Johan Thorn Prikker

Künstler (1868-1932)

Christiane Heiser (Düsseldorf)

Johan Thorn Prikker, etwa 1900.

Der nie­der­län­di­sche Künst­ler Jo­han (Jan) Thorn Prik­ker, der zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ins Rhein­land zog und spä­ter auch die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit an­nahm, gilt als gro­ßer Mo­nu­men­tal­künst­ler und Weg­be­rei­ter der mo­der­nen Glas­bild­kunst. Be­reits in den 1920er Jah­ren - auf dem Hö­he­punkt sei­nes Er­fol­ges - konn­te er auf ein um­fang­rei­ches Schaf­fen zu­rück­bli­cken, das zum Teil in den Nie­der­lan­den ent­stan­den war. Thorn Prik­kers Werk ist viel­sei­tig und um­fasst ne­ben den be­rühm­ten Glas­fens­tern, den mo­nu­men­ta­len Wand­ma­le­rei­en und Mo­sai­ken auch Öl­ge­mäl­de und Hand­zeich­nun­gen, Tex­ti­li­en, Mö­bel, Lam­pen, De­ko­ra­ti­ons­ge­gen­stän­de, Pla­ka­te und Buch­il­lus­tra­tio­nen.

Thorn Prik­ker wur­de am 5.6.1868 in Den Haag ge­bo­ren, wo sein Va­ter ein Ge­schäft für Ma­ler­be­darf führ­te und als De­ko­ra­ti­ons­ma­ler und Kunst­ver­gla­ser tä­tig war. Ver­mut­lich we­gen die­ser fa­mi­liä­ren Prä­dis­po­si­ti­on wur­de der jun­ge Thorn Prik­ker be­reits mit 13 Jah­ren in die Ma­le­rei­klas­se der Haa­ger Aca­de­mie van Beel­den­de Kuns­ten auf­ge­nom­men, aber schon 1887 we­gen man­geln­der Dis­zi­plin und un­ge­bühr­li­chen Be­tra­gens der Schu­le ver­wie­sen. Nach ma­le­ri­schen An­fän­gen im Sti­le der Schu­le von Bar­bi­zon be­weg­te sich der wi­der­stän­di­ge Frei­geist als frei­schaf­fen­der Künst­ler in den Krei­sen der Sym­bo­lis­ten und Neo­im­pres­sio­nis­ten und ent­wi­ckel­te ei­nen sehr ei­gen­stän­di­gen Stil.

 

En­de der 1880er Jah­re be­freun­de­te er sich eng mit dem Kunst­his­to­ri­ker Henk Brem­mer (1871-1956) so­wie dem Ma­ler Jan Too­rop (1858-1928) und dem Dich­ter Hen­ri Bo­rel (1869-1933). Wie die­se heg­te Thorn Prik­ker ei­ne Vor­lie­be für mys­tisch-re­li­gi­ö­se Su­jets: Chris­tus- und vor al­lem Ma­ri­en­dar­stel­lun­gen, die eher un­ge­wöhn­lich in dem pro­tes­tan­ti­schen Um­feld Ams­ter­dams und Den Haags wa­ren. Nach ers­ten Aus­stel­lun­gen in den Kunst­ver­ei­nen und Künst­ler­häu­sern vor Ort, konn­te er schlie­ß­lich ei­ni­ge Wer­ke bei der Avant­gar­de-Grup­pe der XX (Les Vingt) in Brüs­sel zei­gen, dar­un­ter sein Ge­mäl­de „Die Brau­t“ (1892, Ri­jks­mu­se­um Kröl­ler-Mül­ler, Ot­ter­lo). In Bel­gi­en knüpf­te er in­spi­rie­ren­de neue Kon­tak­te und be­gann sich mit po­li­ti­schen The­men zu be­schäf­ti­gen. Er las die Schrif­ten des rus­si­schen an­ar­chis­ti­schen Re­vo­lu­tio­närs, Na­tur- und Ge­sell­schafts­wis­sen­schaft­lers Pe­ter Kro­pot­kin (1842-1921) und hin­ter­frag­te die tra­di­tio­nel­le Rol­le des Künst­lers in der mo­der­nen In­dus­trie­ge­sell­schaft. Als er früh die Ar­bei­ten des da­mals noch we­nig be­kann­ten Ma­lers Vin­cent van Gogh (1853-1890) ken­nen­lern­te, half er ers­te Aus­stel­lun­gen zu des­sen Eh­ren in Ams­ter­dam und Gro­nin­gen mit zu or­ga­ni­sie­ren. 

