Unter Koenens Vorsitz (ab 1951) fusionierte der Verband mit der Leichtathletik 1954 zum Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW). Koenen baute das noch von seinem Vorgänger Konrad Schmedeshagen (1897-1969) als Verbandssitz erworbene Jugendheim in Kamen-Kaiserau zur Geschäftsstelle und Sportschule aus. Nach der Einweihung 1952 wurden die Kapazitäten der Anlage sukzessive erweitert.
Jakob Koenen betrat die Bühne des Landessports 1957 mit seiner Kandidatur für den Vorsitz des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen (LSB NRW). Als „Sprecher der Fußballer“ wusste er eine einflussreiche Gruppe hinter sich, die mit Peco Bauwens bisher den Vorsitzenden gestellt hatte. Auf der Mitgliederversammlung am 27.10.1957 unterlag Koenen jedoch in einer Kampfabstimmung dem nordrhein-westfälischen Finanzminister Willi Weyer mit 92 zu 82 Stimmen. Weyer galt als Kandidat, „den die ‚übrigen Fachverbände‘“ aufgestellt hatten. Koenen und Weyer hatten sich jedoch vorab ihre gegenseitige persönliche Wertschätzung versichert und zugesagt, bei einer Abstimmungsniederlage Stellvertreter des jeweils anderen sein zu wollen. Vor diesem Hintergrund wählten die Delegierten Koenen anschließend zu einem von zwei stellvertretenden Vorsitzenden.[4] Das Amt übte Koenen bis 1965 aus. Mit seinem Profil passte er in das Konzept Weyers, die in den Sportverbänden vorhandenen Kommunikationskanäle in die Orts-, Landes- und Bundespolitik für den Ausbau der Sportinfrastruktur zu nutzen, ohne dabei zum Instrument der Politik zu werden. Er wurde eine Figur des Ausbaus der Aktivitäten und Strukturen des LSB NRW.
Bundesweit sticht Jakob Koenens vehementer Einsatz für die Bildung der 1963 gestarteten Fußball-Bundesliga hervor. In dieser Diskussion wurde schon zeitgenössisch honoriert, dass er „sehr viel zu einem guten Ausgleich zwischen dem bezahlten und Amateur-Fußball beigesteuert hat“.[5] Auf dem Kongress des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am 28.7.1962 im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhalle zählte Koenen neben dem späteren DFB-Präsidenten Hermann Neuberger (1919-1992) und dem damaligen Bundestrainer Sepp Herberger (1897-1977) zu jenen Delegierten, die durch ihr Votum die deutliche Entscheidung für das wiederholt geforderte eingleisige Fußball-Oberhaus bahnten. Der Lippstädter wurde auf dem Dortmunder Treffen zudem zum Schatzmeister und Präsidiumsmitglied des DFB gewählt. Das Amt übte er bis 1970 aus. Er vertrat den DFB in dieser Zeit auch im Finanzausschuss des Deutschen Sportbundes.
Koenen wurden mehrfach geehrt. So erhielt er unter anderem das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1968), die Ehrenbürgerschaft der Stadt Lippstadt (1973), die Sportplakette des Landes Nordrhein-Westfalen (1966) und die Ehrenmitgliedschaft des Ballspielvereins Borussia 09 e. V. Dortmund (1966).
Am 16.1.1974 verstarb Jakob Koenen unerwartet an Herzversagen. Nur zwei Monate vorher, am 10.11.1973 hatte ihn seine Heimatstadt zum Ehrenbürger ernannt. Bereits kurz nach seinem Tod und noch vor der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland wurde in Kamen am Sitz der Geschäftsstelle des FLVW die Straße nach dem populären Sportfunktionär Jakob-Koenen-Straße benannt. In Lippstadt ist ebenfalls eine Straße nach ihm benannt worden.
Nachlass
Die amtliche Überlieferung seiner Tätigkeit als Bürgermeister von Lippstadt findet sich im Stadtarchiv Lippstadt.
Literatur
Brülle, Karl-Heinz/Leimeier, Walter/Tiemann, Karl-Heinz/Zaremba, Hans, Jakob Koenen. Bürgermeister – Bundestagsmitglied – Mann des Sports – Ehrenbürger (Historisches Lippstadt, Bd. 38), Lippstadt 2024.
Haunfelder, Bernd (Hg.), Nordrhein-Westfalen Land und Leute 1946-2006. Ein biographisches Handbuch, Münster 2006, S. 259.
Nachruf auf Jakob Koenen, in: Westfalen-Sport. Zeitschrift des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen, 29. Jg., Nr. 1, 18.1.1974. (Landessportbund Nordrhein-Westfalen)
- 1: Bezirksmeisterschaften der Kraftsportler, in: Gütersloher Zeitung, 51. Jg., Nr. 110, 14.05.1934, S. 5.
- 2: SPD, 5. WP, Fraktionssitzung (Kurzprotokoll) am 26.11.1966, bearb. v. Bettina Tüffers, in: Editionsprogramm „Fraktionen im Deutschen Bundestag 1949–2005“ [http://fraktionsprotokolle.de/spd-05_1966-11-26-t1800_EP.xml].
- 3: Jakob Koenen, Staatspolitischer Wert des Mannschaftsspiels, in: Sportbund Nordrhein-Westfalen, Jg. 1954, Nr. 12, S. 4f.
- 4: Vgl. ml, Ergebnisreiche und harmonische Jahrestagung des LSB, in: Sportbund Nordrhein-Westfalen, Jg. 1957, Nr. 11, S. 2f.
- 5: Deutsche Sporthochschule Köln, Archiv, Große Verdienste um den Sport, in: Sportinformationsdienst, 2.6.1967 (Auszug).
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Olenik, Alexander, Jakob Koenen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jakob-koenen/DE-2086/lido/6a3253ce41d2d9.52150117 (abgerufen am 20.07.2026)
Veröffentlicht am 01.07.2026, zuletzt geändert am 16.07.2026