An­ge­regt durch den Freund Hen­ry van de Vel­de (1863–1957), wen­de­te er sich um 1896 der an­ge­wand­ten Kunst zu, von der er sich ver­sprach, dass sie auch das ein­fa­che Volk er­rei­chen und nicht wie die Staf­fe­lei­ma­le­rei im Kreis der Rei­chen oder In­tel­lek­tu­el­len ver­har­ren mö­ge. Sei­ne ers­ten Ar­bei­ten mit die­sem neu­en Ziel sind Ge­brauchs­gra­phi­ken, vor al­lem Pla­ka­te und Il­lus­tra­tio­nen für Zeit­schrif­ten und Bü­cher (heu­te zum Bei­spiel. in der Samm­lung des Ri­jks­bu­reau voor Kunst­his­to­risch Do­cu­men­ta­tie, Den Haag). 

Sei­ne fi­nan­zi­el­le La­ge war pre­kär, der Künst­ler leb­te in äu­ßerst ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Zu­sam­men mit sei­ner Ver­lob­ten und spä­te­ren ers­ten Frau Le­na Spree (ge­bo­ren 1899) ex­pe­ri­men­tier­te er mit der in­do­ne­si­schen Ba­tik­tech­nik, um von dem Ver­kauf der Tex­ti­li­en le­ben zu kön­nen. Für die Ver­mark­tung sei­ner Ent­wurfs­ar­bei­ten grün­de­te er 1898 zu­sam­men mit Chris We­ge­rif (1859-1920) ei­nen Kunst­han­del mit dem pro­gram­ma­ti­schen Na­men „Arts and Crafts“. Ganz im Sin­ne der gleich­na­mi­gen eng­li­schen Kunst­ge­wer­be­be­we­gung wehr­te er sich ge­gen die in­dus­tri­el­le Mas­sen­pro­duk­ti­on von Mö­beln und Ge­gen­stän­den des täg­li­chen Ge­brauchs. Sie gal­ten in den Krei­sen der Re­for­mer so­wohl in der Qua­li­tät der Ver­ar­bei­tung als auch in der Ge­stal­tung als min­der­wer­tig. Dem Ide­al ver­pflich­tet, dass das Um­ge­hen mit schö­nen und so­li­de her­ge­stell­ten Pro­duk­ten den Kon­su­men­ten wie den Ar­bei­ter be­glü­cken und be­rei­chern soll­te, woll­te Thorn Prik­ker im Ge­schäft ei­ge­ne Ar­bei­ten und die von be­freun­de­ten Künst­ler ver­kau­fen und im an­ge­glie­der­ten Ba­ti­kate­lier Stof­fe nach ei­ge­nen Ent­wür­fen an­fer­ti­gen las­sen. 

Als Le­na Spree – das Paar hat­te 1898 ge­hei­ra­tet - zu­sam­men mit dem Neu­ge­bo­re­nen im Kind­bett starb, flüch­te­te Thorn Prik­ker ver­zwei­felt in die Ab­ge­schie­den­heit der bel­gi­schen Ar­den­nen. Nach zwei er­folg­rei­chen Jah­ren ging so auch die Zu­sam­men­ar­beit mit Chris We­ge­rif in die Brü­che. In Vi­sé fand der Wit­wer zö­ger­lich zur frei­en Kunst zu­rück, wie sei­ne Se­rie neo­im­pres­sio­nis­ti­scher Land­schafts­zeich­nun­gen (Les Xhor­res, Ste­de­li­jk Mu­se­um Ams­ter­dam, um 1900) do­ku­men­tiert. Li­ni­en- und Farbtheo­ri­en be­schäf­ti­gen ihn in die­ser Zeit sehr.

Zu­rück in Den Haag bot ihm der be­freun­de­ten Haut­arzt Wil­lem Leu­ring (1864-1936) die Ge­le­gen­heit, Mö­bel und ein Wand­bild für sei­ne Vil­la „De Ze­e­mee­uw“ zu ent­wer­fen. Thorn Prik­ker hat­te zu­vor Hen­ry van de Vel­de als Ar­chi­tek­ten emp­foh­len. Das als Ge­samt­kunst­werk kon­zi­pier­te Haus ist ein ty­pi­sches Bei­spiel für den eu­ro­päi­schen Ju­gend­stil. Das Ge­bäu­de und das mo­nu­men­ta­le Wand­graf­fi­to im Trep­pen­haus sind er­hal­ten.

1902 über­nahm Thorn Prik­ker die künst­le­ri­sche Lei­tung des neu­ge­grün­de­ten Ein­rich­tungs­hau­ses "Bin­nen­huis Die Hag­he" - wie­der­um mit an­ge­schlos­se­ner Mö­bel­werk­statt und Ba­ti­kate­lier -, das auf der nie­der­län­di­schen Ab­tei­lung der ers­ten In­ter­na­tio­na­len Aus­stel­lung für Mo­der­ne De­ko­ra­ti­ve Kunst in Tu­rin ver­tre­ten war. (Ess­zim­mer­ein­rich­tung heu­te im Ge­me­en­temu­se­um Den Haag). Ein Jahr spä­ter hei­ra­te­te Thorn Prik­ker Ber­ta Cra­mer und zog mit ihr nach Ri­js­wi­jk.

'Die Braut', Öl auf Leinwand, Gemälde von Johan Thorn Prikker, ca. 1892. (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

 

Die Be­kannt­schaft mit Fried­rich De­ne­ken (1857-1927), Di­rek­tor des Kai­ser Wil­helm Mu­se­ums in Kre­feld, er­leich­ter­te Thorn Prik­ker den Ab­schied von den Nie­der­lan­den, wo er we­gen sei­nes "un­hol­län­di­schen" Stils im­mer wie­der an­ge­fein­det wur­de. Mit Mö­beln, Ba­ti­ken und der Ge­stal­tung des Aus­stel­lungs­pla­kats be­tei­lig­te er sich 1903 zu­nächst an der „Hol­län­di­schen Kunst­aus­stel­lun­g“ im Kre­fel­der Kai­ser Wil­helm Mu­se­um (Pla­kat un­ter an­de­rem dort über­lie­fert). De­ne­ken ver­schaff­te ihm kur­ze Zeit spä­ter ei­ne An­stel­lung an der dor­ti­gen Kunst- und Hand­wer­ker­schu­le (heu­te Fach­hoch­schu­le Nie­der­rhein): Der Nie­der­län­der zog dar­auf­hin mit sei­ner Frau in die Samt- und Sei­den­stadt am Nie­der­rhein.

Als Leh­rer war er für die Be­rei­che De­ko­ra­ti­ve Ma­le­rei, Na­tur­stu­di­en und Li­tho­gra­phie ver­ant­wort­lich, gleich­zei­tig be­riet er De­ne­ken bei der Aus­stel­lungs­ge­stal­tung und in künst­le­ri­schen Fra­gen. Er er­hielt zu­dem Ge­le­gen­heit, Stoff­mus­ter für die Kre­fel­der Tex­til­in­dus­trie zu ent­wer­fen, ließ aber auch ein­zel­ne Bild­wir­ke­rei­en und Sti­cke­rei­ent­wür­fe nach ei­ge­nen Mo­ti­ven in Heim­ar­beit aus­füh­ren (zum Bei­spiel „Die drei Eis­hei­li­gen“, Go­be­lin, heu­te im Bröhan Mu­se­um Ber­lin). Nach ei­ner Ita­li­en­rei­se zu den Fres­ken Giot­tos (1266-1337) wid­me­te er sich ver­stärkt der Wand­ma­le­rei, zu­n­ächst in li­ni­en­be­ton­ten, sehr farbstar­ken Wer­ken, dann nach ei­nem Stu­di­en­auf­ent­halt im dä­ni­schen Vi­borg in erd­far­be­nen mo­no­chro­men Ma­le­rei­en. Re­li­giö­se Su­jets do­mi­nie­ren auch hier. Er­hal­ten sind aus die­sen Jah­ren vor­nehm­lich Kar­tons, wie der Wett­be­werb­s­ent­wurf für ein Wand­ge­mäl­de im Kre­fel­der Amts­ge­richt („Die Trau­un­g“ 1909, Kunst­mu­se­en Kre­feld). Rea­li­sier­te Wand- und De­cken­ma­le­rei­en je­ner Zeit, wie die De­ko­ra­tio­nen für ein Aus­flugs­lo­kal auf dem Hül­ser Berg bei Kre­feld sind kaum er­hal­ten ge­blie­ben. 

Thorn Prik­ker mach­te sich schnell als cha­ris­ma­ti­scher Leh­rer ei­nen Na­men, der sei­ne Schü­ler nicht zur Nach­ah­mung his­to­ri­scher Sti­le, son­dern zur Fin­dung ei­nes ei­ge­nen, mo­der­nen For­men­spra­che an­hielt. Er för­der­te vie­le jun­ge Künst­ler und Kunst­ge­werb­ler, dar­un­ter Hein­rich Cam­pen­donk (1889-1957), Hel­muth Ma­cke (1891-1936), Hein­rich Dieck­mann (1890-1963) und Wil­helm Wie­ger (1890-1964).

Plakat von Johan Thorn Prikker für die 'Holländische Kunstausstellung' im Kaiser Wilhelm-Museum in Krefeld, 1903. (Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum)

 

Durch die en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit De­ne­ken mach­te Thorn Prik­ker Be­kannt­schaft mit vie­len künf­ti­gen För­de­rern, Auf­trag­ge­bern und Kol­le­gen, dar­un­ter Pe­ter Beh­rens (1868-1940), den um­trie­bi­gen Di­rek­tor des Folk­wang­mu­se­ums Karl Ernst Ost­haus (1874-1921), den kunst­be­geis­ter­ten ka­tho­li­schen Pries­ter Jo­seph Gel­ler (1877-1958) aus Neuss und dem re­form­freu­di­gen Lei­ter der Ber­li­ner Werk­stät­ten für Glas­ma­le­rei, Gott­fried Hei­ners­dorff (1883-1941). Hei­ners­dorff, stets in­ter­es­siert an mo­der­nen Glas­fens­ter­ent­wür­fen, bat Thorn Prik­ker noch im glei­chen Jahr, sich in die­sem für ihn neu­en Me­di­um zu ver­su­chen. Die ers­ten er­folg­rei­chen Pro­jek­te ei­ner lang­jäh­ri­gen Zu­sam­men­ar­beit wa­ren die Fens­ter für die Ka­pel­le des Neus­ser Ge­sel­len­hau­ses und das mo­nu­men­ta­le Glas­fens­ter „Der Künst­ler als Leh­rer von Han­del und Ge­wer­be“ im Ha­ge­ner Haupt­bahn­hof (voll­endet 1911). Das The­ma des ma­ß­geb­lich von Ost­haus in­iti­ier­ten und heu­te noch am Ort er­hal­te­nen Fens­ters il­lus­triert das Mot­to des "Deut­schen Werk­bunds", dem Thorn Prik­ker eben­falls bei­ge­tre­ten war.

Im No­vem­ber 1910 ließ sich der Künst­ler auf Be­trei­ben von Ost­haus in Ha­gen nie­der. Die Stadt war seit der Grün­dung des Folk­wang Mu­se­ums zu ei­nem Zen­trum des Ju­gend­stils und der mo­der­nen Kunst ge­wor­den. Ost­haus ver­mit­tel­te als Mä­zen und Netz­wer­ker den von ihm pro­te­gier­ten Künst­lern Auf­trä­ge und un­ter­stütz­te sie fi­nan­zi­ell. Thorn Prik­ker konn­te da­her un­ter an­de­rem sehr güns­tig ein ei­ge­nes Wohn­haus mit Ate­lier er­wer­ben. Das in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Ho­hen­hofs er­hal­te­ne Haus wur­de von sei­nem Lands­mann Ma­thieu Lau­we­ri­ks (1864-1932) ent­wor­fen.

Auf der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung des Jah­res 1912 stell­te Thorn Prik­ker auf In­itia­ti­ve von Hei­ners­dorff und Ost­haus erst­mals sei­ne ex­pres­si­ven Chor­fens­ter für die Drei­kö­ni­gen­kir­che in Neuss aus. Sie wur­den in ei­nem von Erich He­ckel (1883-1970) und Ernst Lud­wig Kirch­ner (1880-1938) de­ko­rier­ten Ka­pel­len­raum ge­zeigt. Da­mals hoch um­strit­ten und nach ei­nem Ve­to des Köl­ner Erz­bi­schofs Fe­lix von Hart­mann erst 1919 an ih­rem Be­stim­mungs­ort ein­ge­baut, mach­te die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on den Künst­ler in ganz Deutsch­land be­kannt. Die­se Fens­ter gel­ten bis heu­te als Haupt­wer­ke ex­pres­sio­nis­ti­scher Glas­ma­le­rei.

Thorn Prik­kers Glas­fens­ter zeich­nen sich durch ei­ne be­son­de­re Qua­li­tät aus, denn er ent­warf sie nicht nur auf dem Pa­pier, son­dern be­fass­te sich aus­gie­big mit den spe­zi­fi­schen Ei­gen­schaf­ten des trans­pa­ren­ten und leucht­star­ken Ma­te­ri­als. Mit gro­ßem Ehr­geiz eig­ne­te er sich die hand­werk­li­che Tech­nik der so­ge­nann­ten mu­si­vi­schen Glas­ma­le­rei - durch­ge­färb­te Glas­stü­cke wer­den mit­hil­fe von Blei zu ei­nem Mo­tiv zu­sam­men­ge­setzt - so er­folg­reich an, dass er ma­te­ri­al­ge­recht und in­no­va­tiv da­mit um­ge­hen konn­te. Be­geis­tert von dem Ma­te­ri­al be­gann er kur­ze Zeit spä­ter mit Ent­wür­fen für Glas­mo­sa­ik. Die Glas­ma­le­rei­werk­statt von Hei­ners­dorff in Ber­lin war mit den Mo­sa­ik­werk­stät­ten Puhl & Wag­ner fu­sio­niert und er­öff­ne­te da­mit auch für Thorn Prik­ker ein neu­es Wir­kungs­feld. Das Mo­sa­ik „Ma­don­na mit Kin­d“ (heu­te in der Kir­che St. Ge­org in Köln) war ei­ne ers­te Fin­ger­übung im neu­en Me­di­um, das noch die Nä­he zu by­zan­ti­ni­schen Vor­bil­dern auf­weist. In spä­te­ren Ar­bei­ten – wie den Mo­sai­ken Mu­sik und Tanz (Frag­ment im Ost­haus Mu­se­um Ha­gen er­hal­ten), den Mo­sai­ken zur Eh­rung der Ge­fal­le­nen der Kriegs­jah­re oder dem „Herz Je­su“ von 1922 (Mu­se­um Boi­j­mans van Beu­nin­gen Rot­ter­dam) ge­lang ihm je­doch die sou­ve­rä­ne Be­herr­schung des Ma­te­ri­als, des­sen Ent­wurfs­ver­fah­ren auf ge­ras­ter­tem Pa­pier ei­ner­seits dem Tex­til- und Fens­ter­ent­wurf und an­de­rer­seits in der Farb­di­vi­si­on mit sei­nen neo­im­pres­sio­nis­ti­schen Ar­bei­ten ver­wandt ist. 

1913 konn­te der Künst­ler er­neut ei­nen Lehr­auf­trag für de­ko­ra­ti­ve und mo­nu­men­ta­le Ma­le­rei über­neh­men. Drei Jah­re un­ter­rich­te­te er an der Es­se­ner Kunst­ge­wer­be­schu­le, wo un­ter an­de­ren Jo­sef Al­bers (1888-1976) zu sei­nen Schü­lern ge­hör­te. Im­mer wie­der war er mit sei­nen Glas­fens­tern auf Aus­stel­lun­gen in ganz Deutsch­land ver­tre­ten: Noch kurz vor dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges be­tei­lig­te er sich mit meh­re­ren Ar­bei­ten an der ein­fluss­rei­chen Köl­ner Werk­bund­aus­stel­lung. 1919 zog Thorn Prik­ker mit sei­ner Frau und sei­nen drei Kin­dern nach Über­lin­gen am Bo­den­see, um dort mit ei­ner neu­en Glas­werk­statt zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Kurz dar­auf be­rief ihn Ri­chard Rie­mer­schmid (1868-1957) für die Klas­se "Wand­bild, Glas und Mo­sa­ik" an die Mün­che­ner Kunst­ge­wer­be­schu­le.

Das Glas­fens­ter 'Der Künst­ler als Leh­rer von Han­del und Ge­wer­be' im Ha­ge­ner Haupt­bahn­hof, 1911 von Johan Thorn Prikker erschaffen, 2010, Foto: HP Schaefer. (HP Schaefer / http://www.reserv-art.de / CC BY-SA 3.0)

 

In­zwi­schen er­hielt Thorn Prik­ker aus­rei­chend Auf­trä­ge für Glas­fens­ter und Mo­sa­ik, ent­warf aber auch Edel­holzin­tar­si­en und mal­te mo­nu­men­ta­le Wand­bil­der für Auf­trag­ge­ber in Deutsch­land und den Nie­der­lan­den, wie die Zy­klen „Die Le­bens­al­ter“ im Mar­mor­saal des Kre­fel­der Kai­ser Wil­helm Mu­se­ums und die Se­rie im Bür­ger­saal des Rot­ter­da­mer Rat­hau­ses.

Thorn Prik­ker blieb aber ins­be­son­de­re im Rhein­land gut ver­netzt. 1924 wur­de Thorn Prik­ker von Wil­helm Kreis als Pro­fes­sor an die Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie be­ru­fen. Durch die­se pri­vi­le­gier­te Po­si­ti­on er­hielt er die Ge­le­gen­heit, an ei­ni­gen Gro­ß­pro­jek­ten mit­zu­ar­bei­ten, dar­un­ter 1926 an der Aus­stel­lung Ge­sund­heit, So­zia­les und Lei­bes­übun­gen (Ge­SoL­ei) in Düs­sel­dorf. Wil­helm Kreis er­rich­te­te die Aus­stel­lungs­ge­bäu­de 1925 als Eh­ren­hof am Düs­sel­dor­fer Rhein­ufer. In die­sem Kom­plex be­fin­det sich heu­te auch das Mu­se­um Kunst­pa­last. Die ge­lun­ge­ne Ma­te­ri­al­be­hand­lung die­ser Mo­nu­men­tal­wer­ke, die for­mal und in­halt­lich auf die Struk­tur und die Farb­ge­bung der Ar­chi­tek­tur Be­zug neh­men, ma­chen über­dies deut­lich, dass Thorn Prik­ker das Ide­al ei­nes Ge­samt­kunst­werks im Diens­te des Vol­kes wei­ter­ent­wi­ckel­te, auch wenn er in der Zwi­schen­zeit Tech­nik und Me­di­um ge­wech­selt hat­te.

Prikkers Wandbilder im Bürgersaal des Rotterdamer Rathauses, 2003, Foto: Barbiers, G.. (Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed / CC BY-SA 4.0)

 

1926 wur­de Thorn Prik­ker schlie­ß­lich auf Ein­la­dung von Ri­chard Rie­mer­schmid Lei­ter der Ab­tei­lung für Mo­sa­ik, Glas­ma­le­rei und Wand­bild­ent­wurf an den Köl­ner Werk­schu­len. Nach­dem er in den Jah­ren zu­vor vor­ran­gig ar­chi­tek­tur­ge­bun­de­ne Wer­ke für Pri­vat­leu­te, Wirt­schafts­un­ter­neh­men und Kom­mu­nen ge­schaf­fen hat­te, wie die Fens­ter für die Es­se­ner Bör­se oder die er­hal­te­nen Mo­sai­ke in der Stadt­hal­le von Mül­heim an der Ruhr, führt der Wech­sel in die ka­tho­li­sche Dom­stadt und die en­ge Zu­sam­men­ar­beit mit Do­mi­ni­kus Böhm, Kir­chen­bau­meis­ter und Lei­ter der Ar­chi­tek­tur­klas­se an den Werk­schu­len, zu ei­ner ver­stärk­ten Ent­wurfs­tä­tig­keit für den Sa­kral­bau. Thorn Prik­ker hat­te mit sei­nen Ar­bei­ten be­reits seit 1893 die Auf­nah­me in ei­nen Kir­chen­raum an­ge­strebt. In Brie­fen zi­tier­te er den ok­kul­ten Ro­sen­kreu­zer Sâr Pé­ladan (1858-1918): "Hors des re­li­gi­ons il n’y a pas de grand art." (Brie­fe an Hen­ri Bo­rel vom 15.2.1893 und von Fe­bru­ar 1895).

Aus der Viel­zahl von Mo­sai­ken – wie „Das letz­te Abend­mahl“ in der Haa­ger Dui­no­ord­kerk und den vie­len Kir­chen­fens­tern ra­gen die (zer­stör­ten) Ver­gla­sun­gen des spek­ta­ku­lä­ren Kir­chen­um­baus von St. Jo­hann Bap­tist in Neu-Ulm durch Do­mi­ni­kus Böhm 1922-1926 und der Auf­er­ste­hungs­kir­che von Ot­to Bart­ning (1883-1959) in Es­sen – bei­de zwi­schen 1927 und 1930 ent­stan­den – so­wie die Neu­ge­stal­tung von St. Ge­org in Köln (1931) als Haupt­wer­ke her­aus. Der über­zeu­gen­de Dia­log zwi­schen der be­ste­hen­den ro­ma­ni­schen Ar­chi­tek­tur und den hoch­mo­der­nen Glas­fens­tern, die Thorn Prik­ker für St. Ge­org 1928 ent­warf und in der ei­ge­nen Köl­ner Werk­statt aus­führ­te, ist cha­rak­te­ris­tisch für sei­ne Kunst. Die­se nach dem Zwei­ten Welt­krieg re­kon­stru­ier­ten Fens­ter zeu­gen von ei­nem tie­fen Ver­ständ­nis so­wohl für die mit­tel­al­ter­li­che Licht­mys­tik als auch für die mo­der­ne chris­to­zen­tri­sche Lit­ur­gie sei­ner Zeit und dies lässt sich be­son­ders in der präch­ti­gen Farb­ge­bung so­wie der re­du­zier­ten Sym­bol- und abs­trakt-fi­gür­li­chen Bild­spra­che nach­voll­zie­hen.

Thorn Prik­ker leg­te, im Un­ter­schied zu den künst­le­ri­schen Zie­len der Ex­pres­sio­nis­ten, Wert auf die Les­bar­keit der von ihm ver­wen­de­ten Sym­bo­le und auf ei­ne Farb­ge­bung, de­ren Aus­drucks­kraft we­ni­ger in Sub­jek­ti­vi­tät als in ei­ner Stei­ge­rung ei­ner tra­dier­ten Iko­no­gra­phie zu su­chen ist. Auch aus die­sem Grund blieb das Fi­gu­ra­ti­ve in sei­nem Werk er­hal­ten, trotz ab­stra­hie­ren­der und geo­me­tri­sie­ren­der Ten­den­zen in den spä­te­ren Wer­ken. In Ver­bin­dung mit sei­ner Vor­lie­be für das tran­szen­die­ren­de Licht­me­di­um Glas schuf dies die Vor­aus­set­zung, dass er zum wich­tigs­ten Auf­trags­künst­ler für die Ka­tho­li­sche Kir­che wur­de, für die er ne­ben Kir­chen­fens­tern auch Pa­ra­men­te, Kir­chen­fah­nen so­wie lit­ur­gi­sches Ge­rät ent­warf.

Vie­le sei­ner ar­chi­tek­tur­ge­bun­de­nen Ar­bei­ten sind nur frag­men­ta­risch als Ent­wür­fe oder Pro­be­stü­cke er­hal­ten und der ur­sprüng­li­che Ge­samt­ein­druck ist oft nur an­hand von his­to­ri­schen Auf­nah­men und Ar­chiv­ma­te­ri­al zu re­kon­stru­ie­ren. Die Lis­te der zer­stör­ten Bau­ten und Wer­ke ist lang: hier sei­en nur die 23 Glas­fens­ter für das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der Gu­te­hoff­nungs­hüt­te in Ober­hau­sen (1924), die fi­gür­li­chen Wand­bil­der und Or­na­ment­de­ko­ra­tio­nen im Haupt­ge­bäu­de der Fir­ma Phi­lips in Eind­ho­ven (1927-1930) und die Ge­samt­ver­gla­sung von St. Jo­hann Bap­tist in Neu-Ulm (1927) ge­nannt. Ob­wohl an­de­re am Ort er­hal­ten sind, wur­den sie bis auf we­ni­ge Aus­nah­men, wie die Glas­fens­ter in der Neus­ser Drei­kö­ni­gen­kir­che, die Mo­sai­ke im Düs­sel­dor­fer Eh­ren­hof oder die Wand­bil­der im Rot­ter­da­mer Rat­haus nach Thorn Prik­kers Tod ver­ges­sen, ver­bor­gen oder be­fin­den sich in de­so­la­tem Zu­stand. Ei­ni­ge wich­ti­ge Wer­ke wur­den glück­li­cher­wei­se be­reits in den 1950er und 1960er Jah­ren re­stau­riert oder nach Zer­stö­rung neu­aus­ge­führt – wie der Fens­ter­zy­klus in der Ka­pel­le der Bea­tae Ma­riae Vir­gi­nis-Schu­le (BMV-Schu­le) in Es­sen (1931).

Prikkers Glasfenster im heutigen Museum Kunstpalast in Düsseldorf, 1926 erschaffen. (Christiane Heiser)

 

Ge­ra­de in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten ent­deck­ten pri­va­te In­itia­ti­ven und kirch­li­che Ein­rich­tun­gen in Rück­be­sin­nung auf ih­re ei­ge­ne Ge­schich­te auch Thorn Prik­ker wie­der. So wur­den das Bahn­hofs­fens­ter und das Wohn­haus des Künst­lers in Ha­gen re­stau­riert. Auch die drei gro­ßen Fens­ter in der Klos­ter­schu­le in Il­feld im Harz (1927) und das Mo­sa­ik in der Alt­ka­tho­li­schen Frie­dens­kir­che in Es­sen (1916) sind in­zwi­schen ge­rei­nigt und in­stand­ge­setzt. Pri­va­te Spen­den und die er­hal­te­nen Kar­tons im Kre­fel­der Kai­ser Wil­helm Mu­se­um, wo sich heu­te der künst­le­ri­sche Nach­lass be­fin­det, er­mög­lich­ten zwi­schen 1999 und 2008 die Re­kon­struk­ti­on der kom­plet­ten Ver­gla­sung der Es­se­ner Auf­er­ste­hungs­kir­che (1928) und der drei Sym­bol­fens­ter der Kre­fel­der Syn­ago­ge (1922). Ei­ne Re­kon­struk­ti­on der Fens­ter in Neu-Ulm ist in Pla­nung.

Jo­han (Jan) Thorn Prik­ker starb am 5.3.1932 in Köln. Die Mo­no­gra­phie des Künst­lers und ein Werk­ver­zeich­nis ste­hen noch aus. 2010 war ihm ei­ne gro­ße Re­tro­spek­ti­ve im Mu­se­um Boi­j­mans van Beu­nin­gen in Rot­ter­dam ge­wid­met, 2011 ei­ne Aus­stel­lung im Mu­se­um Kunst­pa­last in Düs­sel­dorf statt. 1949 stif­te­te die Stadt Kre­feld die Thorn-Prik­ker-Eh­ren­pla­ket­te für Künst­ler aus dem nie­der­rhei­ni­schen Raum, de­ren Ver­lei­hung mitt­ler­wei­le ein­ge­stellt wur­de. In Ha­gen, Köln und Kre­feld tra­gen Stra­ßen sei­nen Na­men.

Quellen

Der Nach­lass be­fin­det sich im Kai­ser Wil­helm Mu­se­um der Kunst­mu­se­en Kre­feld.
Joos­ten, Jo­op M. (ed.), De Brie­ven van Jo­han Thorn Prik­ker aan Hen­ri Bo­rel en an­de­ren 1892–1904. Met ter in­lei­ding frag­men­ten uit het dag­bo­ek van Hen­ri Bo­rel 1892-1892, Nieuw­ko­op 1980. 

Literatur

Greer, Jo­an E., The Ar­tist as Christ: the image of the ar­tist in The Nether­lands, 1885-1902, with a fo­cus on the chris­to­lo­gi­cal image­ry of Vin­cent van Gogh and Jo­han Thorn Prik­ker"; Dis­ser­ta­ti­on, Freie Uni­ver­si­tät Ams­ter­dam 2000.
Hei­ser, Chris­tia­ne, Kunst, Re­li­gi­on, Ge­sell­schaft. Jo­han Thorn Prik­ker. Das Werk zwi­schen 1890 und 1912. Vom nie­der­län­di­schen Sym­bo­lis­mus zum Deut­schen Werk­bund, Dis­ser­ta­ti­on Gro­nin­gen 2008.
Hei­ser, Chris­tia­ne, Mys­ti­sche Schau, Ka­lei­do­skop oder mo­der­ne Kunst? Die Glas­fens­ter in der Ka­pel­le der Köl­ner Son­der­bund­aus­stel­lung 1912 und die Durch­set­zung ei­ner re­li­gi­ö­sen Mo­der­ne im Rhein­land, in: Cepl-Kauf­mann, Ger­tru­de/Gran­de, Jas­min/Mö­lich, Ge­org (Hg.), Rhei­nisch! Eu­ro­päisch! Mo­dern! Netz­wer­ke und Selbst­bil­der im Rhein­land vor dem Ers­ten Welt­krieg, Es­sen 2013.
Jo­han Thorn Prik­ker. Mit al­len Re­gel der Kunst - Vom Ju­gend­stil zur Abs­trak­ti­on, hg. von Chris­tia­ne Hei­ser u. Mi­en­ke Si­mon Tho­mas, Mu­se­um Boi­j­mans van Beu­nin­gen/Mu­se­um Kunst­pa­last, Rot­ter­dam/ Düs­sel­dorf 2010/2011.
Schildt-Spe­cker, Bar­ba­ra, Der nie­der­län­disch-deut­sche Künst­ler Jo­han Thorn Prik­ker als Tex­til­de­si­gner des Kle­rus, in: Rhein-Maas. Stu­di­en zur Ge­schich­te, Spra­che und Kul­tur 3 (2012), S. 206–224.
Hei­ser, Chris­tia­ne, "Wirk­lich, gro­ße Flächen und Fens­ter lie­gen mir so gut". Jo­han Thorn Prik­ker, Jo­sef Al­bers und die Klas­se für Mo­nu­men­tal­ma­le­rei der Es­se­ner Kunst­ge­wer­be­schu­le 1913-1917, in: Breu­er, Ger­da/Bar­tels­heim, Sa­bi­ne/Oe­s­ter­reich, Chris­to­pher (Hg.), Leh­re und Leh­rer an der Folk­wangschu­le für Ge­stal­tung in Es­sen. Von den An­fän­gen bis 1972, Tü­bin­gen 2012, S. 66-75.  

Online

Greer, Jo­an E., Jo­han Thorn Prik­ker’s Mu­ral for De Ze­e­mee­uw. Com­mu­ni­ty Art, Mys­ti­cism, and the So­cio-Re­li­gious Ro­le of the Dutch Ar­tist/De­si­gner, in: Ni­n­e­teenth-Cen­tu­ry Art World­wi­de 11/1 (Spring 20112). [on­line]

Die rekonstruierte Wandbemalung in der Alt-Katholischen Friedenskirche Essen, 2006.

 
Zitationshinweis

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Heiser, Christiane, Johan Thorn Prikker, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johan-thorn-prikker/DE-2086/lido/5cff93e982fdd9.71994144 (abgerufen am 22.07.2019)